Lade Inhalt...

Mikrokredite und Armut. Die Problematik der Kommerzialisierung des Mikrofinanzmarktes in Indien

Seminararbeit 2014 17 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Armut
2.2. Ziele und Wirkungsweisen von Mikrokrediten
2.3. Entwicklung und Image der Mikrokredite
2.4. Selbsthilfegruppen
2.5. Mikrofinanzinstitutionen
2.5.1. Non-profit orientierte MFIs
2.5.2. For-profit orientierte MFIs
2.6. Kritiken und Probleme der Kommerzialisierung

3. Fallbeispiel Indien
3.1. Allgemeine Daten
3.2. Merkmale der Mikrofinanzierung in Indien
3.3. Andhra Pradesh
3.3.1. Allgemeine Daten zum Bundesstaat
3.3.2. Entstehung und Gründe der Mikrofinanzmarktkrise

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabelle 1: Anteil ländlicher Haushalte mit offenen Krediten in Andhra Pradesh

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Im November 2011 berichtete die New York Times von einer hohen Zahl von Selbstmorden in dem indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Der Grund dafür sollen zuvor vergebene Mikrokredite sein, die Kreditnehmer in die Armutsfalle drangen, aus der sie dann keinen Weg hinaus sahen. Dabei ist die Intention der Mikrokredite genau umgekehrt. Sie sollen Menschen bei der Bekämpfung ihrer Armut helfen, damit sie langfristig ein besseres Leben führen können. Mit diesen Ereignissen wurde eine Diskussion angefacht, die die Effizienz von Mikrofinanzprogrammen hinterfragt und besonders die immer weiter verbreitete Kommerzialisierung des Mikrofinanzsektors in Frage stellt. Während viele dieser kommerzialisierten Kreditgeber von einer „win-win“-Situation sprechen, in der sowohl die Kreditnehmer als auch die Investoren bzw. Banken profitieren, sehen Kritiker die Entwicklung eher als Ausbeutung der Armen. For-profit-MFIs werden dabei als unersättliche Profitmacher auf den Rücken der Armen gesehen (vgl. Taylor, 2011, S.485), die den Neoliberalismus und die Globalisierung bewusst vorantreiben, um dadurch neue Finanzmärkte zu erschließen und ihre Profite zu erhöhen. Der Gedanke der Mikrofinanzierung, als eigentlich lobenswertes und nicht ausbeuterisches Instrument der Entwicklungsökonomie, wird dabei angezweifelt.

Doch ist die Kommerzialisierung des Mikrofinanzsektors wirklich das Todesurteil für die nachhaltige Effizienz der Mikrokredite, und damit der Armutsbekämpfung, oder überwiegen ihre Vorteile? Welche Vor- und Nachteile weisen profitorientierte Mikrofinanzinstitute auf und welche Folgen können diese haben?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich diese Arbeit und versucht einen Überblick über die Problematik der Kommerzialisierung des Mikrofinanzwesens in Entwicklungsländern zu geben. Dazu werden im ersten Teil dieser Arbeit einige grundlegende Inhalte und Begrifflichkeiten zum weiteren Verständnis des Themas erläutert. Der zweite Teil stellt ein Fallbeispiel dar, das sich mit der Kommerzialisierung der Mikrofinanzierung in Indien befasst und dabei besonders auf den Verlauf im Bundesstaat Andhra Pradesh und dem dortigen Zusammenbruch des Sektors eingeht. Im Anschluss wird ein kurzes Fazit die wichtigsten Punkte noch einmal zusammenfassen und einen kleinen Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung dieser Problematik geben. Besonders die Abwägung der Vorteilhaftigkeit einer solchen neoliberalen Entwicklung und Verbesserungsvorschläge bei ihrer Umsetzung stehen dabei im Fokus.

2. Theoretische Grundlagen

Viele Menschen ärmerer Bevölkerungsschichten haben keinen oder nur einen stark eingeschränkten Zugang zu den finanziellen Dienstleistungen des Finanzsektors. Doch genau das wird als eine grundlegende Bedingung zur Verbesserung der wirtschaftlichen Leistung gesehen, durch die langfristig eine Erhöhung der Einkommen der Individuen generiert werden kann. Die Gründe für dieses eingeschränkte Angebot an Finanzdienstleistungen liegen in den fehlenden Sicherheiten der armen Bevölkerungsschichten, dem überdurchschnittlichen Kreditausfallrisiko und den hohen Verwaltungskosten (vgl. Kono et al., 2010, S.16). Als Maßnahme zur Bekämpfung dieser Barrieren wurde die Idee der Mikrokredite entwickelt. Sie hat somit entwicklungsökonomische Wurzeln.

