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Der religiöse, entinstitutionalisierte Synkretismus Jugendlicher. Fundamentalistische Tendenzen und religionspädagogische Praxis

Essay 2015 12 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Einleitung:

Dieses Essay1 beschäftigt sich mit der Hypothese, dass die entinstitutionalisierte synkretistische Religiosität von Jugendlichen Fundamentalismustendenzen enthält. Im ersten Teil werde ich auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse belegen, dass die Religiosität von vielen Jugendlichen synkretistisch ist und immer mehr außerhalb institutioneller Rahmenbedingungen ausgeübt wird. Anknüpfend daran werden im zweiten Teil die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen von Jugendlichen beschrieben, die aufgrund der begrenzten Seitenzahl nur angedeutet werden können. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse wird im Anschluss ein Bezug auf die Hypothese, die dieser Arbeit zugrunde liegt, genommen und erleutert, warum die Entinstitutionalisierung und die synkretistische Religiosität von Jugendlichen fundamentalistische Tendenzen aufweisen. Der Abschluss beschreibt die religionspädagogische Herausforderung und Relevanz für die Arbeit mit Jugendlichen, die eine fundamentalistische Haltung haben. Darüber hinaus wird ein kurzer Ausblick gegeben, welche institutionellen Rahmenbedingungen die Religionspädagogik in ihrer Arbeit braucht.2

Die synkretistische Religiosität von Jugendlichen und ihre Entinstitutionalisierung:

Wenn wir im 21. Jahrhundert nach der Religiosität von Jugendlichen fragen, haben wir es mit einer komplexen und vielschichtigen Frage zu tun, die im Kontext unserer heutigen Gesellschaft nur schwer zu beantworten ist. Denn religiös zu sein, bedeutet für den heutigen Jugendlichen nicht zwingend, auch ein christlich traditionelles Gottesbild zu haben, das von den Kirchen3 seit Jahrhunderten vertreten wird. So kann man nach den Ergebnissen der 15. Shell-Jugendstudie 2006 sagen, dass 49 Prozent der Jugendlichen sich überhaupt als religiös einstufen, wobei 30 Prozent als kirchennah zugeordnet werden können.4

Darüber hinaus haben weitere Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass Jugendliche nicht eine bestimmte Form von Religiosität besitzen.5 Die Religiosität von jungen Menschen ist vielmehr ein Mischgebilde, in dem das Wort Gottes, individuell auf das eigene Leben interpretiert und gedeutet wird, zum Beispiel: als höhere Macht, kosmische Energie oder als naturalistisches Konstrukt.6 Dieses als synkretistisches zu bezeichnende Gottesbild ist nach Untersuchungen selbst in christlichen Gemeinden zu finden.7

