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Das Feld der Arbeit für das postmoderne Kreativsubjekt. Projektarbeit, Kreativität und Netzwerkgedanke

Projektarbeit 2017 21 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Die Bedeutung von Arbeit im Wandel
Gebt mir zu tun!
Das sind reiche Gaben!

2 Definition der Postmoderne

3 Das Feld der Arbeit in der Postmoderne
3.1 Projektarbeit
3.2 Kreativität
- Erstellung neuartiger Produkte/Dienstleistungen,
3.3 Netzwerkgedanke

4 Aktualität postmodernen Arbeitens
4.1 Ist Projektarbeit heute elementar?
4.2 Welche Rolle spielt Kreativität heute?
4.3 Wie verbreitet ist der Netzwerkgedanke heute?

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Die Bedeutung von Arbeit im Wandel

Gebt mir zu tun!

Das sind reiche Gaben!

Das Herz kann nicht ruhn,

Will zu schaffen haben.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Goethe schien sich sicher zu sein: Der Mensch braucht Arbeit, erst durch sie macht sein Leben Sinn, ohne Arbeit wäre er rastlos und unzufrieden. „Arbeit ist, den heutigen Konventionen folgend, die menschliche Tätigkeit, die den größten gesellschaftlichen und individuellen Stellenwert besitzt“ (Nüchter, 2009, S. 241). Nüchter verdeutlicht, dass Goethes Lyrik nach wie vor aktuell ist: Arbeit scheint auch heute noch einen hohen Stellenwert zu besitzen.

Die Bedeutung von Arbeit hat sich in der Vergangenheit allerdings mehrfach gewandelt, einleitend soll dieser Wandel in sehr komprimierter Form exemplarisch dargestellt werden.

Während Arbeit in der Antike als harte körperliche Anstrengung gesehen wurde, die eine nicht gewollte Lebensnotwendigkeit darstellte, bekam sie beispielsweise im Mittelalter einen anderen Wert zugesprochen. Zu dieser Zeit wurde sie eher als ein demütiger Gottesdienst betrachtet (Nüchter, 2009, S. 63f.). Gleichzeitig galt Arbeit im Mittelalter als Mühe und Last, als Fluch und Strafe Gottes, die es zu verrichten galt, um ewiges Heil im Diesseits zu finden (Füllsack, 2009, S. 37). Im 17. Jahrhundert verbreitete sich die Auffassung, dass Arbeit ein geeignetes Mittel sei, um Wohlstand zu erreichen, beispielsweise durch die Bearbeitung und Aneignung von Land. Die These, dass Arbeit die Quelle für Wohlstand sei, vertrat auch Adam Smith in seinem 1776 erschienenen Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, auch wenn es ihm in erster Linie um sozialen Wohlstand ging und weniger um den Profit Einzelner. Als im Jahr 1712 die erste Dampfmaschine in Betrieb genommen wurde und 1785 der erste voll mechanisierte Webstuhl zum Einsatz kam, begannen sich die Formen der Arbeit abermals zu ändern. Die aufkommende Industrialisierung veränderte den Arbeitsalltag vieler Menschen grundlegend: Anstatt spezifischen handwerklichen Arbeiten nachzugehen, wurden Arbeitskräfte in Fabriken eingesetzt, wo sie hauptsächlich kleinteilige Routineaufgaben verrichteten (ebd., 2009, S. 50ff). Die Formen der Arbeit wurden auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der organisierten Moderne, weiterhin von der Automatisierung und Rationalitätsgedanken dominiert. Diese industriegeprägte Arbeitsgesellschaft wandelte sich in ihrem weiteren Verlauf zu einer postmodernen Dienstleistungs- und Aktivitätsgesellschaft (Welsch, 1988, S. 11). Wie die postmodernen Praktiken der Arbeit ab den 1970er Jahren aussehen, wird nachfolgend näher beschrieben.

In dieser Ausarbeitung wird zunächst der Begriff Postmoderne definiert, da sie den zeitlichen Ausgangspunkt der weiteren Betrachtungen darstellt. Anschließend wird vergleichend erläutert, inwiefern sich das Feld der Arbeit in der Postmoderne im Gegensatz zur Moderne verändert hat. Daraufhin werden mit der Projektarbeit, der Kreativität und dem Netzwerkgedanken drei Spezifika des postmodernen Arbeitens betrachtet. In einem folgenden Schritt wird anhand von aktueller Literatur und einschlägigen Studienergebnissen überprüft, wie die zuvor dargestellten Faktoren (Projektarbeit, Kreativität und Netzwerkgedanke) im heutigen Feld der Arbeit ausgeprägt sind.