Die nächsten Abschnitte befassen sich mit der Definition der Armut und den wichtigsten Grundlagen zum Thema Mikrokredite.

2.1. Armut

Grundsätzlich gibt es 2 Ansatzpunkte über die man Armut definieren kann. Einerseits kann man sie über eine relative Betrachtung herleiten, andererseits über eine absolute Betrachtung. Häufig wird dabei die relative Form bevorzugt. Bei dieser spricht man von Armut, wenn das Einkommen eines Individuums kleiner ist als 50% des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in dem jeweiligen Land (vgl. The World Bank, 2014, http://web.worldbank.org).

Der zweite Ansatz der Armutsdefinition wurde von der Weltbank festgelegt und wird über eine absolute Betrachtungsweise hergeleitet. Dazu werden als erstes die Pro-Kopf-Einkommen in USD ermittelt und auf einen Tag heruntergerechnet. Unterschreitet der dabei entstehende Wert eine festgelegte Grenze, dann spricht man von absoluter Armut. Als Grenzwert wurde dabei lange Zeit 1 USD/Tag angenommen (vgl. Sachs, 2005, S. 20). Dieser Wert beruht jedoch auf die Kaufkraftparität von 1985. Deshalb findet man heute immer häufiger den an das Jahr 2005 angepassten Wert von 1,25 USD/Tag (vgl. Ravallion et al., 2009, S. 163f).

In diesen Fällen befindet sich das Einkommenslevel unter dem sozial akzeptablen Minimum (vgl. Weiss et al., 2004, S. 395) und den betroffenen Menschen fehlt der Zugang zu Gütern, die notwendig sind, um einen höheren Lebensstandart zu erreichen. Darin eingeschlossen sind der Zugang zu Bildung, zu medizinischer Versorgung und zu finanzieller Unterstützung durch Kredite. Da diese Faktoren aber für eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Individuen notwendig sind, kommen diese oft nicht aus der Armut heraus (vgl. ebd., S. 395).

2.2. Ziele und Wirkungsweisen von Mikrokrediten

Nach der Definition von Churchill dienen Mikrokredite dem Schutz einkommensschwacher Bevölkerungsschichten gegen spezielle Gefahren. Im Austausch dafür werden festgelegte regelmäßige Prämien gezahlt, deren Höhe die Wahrscheinlichkeit eines Risikoeintritts widerspiegelt (vgl. Churchill, 2006, S. 12). In den meisten Fällen handelt es sich um kleinere Kredite, die einen relativ geringen Zinssatz und eine lange Rückzahlungsfrist aufweisen.

Der Mechanismus der Mikrofinanzierung ist dabei recht simpel. Die Teilnehmer bekommen durch die Mikrofinanzinstitute Zugang zu Kapital und können so selbstständig einen Einkommenswachstum herbeiführen, in dem sie die finanziellen Mittel in ihre Arbeit investieren, um so deren Effizienz zu erhöhen. Durch die höhere Leistungsfähigkeit können sie mehr Einnahmen erwirtschaften und kommen so langfristig aus der Armut heraus (vgl. Weiss et al., 2004, S. 395). Mikrofinanzinstitute versuchen also die finanziellen Barrieren für die Teilnehmer zu überbrücken, um dadurch eine Ursache der langfristigen Armut zu durchbrechen und eine wirtschaftliche Entwicklung der Region anzutreiben (vgl. Hamid et al., 2011, S. 57; Mosley, 2001, S. 263). Eine wirtschaftlich besser entwickelte Region senkt dann die Anfälligkeit für erneute Armut in der Zukunft.

Der wichtigste Investitionszweck von Mikrokrediten soll dabei die Gründung eines eigenen kleinen Unternehmens oder der Ausbau von bereits bestehenden Unternehmen durch die Kreditnehmer sein. Wenn ein Unternehmen dann Erträge erwirtschaftet, erzeugt dies einen positiven Effekt für das Einkommen des Kreditnehmers aber auch für andere Bewohner in dem jeweiligen Umfeld. Es entstehen neue Arbeitsplätze in der Region, wodurch sich der Lebensstandard einer größeren Anzahl an Menschen erhöhen kann. Das soll zu einem Synergieeffekt führen, da die höheren Einnahmen wieder reinvestiert werden können und somit der Effekt wieder von neuem beginnt. Auch die Arbeitsmotivation der Teilnehmer soll durch Mikrokredite beeinflusst werden. Sind die Einnahmen der Neuunternehmer direkt abhängig von ihrer selbst eingesetzten Leistung, so werden diese fleißiger arbeiten, um dadurch ihre Erträge zu maximieren (vgl. Banerjee et al., 2013, S. 34).

