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Carlo Mierendorff und die nationalsozialistische Wählerforschung 1930/31. Die Thesen Mierendorffs in Kontroverse zu zeitgenössischen, soziologischen und aktuellen Erklärungsansätzen

Bachelorarbeit 2016 39 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Situation der SPD 1930/31

3. Carlo Mierendorff - Ein biographischer Überblick

4. Carlo Mierendorff und die nationalsozialistische Wählerforschung 1930/31
4.1 Mittelstand
4.2 Nichtwähler

5. Mierendorff und die nationalsozialistische Wählerforschung 1930/31 im Blick der zeitgenössischen, soziologischen und aktuellen Forschung
5.1 Mierendorffs Thesen und zeitgenössische Erklärungsansätze
5.1.1 Theodor Geiger
5.1.2 Walther Scheunemann
5.2 Mierendorffs Thesen und soziologische Erklärungsansätze
5.2.1 Lipset - Die klassentheoretische Position
5.2.2 Bendix - Die massentheoretische Position
5.3 Mierendorffs Thesen und aktuelle Erklärungsansätze
5.3.1 Mittelstand
5.3.2 Nichtw ä hler

6. Fazit

7. Quellen - und Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Literatur

1. Einleitung

Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 konnte die NSDAP ihren Prozentanteil der Wahlstimmen von 2,6% auf 18,2% steigern. In der Geschichte der parlamentarischen Wahlen in Deutschland hatte es so ein Ereignis zuvor noch nicht gegeben.1 Zusätzlich stieg die Wahlbeteiligung um 6,4% gegenüber der Wahl am 20. Mai 1928.2 Während die NSDAP somit zur zweistärksten Partei nach der SPD wurde, verlor die Sozialdemokratie rund eine halbe Millionen Stimmen im Vergleich zu der Wahl von 1928. Infolge dieses eindrucksvollen Wahlergebnisses, beschäftigten schon die Zeitgenossen folgende Fragen: Wer wählte die NSDAP? Welche Schichten der Bevölkerung konnte die NSDAP überzeugen? Welche Ursachen und Faktoren waren verantwortlich für den großen Wahlerfolg?

Möchte man sich mit dem Elektorat des Nationalsozialismus beschäftigen, sollte zunächst die Frage gestellt werden, welchen Erkenntnisgewinn eine derartige Untersuchung liefern kann. Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter liefert hierfür zwei nachvollziehbare Argumente: zum einen die historische „Neugier“, warum gerade über 17 Millionen Deutsche die nationalsozialistische Partei wählten, zum anderen aus demokratietheoretischen Erwägungen, um Informationen über die politische Stabilität und Instabilität von demokratischen Systemen zu gewinnen.3

Einer, der in die Rolle eines Wahlforschers eintauchte, war der Sozialdemokrat Carlo Mierendorff. Der Schriftsteller, Politiker und Widerstandskämpfer setzte sich in verschiedenen Zeitschriften (z.B. Sozialistische Monatsblätter, Neue Blätter für den Sozialismus, Die Gesellschaft) mit dem Nationalsozialismus auseinander und bekämpfte stets antisemitische und republikfeindliche Tendenzen.

Andere Zeitgenossen, die sich mit der Frage: „Wer wählte Hitler?“ beschäftigten, waren: der Soziologe und SPD-Mitglied Theodor Geiger, der Historiker und Publizist Walther Scheunemann, der Sozialpsychologe und Politiker Hendrik de Man, der Journalist Werner Hirsch oder auch der Soziologe Rudolf Heberle. Geiger legte dar, dass der Nationalsozialismus eine Bewegung des alten und neuen Mittelstands sei. Auch Scheunemann vertrat die Mittelstandsthese und führte den Wahlerfolg auf verschiede Ursachen, wie die Folgen der Weltwirtschaftskrise, Propaganda oder den Versailler Vertrag zurück. Pionierarbeit leistete Rudolf Heberle 1940 mit seiner Regionalstudie über das Elektorat aus Schleswig-Holstein.4 In dieser legte er dar, dass es in der Landbevölkerung eine hohe NSDAP-Affinität geben würde, was heute auch von modernen Prüfungsverfahren bestätigt wird. In den 1960er und 70er Jahren standen sich der Klassentheoretiker Seymour Lipset und der Massentheoretiker Reinhard Bendix mit ihren Thesen kontrovers und unversöhnlich gegenüber. Während Lipset das „Extremismus der Mitte“-Modell als Erklärung für den Wahlerfolg der NSDAP proklamierte, sah Bendix den großen Wahlerfolg der Nationalsozialisten in der „Mobilisierung von Unpolitischen“. Beide Modelle gelten in der Forschung als schlüssig, jedoch argumentieren beide ohne empirische Befunde, wodurch beide Erklärungsansätze als enorm fehleranfällig zu betrachten sind.5 Des Weiteren existiert noch der Ansatz von Walter Dean Burnham, der die Auffassung vertritt, dass die Angehörigen des protestantisch-bürgerlichen Lagers, besonders anfällig für den Nationalsozialismus seien.6 Dieser Ansatz wird in der vorliegenden Untersuchung nicht beleuchtet, da der Fokus auf Lipset und Bendix liegen soll. Dabei ist interessant, dass gerade bis zu den 80er Jahren die relevantesten und bedeutendsten Untersuchungen nicht von deutschen Historikern, sondern von Amerikanern stammen.