2 Definition der Postmoderne

Den Begriff Postmoderne zu definieren bereitet Schwierigkeiten: „Is postmodernity an idea, a cultural, a social condition or perhaps a combination of all three?“ (Lyon, 1994, S. 4). Um ein Begriffsverständnis zu entwickeln, erscheint es sinnvoll, sich zunächst mit der Zusammensetzung des Wortes zu beschäftigen. Nach Reckwitz (2006) verweist das Präfix „post“ auf eine Struktur, die sich von ihrem Vorgängermodell unterscheidet, gleichzeitig aber selektive Elemente des Vorgängers wiederholt und verarbeitet (S. 449). Kritiker sehen in der Postmoderne eine Antimoderne, die alle aufklärerischen Tendenzen zu überwinden versucht, um zu einer Erneuerung zu gelangen. Damit einher geht der Vorwurf, dass die Errungenschaften der Moderne nicht gewürdigt würden (Holtbrügge, 2001, S. 41).

Im Folgenden soll die Postmoderne, gemäß Reckwitz’ Begriffsverständnis, als Fortführung der Moderne verstanden werden und nicht als eine „Antimoderne“, die alle Eigenschaften der Moderne überwunden hat und eine neue Epoche darstellt.

Wie sich Moderne und Postmoderne inhaltlich unterscheiden, stellt Harvey (1989) anhand einiger Schlagworte dar: Während er mit der Moderne economies of scale, Hierarchie, Homogenität und betriebliche Arbeitsteilung verbindet, gehören economies of scope, Anarchie und Diversifizierung für ihn zur Postmoderne. Weiterhin ordnet Harvey die Begriffe Massenproduktion, spezialisierte Arbeit, kollektive Konsumtion und Zweckdienlichkeit der Moderne zu; Kleinserienfertigung, soziale Bewegungen, flexible Arbeit und symbolisches Kapital hingegen weisen auf die Epoche der Postmoderne hin. Der Autor gibt allerdings zu verstehen, dass die Zuordnung der Begriffe nicht als starre Trennung gemeint ist, sondern dass es fließende Übergänge gibt und nicht immer eindeutig ist, welches Merkmal sich wo verordnen lässt (S. 340).

Die Postmoderne ist nicht nur im Bereich der Arbeit ein Begriff; so stellt Habermas 1981 fest, dass sie als „affektive Strömung in die Poren aller intellektuellen Bereiche“ eingedrungen ist (S. 444). Im Bereich der Literatur beispielsweise wird die Postmoderne an der Abwendung von übergeordneten Erzählsträngen deutlich, sie betont die Pluralität von Sprachen, Modellen und Stilen und verbindet Realität und Fiktion (Welsch, 1993, S. 16). In der Geographie steht die Postmoderne für eine Loslösung von natürlichen oder ethnischen Grenzen, laut Holtbrügge (2001, S. 20) werden ebenjene eher symbolisch artikuliert. Die Abwendung von Grenzen spielt generell eine wichtige Rolle in der Postmoderne, Flexibilität gewinnt an Bedeutung und Pluralismus wird begrüßt (Becker, 1996, S. 13).

3 Das Feld der Arbeit in der Postmoderne

Nachdem zuvor einige Merkmale der Postmoderne beschrieben wurden, soll der Fokus nun auf den Spezifika postmodernen Arbeitens, in Abgrenzung zu den Merkmalen der Arbeit in der organisierten Moderne, liegen.

Laut Holtbrügge (2001, S. 48) sind postmoderne Unternehmen vor allem durch die Abkehr von hierarchischen Organisationsformen geprägt, wodurch flexiblere Arbeitsformen entstehen. Diese Flexibilität wird begünstigt durch das Aufkommen der Computertechnologie, welche eine neue Art des Informationszugangs bereitstellt. Auch über räumliche Grenzen hinweg kann das postmoderne Subjekt Informationen sammeln, kommunizieren und Kontakte aufbauen (Reckwitz, 2006, S. 445).

