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Soziale Ungleichheiten am Übergang zur Hochschule. Wie beeinflusst die soziale Herkunft die Wahl der Ausbildungsalternativen nach dem Abitur?

von Neema Li

Hausarbeit 2017 16 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte
2.2 Werterwartungstheoretisches Entscheidungsmodell

3. Empirische Ergebnisse
3.1 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte
3.2 Bildungsmotivation und Investitionsrisiko

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hochschulen besitzen als Institutionen, welche durch Lehre Humanressourcen zur Verfügung stellen, indem sie Wissen weitergeben eine immer größere Bedeutung (vgl. Avenarius et al., 2006, S. 101). Sie erfüllen insofern auch Funktionen der Statuszuweisung: Die individuellen Chancen auf unterschiedlich vorteilhafte Positionen im Erwerbssystem sind in hohem Maße durch das Abschneiden im Bildungssystem geprägt. Dies wiederum ist jedoch stark von den ungleichen Ausgangsbedingungen der familiären Herkunft beeinflusst (vgl. Müller, Reimer & Schindler, 2009, S. 281). Kinder aus sozial schwächeren Familien sind nach wie vor im höheren Bildungssystem stark unterrepräsentiert. Dies liegt unter anderem an der großen Bedeutung der vorangegangenen Selektion durch die Hürden der zu absolvierenden Bildungsstufen. Studienberechtigte stellen demnach eine stark homogene Gruppe dar. Die Selektivität des Hochschulzugangs sollte nach Mare (1980) zur Folge haben, dass die Effekte der sozialen Herkunft auf die Bildungsentscheidung mit jedem weiteren Bildungsübergang geringer werden (vgl. Watermann, Daniel & Maaz, 2014, S. 235). Empirische Befunde zeichnen jedoch ein anderes Bild: Im Zuge der Bildungsexpansion haben sich die sozialen Ungleichheiten beim Erwerb der Hochschulreife zwar reduziert, während sie beim Übergang ins Studium tendenziell zugenommen haben (vgl. Lörz & Schindler, 2011; Lörz, 2012, S. 303). Wie durch verschiedene Studien deutlich wird (Lörz & Schindler 2011, Watermann & Maaz 2004, 2006), unterscheiden sich Studienberechtigte unterschiedlicher sozialer Herkunft systematisch in einer unterschiedlichen Nutzung der ihnen nach dem Abitur offenstehenden Möglichkeiten, beziehungsweise einer unterschiedlichen Wahl von Ausbildungswegen (vgl. Watermann et al., 2014, S. 234).

Die vorliegende Hausarbeit mit dem Titel Soziale Ungleichheiten am Übergang zur Hochschule: Wie beeinflusst die soziale Herkunft die Wahl der Ausbildungsalternativen nach dem Abitur? geht deshalb der Frage nach, auf welche Mechanismen die soziale Ungleichheit bei der Wahl postsekundärer Bildungswege zurückzuführen ist. Untersucht werden demnach Studienberechtigte aus der Dienst- und Arbeiterklasse im gegenseitigen Vergleich untersucht, welche über das allgemeinbildende Gymnasium, dem typischen Weg, das Abitur erworben haben. Hierbei soll herausgefunden werden, inwiefern die soziale Herkunft Einfluss auf die Wahl einer akademischen Berufsausbildung an einer Hochschule hat, beziehungsweise zur Ablenkung durch eine nichtakademische berufliche Ausbildung führt. Als theoretische Grundlage der Analyse soll die Unterscheidung von primären und sekundären Herkunftseffekten nach Boudon (1974) dienen, sowie die Weiterentwicklung dieses Ansatzes durch den deutschen Vertreter der Rational-Choice-Modelle Esser (1999), für den der Statuserhalt maßgeblicher Einflussfaktor auf die Bildungsentscheidung darstellt (Abschnitt 2). Darauffolgend werden die empirischen Ergebnisse ausgewählter Studien zur Wirkung der primären und sekundären Herkunftseffekte am Übergang zur Hochschule, sowie zur Bildungsmotivation und dem Investitionsrisiko vorgestellt (Abschnitt 3). Das abschließende Resümee gibt einen Überblick über die Arbeit und fasst die Ergebnisse zusammen. Es werden Schlussfolgerungen gezogen, sowie ein Ausblick auf den sich anschließenden Bildungsübergang vom Bachelor zum Master geliefert (Abschnitt 4).

