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Die Entwicklungsphasen des Deutschen. Johann Wolfgang von Goethe und seine Äußerungen über die deutsche Sprache, den Dialekt und den Gebrauch von Fremdwörtern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Table of Contents

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

2. Kritische Äußerungen über die deutsche Sprache

3. Positive Äußerungen über die deutsche Sprache

4. Äußerungen über den Dialekt

5. Äußerungen über den Gebrauch von Fremdwörtern

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

In seiner über 65 Jahre andauernden literarischen Tätigkeit erfaßt Goethe fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens seiner Zeit in den unterschiedlichsten literarischen Genres und Formen. Als Schriftsteller, Dichter, Jurist, Minister und Wissenschaftler äußert sich Goethe durch sein elementares Medium, die Sprache. Eine Sprache, geprägt von sämtlichen äußeren Einflüssen, die seiner Zeit auf ihn gewirkt haben. Beachtet man zudem das äußerst vielfältige Interesse Goethes für das komplette gesellschaftliche und kulturelle Leben, welches weit über nationale Grenzen hinausreicht, man bedenke die Vorliebe zu fremden Sprachen und Kulturen, so handelt es sich nicht nur um die Sprache eines Dichters, sondern um ein großes Sprachensemble, welches die Zeitsprache einer ganzen Nation repräsentiert. Von Poetik über Lyrik, Dramatik, Kanzleistil bis hin zu volkstümlichen Knittelversen ist bei Goethe alles vertreten. Dieser Umstand und die Tatsache, daß Untersuchungen zu Goethes Äußerungen über die deutsche Sprache in der Sprachwissenschaft ein eher stiefmütterliches Dasein führen, machen es dringend erforderlich, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Auch wenn Goethe kein näheres Verhältnis zur Sprachwissenschaft i. e. S. besaß, lassen sich in seinem gesamten Schriftwerk Bemerkungen über die deutsche Sprache finden, denen eine große Bedeutung zugeschrieben werden sollte: „Da die Sprache das Organ gewesen, wodurch ich mich während meines Lebens am meisten und liebsten den Mitlebenden mittheilte; so musste ich darüber, besonders in späteren Zeiten reflectiren.“

Problematisch und sicher auch ein Grund, weswegen ein Mangel an wissenschaftlichen Arbeiten in dieser Richtung besteht, ist der enorme literarische Bestand, der aus dem lebenslangen Schaffen Goethes resultiert: eine kaum überschaubare Goethe-Philologie sowie die mit der Person verknüpfte Mythenbildung erschweren eine unbefangene Annäherung an Leben und Werk. Zudem kommt die Gegebenheit, daß viele Aussagen ohne Berücksichtigung ihrer Stellung in der vollständigen Textvorlage, eine völlig falsche Bedeutung erlangen können. Zum Tragen kommt dieses Problem besonders bei vermeintlich kritischen Äußerungen Goethes über die deutsche Sprache, bei denen immer wieder, durch einen Blick auf den näheren Kontext, eine Bedeutungsumkehrung festzustellen ist.

In dieser Arbeit sollen zuerst Goethes kritische Äußerungen über die Unzulänglichkeiten der deutschen Sprache unter Beachtung der bereits erwähnten Schwierigkeiten untersucht werden. Im Anschluß daran werden Äußerungen über die positiven Möglichkeiten der deutschen Sprache behandelt, da dies einen direkten Blick auf das Verhältnis negativer oder besser: kritischer zu positiven Aussagen über die Sprache ermöglicht. Danach wird Goethes Auffassung über den Dialekt und dessen Stellung bezüglich der Schauspielerei Gegenstand der Untersuchung, bevor abschließend das Verhältnis des Dichters zum Gebrauch von Fremdwörtern erläutert werden soll. Hierbei ist es in den meisten Bereichen erforderlich, den Wandel bestimmter Ansichten Goethes über die deutsche Sprache im Laufe seines Lebens zu beachten. Die Tragweite dieses Aspektes wird allein schon in den unterschiedlichen Sprachstilen, die Goethe abhängig vom Lebensalter verwendet, ersichtlich. Als Beispiel denke man nur an „Die Leiden des jungen Werthers“ im Vergleich zu dem zweiten Teil des „Faust“ sowie an die Tatsache, daß Goethe seine früheren Werke zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet hat.

