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Zusammenfassung "Our Great Qing" von Johan Elverskog

Rezension / Literaturbericht 2017 4 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Sonstiges

Leseprobe

Das Buch Our Great Qing von Johan Elverskog ist die Darstellung der intellektuellen Geschichte der inneren mongolischen Selbstdarstellungen. Es zeigt demnach wie die Mongolen, speziell die in der tiefen, zentralen Mongolei, ihre Erzählungen, Rituale und Traditionen akzeptieren, ablehnen oder neu interpretieren. Dabei geht es auch um die politische Autorität und die staatliche Gewalt, die vom Qing-Gericht ausgeht. Elverskogs Studie zielt demnach darauf ab, ein kulturelles Bild zu zeichnen, welches nicht induktiv, also aus dem Zentrum heraus, sondern deduktiv, aus der Peripherie heraus, gezeichnet wird. Daher stehen die verschiedenen Mittel, die vom Qing-Gericht verwendet werden, wie Heiratsbündnisse, wirtschaftliche und soziale Institutionen, das Bureau of Colonial Affairs (Lifan Yuan) und die rohe militärische Gewalt zur Sicherung der fortgesetzten mongolischen Loyalität, nicht im Untersuchungsmittelpunkt des Buches. Hingegen trägt Elverskog jeden mongolischen Geschichtstext zusammen, der sich auf die Staatssicht oder die historische Sicht bezieht, vergleicht diese miteinander, indem er sie in die Perioden vor und nach der Gründung der Qing-Dynastie verortet und arbeitet hierdurch einen Perspektivwechsel heraus.

Dieser Perspektivwechsel, den Elverskog in den historischen Quellen gefunden hat, könnte verschiedene Ursachen haben wie zum Beispiel die Zeit, in der der Autor lebte, den Bezirk, in dem er lebte, sein Grad an Alphabetisierung, seinen eigenen Standpunkt oder den seines Stammes. Zudem können inländische oder ausländische Texte, die der Autor als geistige Vorlage bzw. geistiges Modell verwendet hat, diesen beeinflusst haben. Es ist unwahrscheinlich, dass nur ein Faktor den Perspektivwechsel innerhalb der historischen Texte verursacht hat. Elverskog jedoch verweist ausdrücklich in Bezug auf die Ursache des Perspektivwechsels unter mongolischen Quellen auf die Einführung der Qing-Regel, ohne die Texte selbst zu analysieren. Das heißt, die Hauptschwäche dieser Studie ist, laut Yumiko, das Fehlen textuell-kritischer Methoden.[1]

Die ersten drei Kapitel des Buches beschäftigen sich mit der Entwicklung bzw. dem Fortschritt von unabhängigen Gemeinden, wie den Khorchins, zu den Mongolen des Qing. Das dritte Kapitel Qing Ornamentalism and the Cult of Chinggis Khan setzt sich damit auseinander wie die Macht der tibetischen Hierarchien (dharma) und der Dschingis Khan Kult (Himmel) im Rahmen des Qing-Ornamentalismus verdrängt wurden. Ornamentalismus ist ein Terminus, der auf David Cannadine zurückgeht und meint, dass die britische Herrschaft ihre Untertanen in Kanada, Australien, Neuseeland etc. in ihre Klassenhierarchie drängte und zwar durch die Verleihung von Titeln und Preisen.

John King Fairbank, der von Kurihara Tomonobus Shin Kann inspiriert wurde, behauptete in seinem Werk The Chinese World Order, dass traditionelle chinesische Außenbeziehungen die Weltanschauung und Diplomatie der Quings grundsätzlich von dem Han-chinesischen tributpflichtigem Untertansystem beeinflusst wurde, welches in der Han-Dynastie vorherrschend waren. Des Weiteren behaupten sie, dass dieses System ein ideales war, auch wenn manche Titel von der Mitte ausgehend zur Peripherie verliehen wurden.

Elverskog behauptet hingegen, dass es fast ein Jahrhundert der Manchu-Herrschaft brauchte, um die Politik des Ornamentalismus zum Erfolg zu führen und dass diese Verzögerung verursacht wurde, weil eine andere Quelle der Autorität, der Dalai-Lama, weiterhin Titel vergab. Die meisten Themen, zu denen der Dalai-Lama Titel verlieh, waren jedoch nicht gegenüber den inneren Mongolen, auf die sich Elverskog konzentrierte, sondern stattdessen gegenüber Oyirad bzw. besonders gegenüber die Qinghai Qoshuuds. Darüber hinaus haben Kusunoki Yoshimichi und Oka Hiroki auf der Identität der innermongolischen Völker vor und nach ihrer Zugehörigkeit zu den acht Bannern nützliche Kommentare in ihrer Arbeit auf der Grundlage mongolischer Dokumente gemacht.[2] Generisch gesprochen, werden japanische Studien über die ostasiatische Geschichte oft von ausländischen Forschern ignoriert, daher sollten japanische Arbeiten mehr gefördert werden.[3]

