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Abgrenzungsproblematiken in der Wortartklassifikation

Eine vergleichende Analyse dreier Grammatiken anhand der Gegenüberstellung von Pronomen, Zahlwort und Artikel

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Vergleich der Wortartklassifikation dreier Grammatiken
2.1 Friedrich Blatz: Neuhochdeutsche Grammatik
2.1.1 Artikel
2.1.2 Pronomen
2.1.3 Zahlwort
2.2 Duden: Die Grammatik
2.2.1 Artikelwörter und Pronomen
2.2.2 Zahlwörter
2.3 Eisenberg: Grundriß der deutschen Grammatik
2.3.1 Pronomen und Artikelwörter
2.3.2 Zahlwörter

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Selbst wenn man im Rahmen seiner Schulbildung nie mit Problemen bei der Wortartklassifikation konfrontiert worden sein sollte, werden diese spätestens bei der intensiveren Auseinandersetzung mit der deutschen Grammatik sichtbar. So vermitteln bereits Einführungswerke der germanistischen Linguistik wie das Studienbuch Linguistik (Linke/Nußbaumer/Portmann) oder die Germanistische Linguistik (Busch/Stenschke) einen Eindruck der Schwierigkeiten bei der Definition von Wortklassen und der Einteilung in Wortarten.[1]

Linke/Nußbaumer/Portmann merken so beispielsweise an, dass vor allem viele neuere Grammatiken ihre verwendeten Klassifikationskriterien nicht offen darstellen, da diese oftmals nicht präzise und undeutlich ausgestaltet sind (vgl. Linke/Nußbaumer/Portmann 2004: 80). So werden auch in der „Zehn-Wortarten-Lehre“, die traditionelle Grammatiken lange bestimmte, Wortartklassen nicht einheitlich nach einem Merkmal festgelegt, sondern es kommt zu „Misch-Klassifizierungen“, die zur Folge haben, dass sich einzelne Wortklassen schwer voneinander differenzieren lassen und ein Wort so oftmals in der Theorie mehreren Wortarten zugeordnet werden kann, auch „Nicht-Distinktivität“ genannt. Ferner ist es möglich, dass ein Wort keiner Klasse zuzuweisen ist (Nicht-Exhausivität) (vgl. ebd.: 82).

Auch Busch/Stenschke konstatieren, dass „die Linguistik […] weit von einer einheitlichen Klassifikation entfernt“ sei und die Spannbreite von Ansätzen mit vier Wortarten bis hin zu Ansätzen mit mehreren Dutzend Wortarten reichen würden (vgl. Busch/Stenschke 2007: 120).

Die beobachtete Problematik legt eine eingehendere Untersuchung nahe, wie Worte in deutschen Grammatiken in der Vergangenheit und Gegenwart klassifiziert werden. Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Schwierigkeiten der Wortklasseneinteilung anhand dreier Grammatiken herauszuarbeiten. Da es im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich ist drei Wortartsysteme einander umfassend gegenüber zu stellen, liegt der Schwerpunkt auf der Klassifikation von Artikel, Zahlwort und Pronomen. Von besonderer Bedeutung werden hierbei die Demarkationsprobleme sein, die bei der Klassifizierung entstehen.

Als Ausgangspunkt der Analyse wird die Neuhochdeutsche Grammatik von Friedrich Blatz aus dem Jahr 1895 dienen, die in erster Linie mit der Grammatik von Duden (2009) verglichen wird, inwieweit Artikel, Zahlwort und Pronomen jeweils unterschiedlich voneinander abgegrenzt und in das Wortartsystem integriert werden.

Ergänzend werden Unterschiede zur Klassifikation in Eisenbergs Grundriß der deutschen Grammatik herausgearbeitet. Interessant sind in diesem Kontext insbesondere die unterschiedlichen Auffassungen von 1895 bis 2009.

Die Wortarteinteilung ist für die Syntax von großer Bedeutung, um einhergehend mit der Bestimmung von Wortarten syntaktische Analysen durchzuführen (vgl. ebd.). Aus diesem Grund ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Probleme in der Wortartklassifikation – Abgrenzungsschwierigkeiten von Artikel, Pronomen und Zahlwort dreier Grammatiken relevant und für eine eingehendere Beschäftigung im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit geeignet.

