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Hermeneutik und struktureller Aufbau von Goethes Faust

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 23 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsangabe

1.Einleitung

2. Problemstellung

3. Leseanleitung

4. Methode

5. Theorie
5.1. Drama
5.1.1.Das geschlossene Drama
5.1.2. Das offene Drama
5.2. Das bürgerliche Trauerspiel

6. Analyse
6.1. Gretchentragödie
6.2. Vergleich der zwei Figuren: Faust und Margarete
6.2.1. Charakterisierung der Figur: Margarete
6.2.2. Charakterisierung der Figur: Faust
6.2.3. Menschenbilder in Faust und Margarete
6.3. Züge des bürgerlichen Trauerspiels in „ Faust 1

7. Konklusion

8. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

1.Einleitung

Dieser Arbeit liegt das Werk „Faust 1“, welches ein Drama des deutschen Schriftstellers Johann Wolfgang von Goethe ist, das 1808 veröffentlicht wurde, zu Grunde. Dieses Werk ist eines der bekanntesten und meist zitiertesten Werke der Literatur. Die Fertigstellung des Gesamtwerkes dauerte über sechzig Jahre und dadurch kann man auch Spuren von mehreren literarischen Epochen erkennen. Der „ Urfaust “ wurde in der „Sturm und Drang“ Zeit geschrieben, „ Faust – Der Tragödie erster Teil“ ist von der Epoche der Klassik geprägt. „ Faust – Der Tragödie Zweite Teil “ fiel in die letzten Lebensjahre Goethes. Jedoch ist die Gestalt des Fausts nicht eine Erfindung von Goethe. Die Figur besaß bereits eine lange Tradition in der Literatur.

Ein wichtiger Teilaspekt von Goethes Faust ist die „Gretchentragödie“, welche sich durch eine an­steigende Handlungskurve, wo Faust Margarete begehrt, zu einem Höhepunkt und gleichzeitigen Wendepunkt, die Hingabe Margaretes zu Faust, erstreckt und dann durch eine fallende Hand­lungskurve mit Margaretes Ende in der Kerkerszene ihren Schluss findet. Auf den ersten Blick hin, scheint es, dass die „Gretchentragödie“ einen linearen und kontinuierlichen Handlungsverlauf aufweist, welches ein Merkmal für eine geschlossene Dramenform wäre.

Die Figur der bürgerlichen Margarete macht eine vielfältige Wandlung durch und der gelehrte Wissenschaftler, Faust, hat viele innere Kämpfe mit sich zu fechten. Man erkennt sehr unter­schiedliche Menschenbilder in diesen zwei Figuren, welche mit typischen Tugend- und Moralvor­stellungen ihrer repräsentierenden Schicht zu kämpfen haben. Die beschriebene herzergreifende Gefühlswelt der „bürgerlichen Heldin“ – Margarete – ist es, welches Mitgefühl bei den Lesern weckt. Daran kann man auch die Züge eines bürgerlichen Trauerspiels erkennen.

Ich werde versuchen die für mich bestmöglichen Antworten auf meine Problemformulierung zu finden, da die „Gretchentragödie“ durchaus vielschichtig betrachtet werden kann.

2. Problemstellung

Woran kann man erkennen, ob die Gretchentragödie ein geschlossenes oder offenes Drama ist, und in wieweit weist „ Faust 1 “ Züge eines bürgerlichen Trauerspiel auf? Worin unterscheiden sich die zwei Personen Faust und Margarete und welche Gegensätze spiegeln sich in den zwei gezeig­ten Menschenbildern?

3. Leseanleitung

Im Abschnitt „Problemstellung“ möchte ich zeigen, ob es sich bei der Gretchentragödie um ein geschlossenes oder offenes Drama handelt und ob Goethes Werk Gleichheiten mit einem bürgerli­chen Trauerspiel aufweist. Ein weiterer Schwerpunkt meines Projektes ist, welche zwei Men­schenbilder, anhand von Faust und Margarete, in dem Werk „ Faust 1 “ dargestellt werden?

Im Methodenabschnitt werde ich kurz beschreiben, wie die hermeneutische Methode aufgebaut ist und warum ich gerade diese Methode verwendet habe, um meine gewonnenen Informationen zu sammeln, zu bearbeiten und zusammen zu fassen.

