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Soziale Ungleichheiten und Studienabbruch. Vergleich zweier Texte von Tinto sowie Sarcletti und Müller

von Neema Li (Autor)

Essay 2015 4 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Seminar: Soziale Ungleichheiten an der Hochschule

Studienfach: Soziologie Bachelor, Pädagogik Bachelor

Semesterzahl: 2

Essay 1:Soziale Herkunft und Studienabbruch

Leitfrage: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede weisen die Texte auf?

Da der Abbruch eines Studiums mit hohen Kosten für Individuum und Gesellschaft verbunden ist und somit für alle Beteiligten eine Fehlinvestition darstellt (vgl. Sarcletti & Müller, 2011, S. 235), wird vermehrt den damit zusammenhängenden Ursachen Beachtung geschenkt. Wenn die Gründe für einen Studienabbruch genauer analysiert werden, kann man damit beginnen, den Ursachen entgegenzuwirken und so die Abbruchrate bestenfalls zu verringern. In diesem Essay werden die Ausführungen von Sarcletti & Mülller (2011) und Tinto (1975) zu diesem Thema auf ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht und einem Vergleich unterzogen.

Sarcletti & Müller (2011) gehen zunächst auf vier Aspekte der theoretischen Perspektive ein, bevor sie sich den Faktoren des Studienabbruchs zuwenden. Sie nennen neben der interaktionistischen Perspektive auch die des kulturellen Kapitals, die psychologische Perspektive und die der rationalen Wahl. Die Interaktionistische Perspektive bezieht sich auf die Integration von Studierenden bezüglich der akademischen und sozialen Einbindung und verweist zur Begründung dabei auf die Selbstmordtheorie nach Durkheim. Die Perspektive des kulturellen Kapitals wird erklärt durch die Anpassungsleistung welche ein Student zu erbringen hat, wenn er den schichtspezifischen und institutionellen Habitus (vgl. ebd, S.237) in Übereinstimmung zu bringen versucht. Die psychologische Perspektive differenziert verschiedene Merkmale der Persönlichkeit und fasst sie in vier Theorien zusammen. Letztlich wird auf die Perspektive der rationalen Wahl eingegangen, welche die Studienentscheidung als eine Kosten-Nutzen-Abwägung versteht. Als Faktoren des Studienabbruchs werden die Startbedingungen erkannt, unter welchen sich die vorhergehende Bildungskarriere, die soziale Herkunft, Migrationshintergrund und Geschlecht zusammenfassen lassen. Außerdem die Charakteristiken der Studienwahl wie studienbezogene und externe Faktoren.

Tinto (1975) führt zu Beginn eine klare Unterscheidung an, zwischen dem freiwilligen und unfreiwilligen Studienabbruch, wonach er auch seine Analysen orientiert. Des Weiteren betont er die Wichtigkeit eines longitudinalen Untersuchungsmodells, da einen Studienabbruch als Prozess versteht, der schon vor dem Eintritt in die Hochschule seinen Anfang nimmt (vgl. Tinto, 1975, S.90). Er beginnt mit der Ausführung der Selbstmordtheorie Durkheims, die er auf die Hochschulgesellschaft überträgt und folgert, dass unzureichende Integration in der Hochschule zu einem freiwilligen Austreten aus dieser Gesellschaft führt (vgl. ebd, S.91). Die Intensität der Zielbindung mit welcher der Studierende seinem Abschluss entgegenarbeitet, sei außerdem ein entscheidender Faktor der sich auf einen Abbruch auswirkt (vgl. ebd, S.93). Externe Einflüsse die vor allem auf die Kosten-Nutzen-Abwägung eines Studiums wirken haben nicht nur direkten Einfluss auf die Abbruchsentscheidung sondern wirken sich indirekt auch auf das Engagement aus (vgl. ebd., S. 98). Familiärer Hintergrund, Persönlichkeit, Bildungsvorerfahrungen und die Zielbindung sind für Tinto wichtige Faktoren, die er unter dem Aspekt der individuellen Merkmale in seine Betrachtungen einfließen lässt. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er der Integration in die Hochschulgesellschaft auf akademischer und sozialer Ebene. Schließlich geht er auf die institutionellen Eigenschaften ein und überprüft deren Einfluss auf die Studienabbruchrate, wobei er die institutionellen Unterschiede nur zum Teil auf die Entscheidung eines Studienabbruchs Einfluss nehmen sieht (vgl. ebd., S.111-116).

Tinto betont schon in seiner Einleitung die Notwendigkeit eines Längsschnittdesigns zur Untersuchung der Gründe des Studienabbruchs, den er als Prozess versteht. Diese Auffassung unterstützen auch Sarcletti & Müller die sich in ihrem Artikel sogar auf Tinto berufen (vgl. Sarcletti & Müller, 2011, S.244). Ausschlaggebend für die Analyse des Studienabbruchs ist bei Tinto die Unterscheidung von freiwilligem und unfreiwilligem Ausscheiden aus der Hochschule, denen unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen, denen sich Tinto getrennt zuwendet (vgl. Tinto, 1975, S. 89). Eine solche grundlegende Unterscheidung wird bei Sarcletti & Müller nicht vorgenommen, welche sich in ihren Ausführungen eher allgemein halten.