Ziel dieser Arbeit ist es, ein repräsentatives Gesamtbild über das Verhältnis Goethes zur deutschen Sprache zu erstellen und dadurch mehr Verständnis über die Sprache der Goethezeit von 1770 bis 1830 zu erhalten.

2. Kritische Äußerungen über die deutsche Sprache

Werden kritische Äußerungen Goethes über die deutsche Sprache Gegenstand einer Untersuchung, so impliziert dies eine besondere Sorgfalt bei der Deutung der verschiedenen Aussagen. Es stellt sich nämlich die Frage, inwiefern sich Goethe über sein „[...] beste[s] Werkzeug [...]“ ,die Sprache, negativ äußern kann, ohne dabei in Widersprüche zu geraten. Ein negatives Verhältnis Goethes zur Sprache wäre ein Widerspruch in sich selbst: Genau wie ein Musiker sein Instrument oder ein Sportler seine Sportart mögen muß, so ist das generell positive Verhältnis des Dichters zu seiner Sprache eine unabdingbare Voraussetzung für ein gelungenes Schaffen auf einem derart hohem Niveau, wie es Goethe erreicht hat. Aus dieser Problematik ergibt sich die Notwendigkeit, zwischen kritischen Äußerungen über die Sprache i. e. S. und kritischen Äußerungen i. w. S. zu unterscheiden. Unter kritischen Äußerungen i. e. S. verstehe ich solche, die sich direkt auf Unzulänglichkeiten der Sprache beziehen. Kritische Äußerungen i. w. S. sind hingegen jene, die entweder auf die Personen, welche die Sprache benutzen, bezogen sind oder solche, die auf eine Art Metaebene zutreffen. Sie betreffen demnach Sprachdefizite, die in Folge falscher bzw. unsachgemäßer Anwendung von Sprache entstehen. Josef Mattausch spricht beispielsweise von einer ,,[...] zunehmende[n] Überzeugung von der Begrenztheit von Sprache und Mitteilungsvermögen [...]“, wenn er folgende Passage aus Wilhelm Meisters Lehrbrief zitiert: „Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte.“ Leider verzichtet Mattausch in seinen Ausführungen auf die entscheidende Stelle, die seine Interpretation dieser Aussage in ein völlig anderes Licht rückt: „Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt.“ Die Sprache ist nicht in dem Sinne begrenzt, als daß mit ihr nichts deutlich ausgedrückt werden könne. Vielmehr bezieht Goethe diese Aussage auf den Geist, also auf einen Bereich, der einer völlig anderen Ebene als die der Sprache zuzuordnen ist. Der Geist ist hier als eine der Sprache übergeordneten Ebene zu verstehen, deren Sinn nur durch eine Handlung selbst zu veranschaulichen ist: ,,[...] denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.“ Und bei solchen Dimensionen, so meint Goethe, habe die Sprache Ihre Grenze gefunden. Demnach wäre es nicht richtig, diesen Umstand als Defizit der

Sprache selbst anzusehen, da Geist und Sprache als zwei Bereiche zu verstehen sind und Substanzverluste beim Übertragen von einem in den anderen Bereich eine unvermeidliche Begleiterscheinung darstellen. Goethe trennt klar die Bereiche des menschlichen Lebens von Bereichen, die diesen übergeordnet sind: „Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht gewinnt, so reicht ihm seine überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegendes auszudrücken.“ D.h., mittels Sprache ist es nicht möglich, höhere Sphären, die fernab des menschlichen Daseins liegen, dementsprechend auszudrücken. Etwa in die gleiche Richtung tendiert Goethe, wenn er in seiner Farbenlehre folgendes schreibt: „Man bedenkt niemals genug, daß eine Sprache eigentlich nur symbolisch, nur bildlich sei und die Gegenstände niemals unmittelbar, sondern nur im Widerscheine ausdrücke.“ Die Sinnerschließung von Gegenständen findet im Geiste des Menschen, also in einer höheren Ebene statt. Da die Sprache die Wirklichkeit von Gegenständen und Empfindungen nicht unmittelbar widerspiegelt, führt dies dazu, daß die Realität abstrahiert und damit verfremdet wiedergegeben wird.