Im Theorieteil meines Projektes beschäftige ich mich mit der Dramentheorie, d.h. wie ein Drama aufgebaut ist, deren Entstehungsgeschichte und welche Unterschiede es zwischen einem offenen und geschlossenen Drama gibt. Die Eigenschaften, die Entstehung und typische Merkmale des bürgerlichen Trauerspiels sind ein weiterer Aspekt meines Projektes. Danach werde ich die zwei Figuren, Faust und Margarete, charakterisieren und versuchen Unterschiede zwischen den zwei, genannten Personen darzustellen. Dabei frage ich mich auch, ob es Zusammenhänge mit aktuellen Menschenbildern gibt.

In dem folgenden Analyseteil werde ich versuchen zu untersuchen, dass die Gretchentragödie ein Drama der geschlossenen Form ist. Weiteres möchte ich aufzeigen, dass „ Faust 1 “ Züge eines bür­gerlichen Trauerspiels aufweist. Außerdem möchte ich untersuchen inwieweit man die Gretchen­tragödie in die fünf Abschnitte, welche prototypisch für die Handlungsstationen eines Dramas der geschlossenen Form stehen, einteilen kann? Die Beantwortung dieser Frage könnte als Bestäti­gung dienen, dass die Gretchentragödie ein Drama der geschlossenen Form sein kann.

Im Abschnitt „Konklusion“ werde ich eine kurze Zusammenfassung der Analyseergebnisse, mit Hinblick auf die in der Problemstellung gestellten Fragen, wieder geben und ob meine gewählte Methode, die richtige gewesen war.

4. Methode

Die Methodologie ist die Lehre von den wissenschaftlichen Methoden“.[1] Welche Methode kann man verwenden, um gewonnene Informationen zu sammeln, zu bearbeiten und zusammen zu fassen. Für mein Projekt passt die hermeneutische Methode am besten, da die Hermeneutik eine Textinterpretation unter Einbeziehung von verschiedenen literarischen Schriften ist. „ Die Herme­neutik bemüht sich um das Verstehen eines literarischen Werkes, dafür zieht sie nicht nur den Text selbst, sondern auch alle anderen relevanten Dokumente heran.“ [2] Die Hermeneutik ist eine Ausle­gungstechnik, […] [3] Jene Themen, die im „Faust 1“angesprochen werden, sind Probleme die den Menschen schon seit Jahrhunderten begleiten. Daher ist es notwendig, vielfältige Quellen heran­zuziehen, um das Werk „ Faust 1 “ interpretieren zu können.

Um einen Text verstehen zu können, fordert dies eine wissenschaftliche Interpretation, welche man mit Hilfe des hermeneutischen Zirkels machen kann. Bei dieser besonderen Vorgehensweise handelt es sich um eine wiederkehrende, spiralförmige verlaufende Bewegung, bei der die einzel­nen Elemente nur aus einem Gesamtzusammenhang verständlich werden. Diese Grundregel kann man auch für das Verstehen eines Textes benutzen. Zuerst liest man seinen Text und geht dabei mit dem Horizont seines eigenen Wissens und seiner Erfahrung vor. Dieses erste Vorverständnis entwickelt sich nach dem erstmaligen Lesen zu einem ersten Textverständnis. Man bildet sich einen ersten Eindruck über den Text, welche wichtig für das weitere Textverständnis ist. Auf Grund dessen, dass man einen Text versteht und auch weitere vertiefende Literatur liest, hilft einem das, einen Schriftsatz besser oder auf eine andere Weise kennen zu lernen. Dadurch erfolgt eine Erwei­terung seines Vorwissens und entwickelt ein besseres „erweitertes“ Textverständnis. Im herme­neutischen Sinn habe ich einen zirkelförmigen Erkenntnisfortschritt.

Ein Nachteil der Hermeneutik ist, dass man seine Objektivität leicht verlieren kann, da man oft sein subjektives Bewusstsein verwendet, um einen Text zu interpretieren. Aufgrund dessen kann man sagen, dass wenn man die Hermeneutik als empirische Methode wählt, geht man von einer Hypo­thesenbildung aus. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, sondern allenfalls nur ein mehr oder minder guter angemessener Interpretationsstandpunkt.