Jürgen Falter, den man schon fast als „Papst“ der historischen Wahlverhaltensforschung bezeichnen könnte, lieferte 1991 mit „Hitlers Wähler“ die wohl umfangreichste statistisch- ökumenische Studie über das Wahlverhalten der NSDAP-Wähler. Der wesentliche Unterschied zu den Arbeiten von Lipset und Bendix ist, dass Falter in seinem

Erklärungsansatz demographische, kulturelle, politische, sozialstrukturelle und eben auch empirische Befunde nutzt, womit Fehlschlüsse minimiert werden.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun, den Sozialdemokraten und Wahlforscher Carlo Mierendorff in diese Forschungsentwicklung der nationalsozialistischen Wahlverhaltensforschung einzuordnen. Dabei sollen zuerst die Thesen Mierendorffs zur nationalsozialistischen Wählerforschung 1930/31 skizziert werden, wobei anschließend die Thesen in Kontroverse zur zeitgenössischen, soziologischen und aktuellen Forschung gestellt werden. In diesem Zusammenhang wird aufgezeigt, inwiefern sich die Thesen Mierendorffs mit den Erklärungsansätzen der zeitgenössischen, soziologischen und aktuellen Forschung zur nationalsozialistischen Wählerforschung unterscheiden oder überscheiden. Dieses Feld ist in der bisherigen Forschung noch nicht bearbeitet worden.

Als Untersuchungszeitraum werden für diese Studie die Jahre 1930 und 1931 gewählt. Drei Gründe sind hierfür maßgeblich:

1. Carlo Mierendorff hat mit der Veröffentlichung von „Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung“ 1930 einen Aufsatz geliefert, in dem er sich wie in keinem anderen Artikel intensiv mit der nationalsozialistischen Wählerforschung befasst. Der Aufsatz bezieht sich zwar auf die Wahl aus dem Jahr 1928, liefert jedoch interessante Hinweise und Thesen Mierendorffs.

2. Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 stiegen die Stimmanteile der NSDAP von 2,6% auf 18,2%. Ein Ereignis, - das es so bei den parlamentarischen Wahlen in Deutschland bisher nicht gegeben hatte. Dementsprechend regte dieses Wahlergebnis viele Menschen der Gesellschaft zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus an.

3. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die zunehmende Popularität des Nationalsozialismus und die wachsende Bedrohung durch diesen für die Sozialdemokratie beschäftigten Carlo Mierendorff in seinen Schriften zu dieser Zeit enorm und machen diesen Zeitraum daher interessant.

Zuerst wird die politische Situation der Sozialdemokratie 1930/31 skizziert. Dadurch werden dem Leser, die angespannte Stimmung und die Schwierigkeiten der Sozialdemokratie in dieser Zeit deutlich gemacht. Dies hilft zu verstehen, warum sich der Sozialdemokrat Mierendorff so intensiv mit dem Nationalsozialismus beschäftigte. So war es nicht einfach Neugier, sondern eher die Angst vor der nationalsozialistischen Bewegung. Die bedrohliche Situation für die Sozialdemokratie wirkte sich dementsprechend auch auf Mierendorff aus und wird von ihm in seinen Publikationen verarbeitet.