Das vierte Kapitel trägt den Titel The Poetics, Rituals and Language of Being Mongol, Buddhist and Qing. In diesem Kapitel geht es darum wie die Rituale und Erzählungen der mongolisch-buddhistischen Identität umgewandelt wurden, um mit den mythischen Strukturen der buddhistischen Qing-Legitimität zusammenzufallen. Im Vergleich zu den historischen Qing-Quellen, die mit Dschingis Khan mit der Qing-Periode beginnen, die wiederum mit Mahāsa mata in Indien beginnen, geht Elverskog davon aus, dass nach der Einführung der Qing-Regel Dschingis Khan als einer der vielen Herrscher der mythischen Zyklen der buddhistischen Weltgeschichte gesehen wurde. Dies half den Mongolen, ein einheitliches Volksgefühl zu entwickeln und sich als Teil des buddhistischen Qing zu sehen. Für die Zuordnung von Dschingis Khans Vorfahren zur tibetischen und indischen Königsfamilie ist die Rezeption der tibetischen Chroniken vonnöten. Nach diesen tibetischen Chroniken war der erste tibetische König gNya'-khri-btsan-po ein Flüchtling aus Indien und ein Mitglied des indischen Königshauses. Die Achtung der Tibeter vor dem Geburtsort des Buddhismus verbindet die Linie der königlichen Familie mit der des indischen Königshauses. Gemäß den im 17. Jahrhundert geschriebenen mongolischen Chroniken wurde einer der Nachkommen des tibetischen Königs zu Börte-Cino. Börte-Cino war ein berühmter Vorfahre von Dschingis Khan. Auffallend ist, dass die Strukturen dieser beiden Chroniken völlig gleich sind. Der Respekt der Mongolen für die tibetische Kultur verband die mongolische königliche Familie mit der tibetischen königlichen Familie. Daher sollte dieser Wechsel von Dschingis Khan zu Mahāsa mata nicht durch die Einführung der Qing-Regel erklärt werden, sondern durch den tieferen Kontakt mit der tibetisch-buddhistischen Kultur.

Elverskog behauptet des Weiteren, dass diese Veränderung ein einheitliches Gefühl der Mongolen erzeugte, die sich, wie bereits erwähnt, als ein Teil des buddhistischen Qing verstanden. Folgt man dieser Logik, also wenn Mahāsa mata in den tibetischen Chroniken auftaucht, dann muss Tibet ein einheitliches Gefühl von Tibet forciert haben. Aber in der Tat ist das Gegenteil der Fall. Die meisten der berühmten tibetischen Chroniken wurden in den langen chaotischen Zeiten vor dem Aufstieg des fünften Dalai-Lama geschrieben, so dass die Anwesenheit von Mahāsa mata in der Erzählung kein vereinigtes Tibet erschaffen konnte. Hinzu kommt, dass im späten 18. Jahrhundert der Panchen-Lama Blo-bzang-Dpal-ldan-ye-shes (1738-1780) eine Reinkarnationsliste für den Qianlong-Kaiser schrieb. Dort werden drei Könige genannt, der indische König Prasenajit, der zur gleichen Zeit wie der Buddha Shākyamuni lebte, außerdem Mu-ne-btsanpo, ein König des alten Tibets, und Khubilai-Khan. An diesem Punkt waren also vier Staaten, nämlich die Inder, die Tibeter, die Mongolen und der Manchu geistig in einer Reihe verbunden. Es wird demnach klar, dass diese genealogische Kontinuität lediglich eine Option ist, die tibetisch-buddhistische Welt zu erklären. Auf dieser idealen Ebene ist die säkulare Qing-Regel jenseits der Betrachtung von Elverskog. Der Grund dafür ist, dass es viele tibetische Buddhisten wie die Buriyaden und die Torghuts gab, die am Kaspischen Meer vor dem Mongolischen Reich lebten. Wenn Elverskog ein besseres Verständnis der tibetischen Chroniken hätte, würde er die mongolische Genealogie, laut Yumiko, die mit Mahāsa mata beginnt, nicht mit der Einführung der Qing-Regel verknüpfen.[4]

Summa summarum kann konstatiert werden, dass Elverskogs Studie die beste historische Studie aus einer erschöpfenden Textkritik und aus der Anhäufung von kleineren Fallstudien ist, die bisher publiziert und durch historische Quellen belegt ist. Zu monieren ist, dass niemals kulturelle Fremdfaktoren bei einer umfassenden Untersuchung ausgeschlossen werden sollten, weil es keine hundertprozentig homogene Kultur gibt, die unabhängig von fremdem Einfluss in der Welt ist.

[...]


[1] Vgl. Yumiko, I. (2008): Book Review Our Great Qing: The Mongols, Buddhism, and the State in Late Imperial China. In: Journal of Chinese Studies No. 48, S. 511 – 516.

[2] Yoshimichi, K. (2001): Sincho no hakki ni kumikomareta jarud bu mongol zoku. In: Sizen ningen bunka: chiiki tougou to minzoku tougou. Tsukuba: Tsukuba University, S. 29–39. Hiroki, O. (2007): Shindai mongoru meiki seido no kenkyu. Tokyo: Toho shoten, S. 227 - 268.

[3] Vgl. Yumiko (2008), S. 515.

[4] Vgl. ebd., S. 516.

Details

Seiten
4
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668441644
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366514
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,0
Schlagworte
zusammenfassung great qing johan elverskog

Autor

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