5. Theorie

5.1. Drama

Der Ausdruck Drama ist schwer zu definieren, man kann jedoch sagen, dass es eine Urform der Dichtkunst darstellt. Allgemein gilt, dass das Drama der Oberbegriff für Texte mit verteilten Rollen ist und die Darstellung einer Handlung wird in Dialogform von Schauspielern vorgetragen. Die in Szene gesetzten Handlungen beinhalten einen zentralen Konflikt, welche in einer tragischen Form dargestellt werden. Das Drama hat folgende Formen: die Tragödie, die Komödie und die Tragiko­mödie. Im Mittelpunkt der Tragödie steht ein unlösbarer Konflikt, der zum unausweichlichen Un­tergang des tragischen Helden führt. Eine Komödie weist auf eine humoristische Art die menschli­chen Schwächen wieder und die Tragikomödie ist eine Kombination von Tragödie und Komödie „Die Tragödie ist die dramatische Darstellung eines Geschehens, in dem ein Held, der weder ein Verbrecher noch ein Heiliger sein darf, durch eine schuldhafte Verfehlung zuerst in Gefahr gerät und nach einem Wendepunkt unter Gewahrwerdung seiner Verstrickung ins unausweichliche Ver­derben stürzt, […].“[4]

In der griechischen Antike unter Aristoteles hatte das Drama einen religiösen Stellenwert und hat alle Bürger angesprochen. Aristoteles machte keine sozialen Unterschiede. Im Laufe der Zeit durf­ten sich nur mehr die „einfachen“ Bürger an einer Komödie erfreuen, welche eine allgemein be­liebte Art der Unterhaltung war, während die Tragödie meistens nur in „geschlossenen“ Veranstal­tungen der Oberschicht gegenwärtig war. In der Komödie machte man sich über die „einfachen“ Bürger lustig. Diese Gliederung in der Gesellschaft gab ein erhebliches Konfliktpotenzial in der Neuzeit.

Erst in den Jahren kurz vor der Französischen Revolution wurde dem Adel das Privileg genommen, dass die hochangesehene Tragödie nur für ihn bestimmt sei und die „einfachen“ Bürger sollten nicht mehr in der Komödie verlacht werden. In diesen Jahren entstand die Form des bürgerlichen Trauerspiels, worauf ich später noch genauer eingehen werde.

Lessing hat sich am meisten für die Emanzipation des bürgerlichen Dramas vom „Hofdrama- Hof­theater“, eingesetzt. Lessing kreierte oder entwickelte Charaktere, die nicht stereotyp oder ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechend böse und gut waren, sie sollten leidenschaftlich sein. „ Ich (Nicolai) setze also den Zweck des Trauerspiels in die Erregung der Leidenschaften, und sage: das beste Trauerspiel ist das, welches die Leidenschaften am heftigsten erregt.“[5]

Für Goethe war das bürgerliche Drama Realität geworden. Er wollte, dass der Adel und das Bürger­tum auf diese Weise wieder miteinander versöhnt werden. Viele Schriftsteller brachen mit den alten Regeln des klassischen Theaters, wo die Einhaltung von Handlung, Zeit und Ort für den Auf­bau eines Dramas wichtig waren. Zwei grundsätzlich, unterschiedliche Stiltypen des Dramas be­einflussten die neuere deutsche Dramatik. Volker Klotz bezeichnet diese zwei Dramentypen als ein „ offenes Drama “ gegenüber dem „ geschlossenen“ Regeldrama [6].

Der größte Unterschied zwischen diesen beiden Formen sind die Kriterien der Einheit von Ort, Zeit und Handlung, welche vom griechischen Dichter, Aristoteles, gegründet wurden.

5.1.1.Das geschlossene Drama

Die geschlossene Form des Dramas orientiert sich an den drei aristotelischen Einheiten (Einheit von Ort, Zeit und Handlung) und weist üblicherweise fünf Abschnitte auf, in denen ein ganzes Ge­schehen vom Beginn eines Konflikts bis zu dessen Ende dargestellt wird. Diese fünf Abschnitte, welche eine „ pyramidenförmige Dramenstruktur[7] aufweisen, markieren den funktionalen Aufbau des klassischen Dramas, welcher der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gustav Freytag in seinem Buch „Die Technik des Dramas“ beschrieben hat. „ Es steigt von der Einleitung mit dem Zutritt des erregenden Moments bis zu dem Höhepunkt, und fällt von da bis zur Katastrophe. Zwi­schen diesen drei Teilen liegen die Teile der Steigerung und des Falles.[8]

Die fünf Abschnitte eines Dramas:

Exposition: Diese dient vor allem dazu, den Zuschauer in die zeitlichen und örtlichen Verhältnisse einzuführen, über die Vorgeschichte zu informieren und die für die konflikthafte Handlung we­sentliche Personen kennen zu lernen. Es wird langsam versucht, die Aufmerksamkeit des Zuschau­ers auf den Kern des Konfliktes und der Spannung zu lenken.