2. Theoretischer Hintergrund

In der Literatur werden vor allem Rational-Choice-Ansätze zur Erklärung sozialer Ungleichheiten beim Bildungserwerb herangezogen. Diese erlauben es am ehesten, konkrete Vorhersagen über die Ursachen der sozial ungleichen Beteiligung an unterschiedlichen postsekundären Bildungsmöglichkeiten zu machen (vgl. Reimer & Schindler, 2010, S. 252). Die Grundidee dabei ist, dass sich für die Individuen, je nach den unterschiedlichen, ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen, wie beispielsweise Bildung, unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten ergeben. Mit diesem Ansatz rückt das Entscheidungsverhalten der Individuen, besonders an wichtigen Übergangsschwellen im Bildungsverlauf in den Vordergrund (vgl. Kirsten & Dollmann, 2012, S. 105).

2.1 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte

Die empirische Ungleichheitsforschung hat präzise dokumentiert, dass die entscheidenden Situationen der Entstehung von Ungleichheiten diese Übergansschwellen von Bildungsverläufen sind, da dort primäre und sekundäre Herkunftseffekte zusammenwirken (vgl. Watermann et al., 2014, S. 236). Diese Unterscheidung von primären und sekundären Effekten wurde ursprünglich von Boudon (1974), zur Untersuchung schichtspezifischer Unterschiede im Bildungserfolg eingeführt.

Die primären Herkunftseffekte beschreiben den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Kompetenzerwerb. So weisen Schüler mit unterschiedlichem sozialen familiären Hintergrund im Durchschnitt ein differentes Schulleistungsniveau auf (vgl. Schindler, 2014, S. 44). Diese herkunftsbedingten Leistungsunterschiede ergeben sich aufgrund von klassenspezifischen Sozialisationsprozessen, bedingt durch die unterschiedliche Ressourcenausstattung im Elternhaus, die unterschiedliche kognitive und motivationale Förderung der Eltern wie auch unterschiedlicher genetischer Voraussetzungen (vgl. Relikowski, 2012, S. 19f.).

Neben den primären, über die Schulleistung vermittelten Leistungsunterschieden, wirken außerdem sekundäre Herkunftseffekte, welche sich auf das Entscheidungsverhalten der Akteure an den entscheidenden Übergängen ihres Bildungsweges beziehen. Dieses spezifische Entscheidungsverhalten wirkt unabhängig von fachlichen Kompetenzen (primären Effekten) und ergibt sich aufgrund von Vorerfahrungen, besonderer Motivation oder dem Wunsch des Statuserhalts der Familie. Damit verbunden kommt es zu einer Abwägung möglicher Alternativen bezüglich der erwarteten Erträge und Kosten der Bildungsentscheidung (vgl. Kirsten & Dollmann, 2012, S.110f.). Personen aus der Dienstklasse entscheiden sich demnach eher für einen tertiären Bildungsweg, welcher ihren sozialen Status sichert. Im Gegensatz zu Schülern aus der Arbeiterklasse, die ihre Position meistens auch ohne höheren Bildungsabschluss halten können, sehen sich Schüler aus der Dienstklasse von einem möglichen Abstieg bedroht (vgl. Kirsten & Dollmann, 2009, S. 207f.). Personen aus der Dienstklasse befinden sich demnach in zweifach vorteilhafter Lage: Zum einen profitieren sie von den besseren Ausgangs- und Lernbedingungen in ihren Familien, zum anderen entscheiden sie sich bei gleichen Schulleistungen häufiger für eine der höheren Bildungswege (vgl. ebd.).

Für die Erklärung unterschiedlicher Bildungserfolge ist die Unterscheidung zwischen Bedingungen, die mit der Kompetenzentwicklung in Verbindung stehen und Bedingungen, welche zu verschiedenen Bildungsentscheidungen führen von besonderer Bedeutung. Dadurch wird einerseits deutlich, dass die Ungleichheitsmuster in den Leistungen (primären Effekte) von den Ungleichheitsmustern in den Übergangsentscheidungen (sekundären Effekten) abweichen können, sowie andererseits, dass zur Klärung von Unterschieden hinsichtlich der Kompetenzen und Bildungsungleichheiten zum Teil unterschiedliche Mechanismen zu berücksichtigen sind (vgl. ebd.).