Bereits der junge Goethe hat die Problematik erkannt, wenn Gegenstände, Handlungen und Empfindungen das sprachliche Ausdrucksvermögen übersteigen. Bezeichnend hierfür ist ein Auszug des Religionsgesprächs im Urfaust: „Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott! / Ich habe keinen Nahmen / Dafür. Gefühl ist alles, / Nähme Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmels Glut.“ Goethe ist sich schon hier sehr über bestimmte Unzulänglichkeiten der Sprache bewußt, ihm fehlen einfach die Worte, um etwas so auszudrücken, wie er es empfindet. Nur ist dieser Umstand nicht der Sprache an sich zuzuschreiben: Die Defizite sind beim Sprachanwender selbst, also bei Goethe zu suchen. Wenn ihm selbst die Worte fehlen, heißt dies noch lange nicht, daß in der Sprache die Möglichkeit des passenden Ausdrucks nicht vorhanden ist. Seine Kritik richtet sich demnach nicht an die Sprache, sondern an die begrenzten Möglichkeiten des Sprachanwenders. Ähnlich verhält es sich, wenn Goethe auf die „Erschöpfung“ der Sprache zu sprechen kommt: „Wenn eine gewisse

Epoche hindurch in einer Sprache viel geschrieben und in derselben von vorzüglichen Talenten der lebendig vorhandene Kreis menschlicher Gefühle und Schicksale durchgearbeitet worden ist, so ist der Zeitgehalt erschöpft und die Sprache zugleich, so daß nun jedes mäßige Talent sich der vorliegenden Ausdrücke als gegebener Phrasen mit Bequemlichkeit bedienen kann.“

Hier wird ersichtlich, daß nicht die Sprache an sich, sondern vielmehr die sprachlichen Mittel der Sprachanwender erschöpft sind. Es entwickelt sich eine Art Modeerscheinung, in der es als schick gilt, literarische Werke nach vorgegebenen Strickmustern „herzustellen“. Unangenehme Begleiterscheinung ist hierbei jedoch die Tatsache, daß nichts neues mehr produziert wird und es dadurch zu einer gewissen semantischen Ausbeutung von Literatur kommt. Goethes Kritik richtet sich demnach an die - von den Anwendern herbeigeführte - Phrasenhaftigkeit und Undeutlichkeit der deutschen Sprache. Im Alter ist bei Goethe ein Sprachwandel zu erkennen, mit dem er dieser Bewegung der inhaltslosen Stilisierung von literarischen Werken entgegenwirkt; er flüchtet in die Ästhetik: Wortschatzbereicherungen, Wortbildungslust, Metaphernreichtum, fremdsprachliche Elemente und Verfremdungseffekte kennzeichnen seinen Altersstil und erinnern in gewisser Weise an seinen lebendigen, individualisierenden und verschwenderischen Sprachstil der Geniezeit, der keinen allgemeingültigen Konventionen unterliegt.

Die Untersuchung hat gezeigt, daß sich aus den vermeintlich kritischen Äußerungen ein insgesamt positives Gesamtbild von der Einstellung des Dichters zu seinem Medium, der Sprache, ergibt. Goethe ist sich lediglich den Gefahren der falschen Anwendung bzw. des Mißbrauchs von Sprache bewußt, weswegen ihn bis ins hohe Alter eine produktive Sprachskepsis begleitet. Produktive Sprachskepsis deshalb, weil er versucht, besonders auf sprachliche

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783668457096
ISBN (Buch)
9783668457102
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367028
Note
Schlagworte
Johann Wolfgang von Goethe Linguistik Deutsche Sprache Dialekt Fremdwörter Sprachbild

Autor

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