Demnach besitzen etwa zwei Drittel der Jugendlichen in Deutschland diffuse Formen von Religion. Diese synkretistische Tendenz geht auch mit einer immer weiter fortschreitenden Entinstitutionalisierung der Religiosität von Jugendlichen einher. Zwar wird die Kirche als Institution von den meisten Jugendlichen wertgeschätzt, jedoch nicht für zukunftsfähig gehalten.8 Das führt dazu, dass Jugendliche ihre Religiosität abseits einer kirchlichen Institution mit festen Rahmenbedingungen9 praktizieren und sich somit dem Einfluss und der Kontrolle10 der Kirche entziehen.11 So wird das von der Kirche festgelegte christliche Gottesbild von den Jugendlichen nicht mehr hinterfragt und angenommen, sondern an die persönliche Lebenssituation individuell angepasst, ergänzt und verändert. Daraus resultiert ein funktionaler Charakter, denn für Jugendliche enthält Religion ein multioptionales Angebot, auf dass in bestimmten Lebensphasen zurückgegriffen werden kann. So kann beispielsweise bei Gefühlen der Trauer, der Ausweglosigkeit oder in ähnlichen Lebenslagen die Religion Halt, Zuspruch und eine gewisse Stabilität im Leben der Jugendlichen wiederherstellen.12 Der Zugriff auf eine bestimmte religiöse Quelle wie z.B. der Bibel, ist dabei nicht immer gegeben. So gleicht die Religiosität von Jugendlichen vielmehr einer ideologischen, religiösen Mischung.13 Metaphorisch beschrieben gleicht sie einer Farbpalette, auf der Jugendliche immer wieder neue Farben auswählen, die gerade zu ihrem temporären sich stetig verändernden Lebensbild passen. Dabei ist es gleichgültig aus welcher Quelle sich die religiösen Inhalte (Farben) speisen, wichtig ist allein die individuelle Funktionalität und die Verknüpfung mit der eigenen Lebenssituation. Eine Ursache dafür, dass viele Jugendliche ihre Religiosität nicht mehr institutionell ausleben,14 kann in entwicklungspsychologischen Prozessen gefunden werden. Er ist stark auf seine eigene Identitätsfindung bzw. die Verwirklichung seiner individuellen Selbstbestimmtheit konzentriert und zieht sich in dieser Phase in seine private Autonomie zurück.15 Zudem halten viele Jugendliche die Kirche nicht mehr für zukunftsfähig und haben darüber hinaus das Gefühl, keine hilfreichen Antworten für Probleme oder wichtige Lebensfragen von ihr erhalten zu können.16 Das hat zur Folge, dass viele Jugendliche sich im engen Freundes- oder Familienkreis über die Inhalte ihrer Religiosität austauschen oder alle Formen der Kommunikation betreffend ihrer eigenen Religiosität mit anderen Menschen ablehnen.17 Diese Entwicklung führt dazu, dass die Kirche „an der Schnittstelle zum handlungsleitenden Wertesystem und der praktischen Moralität(...)“18 bei den Jugendlichen immer weniger Einfluss erlangt.19

Jugendliche haben also in ihrer Identitätsfindungsphase keine normative Orientierung an Werten und Normen, die beispielsweise im kirchlichen Setting vermittelt werden. Dies führt dazu, dass viele Jugendliche kirchliche Traditionen gar nicht mehr kennenlernen. Darüber hinaus verfügen sie immer weniger über religiöse Kenntnisse und kombinieren Inhalte, die theologisch nicht miteinander kompatibel sind.20

Fundamentalismustendenzen

Jugendliche durchlaufen verschiedene Entwicklungsphasen, aus denen sich ihre Identität herausbildet. James E. Marcia beschreibt die vorletzte Phase seines Vier-Stufen-Systems als „kritische Identität“. In dieser Stufe hinterfragen Jugendliche die Dinge, die sie im Alltag umgeben, kritisch, informieren sich über Alternativen und denken über die Verwirklichung eigener Wünsche in ihrem Leben nach.21 Nach Erik H. Erikson sind typische Themen für Jugendliche in dieser Phase zum Beispiel die berufliche Zukunft, Partnerschaften und religiöse und politische Standpunkte. Aus diesen Denkprozessen resultieren Entscheidungen, zu denen die Jugendlichen individuelle Positionen in der Gesellschaft einnehmen. Sie übernehmen dadurch eine Verantwortung, die durch das Vermitteln von Gefühlen wie: „Loyalität, Treue und Verwurzelung sowie Wohlbefinden, Selbstachtung und Zielstrebigkeit“.22 eine Integration in die die Gemeinschaft erst möglich macht.23

Betrachtet man die lebensweltlichen Anforderungen, die auf Jugendlichen in der heutigen Gesellschaft lasten, ist eine Überforderung hinsichtlich der eigenen Entscheidung über Formen und Inhalte ihrer eigenen Religiosität festzustellen.24 Wenn man vor diesem Kontext die entwicklungspsychologisch als labil und zur Radikalität neigenden Identitätssuche betrachtet, werden fundamentalistische Tendenzen sichtbar.25

In dieser Entwicklungsphase lernen Jugendliche herauszufinden, welche Werte und Normen im eigenen Leben eine Rolle spielen.26 Dieser Prozess kann mit bipolardichotomen Mustern27 und Prozessen der Abgrenzung einhergehen, die bis hin zu einem radikalen Meinungsbild führt.28