Es folgt ein grober biographischer Überblick, der dem Leser die Person Carlo Mierendorff vorstellen und auch deutlich machen soll, warum es wertvoll ist sich mit dem Sozialdemokraten zu beschäftigen. An dieser Stelle soll besonders das Werk „Der militante Sozialdemokrat Carlo Mierendorff 1897 bis 1943“ des Mierendorff-Forschers Richard Albrecht gewürdigt werden, der mit dieser Biographie das Leben des Sozialdemokraten sehr detailliert und aufschlussreich darstellt. Jedoch gibt es auch andere Veröffentlichungen, die es erlauben, sich in den Themenkomplex Mierendorff einzulesen (Mühlhausen, Amlung, Beck, Usinger oder Brundert).

Aus den zahlreichen Beiträgen sollen dann die Thesen bezüglich der nationalsozialistischen Wählerforschung Mierendorffs 1930/31 herausgearbeitet werden. Hierbei wird der Fokus auf den Mittelstand sowie die Nichtwähler gelegt. Die Studenten werden aufgrund ihrer untergeordneten Rolle in Mierendorffs Veröffentlichungen nicht beleuchtet.

Anschließend werden die Thesen Mierendorffs in drei Zeitsonden diskutiert. Dies bietet sich besonders an, da somit die Entwicklung der historischen Wahlverhaltensforschung, welche sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, deutlich wird. Die erste Zeitsonde bilden die zeitgenössischen Erklärungsansätze von Theodor Geiger und Walther Scheunemann aus dem Jahr 1930 und 1931. Mit Geiger wurde einer der bekanntesten, zeitgenössischen Soziologen gewählt, da dieser in der aktuellen Literatur oft rezipiert wird und hohes Ansehen genießt. Der Historiker und Publizist Walther Scheunemann soll hier als zweiter Zeitgenosse gewählt sein. Durch das Betrachten einer weiteren Position in Form von Scheunemann kann der exploratio zusätzliche Multiperspektivität verliehen werden.

Die zweite Zeitsonde bildet die wohl einflussreichste Kontroverse der 1960er und 70er Jahre: die klassentheoretische Position von Lipset und die massentheoretische Position von Bendix. Da zwischen den Thesen von Lipset und Bendix eine große Unversöhnlichkeit herrscht, kann es nur interessant sein zu überprüfen, ob Mierendorff eher als Klassen- oder Massentheoretiker einzustufen ist. Den Schluss der Arbeit bildet dann die letzte Zeitsonde: die aktuelle Forschung. Dabei wird die nationalsozialistische Wählerforschung

Mierendorffs mit den aktuellen Forschungsmeinungen von Winkler, Wehler, Falter, Pyta, Weber, Küchler sowie Kolb verglichen.

Gearbeitet wird mit der Methode des historischen Vergleiches. In den 1970er Jahren galt die Methode als „Königsweg“ und besaß großes Prestige in der Geschichtswissenschaft. Heute hat sie ihren Pioniercharakter verloren und gilt als routinisiert, wobei sie weiterhin eine wichtige Methode für Historiker bleibt, da die Gesellschaft, fortlaufend in Vergleichen denkt.7

2. Politische Situation der SPD 1930/31

Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 sank der Prozentanteil der Wahlstimmen für die SPD von 29,8% zu 24,5%.8 Ein Ergebnis mit dem die Sozialdemokratie alles andere als zufrieden sein konnte, da sie nicht nur Stimmen verlor, sondern auch ihr Gegner die NSDAP, als zweitstärkste Partei aus der Wahl hervorging. Das Ergebnis der Reichstagswahl brachte die SPD in folgendes Dilemma: Entweder sie opponierte gegen den Kurs der Brüning-Regierung oder duldete diese, ohne die Politik dieser entscheidend beeinflussen zu können. Hätte sie sich für das Opponieren gegen das Brüning-Kabinett entschieden, wäre sie das Risiko eingegangen, dass allein die Nationalsozialisten die Nutznießer der Wahl gewesen wären. Letztlich entschied sich die Sozialdemokratie für das „kleinere Übel“ und wählte den Weg der Tolerierungspolitik, was bedeutete, dass die Reichstagsfraktion der SPD dem Brüning-Kabinett ermöglichte, mit Notverordnungen zu arbeiten, für die es keiner parlamentarischen Mehrheit bedurfte.9 Die SPD sah in der Tolerierungspolitik die einzige Möglichkeit, die Regierungsbeteiligung der NSDAP zu verhindern. Pyta führt in seinem Werk „Gegen Hitler und für die Republik“ vier Gründe an, warum die SPD die Tolerierungstaktik praktizierte:

1. Wäre Brüning gestürzt worden, hätte das früher oder später eine Regierungsbeteiligung der Nationalsozialisten zur Folge gehabt.
2. Wären die Nationalsozialisten an der Reichsregierung beteiligt gewesen, hätte das bedeutet, dass diese das Innen- und das Reichswehrministerium für sich beansprucht hätten. Man hätte eine „verschleierte“ Hitler-Regierung, die nach Ansicht der SPD zum einen für ein Unternehmerparadies und zum anderen für eine brutale Diktatur gesorgt hätte.
3. Wären die Nationalsozialisten in der Regierung beteiligt gewesen, hätte große Existenzgefahr für die Parteiorganisationen (Parteipresse, sonstige Vereinigungen) bestanden. Gerade die Ereignisse im faschistischen Italien förderten diese Sorgen.
4. Ein weiterer Grund für die Tolerierungspolitik war die preußische Machtposition in Person des Sozialdemokraten Otto Braun. Der Sturz Brünings hätte de facto gleichzeitig das Ende der Preußenkoalition und somit das Ende der von Otto Braun geführten Regierung bedeutet.10

Doch wie sah das Verhältnis der SPD zur KPD aus? Seit den 1930er Jahren wurde häufig folgende Frage diskutiert: Wieso schlossen sich die SPD und die KPD als linksstehende Parteien nicht zusammen, um den Faschismus zu bekämpfen? Die sozialdemokratische Führung lehnte grundsätzlich ein Einheitsbündnis mit den Kommunisten zur Abwehr des Faschismus ab. So forderte sie zwar eine Einheitsfront der Arbeiter, jedoch war damit gemeint, dass sich die Arbeiterschaft unter sozialdemokratischer Führung einigte.11 Im Laufe der folgenden Jahre unternahm die KPD zwar Versuche und bekundete der SPD ihre Kompromissbereitschaft, jedoch ging die SPD darauf nicht ein. Ein Beispiel hierfür ist das Angebot der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg der KPD an die SPD, eine Demonstration gegen den Faschismus und die Papen-Regierung durchzuführen.12

3. Carlo Mierendorff - Ein biographischer Überblick

Carlo Mierendorff wurde am 24. März 1987 in Grossenhain in Sachsen als zweiter Sohn des Kaufmanns Georg Mierendorff geboren und verbrachte den größten Teil seiner Jugend in Darmstadt.13 Ab 1908 besuchte er mit seinem älteren Bruder das humanistische Ludwig- Georg-Gymnasium in Darmstadt und schloss dieses am 8. August 1914 als Kriegsfreiwilliger mit einem Notabitur ab.14 In seiner Schulzeit lernte er auch Theodor Haubach kennen, welcher nicht nur ein lebenslanger Freund wurde, sondern auch ein Mitkämpfer gegen den Nationalsozialismus war.

Während Mierendorff im Krieg war, schickte er stets Beiträge von der Front an die „Dachstuben-Blätter“, eine Vereinigung, welche 1915 von Pepy Würth und Ludwig Breitweiser gegründet worden war und in welcher die ersten literarischen Texte des späteren Reichstagsabgeordneten erschienen. Zur Zeit seines Genesungsaufenthalts in Darmstadt sendete er am 13. Mai 1916 seine Anmeldung zur Immatrikulation an die Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität für die Fächer Rechts- und Staatswissen.15 Mierendorff kam als hochpolitisierter, junger Mann aus dem Krieg zurück und absolvierte zunächst zwei rechtswissenschaftliche Auftaktsemester in Frankfurt, bevor er an die Heidelberger Universität ging, wo er dann Jura und Staatswissenschaften studierte.16

In den darauffolgenden Jahren machte sich der Student durch politisches Engagement und viele Beiträge in Zeitschriften bemerkbar. So wurde Mierendorff Herausgeber und ständiger Mitarbeiter des Tribunals, dessen erste Ausgabe im Januar 1919 erschien. Die Zeitschrift stand für Gerechtigkeit, Erneuerung und gegen Hetze und Lauheit.17

Mierendorff, der sich schon bald von den radikalsozialistischen Positionen löste, trat am 12. Januar 1920 in die SPD ein. Die zahlreichen Schriften und Beiträge brachten ihm den Kosenamen „Herr Vielgeschrey“ bei Freunden und Kommilitonen ein.