Neben dieser Veränderung der digitalen Kultur ändert sich auch die Konsumentenkultur: Anstatt sozialer Konformität wird nun Individualität angestrebt. Dies ist ein Faktor, der zu einer Verminderung von Massenproduktion führt; das postmoderne Subjekt lässt sich (unter anderem) von einem ästhetischen Subjektcode leiten, welcher innovative Nischenprodukte anstelle von einheitlichen Massenprodukten fordert (ebd., 2006, S. 510). Dieser Sinn für das Ästhetische ist einer der Gründe, weshalb in Verbindung mit der Postmoderne von dem „Kreativsubjekt“ gesprochen wird, welches (nach Reckwitz, 2006) das Angestelltensubjekt der organisierten Moderne ablöst. Das Kreativsubjekt besitzt zwar Anschluss an das Angestelltensubjekt, es differenziert sich aber dennoch deutlich, indem es die „rigide Angestelltenkultur“ mit ihrer passiven, bürgerlichen Moralität ablehnt (ebd., 2006, S. 451). Dies wird, unter anderem, daran deutlich, dass auftretende Konflikte nicht länger als zu vermeidende Störfaktoren eines vorgegebenen Ablaufs betrachtet werden, sondern als „willkommene Irritation“, die idealerweise ein Auslöser für Veränderungsprozesse ist (ebd., 2006, S. 514).

Von der Starrheit der organisierten Moderne (mit ihren rational und kleinteilig arbeitenden Angestellten, welche meistens einen Großteil ihres Arbeitslebens in nur einer Organisation verbringen), grenzt sich das Kreativsubjekt weiterhin ab, indem es kurzfristige und wechselhafte Tätigkeiten ausführt (Reckwitz, 2006, S. 519). Das Kreativsubjekt „strebt (…) nicht nach der Sicherheit der Routine, sondern nach der motivierenden Kraft individueller Herausforderung, nach innerer Selbstentwicklung (>personal growth<) – es ist in diesem Sinne nicht nur rationales, sondern auch emotionales und sinnsuchendes Subjekt, das nach der Motivation in einem ambitionierten >Team< von Gleichgesinnten strebt.“ (ebd., 2006, S.505). Dabei ist es stets darauf bedacht Innovationen zu schaffen, die einerseits auf dem Markt gefragt sind, um andererseits selbst ein gefragtes Subjekt auf dem Arbeitsmarkt zu sein. Dieses Streben nach nachgefragten Innovationen spiegelt den ökonomischen Subjektcode des Kreativsubjekts wider (ebd., 2006, S. 451).

Die Kombination von ästhetischem und ökonomischem Subjektcode ist wesentlich für das postmoderne Kreativsubjekt. Sie kann betrachtet werden, um die „dynamische Beweglichkeit, anti-konformistische Selbstorientierung und grenzüberschreitende Offenheit des Subjekts“ (ebd., 2006, S. 504) zu beschreiben. Schließlich lässt sich die grenzüberschreitende Offenheit des Subjekts nicht nur auf die eigenen, individuellen und kreativen Praktiken beziehen, sondern auch auf die Offenheit gegenüber dem Umfeld (beispielsweise marktlichen Veränderungen), welche wiederum durch Innovationen des Kreativsubjekts vorangetrieben werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Individualität, Kreativität und Flexibilität für das postmoderne Arbeitssubjekt an Bedeutung gewinnen und somit eine Loslösung aus den festen, hierarchischen Strukturen, die das Angestelltensubjekt in der organisierten Moderne leiten, stattfindet.

Nachdem die Grundzüge postmodernes Arbeiten nun erläutert wurden, werden nachfolgend drei spezifische Eigenschaften (Projektarbeit, Kreativität und der Netzwerkgedanke), die elementar für das Kreativsubjekt sind, näher beschrieben. Darüber hinaus wird der Versuch unternommen, Faktoren zu finden, welche die Ausprägungen dieser drei Eigenschaften messbar machen, um somit Anhaltspunkte für die Überprüfung der Aktualität (siehe Punkt 4: Aktualität postmodernen Arbeitens) zu erhalten. Die getrennte Betrachtung der drei Faktoren dient lediglich der Übersichtlichkeit und soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Projektarbeit, die Kreativität und der Netzwerkgedanke eng miteinander verknüpft sind.