2.3. Entwicklung und Image der Mikrokredite

Die uns heute bekannten Mikrokredite haben ihren Ursprung in den 70er Jahren in Bangladesch. Dort startete der Professor Muhammad Yunus einen Versuch mit der Vergabe von Krediten an Menschen aus den armen Schichten in Bangladesch. Auf Grundlage dieser Idee wurde das berühmteste Mikrofinanzinstitut, die Grameen Bank, gegründet. Daraufhin entwickelte sich die Mikrofinanzindustrie auf der ganzen Welt, besonders in ärmeren Regionen, wie in Südamerika, Südasien und Zentralafrika (vgl. Weiss et al., 2005, S. 392f).

Durch die hohe Nachfrage nach Mikrokrediten haben viele traditionelle Banken begonnen, zusätzlich zu ihrem traditionellen Geschäft, Mikrofinanzdienstleistungen anzubieten. Umgekehrt haben sich aber auch einige vorher reine Mikrofinanzinstitute in kommerzielle Banken umgewandelt. Die Mikrofinanzierung ist, trotz ihrer vielen Anbieter, heute eine sehr konzentrierte Industrie, da bereits 50% der gesamten Kredite weltweit von den drei Giganten dieser Industrie, BRI, BRAC und ASA, vergeben werden. Allein BRI hat davon einen Anteil von etwa 40% (vgl. ebd., S. 393f).

Viele große Unternehmen und Berühmtheiten haben schnell angefangen die Mikrofinanzindustrie zu unterstützen, um damit auch ihr eigenes Image im Bereich der Armutsbekämpfung und Nachhaltigkeit zu verbessern. Dadurch bekamen die Mikrokredite ein sehr positives Image in der Öffentlichkeit und Kritik an ihr wurde kaum zugelassen. Spätestens mit der Vergabe des Friedensnobelpreises an den Gründer Yunus und der Grameen Bank waren die Kredite weltweit bekannt. Der vermutete Erfolg führte zu zwei weiteren Effekten. Zum einen wurden mit der Zeit immer mehr private Investoren aufmerksam auf den Bereich der Mikrofinanzierung und begannen dort zu investieren, da sie sich hohe Gewinne versprechen. Dadurch kam es zu einem starken Anstieg des Investitionskapitals in Mikrokrediten um den Jahrtausendwechsel herum. Zum anderen wurden die sogenannten "New Money" Philanthropen, wie Bill Gates, davon überzeugt, dass sie der Gesellschaft am besten durch die Unterstützung der Mikrofinanzindustrie helfen (vgl. Bateman et al., 2009, S. 3f). Aufgrund dieser Ursachen hat sich im Zeitraum von 1997 bis 2010 die Anzahl der Menschen die einen Mikrokredit nutzen von 7,6 Millionen auf etwa 137,5 Millionen Menschen verachtzehnfacht (vgl. Banerjee et al., S. 1).

2.4. Selbsthilfegruppen

Die Grundidee dieses Gruppenmodells wurde von Yunus zusammen mit der Grameen Bank entwickelt (vgl. Bornstein, 2006, S. 160). Das Modell ist besonders eine in Indien beliebte Methode der Mikrofinanzierung. Dort wurde sie durch eine Initiative der nationalen Bank für „agriculture and rural development“ gefördert (vgl. Bauer et al., 2012, S. 1221).

SHGs bestehen häufig aus etwa 10 bis 25 geringverdienenden Mitgliedern, die freiwillig eine Gemeinschaft bilden. Diese treffen sich etwa einmal die Woche um ihre Ersparnisse zu sammeln und diese zu einem bestimmten Zinssatz an ihre Mitglieder zu verleihen. Dies führt zu einer gegenseitigen Kontrolle und Disziplinierung (vgl. ebd., S. 1137), gleichzeitig stärkt es aber auch die lokale Gemeinschaft (vgl. ebd., S. 1121). Durch die einfache Vergabe der Krediten innerhalb der Gruppe werden außerdem die Transaktionskosten gering gehalten (vgl. ebd., S. 1122).