Weil für Tinto und Sarcletti & Müller der Studienabbruch ein Prozess darstellt, der schon vor Eintritt in die Hochschule beginnt, wird in beiden Artikel auf die Vorfaktoren eingegangen, welche Einfluss auf die Startbedingungen des Studierenden nehmen. Sarcletti & Müller ziehen dahingehend die soziale Herkunft, Migrationshintergrund, Geschlecht und vorausgehende Bildungskarriere in ihre Analyse mit ein (vgl. Sarcletti & Müller, 2011, S.239). Für Tinto ist die vorausgehende Bildungskarriere, der familiäre Hintergrund, worunter der soziale Status einbegriffen wird, und die individuellen Merkmale ebenfalls von besonderer Bedeutung. Auf den Migrationshintergrund wird nicht, das Geschlecht nur zum Teil eingegangen. Jedoch bezieht Tinto zusätzlich die Unterstützung des Elternhauses in die Betrachtung mit ein (vgl. Tinto, 1975, S.99), da er dieser sehr hohen Einfluss auf die Studienabbruchsentscheidung zuschreibt. Ebenso geht er immer wieder auf Charaktereigenschaften ein, die Studienabbrecher kennzeichnen sollen (vgl. ebd., S.101). Die besonderen Charaktereigenschaften werden bei Sarcletti & Müller ebenfalls, unter dem Aspekt der psychologischen Perspektive in verschiedenen Theorien verarbeitet.

Zwei wichtigen theoretischen Erklärungsmodellen geht Tinto auf den Grund: Zum einen Durkheims Selbstmordtheorie, zum anderen der Theorie der rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung. Beide finden sich auch bei Sarcletti & Müller wieder. Die Hochschule wird dabei als eigene Gesellschaft betrachtet, wobei eine fehlende Integration auf sozialer und akademischer Ebene zum freiwilligen Austreten, vergleichbar mit einem Selbstmord führt. Sarcletti & Müller differenzieren den Prozess der Integration in drei Phasen, der Loslösung, des Übergangs und der Einbindung (vgl. Sarcletti & Müller, 2011, S.237). Diese Unterscheidung ist bei Tinto (1975) nicht vorzufinden. Dieser konzentriert sich stark auf die Aspekte der sozialen und akademischen Integration, da sie für ihn in direkter Verbindung zu der Ziel- und Institutionsverbundenheit stehen (vgl. Tinto, 1975, S.110). Die Perspektive der rationalen Wahl oder Kosten-Nutzen-Abwägung ist das zweite Erklärungsmodell, welches Tinto anbringt (vgl. ebd. S.97). Das Individuum unterzieht dabei die aktuelle Studiensituation und mögliche Alternativen einer Kosten-Nutzen-Abwägung und entscheidet sich nach einem Vergleich für die Möglichkeit, die zu einer Maximierung des Gesamtnutzens führt. Auch dieser Aspekt führen Sarcletti & Müller in ihren theoretischen Perspektiven auf, trennen aber die Theorie der rationalen Wahl von anderen externen Faktoren des Studienabbruchs.

Während Tinto besonders auf die Unterscheidung zwischen den Ursachen eines freiwilligen und unfreiwilligen Studienaustritts Wert legt, ist das Ziel von Sarcletti & Müller eher das der allgemeinen Analyse. Trotz der unterschiedlichen Fokussierung lässt sich feststellen, dass beide Artikel bezüglich der wesentlichen Artikel in Übereinstimmung zu bringen sind. Während bei Tinto noch ausführlich auf die institutionellen Besonderheiten eingegangen wird, spielen diese bei Sarcletti & Müller nur indirekt eine Rolle. Sarcletti & Müller haben sich dafür dem Aspekt der sozialen Bildungsungleichheiten in Bezug auf Migration und Geschlecht ausführlicher hingegeben, wie auch der Unterscheidung zwischen verschiedenen Studiengängen. Somit greifen Sarcletti & Müller die relevanten Themen der aktuelle Situation mit erhöhter Zuwanderung und einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Studiengänge und damit steigendem Fächerangebot eher auf, was auch mit dem Verfassungszeitpunkt der Artikel in Verbindung zu bringen ist.

Recherche

Heublein, U. & Wolter, A. (2011). Studienabbruch in Deutschland. Definition, Häufigkeit, Ursachen, Maßnahmen. Zeitschrift für Pädagogik 57. 214 - 236.

Dieser Artikel erscheint als Ergänzung des Essays sinnvoll, da er neben den allgemeinen theoretischen Erklärungsansätzen besonders auf die aktuelle Entwicklung und Struktur des Studienabbruchs in Deutschland differenziert eingeht und dahingehend Gründe und Ursachen untersucht. Die im Essay behandelten Artikel waren eher allgemein gehalten und weniger spezifisch zugeschnitten auf die Studiensituation in Deutschland.

Literaturangaben

Scarletti, A. & Müller, S. (2011). Zum Stand der Studienabbruchsforschung. Theoretische Perspektiven, zentrale Ergebnisse und methodische Anforderungen an künftige Studien. Zeitschrift für Bildungsforschung 1, 235 – 248.

Tinto, V. (1975). Dropout from Higher Education: A Theoretical Synthesis of Recent Research. Review of Educational Research 45, 89 – 125.

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Details

Seiten
4
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668453203
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366526
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Studienabbruch Studienabbruchsforschung Bildungsforschung Gerechtigkeit Bildungsgerechtigkeit Soziale Ungleichheit

Autor

  • Neema Li (Autor)

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Titel: Soziale Ungleichheiten und Studienabbruch. Vergleich zweier Texte von Tinto sowie Sarcletti und Müller