Die ersten Erfahrungen mit dem rechten Spektrum veranlassten „Herrn Vielgeschrey“ 1922 eine politische Schrift mit dem Titel „Arisches Kaisertum oder Judenrepublik“ zu verfassen. In dieser wiederlegt er sehr engagiert und konsequent verschiedene Vorurteile und Meinungen des „Arischen Kaisertums“ gegenüber den Juden.

In den folgenden Jahren blieb Mierendorff seinem Publikationshunger treu und veröffentliche immens viele Beiträge in Zeitschriften wie zum Beispiel: Sozialistische Monatshefte, Neue Blätter für den Sozialismus, Das freie Wort, Deutsche Republik oder die C.V.-Zeitung.

Nachdem der spätere Reichstagsabgeordnete seit Ende 1922 als Gewerkschaftsfunktionär, welcher sich mit gewerkschaftsspezifischen aber auch mit politischen Themen beschäftigte, gearbeitet hatte, wurde er Redakteur bei der Regionalzeitschrift „Hessischer Volksfreund“.18

Als einer der jüngsten SPD-Abgeordneten wurde Mierendorff dann am 14. September 1930 in den Reichstag gewählt.19 Seine einzige Rede im Reichstag hielt er am 6. Februar 1931. Seine Ablehnung zum Nationalsozialismus brachte ihn auch dazu, sich in der „Eisernen Front“ zu engagieren. Zusätzlich war Mierendorff auch Mitglied des Reichsbanners und schrieb auch für die Reichsbannerzeitung.20

Schon im März 1933 wurde Mierendorff von SA-Horden aus seinem Büro im Innenministerium verdrängt, bis er dann am 13. Juni des selben Jahres in einem Frankfurter Café verhaftet wurde.21 Am 21. Juni 1933 wurde der Sozialdemokrat dann in das Konzentrationslager Osthofen durch den Standartenführer Herbert eingeliefert.22 Es

folgten die Konzentrationslager Dachau, Börgermoor, Lichtenburg und Buchenwald.23 Nachdem er aus Buchenwald entlassen worden war, wurde Mierendorff eine Stelle in einem großen Konzern der Braunkohleindustrie zugewiesen.24 Letztlich starb Mierendorff in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 in Leipzig bei einem Bombenangriff.

4. Carlo Mierendorff und die nationalsozialistische Wählerforschung 1930/31

4.1 Mittelstand

Bevor die Thesen Mierendorffs zur Rolle des Mittelstands in der nationalsozialistischen Wählerforschung herausgearbeitet werden, soll der Begriff des Mittelstands näher betrachtet werden.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unterscheidet man zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Mittelstand. Zum „alten“ Mittelstand zählen die selbstständigen Inhaber sowie gewerbliche, kaufmännische und landwirtschaftliche Mittel- und Kleinbetriebe. Dem „neuen“ Mittelstand werden die mittleren und unteren Angestellten sowie die qualifizierten Facharbeiter zugeordnet, die im Zuge der industriellen Entwicklung neu entstanden sind. Gerade durch die Expansion des Dienstleistungssektors und die Herausbildung der Informationsgesellschaft wurde die Entwicklung des „neuen“ Mittelstands gefördert.25 Das der Mittelstandsbegriff im politischen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch zu den umstrittensten gehört, hat Winkler bereits in seinem Werk „Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus“ deutlich gemacht.26 Im Jahr 1932 unterteilt Geiger in seinem Werk „Die soziale Schichtung des deutschen Volkes“ den Mittelstand in drei Schichten:

[...]


1 Kolb, Eberhard u. Schuhmann, Dirk: Die Weimarer Republik. München 2013 8 , S. 127.

2 Schulz, Gerhard: Von Brüning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930-1933. Berlin 1992 (Zwischen Demokratie und Diktatur, Bd. 3.). S. 121.