Die Bildungsübergänge nach dem Abitur ergeben sich durch ein Wechselspiel zwischen primären und sekundären Faktoren, deren relatives Gewicht sich nicht eindeutig ermitteln lässt. Trotzdem kann angenommen werden, dass den sekundären Herkunftseffekten eine besonders große Bedeutung bei den Entscheidungsprozessen in Bezug auf die Bildungsalternativen nach dem Abitur zukommt (vgl. Schindler & Reimer, 2010, S. 627). Dies kann zum einen auf die Leistungshomogenität der Abiturienten unterschiedlicher sozialer Herkunft zurückgeführt werden, da diese aufgrund der erfolgreichen Bewältigung vorheriger Selektionsstufen des Bildungssystems eine stark selektive Gruppe darstellen (vgl. ebd., S. 626). Zum anderen kommt den sekundären Effekte aufgrund des herkunftsspezifisch wahrgenommenen Grades an Attraktivität von nichttertiären Ausbildungsalternativen eine große Bedeutung zu (vgl. ebd., S. 627). Dies soll anschließend anhand eines rationalen Entscheidungsmodells expliziert werden.

2.2 Werterwartungstheoretisches Entscheidungsmodell

Anknüpfend an Boudons Unterscheidung zwischen primären und sekundären Herkunftseffekten wurden weitere Erklärungsansätze wie beispielsweise die von Breen und Goldthorpe (1997) oder Erikson und Jonsson (1996) entwickelt. Bei diesen steht der Statuserhalt in der Generationenabfolge als wesentlicher Zweck des Bildungserwerbs im Vordergrund.

Auf die Werterwartungstheorie des deutschen Vertreters Esser (1999), welcher an diese Ansätze anschließt und mit dem Aspekt des Statusverlustes ergänzt, soll im Folgenden genauer eingegangen werden. Er liefert mit seiner Theorie eine Erklärung für die Ablenkung vieler Arbeiterkinder von Universitäten als Ergebnis von Bildungsentscheidungen, die sich stark zwischen den sozialen Klassen, abhängig von den ökonomischen Ressourcen des Elternhauses unterscheiden (vgl. Becker & Hecken, 2008, S. 6f.). Personen entscheiden sich demnach für die Art der Ausbildung, mit welcher der Statuserhalt am kostengünstigsten sichergestellt werden kann.

Erikson und Jonsson entwickelten eine Formel für die stattfindende Kosten-Nutzen-Kalkulation der möglichen Bildungsalternativen, welche Esser durch den Effekt des drohenden Statusverlusts ergänzte. Nach Erikson und Jonsson (1996) gibt es für Personen, welche die Studienberechtigung erworben haben zwei Alternativen: Studium (S) oder Berufsausbildung (B). Die Entscheidung für ein Studium wird dann getroffen, wenn der subjektiv erwartete Wert eines Studiums (EU(S)), welcher sich aus den erwarteten Kosten (C) und dem erwarteten Nutzen (U) ergibt, größer als der subjektiv erwartete Wert einer nichttertiären Berufsausbildung (EU(B)) ist. Zu den Kosten zählen dabei direkte Kosten, wie Studiengebühren und die generelle Finanzierung des Studiums, sowie die indirekten Kosten, wie das entgangene Gehalt im Falle einer Berufsausbildung. Der Nutzen (U) ergibt sich aus dem Einkommen sowie dem Sozialprestige. Der Nutzen wird in der Kalkulationsformel zusätzlich mit der subjektiven Erfolgswahrscheinlichkeit (p) der jeweiligen Bildungsalternative gewichtet (vgl. Watermann et al., 2014, S. 236f.):

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Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668454125
ISBN (Buch)
9783668454132
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366533
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Schlagworte
soziale ungleichheiten übergang hochschule herkunft wahl ausbildungsalternativen abitur

Autor

  • Neema Li

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