2.5. Mikrofinanzinstitutionen

Der Bereich der Mikrofinanzinstitute ist breit gefächert. So gehören nach der Definition der Weltbank „[…] nongovernmental organizations (NGOs), savings and loan cooperatives, credit unions, government banks, commercial banks, or nonbank financial institutions.“ (Ledgerwood, 2000, S. 1f) zu den MFIs. Die Hauptaufgabe im Bereich der Mikrofinanzierung liegt dabei in der Vergabe von Spareinlagen und Krediten. Darüber hinaus bieten einige MFIs noch Versicherungen und andere grundlegende Finanzprodukte an (vgl. ebd., S. 1). Alle MFIs verfolgen dabei soziale und finanzielle Ziele, wobei man sie dennoch in non-profit und for-profit orientierte Institutionen untergliedern kann.

2.5.1. Non-profit orientierte MFIs

MFIs mit einer solchen Orientierung arbeiten ausschließlich kostendeckend, versuchen also nicht zusätzlich Gewinne zu erwirtschaften. Die Grameen Bank ist der wohl bekannteste Vertreter. Diese Institute werden meist durch Spenden und Subventionen finanziert, damit sie ihre Betriebskosten decken können. Dadurch ergibt sich aber ein Vorteil gegenüber profitorientierten Anbietern. Durch den fehlenden Gewinndruck ist es nämlich möglich, den Kreditnehmern sehr geringe Zinssätze anzubieten. Laut den Befürwortern von non-profit orientierten MFIs ist nur mit solch niedrigen Zinssätzen das Erreichen der sehr armen Menschen möglich (vgl. Sengupta et al., 2008, S. 22). Gegner kritisieren dagegen die nicht vorhandene Nachhaltigkeit der Institute, die irgendwann zu finanziellen Problemen führen kann (vgl. Daley-Harris, 2009, S. 14).

2.5.2. For-profit orientierte MFIs

Diese MFIs verfolgen, neben der Bereitstellung von Finanzdienstleistungen an die armen Bevölkerungsschichten, zusätzlich das Ziel der Erwirtschaftung von Gewinnen. Sie sind nicht von Subventionen oder Spenden abhängig und können dadurch als finanziell nachhaltig angesehen werden. Häufig finden sich hier zuvor traditionelle Banken, die ihr Geschäft im Bereich der Mikrofinanzierung ausgeweitet haben, neu gegründete profitorientierte MFIs und auch viele ehemalige non-profit MFIs, die sich im Laufe der Zeit umgewandelt haben (vgl. van Greuning et al., 1998, 1).

Um Gewinne zu erzielen und das Interesse von Investoren zu wecken, werden höhere Zinssätze als bei vergleichbaren non-profit MFIs verlangt. Als Vorteil wird dabei die deutlich höhere Akquisition von finanziellen Mitteln gesehen. Durch die höheren Investitionssummen können weit mehr Menschen in den armen Regionen unterstützt werden (vgl. Abruzzese, 2008, S. 144).

2.6. Kritiken und Probleme der Kommerzialisierung

Höhere Zinssätze bei Mikrokrediten haben jedoch nicht nur Vorteile. Genau hier setzt die Kritik an der Kommerzialisierung des Bankensektors an. Viele Kreditnehmer können diese hohen Zinsen nicht zahlen, da ihre Investitionen nicht genug Einkommen generieren. Dadurch sind sie gezwungen weitere Kredite aufzunehmen, um die bisherigen zu tilgen. Dies führt bereits mittelfristig zur Überschuldung (vgl. Ahmad, 2003, S. 70) und langfristig in die Schulden- bzw. Armutsfalle. Außerdem werden Kredite häufig allein für Konsumzwecke vergeben, was zu keiner Einkommenserhöhung führt (vgl. Langerbein, 2007, S. 23). Dadurch wird die eigentliche Grundidee der Mikrokredite unwirksam. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Abweichung von der eigentlich im Fokus der Programme stehenden Zielgruppe. Durch die Höhe der Zinssätze stellen Kredite dieser Institute keine lohnende Option für die sehr armen Bevölkerungsschichten dar.

Vielen dieser MFIs wird außerdem unterstellt, dass sie die Kommerzialisierung allein aus dem Streben nach Gewinnmaximierung durchführen. Sie fördern bewusst die Globalisierung und Liberalisierung der Finanzmärkte in den Entwicklungsländern, um die Mikrofinanzteilnehmer als neue Klienten zu erhalten (vgl. Weber, 2006, S. 49). Dies kann jedoch dazu führen, dass die MFIs immer stärker im Sinne der Investoren handeln und dabei die Bedürfnisse und Ziele der Mikrofinanzteilnehmer in den Hintergrund geraten.