3 Falter, Jürgen W.: Wählerbewegungen zur NSDAP 1924-1933. Methodische Probleme - Empirisch abgesicherte Kenntnisse - Offene Fragen. In: Wählerbewegung in der europäischen Geschichte. Hrsg. v. Otto Büsch. Berlin 1980 (Einzelveröffentlichungen der historischen Kommission zu Berlin, Bd. 25), S. 159- 202, hier S. 159.

4 Wasmeier, Silvia: Wer wählte Hitler? Erklärungsansätze der Historischen Wahlverhaltensforschung. In: Studien zum Nationalsozialismus. Hrsg. v. Jürgen R. Winkler. Wiesbaden 2009, S. 147.

5 Ebd., S. 149

6 Burnham, Walter Dean: Political Immunization and Political Confessionalism: The United States and Weimar Germany. In: The Journal of Interdisciplinary History. 3 (1972), S. 1-30, hier S. 28.

7 Kaelble, Hartmut: Historischer Vergleich. In: Docupedia-Zeitgeschichte 2012, S. 11. Dazu auch: Kealble, Hartmut: Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. Und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 1999.

8 Harsch, Donna: German Social Democracy and the Rise of Nazism. The University of North Carolina 1993, S. 86.

9 Pyta, Wolfram: Gegen Hitler und für die Republik. Die Auseinandersetzung der deutschen Sozialdemokratie mit der NSDAP in der Weimarer Republik. Düsseldorf 1989, S. 208.

10 Ebd., S. 209-215.

11 Hebel-Kunze, Bärbel: SPD und Faschismus. Zur politischen und organisatorischen Entwicklung der SPD 1932-1935. Marburg/Lahn 1975, S. 50.

12 Ebd., S. 53.

13 Albrecht, Richard: Der militante Sozialdemokrat Carlo Mierendorff 1897 bis 1943. Bonn 1987, S. 16.

14 Amlung, Ullrich u. Richter, Gudrun u. Thied, Helge: „...von jetzt an geht es nur noch aufwärts: entweder an die Macht oder an den Galgen!“. Carlo Mierendorff (1897-1943) Schriftsteller, Politiker und Widerstandskämpfer. Schüren 1997, S. 15.

15 Ebd., S. 20.

16 Mühlhausen, Walter: Der Kampf des Herrn Vielgeschrey um die Republik - Carlo Mierendorffs frühe Warnungen vor dem Nationalsozialismus. In: Intellektuelle in Heidelberg 1910 - 1933 Ein Lesebuch. Hrsg. v. Markus Bitterolf [u.a]. Heidelberg 2014, S. 261 - 275, hier S. 262.

17 Amlung, S. 26.

18 Ebd., S. 41.

19 Albrecht, S. 112.

20 Beck, Dorothea: Theodor Haubach, Julius Leber, Carlo Mierendorff, Kurt Schuhmacher. Zum Selbstverständnis der >militanten Sozialisten< in der Weimarer Republik. In: Archiv für Sozialgeschichte, 26 (1986), S. 87-123, hier S. 116.

21 Grassmann, Peter: Sozialdemokraten gegen Hitler. 1933-1945. München 1976 (Geschichte und Staat, Bd. 196/197), S. 89.

22 In der Forschung ist bis heute umstritten, ob Carlo Mierendorff im Konzentrationslager Osthofen von Kommunisten oder von Nationalsozialisten misshandelt wurde. Ein Beweis für die Misshandlung

23 Usinger, Fritz: Verschollene und Vergessene. Carlo Mierendorff. Eine Einführung in sein Werk und eine Auswahl. Wiesbaden 1965, S. 7.

24 Brundert, Willi: Rede vom 29. September zur Einweihungsfeier der Carlo-Mierendorff-Schule in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1996, S. 8.

25 Mittelstand. In: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden: Bd. 18 MATH-MOSB. Mannheim 2006 21 , S. 588.

26 Winkler, Heinrich August: Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik. Köln 1972, S. 21.

Details

Seiten
39
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668454989
ISBN (Buch)
9783668454996
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366824
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Historisches Seminar - Zeitgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
carlo mierendorff wählerforschung thesen mierendorffs kontroverse erklärungsansätzen

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Titel: Carlo Mierendorff und die nationalsozialistische Wählerforschung 1930/31. Die Thesen Mierendorffs in Kontroverse zu zeitgenössischen, soziologischen und aktuellen Erklärungsansätzen