3.1 Projektarbeit

Das Kreativsubjekt arbeitet innerhalb von temporären Projekten, Reckwitz (2006) beschreibt diesen Prozess wie folgt: „In modularisierten >Projekten< gruppieren sich Arbeitssubjekte mit unterschiedlicher Expertise als Team um eine zeitlich befristete intersubjektive Aufgabe, die von den Teilnehmern gemeinsam zu einem identifizierbaren >Werk< geführt wird und mit anderen Projekten in kommunikativer Verbindung steht“ (S. 509). Es werden also, im Gegenteil zur organisierten Moderne, nicht mehr lediglich einzelne Arbeitsschritte von einem Subjekt bearbeitet, sondern komplexe Projekte in ihrer Gesamtheit. Eine solche Projektarbeit passt nicht zu den hierarchischen Strukturen industrieller Massenproduktionsbetriebe, folglich gewinnen andere Wirtschaftsbereiche an Bedeutung. „Urbane Kulturindustrien“, wie Beratung, Informationstechnologie, Design, Werbung und Tourismus rücken in den Fokus postmodernen Arbeitens (ebd., 2006, S. 500).

Die Befristung von Projektarbeit betont die Relevanz von Flexibilität: Das Kreativsubjekt muss sich einerseits bei der Erstellung von Produkten (gleichermaßen sind auch Dienstleistungen gemeint) flexibel zeigen, indem es Marktveränderungen selbstständig antizipiert. Diese Marktprognosen setzen eine gewisse „mentale Mobilität“ voraus. Darüber hinaus ist das Kreativsubjekt auch örtlich ungebunden, da es nicht von einem einzigen arbeitgebenden Unternehmen abhängig ist. Es ist stets bereit für seine Arbeit Ortswechsel vorzunehmen, wenn sich anderswo (bessere) Einsatzmöglichkeiten für die eigene Arbeitskraft ergeben. Mit der Flexibilität gehen auch höhere Anforderungen an das Arbeitssubjekt einher: Häufige Tätigkeitswechsel erfordern eine starke Selbstorganisation (Reckwitz, 2006, S. 508ff.).

Nach Reckwitz’ Verständnis lässt sich zusammenfassend dann von Projektarbeit sprechen, wenn folgende Faktoren stark ausgeprägt sind:

- Selbstständigkeit beziehungsweise Eigenständigkeit (Unabhängigkeit von hierarchischen Strukturen),
- zeitlich befristeter Einsatz in voneinander unabhängigen Projekten,
- Flexibilität (in Bezug auf den Arbeitsort und die Arbeitsinhalte).

3.2 Kreativität

Wie zuvor bereits kurz erläutert wurde, folgt das Kreativsubjekt neben einem ökonomischen auch einem ästhetischen Subjektcode. In diesem Zusammenhang hat Kreativität für das Arbeitssubjekt der Postmoderne einen hohen Stellenwert. Reckwitz (2016) definiert Kreativität als „das Eigenschaftsbündel einer erstrebenswerten und zugleich allgemein erwarteten Subjektivität, die in der Lage ist, Neues zu schaffen und dabei sich selbst immer wieder auf überraschende Weise zu erneuern“ (S. 186). Folglich bezieht sich die kreative Gestaltung sowohl auf innovative Objekte und Dienstleistungen als auch die Formung der eigenen Persönlichkeit, denn durch die kreative Arbeit drückt das Subjekt die eigene Persönlichkeit aus und definiert sich immer wieder neu. Dabei ist zu beachten, dass der Schaffensprozess des Kreativen anders ist als der des Künstlers. Während der Künstler völlig unabhängig ein individuelles Werk erstellen kann, wird der Kreative nicht allein von seinen Emotionen geleitet: Er versucht darüber hinaus ein Werk zu erschaffen, das Aufmerksamkeit und Nachfrage am Markt hervorruft.

Zusammenfassend hält Reckwitz (2016) fest: „Der Kreative betrachtet erstens seine Umwelt in der Perspektive einer experimentellen Alltagssemiotik. Er lässt sich und seine Wünsche zweitens von einer Semantik des self growth, der individuellen Selbstexpression konstruieren. Schließlich ist er drittens auf Anerkennung im Rahmen eines ökonomischen und sozialen Marktes um knappe Aufmerksamkeit aus“ (S. 192). Daraus abgeleitet sollen folgende Faktoren als Indikatoren für kreative Arbeit gelten:

- Erstellung neuartiger Produkte/Dienstleistungen,
- Definition der eigenen Persönlichkeit über die geschaffenen Werke/Innovationen,
- Ökonomische Ausrichtung kreativer Arbeit (Marktpotenziale erkennen und bedienen).