2. Vergleich der Wortartklassifikation dreier Grammatiken

2.1 Friedrich Blatz: Neuhochdeutsche Grammatik

Blatz leitet sein Kapitel zu Wortarten mit „[f]olgende zehn Wortarten sind zu unterscheiden“ (Blatz 1895: 251) ein, ohne auf Problematiken in der Abgrenzung oder Ähnliches hinzuweisen. Er nennt die einzelnen Wortarten und erläutert knapp ihre Eigenschaften und Funktionen. Dabei unterscheidet er klassisch zwischen Artikel, Substantiv, Adjektiv, Zahlwort, Pronomen, Verb, Adverb, Präposition, Konjunktion und Interjektion (vgl. ebd.: 251 f.).

Allerdings fügt Blatz nach der Einteilung einige Anmerkungen hinzu, in denen er kurz auf Schwierigkeiten der Klassifizierung eingeht:

Der Linguist konstatiert, dass die konventionelle Klassifikation von Lexemen in zehn Wortarten nicht „streng logisch“ sei, da eine „einheitlich durchgehende Einteilungsgrundlage“ nicht vorhanden sei und sich die „für die einzelnen Klassen angegebenen Unterscheidungsmerkmale“ nicht ausschließen (ebd.: 253). Weiter führt er aus, dass die vorgenommene Kategorisierungen von Zahlwörtern und Pronomen[2] lediglich auf der Wortbedeutung basieren, nicht jedoch auf der Verwendung im Satz, wie bei den übrigen Wortarten. Anhand von Substantivierungen versucht Blatz nachzuweisen, dass sich selbst bei den grundlegenden Klassen der Verben, Substantive und Adjektive die Merkmale, die zur Einteilung in Klassen führen, nicht gegenseitig ausschließen. Als Beispiel nennt er „der Sturz“, was als Substantiv klassifiziert werden müsse, aber gleichzeitig eine für Verben typische Handlung ausdrücke (ebd.: 253). Die nicht einwandfrei durchführbare Trennung auf semantischer Ebene weitet er auf Adverbien - Adjektive und Präpositionen - Konjunktionen aus.

Anschließend erklärt er, dass auch die Flexionsfähigkeit von Wörtern nicht als Einteilungsgrundsatz aufgestellt werden könne, da es zu Schwierigkeiten komme, wenn man steigerbare Adverbien, Infinitive oder Partizipien klassifizieren möchte (vgl. ebd.).

In einer weiteren Anmerkung geht er noch auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Begriffs- und Formwörtern ein, wobei die in dieser Hausarbeit behandelten Wortarten Artikel, Pronomen und Zahlwort jeweils in die Kategorie der semantisch und inhaltlich weniger relevanten Formwörter fallen (vgl. ebd.: 255). Der Sprachwissenschaftler weist aber darauf hin, dass die grundsätzliche „Unterscheidung der Wörter als Begriffswörter und Formwörter von untergeordneter Bedeutung“ sei (ebd.).

Blatz resümiert, dass es zwar Kritikpunkte und Überdenkenswertes bei der herkömmlichen Klassifikation gebe, diese aber beibehalten werden müsse, da sie sich nicht durch eine „bessere, logischere“ ersetzen lasse (ebd.).

2.1.1 Artikel

Seine Klassifikation der Wortarten beginnt Blatz mit der Wortklasse des Artikels, indem er die verschiedenen Grundformen bestimmter und unbestimmter Artikel im Nominativ Singular in allen Genera auflistet (der, die, das; ein, eine, ein) (vgl. ebd.: 251). Der Definition zur Folge haben Artikel die Funktion anzuzeigen, ob ein oder mehrere Gegenstände, die Personen oder Sachen sein können, „bekannt und somit bestimmt“ sind oder als bislang „unbekannt […] und zugleich einzeln“ zu charakterisieren sind (ebd.).