Dabei entlastet der Rückzug auf fundamentalistische Meinungen Jugendliche von Entscheidungsprozessen und gibt ihnen „absolute Gewissheit, festen Halt, verlässliche Geborgenheit und unbezweifelbare Orientierung durch irrationale Verdammung aller Alternativen.“29 Oft sind es jedoch nicht die klaren Antworten, die solche Positionen für Jugendliche attraktiv machen, sondern die Tatsache, dass ihnen überhaupt eine Antwort gegeben wird.30

Folgt man den bisher gewonnenen Erkenntnissen und betrachtet dabei die These dieses Essays, wird deutlich, woraus fundamentalistische Tendenzen resultieren. Jugendliche sind in der heutigen Gesellschaft mit ihren persönlichen Fragen in der Identitätsfindungsphase überfordert. Dies ist eine Lebensphase, in der sie nach Halt und Stabilität suchen. Durch dieses Streben besteht die Gefahr, dass Jugendliche sich durch das Beziehen auf fundamentalistische Positionen Stabilität im eigenen Leben suchen und finden. Dieser Prozess führt bei der synkretistischen Religiosität von vielen Jugendlichen zu fundamentalistischen Haltungen. Jugendliche sind auf der Suche nach Antworten und halten die Kirchen nicht für sprachfähig, wenn es um die Beantwortung persönlicher Lebensfragen geht.

[...]


1 Zugunsten einer besseren Lesbarkeit habe ich zur Beschreibung von gemischtgeschlechtlichen Personengruppen allein die maskuline Form verwendet. Dies soll weder eine Nichtberücksichtigung noch eine Abwertung oder Diskriminierung anderer Gender implizieren.

2 Aus Platzgründen werde ich in meinen Ausführungen nicht gesondert auf die Auswirkungen des

Bildungssystems und den Wertewandel in der DDR, auf die Religiosität von Jugendlichen eingehen. An dieser Stelle möchte ich deshalb auf die Shell Jugendstudie 2006 verweisen.

3 Mit Kirche ist eine traditionelle katholische oder evangelische Institution gemeint. (Landes- oder Volkskirche)

4 Vgl. Shell, 2006, S. 220

5 Vgl. Helpster, 2000, S. 291 f.

6 Vgl. Kern, 1997, S. 74

7 Vgl. Helpster, 2000, S. 292 f.

8 Vgl. Shell 2006, S. 220

9 Rahmenbedingungen meint beispielsweise: ein klares Gottesbild, feste Liturgie, Gottesdienste sonntags um 10 Uhr.

10 Auf den Einfluss und die Kontrollfunktion der Kirche wird in einem späteren Punkt Bezug genommen.

11 Vgl. Wippermann, 2007, S. 117 f.

12 An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass theologisch betrachtet, Religion mehr ist als nur eine

Funktion die dem Jugendlichen dabei hilft seine Identität zu finden. Sie ermöglicht darüber hinaus, dass junge Menschen die Möglichkeit haben mit Gott in Beziehung zu treten und ein Leben zu führen, das über den Tod hinaus verweist.

13 Vgl. Karcher, 2015, S. 171 f.

14 Vgl. Helpster, 2000, S. 289

15 Vgl. Wippermann, 2000, S. 117 f.

16 Vgl. Shell, 2006, 220 f

17 Vgl. Karcher, 2015, S. 171

18 Shell, 2006, S. 221

19 Vgl. Shell, 2006, S. 220 f.

20 Vgl. Karcher, 2015, S. 168f.

21 Vgl. Grob; Jaschinski, S. 45

22 Grob; Jaschinski, S. 43

23 Vgl. Grob; Jaschinski, S. 43

24 Vgl. Karcher, 2015, S. 174

25 Vgl. Grob; Jaschinski, 2013, S. 45 f.

26 Vgl. Grob; Jaschinski, 2013, S. 46 f.

27 Schwarz-Weiß-Denken

28 Vgl. Eilert, 2015, S. 164.

29 Meyer, 1995, S 18

30 Vgl. Karcher, 2015, S. 174

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668457287
ISBN (Buch)
9783668457294
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366911
Institution / Hochschule
CVJM-Hochschule
Note
1,0
Schlagworte
Religion Religiösität Jugendliche Jugendkultur Fundamentalismus Entinstitutionalisierung Synkretismus Entwicklungspsychologie

Autor

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