3.3 Netzwerkgedanke

Bei der projektförmigen, kreativen Arbeitsweise, welche nach Reckwitz die Postmoderne charakterisiert, spielt der Netzwerkgedanke eine wichtige Rolle: Das Kreativsubjekt ist bei seinen Arbeitsprozessen nicht auf sich allein gestellt, es ist in kreativen Arbeitsgemeinschaften/Teams tätig. Solche Arbeitsgemeinschaften können sowohl innerhalb einer Organisation gebildet werden, als auch außerhalb. Durch die gemeinschaftliche Arbeit bilden sich Netzwerke, beispielsweise zwischen Produzenten, aber auch zwischen Produzenten und Konsumenten (Reckwitz, 2006, S. 510). Die hohe Relevanz von Netzwerkbeziehungen begründet Reckwitz (2006) unter anderem damit, dass das Kreativsubjekt auf ein „Erleben des kreativen flow [sic] (...) abzielt“, dieser „richtet sich nicht allein auf das individuelle Werk, sondern auch auf den Zusammenhang des Projektteams, auf die >Arbeitsatmosphäre< und das Gefühl kollektiver Überlegenheit der gemeinsamen Leistung“ (S. 515). Im Team bringen die Mitglieder nicht nur fachliche Kenntnisse, sondern auch ihre Persönlichkeit ein. So können arbeitsübergreifende Freundschaften entstehen, der Kollektivgedanke wird gestärkt und das Team wird nicht nur als Arbeitsgruppe wahrgenommen, sondern als Gemeinschaft. Mit der Zugehörigkeit zu einer solchen Kreativitätsgemeinschaft grenzt sich das Subjekt von anderen Projektteams ab und präsentiert so den eigenen Stil (ebd., 2006, S. 515f.).

Aufgrund dieser großen Bedeutung der Teamarbeit betreibt das Kreativsubjekt ein aktives, expansives Networking, es verlässt sich nicht auf ein „having relationships“, sondern sucht permanent nach neuen Kontakten im Sinne eines „doing relationships“ (Reckwitz, 2006, S. 522).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Netzwerkgedanke von folgenden Faktoren geprägt wird:

- Gemeinschaftlichkeit (Projektteams sind keinen reinen Zweckgemeinschaften, sondern bereichernde, soziale „Plattformen“),

- Maximierung von Kontakten (Aufbau eines großen Kontaktnetzwerks, innerhalb und außerhalb von Projektteams, wird angestrebt).

4 Aktualität postmodernen Arbeitens

Die zuvor dargelegten Merkmale postmodernen Arbeitens werden im weiteren Verlauf auf ihre Aktualität in der heutigen Arbeitswelt überprüft.

Es wird erörtert, welche Rolle Projektarbeit, Kreativität und Netzwerkgedanke in aktuellen Arbeitsformen spielen. Dabei werden beispielhaft aktuelle Literatur und Studienergebnisse herangezogen, diese stellen allerdings lediglich einen Ausschnitt der Thematik dar und können daher nur Tendenzen anzeigen.

4.1 Ist Projektarbeit heute elementar?

Zur Bedeutung von Projektarbeit halten Bartz, Gnesda & Schmutzer (2017) fest: „Nahezu kein Unternehmen kommt heute mehr ohne Projekte und eine Art von Projektorganisation aus“ (S. 13). Die Autoren halten zwar für fraglich, inwiefern sich eine reine Projektorganisation durchsetzen kann (dagegen sprechen vor allem formaljuristische Gründe, beispielsweise sind hierarchische Strukturen nötig, um Haftungsfragen klären zu können), sehr wahrscheinlich seien aber Mischformen, in denen Projektarbeit eine zentrale Stellung einnimmt. Das zuvor herausgearbeitete Merkmal der „Unabhängigkeit von hierarchischen Strukturen“ (siehe Punkt 3.1: Projektarbeit) sehen Bartz, Gnesda, & Schmutzer (2017) ebenfalls als erfüllt: Sie schreiben, dass es bereits Unternehmen gibt, die „fluide und durchlässige Unternehmenswolken“ sind, bei denen starre Grenzen an Bedeutung verlieren (S. 8).