Abgesehen von einigen Beispielen und des Hinweises auf die Unangebrachtheit der Bezeichnung von Geschlechtswort statt Artikel führt der Linguist seine Einteilung und Klassifikationskriterien nicht weiter aus. Unpassend ist der Begriff Geschlechtswort deshalb für ihn, weil der Artikel sowohl keinen Einfluss auf das Geschlecht habe als auch in seiner Formbildung nicht nur vom Genus, sondern ebenso von Kasus und Numerus abhängig sei (vgl. ebd.).

2.1.2 Pronomen

Das Pronomen bildet die fünfte Wortklasse in Blatz’ Grammatik. Es wird als „andeutungsweise“ Bezeichnung eines Gegenstands (Person oder Sache) dargestellt, die dessen „wirklichen“ Namen ersetzt, da entweder „der wirkliche Name bereits bekannt ist“ oder „der wirkliche Name dem Redenden selbst noch unbekannt ist“ (ebd.: 252). Als Beispiel für den ersten Fall führt er das Ersetzen eines Namens („Karl“) durch „er“ an und für die zweite Möglichkeit, dass das Pronomen als Platzhalter für eine unbekannte Person genutzt wird, nennt er „[j]emand hat gerufen“ (ebd.).

Im späteren Kapitel über die Pronomen, in dem Blatz jedoch nicht weiter auf Abgrenzungsproblematiken eingeht, teilt er die Pronomen in verschiedene Kategorien ein (vgl. ebd.: 399 f.) und gibt nähere Informationen zur Flexion.

Seiner Meinung nach können Pronomen nach ihrer Bedeutung („Personalia, Possessiva, Demonstrativa, Interrogativa, Relativa, Indefinita“), ihrer Bildung („einfache, abgeleitete, zusammengesetzte“) oder ihrem Gebrauch („Substantivische, Adjektivische, Adverbialpronomina“) eingeteilt werden (ebd.). Es ist möglich ein Pronomen jeweils auf jeder Ebene zuzuordnen, das bedeutet, dass ein Pronomen beispielsweise ein einfaches, substantivisches Personalpronomen (z.B. ich) sein kann.

Besonders auffällig ist die Unterkategorie Adverbialpronomina, da darunter auch solche Wörter fallen, die nur semantisch ersetzende Funktion haben, also traditionell als „Fürwort“ bezeichnet wurden, in der Duden- und Eisenberg- Grammatik jedoch nicht mehr den Pronomen zugeordnet werden. „Hier“ oder „dort“ ordnet Blatz beispielsweise als Adverbialpronomina ein (vgl. ebd.: 400). Im Kapitel über Adverbien wird allerdings vermerkt, dass ein Adverb nur in wenigen Fällen als „Bestimmungswort eines Substantivs oder substantivischen Pronomens dient“ (ebd.: 581). Das verwundert insofern, da der substantivische Gebrauch von Pronomen von Blatz im Pronomenartikel zuerst genannt wird und häufige Pronomen wie z.B. ich, du, sie, etc. dazugehören.

Interessant ist außerdem, dass im Adverbienkapitel die Kategorie der Pronominaladverbien genannt wird. Die Definition selbiger lässt eine klare Abgrenzung zur von Blatz gewählten Begrifflichkeit Adverbialpronomina jedoch nicht zu (vgl. ebd.: 583).

Es bestätigt sich die von Blatz selbst angemerkte nicht „streng logische“ (ebd.: 251) Klassifizierung, was dazu führt, dass die Unterteilung der Pronomen durchaus in Frage gestellt werden kann.

2.1.3 Zahlwort

Die an vierter Stelle stehende Wortart Zahlwort beschreibt der Sprachwissenschaftler als „Anzahl oder Reihenfolge von Gegenständen“ angebend. Außerdem ständen Numeralia als Antworten auf Fragen nach einer bestimmten Zahl oder Anzahl von Gegenständen, wie zum Beispiel „fünf Singer“ auf „[w]ie viele“ oder „der zehnte Schüler“ auf „[d]er wie vielte?“ (ebd.). Ebenso wie Pronomen und Artikel erfolgt die Begründung und Ausführung der Klassifikation kompakt, wobei Blatz im zugehörigen Kapitel Zahlwörter ausführlicher auf mögliche Unterarten eingeht, wobei grundsätzlich zwischen bestimmten und unbestimmten Zahlwörtern unterschieden wird (vgl. ebd.: 381).