3. Fallbeispiel Indien

Indien ist ein gutes Beispiel für die Gefahren der Kommerzialisierung des Mikrofinanzsektors, da diese in den letzten Jahren dort stark vorangetrieben wurde und in einigen Regionen fast zu dessen Zusammenbruch geführt hat. In den folgenden Abschnitten werden kurz einige wichtige Daten zu Indien genannt und die wichtigsten Merkmale des indischen Mikrofinanzsektors zusammengefasst. Im Anschluss wird kurz der Verlauf der Kommerzialisierung der Banken und dessen Folgen für die Branche in Andhra Pradesh erläutert.

3.1. Allgemeine Daten

Indien hat eine Population von etwa 1,22 Mrd. Menschen und stellt damit das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt dar. Trotz eines Rückgangs des Bevölkerungswachstums lag dieses 2013 weiterhin bei etwa 1,28%. Das Wirtschaftswachstum gemessen am BIP war in den letzten Jahren stark rückläufig. Während es 2010 bei 10,5% und 2011 bei 6,3% lag, ist es 2012 auf nur 3% gesunken. Obwohl der Anteil der Landwirtschaft am BIP in Indien nur bei 17,4% liegt, sind immer noch 53% der Inder in diesem Sektor tätig (vgl. The World Factbook, 2014, www.cia.gov).

Gemessen am Durchschnittseinkommen der indischen Bevölkerung konnten etwa 21,9% der Bewohner 2012 als arm bezeichnet werden. Dies ist bereits eine klare Reduzierung gegenüber 2005, als noch 37,2% der Bevölkerung als arm galten. Betrachtet man jedoch die absolute Einkommensgrenze der Weltbank von 1,25 USD/Tag, dann kommt man zu einem etwas negativeren Ergebnis. Demnach mussten 2005 nämlich 41,6% der Inder unter der absoluten Armutsgrenze leben, was einer Anzahl von 487 Mio. Menschen entsprach (vgl. The World Bank, 2014, data.worldbank.org).

3.2. Merkmale der Mikrofinanzierung in Indien

Mikrofinanzierung wurde in Indien in den frühen 1990er Jahren als Mittel zur wirtschaftlichen Entwicklung eingeführt. Der Umfang und die Tiefe der Programme variiert dabei sehr stark zwischen den einzelnen Staaten des Landes. Besonders im Süden des Landes gibt es eine hohe Konzentration der Programme. So sind allein in den 3 südlichen Staaten Karnataka, Tamil Nadu und Andhra Pradesh etwa 70% aller Teilnehmer von Mikrokrediten zu finden, wobei Andhra Pradesh die höchste Anzahl an Teilnehmer besitzt (vgl. Young, 2010, S. 209).

Indien als Mikrofinanzsektor weist dabei einige Besonderheiten auf. Der gesamte Mikrofinanzsektor teilt sich hauptsächlich in SHGs und MFIs auf. Allein in Andhra Pradesh gab es 2010 über 1,3 Mio. SHGs, was einen Anteil von 38% an Gesamtindien darstellt (vgl. Khayat, 2011, S. 74). Die Marktdichte an SHGs wird in Richtung Südindiens stärker. Andhra Pradesh besitzt dabei den höchsten Anteil an SHGs (vgl. Srinivasan, 2010, S. 36).

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begannen viele MFIs dem Rat der "Reserve Bank of India" zu folgen und ihr Kreditgeschäft zu kommerzialisieren, um zusätzliche Finanzierung von externen Investoren zu erhalten (vgl. Daley-Harris, 2009, S. 35). Viele dieser kommerziellen MFIs orientierten sich stark an dem System der SHG-Programme. Kredite wurden dabei an größere Gruppen von Kreditnehmern, meist Frauen, vergeben. Die Gruppen hingegen konnten kleiner als zuvor sein, die Kredithöhe stieg an und die Wartezeiten für weitere Kredite wurden deutlich verkürzt. Durch die höheren geforderten Zinsen konnten die MFIs nun eine finanzielle Nachhaltigkeit erreichen und dadurch unabhängiger arbeiten. Mit dem höheren Zins stieg das Interesse an Mikrokrediten für Investoren stark an. Im März 2007 lag die Höhe der durch kommerzielle MFIs vergebenen Kredite in Indien bei nahe 1 Mrd. Dollar, was einem Anstieg von etwa 500% in 5 Jahren entsprach (vgl. Young, 2010, S. 212f).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668457379
ISBN (Buch)
9783668457386
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367056
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Professur für Entwicklungsökonomik
Note
1,7
Schlagworte
Mikrokredite Andhra Pradesh Indien Armut Africulture

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Mikrokredite und Armut. Die Problematik der Kommerzialisierung des Mikrofinanzmarktes in Indien