Zum Thema „Bedeutung der Arbeit“ führten die Bertelsmann Stiftung und der Verein der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahr 2015 eine Onlineumfrage mit einer Stichprobe von 1.062 Erwerbstätigen (Vollzeit und Teilzeit) zwischen 18 und 60 Jahren durch. Diese ergab, dass Eigenständigkeit und Selbstbestimmung der zweitwichtigste Faktor bei der Arbeit sind (46 % der befragten Männer und 37 % der befragten Frauen stuften ihn als „sehr wichtig ein“). Am häufigsten als „sehr wichtig“ genannt wurde der Aspekt „Sicherheit des Arbeitsplatzes“ (Gaspar & Hollmann, 2015, S. 11f.). Das Merkmal Sicherheit spielt in Reckwitz’ Beschreibungen zum Kreativsubjekt keine Rolle und deutet zudem die Präferenz von Kontinuität in der Arbeit an, welche das Kreativsubjekt allerdings durch Flexibilität ersetzt. Während sich der Wunsch nach Selbstbestimmung bei der Arbeit also mit dem Verhalten des Kreativsubjekts deckt und damit auf eine hohe aktuelle Relevanz von Projektarbeit hinweist, spricht das Bedürfnis nach Sicherheit des Arbeitsplatzes dem entgegen.

Die Merkmale der Projektarbeit lassen sich darüber hinaus auf Selbstständige anwenden: Diese sind generell unabhängig von hierarchischen Strukturen (zumindest dann, wenn sie als „Solo-Selbstständige“, also allein, arbeiten) und legen ihre Ar- beitsorte und -inhalte sowie deren Dauer selbst fest. Der Anteil von Selbstständigen in einer Gesellschaft kann folglich als ein Indikator für die Verbreitung von Projektarbeit in Reckwitz’ Sinne betrachtet werden. Eine Erhebung des Statistischen Bundesamts im Jahr 2012 ergab, dass die Gesamtzahl der Selbstständigen in Deutschland einen Höchststand (bis zu diesem Zeitpunkt) erreicht hat. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands nahmen die Werte stetig zu, Ausnahmen bildeten die Jahre 2008 und 2009 aufgrund der globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise (Mai & Marder-Puch, 2013, S. 484). Der Anteil der Selbstständigen an allen Erwerbstätigen lag in 2012 bei 11,0 % (ebd., 2013, S. 487). Die Erhebung zeigt außerdem, dass mehr als drei Viertel (78 %) der Selbstständigen im Jahr 2012 im Dienstleistungsbereich tätig waren, bei den Arbeitnehmern hingegen waren es nur 73 %. Konkret waren die meisten Selbstständigen in Berufen der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung (11,7 %) und in künstlerischen Berufen (6,1 %) tätig. Den höchsten absoluten Zuwachs an Selbstständigkeit im Zeitraum 2002 – 2012 gab es in den künstlerischen Berufen (Zuwachs an Selbstständigen: +101.000 Personen), gefolgt von Lehrkräften (Zuwachs an Selbstständigen +90.000 Personen) (ebd., 2013, S. 488ff.). Diese Zahlen verdeutlichen die hohe Relevanz von selbstständiger Arbeitstätigkeit in Deutschland. Dass Selbstständige vor allem im Dienstleistungsbereich arbeiten und in künstlerischen Berufen stark vertreten sind, deckt sich mit Reckwitz’ Beschreibung zur Arbeit des Kreativsubjekts.

Neben der eigenständigen Arbeit wurde die zeitliche Befristung von Aufgaben und der Einsatz in voneinander unabhängigen Projekten als weiteres Merkmal der Projektarbeit definiert. Bartz u. a. schreiben in diesem Zusammenhang, dass immer mehr Menschen, vor allem der jüngeren Generation, „Kombi-Modelle“ nutzen, bei denen sie beispielsweise einen 20- oder 25-Stunden-Job haben und darüber hinaus an einem Start-Up experimentieren und sich als Freelancer Geld dazuverdienen. Dass Arbeit flexibler wird, zeige sich außerdem auch an der abnehmenden Zahl von Vollzeitbeschäftigten; Teilzeitbeschäftigungen, Zeit- und Leiharbeit sowie Freelancer gewinnen stattdessen an Bedeutung. Zudem sind Zeitwertkonten Modelle in der Entwicklung. Diese würden den Arbeitnehmern erlauben, ihre Arbeitszeit flexibel zu steuern und auch unternehmensübergreifend weiterzuführen (2017, S. 9ff.).

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Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668455122
ISBN (Buch)
9783668455139
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366778
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Note
1,3
Schlagworte
feld arbeit kreativsubjekt projektarbeit kreativität netzwerkgedanke

Autor

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Titel: Das Feld der Arbeit für das postmoderne Kreativsubjekt. Projektarbeit, Kreativität und Netzwerkgedanke