Auch bei der Einteilung dieser Wortartklasse fällt die Vorgehensweise mit stark semantischem Schwerpunkt auf, da Blatz in diesem Kapitel wenig darauf eingeht, dass Zahlwörter differenzierte syntaktische Funktionen im Satz innehaben, sondern seinen Schwerpunkt mehr auf die Art der gebrauchten Mengen- oder Zahlangaben legt.

Lediglich im Kapitel über Ordinalzahlen merkt der Linguist an, dass die Zahlwörter, die eine Reihenfolge angeben (z.B. erstens, zweitens, etc.), adverbial verwendete Zahlwörter seien (vgl. ebd.: 395). Allerdings vermisst man bei anderen Unterarten der Zahlwörter, wie beispielsweise bei der Auflistung der Kardinalzahlen, genauere Hinweise auf die Funktion im Satz und auf syntaktische Ähnlichkeiten mit anderen Wortarten. So weist er z.B. bei zwanzig, dreißig, etc. darauf hin, dass sie meistens als unflektierte Adjektive gebraucht werden (vgl. ebd.: 383). Dass es in der Neuhochdeutschen Grammatik trotzdem eine eigene Klasse für Zahlwörter gibt, zeigt deutlich, wie stark Blatz den Fokus auf den semantischen Zusammenhang der Wörter mit Zahl- und Mengenangaben legt. Im entsprechenden Abschnitt zu Zahlwörtern in der Duden-Grammatik lässt sich erkennen, dass die syntaktische Funktion mittlerweile an Relevanz gewonnen hat und es zumindest fraglich ist, wie Blatz bei seiner Wortarteinteilung vorgeht.

2.2 Duden: Die Grammatik

Die Grammatik des Dudenverlags geht grundsätzlich von anderen Wortartklassen aus als Friedrich Blatz in seinem Werk Neuhochdeutsche Grammatik. Die Grundlage für die Einteilung in verschiedene Lexemklassen bilden grammatische Merkmale, bei denen die jeweiligen Flexionsformen der Wörter die entscheidende Rolle spielen. Die Grammatik nimmt ihre Klassifikation auf lexikalischer und nicht auf syntaktischer Ebene vor. Es handelt sich also um Wortarten im lexikalischen und nicht im syntaktischen Sinn (vgl. ebd.: 133). Daraus ergibt sich für die Duden-Grammatik die Einteilung in die Wortarten Verb, Substantiv, Adjektiv, Pronomen und Nichtflektierbare (vgl. Duden 2009: 132). Davon werden traditionell im Bereich der Pronomen und Nichtflektierbaren noch Unterarten unterschieden.

Die Klassifikation basiert auf Flektierbarkeit, die man durch die Flexionsprobe, oder bei ggf. unklaren Ergebnissen selbiger durch weitere Proben (vgl. ebd.: 139-144), testen kann (vgl. ebd.: 132).

Im Vergleich zur Neuhochdeutschen Grammatik ergeben sich folgende Unterschiede: Artikel und Pronomen bilden zusammen eine Lexemklasse, die die Bezeichnung Artikelwörter und Pronomen trägt (vgl. ebd.: 249), wohingegen Numeralia keine eigene Klasse mehr darstellen, sondern innerhalb der anderen Wortarten eingeordnet sind (vgl. ebd.: 379f.), was auf Grund der primär syntaktischen Herangehensweise bei der Wortartklassifikation durchaus sinnvoll ist.

[...]


[1] In der vorliegenden Hausarbeit werden die beiden Begriffe „Wortarten“ und „Wortklassen“ stets synonym gebraucht.

[2] In Anlehnung an die Dudengrammatik wird in dieser Arbeit durchgängig der Plural „Pronomen“ verwendet und nicht wie sonst auch üblich der Plural „Pronomina“.

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