Nach der Beschreibung der Ausgangssituation wird die dramatische Handlung in Gang gesetzt, welche Steigerung genannt wird und der 2.Akt ist. In der Steigerung wird der „ erregende Mo­ment[9] in die Dramenhandlung eingebracht, welche den weiteren Verlauf der Handlung bestimmt. Die Spannung des Stückes steigt immer mehr an.

Im 3.Akt erreicht die Entwicklung des Konfliktes ihren dramatischen Höhe-/Wendepunkt .Der dramatische Konflikt wird im Prinzip bereits hier entschieden, da hier die Handlung ihre entschei­dende Wendung erfährt und auf das Ende hinführt. Der Held steht in der entscheidenden Ausei­nandersetzung, welcher zu Sieg oder Niederlage führt.

Der retardierende Moment markiert eine letzte Chance, dem schon entschiedenen Ausgang doch noch zu entkommen. In der Tragödie erweist sich dieser letzte Ausweg als nicht gangbar, in der Komödie kann hier eine weitere Verwicklung den glücklichen Ausgang verzögern. Die Spannung wird noch einmal aufgenommen, indem es andere Lösungen möglich erscheinen lässt.

Das tragische Ende, die Katastrophe, der 5.Akt des Dramas, führt dann zur Lösung des Konfliktes, welches in der Tragödie zum Tod des Protagonisten führt. Die konflikthafte Handlung ist zu einem eindeutigen und endgültigen Ende gekommen, d.h. die Intrige wurde zu einem positiven oder ne­gativen Ende gebracht.

Wesentlich für die Struktur des klassischen Dramas sind die auf Aristoteles zurückgehenden drei Einheiten: die Einheiten der Handlung, der Zeit und des Ortes.

Die Handlung in einem geschlossenen Drama ist eindeutig, kontinuierlich und linear, d.h. jede Szene entwickelt sich aus der vorhergehenden und hat eine logische Verbindung zur nächsten bis man zu einem bestimmten, hingestrebten Schluss kommt „ Das Drama der geschlossenen Form ist in allen seinen Zügen zielstrebig und zielgerichtet – Ziel ist das Problem.“[10] Falls Nebenhandlungen vorkommen sollten, so ordnen die sich völlig der Haupthandlung unter. Wenn eine Handlung nicht vorgeführt wird, wird sie erzählt, so dass keine Lücken zwischen den einzelnen Szenen entstehen und diese ungehindert ineinander gleiten können. „Eine Szene geht folgerichtig aus der anderen hervor, jede hat ihren festen Ort im Gefüge des Ganzen.“[11] Man muss alle Akte und Szenen sehen, um den Handlungszusammenhang als Ganzes zu verstehen. „[..]der auf der Bühne gebrachte Aus­schnitt aus der Welt gilt als repräsentativ für das Ganze.“[12] Das geschieht auch mit den Personen, mindestens eine Person der vorangehenden Szene bleibt auf der Bühne bei Szenenwechsel, um ein plötzliches unterbrechen der Handlung zu vermeiden.

[...]


[1] Reich, „Erziehung und Erkenntnis – Studien zur Methodologie der Erziehungswissenschaften“, S 33

[2] Neuhaus, „ Grundriss der Literaturwissenschaft“, S 198

[3] Reich, „Erziehung und Erkenntnis – Studien zur Methodologie der Erziehungswissenschaften“, S 37

[4] Gelfert, „Die Tragödie. Theorie und Geschichte“, S19

[5] Lessing, „Briefwechsel über das Trauerspiel“, S 47

[6] Klotz, „Geschlossene und offene Form im Drama“, S 12

[7] Freytag, „Die Technik des Dramas“, S 102

[8] Freytag, „Die Technik des Dramas“, S 102

[9] Freytag, „Die Technik des Dramas“, S 102

[10] Klotz, „Geschlossene und offene Form im Drama”, S 97

[11] Klotz, „Geschlossene und offene Form im Drama”, S 37

[12] Neuhaus „Grundriss der Naturwissenschaften“, S 64

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668455443
ISBN (Buch)
9783668455450
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366634
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2
Schlagworte
offenes und geschlossenes Drama bürgerliches Trauerspiel Faust Goethe Faust Gretchentragödie Analyse Literatur Trauerspiel Hermeneutik struktureller Aufbau

Autor

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Titel: Hermeneutik und struktureller Aufbau von Goethes Faust