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Karikaturen. Chancen der didaktischen Nutzung im Geschichtsunterricht

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Geschichte - Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bild
2.1. Definition/ Der Weg in die Geschichtsbücher
2.2. Bildgattungen

3. Die Bildgattung „Karikatur“
3.1. Definition/ Einführung in die Interpretation
3.2. Interpretation
3.3. Chancen für den Geschichtsunterricht

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Um ein Bild von mittlerer Komplexität so aufzunehmen, dass es auch später wieder erkannt wird, braucht ein Mensch im Durchschnitt 1,5 bis 2,5 Sekunden.“[1] Die Aufnahmefähigkeit und Aussagekraft des Bildes bekräftigt auch die Metapher, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt. „Eine noch so gründliche und exakte Beschreibung eines Bauwerkes, einer Landschaft, eines Menschen kann je deren einzigartige Physiognomie so zum Vorschein bringen wie ein Bild. Die Sprache reicht niemals auch nur im entferntesten hin, die Fülle und Eigentümlichkeit des Erscheinenden abzubilden, die das Auge mit einem einzigen Blick aufzunehmen vermag. Die optische Repräsentation der Welt ist eine wesenhaft andere als die sprachliche, und die eine ist durch die andere auf keine Weise zu ersetzen“[2], bringt Joachim Rohlfes, ein emeritierter Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Bielefeld, die Bedeutung des Bildes auf den Punkt.

In der vorliegenden Arbeit geht es darum, didaktische Chancen der Karikatur, die eine spezielle Bildgattung darstellt, für den Geschichtsunterricht herauszuarbeiten. Mithilfe des Schemas nach Hans-Jürgen Pandel wird die Karikatur „ A load of pure Aryan“ interpretiert und die daraus resultierenden Chancen für den Geschichtsunterricht erläutert. Da die Karikatur eine spezielle Bildgattung darstellt, wird der Fokus zunächst auf die Geschichte und andere Gattungen des Bildes gerichtet, ehe die Karikatur in den Mittelpunkt gerückt wird. In der vorliegenden Arbeit wird der Fokus deshalb auf Karikaturen gelegt, weil sie in den letzten Jahrhunderten aggressiver und provokanter wurden und somit Schüler dazu anregen können, bestimmte Inhalte kritischer zu betrachten.

Zur Forschung lässt sich sagen, dass in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, im Zuge der Etablierung der nonverbalen Kommunikationsforschung, die systematische Untersuchung der Mechanismen der visuellen Eindrucksbildung begann.[3] Aufgrund der Einführung des Internets und der universellen Verfügbarkeit von Bildern, bekam die Forschung in den 1990er Jahren über die „Auseinandersetzung über die Bebilderung gegenwärtiger wie vergangener Wirklichkeiten […] eine neue Dynamik.“[4] Diese Gegebenheit macht sich unter anderem in den Geschichtsbüchern in der Schule bemerkbar.

2. Das Bild

2.1. Definition/ Der Weg in die Geschichtsbücher

In diesem Abschnitt wird zunächst auf die Definition des Bildes eingegangen, ehe die chronologische Geschichte beschrieben wird, in der das Bild Einklang in den Geschichtsbüchern fand. Um die Bildgattung „Karikatur“ auszuführen, wird zunächst einleitend das Bild im Allgemeinen in Betracht gezogen.

Der Begriff des Bildes hat seinen Ursprung vom althochdeutschen bilidi, der später im mittelhochdeutschen in bilde umgewandelt und schließlich, aufgrund der Apokope[5] des Endungs- e, zu Bild umgeformt wurde.[6] Eine möglidinition lautet folgendermaßen: „ Ein Bild ist eine zweidimensionale Fläche, die durch Linien, Farbabstufungen oder graduelle Helligkeitsabstufungen konturiert ist.“[7]

Das Bild ist neben dem Lehrbuch und der Tafel eines der ältesten Hilfsmittel des Unterrichts. Schon im Jahre 1651 wollte Comenius, ein bewährter Theologe und Pädagoge des 17. Jahrhunderts, sein für den Lateinunterricht bestimmtes Schulbuch „Spracheingang“(„Vestibulum linguarum“) mit Abbildungen der darin besprochenen Gegenstände versehen. Aus Ermangelung eines geeignetes Künstlers gelang es ihm erst sechs Jahre später mit dem „Orbis pictus“, das als eines der ersten multimedialen Unterrichtsmaterialien und als Vorläufer der illustrierten Lehrbücher angesehen wird. Die Durchsetzung der Bebilderung begründete Comenius in seiner Vorrede wie folgt:

„Dieses Büchlein, auf diese Art eingerichtet, wird dienen, wie ich hoffe: Erstlich, die Gemüter herbeyzulocken, daß sie ihnen in der Schul, keine Marter, sondern eitel Wollust, einbilden. Dann bekannd ist, daß die Knaben […] sich an Gemälden belustigen, und die Augen gerne an solchen Schauwercken weiden. Dann die Sinnen suchen allemahl ihren Gegenstand, und wann sie denselben nicht haben, werden sie abgenützet, und kehren sich, an sich selber Verdruß habend, bald da- bald dorthin: wann aber dieselbige [Aufmerksamkeit?] vorhanden ist, werden sie erfrölicht, und gleichsam lebendig [...]“[8]

Um es mit anderen Worten auszudrücken: Die Überlegungen, die Comenius mit der Bebilderung hatte, lassen sich noch heute in die der modernen Didaktik übertragen, wonach „Bilder affektiv ansprechen sollen, die Aufmerkamkeit der Schüler stärken, zur Konkretisierung, Vergegenwärtigung und Verlebendigung abstrakter oder unbekannter Sachverhalte beitragen, Betroffenheit bei den Betrachtern auslösen und den Lernerfolg sichern.“[9]

Im Geschichtsunterricht setzten sich die Erkenntnisse des Comenius' erst allmählich durch. Noch im 19. Jahrhundert gab es in Lehrbüchern keine Bilder. Als Anschaungsmaterial dienten in den Klassenräumen lediglich eine Deutschlandkarte für den vaterländischen Geschichtsunterricht und eine Palästinakarte für den biblischen Geschichtsunterricht. Nur an besser ausgestatteten und wohlhabenden Lehranstalten fand sich gelegentlich Anschauungsmaterial in Form von Bildtafeln oder Gibsabgüssen.

Erst gegen Ende des 19.Jahrhunderts startete der Durchbruch. Der bis dahin dominierende Leitfaden wurde immer mehr durch reich illustrierte Lehrbücher ersetzt, dank neuer didaktischer Erkenntnisse und der sich schnell entwickelten Photographietechnik, die kostengünstige Veranschaulichungsbilder ermöglichte. Schließlich kündigte sich die reformpädagogische Bewegung an: Die Abkehr von der trockenen Lernschule und Belehrungsanstalt, die Berücksichtigung und der Phantasie des Kindes, legten nahe, Bildmaterial auch im Geschichtsunterricht zu nutzen. „Die Ausstattung der Lehrbücher mit Bildern aller Art hat seit dieser Zeit unaufhörlich zugenommen. Die Schule erkannte die vielfältigen Möglichkeiten, die das Bild schuf. Und so wurden berühmte Persönlichkeiten, historische Ereignisse, etc. verbildlicht.[10]

2.2. Bildgattungen

In diesem Abschnitt werden verschiedene Bildgattungen mit ihren jeweiligen Kriterien herangezogen. Dabei wird insbesondere auf Micheal Sauer, einer der wichtigsten Geschichtsdidaktiker unserer Zeit, eingegangen. Bilder können zunächst Aufschlüsse über die Sachkultur aus der Vergangenheit geben. So lassen sich aus Bildern viele Dinge über Wohnen, Kleidung, Arbeit oder Technik erfahren.

Interessanter wird zudem, wenn Bildreihen zusammengestellt werden, um Veränderungen aufzuzeigen.

Außerdem kann man aus Bildern einiges über die Mentalitätsgeschichte lernen. Sie geben Auskunft über „gesellschaftliche Wertvorstellungen, soziale Beziehungen, Wahrnehmungen und Haltungen, mit anderen Worten: über das kollektive Bewusstsein und die Selbstdeutungen von Menschen früher“[11] Zudem können Bilder

als „Propaganda“ wirken. Bilder sind nicht nur Abbildungen vergangener Realität, sondern auch Deutungen. Sie zeigen uns, wie Künstler eine bestimmte Sache gesehen haben. Viele Bilder beabsichtigen eine bestimmte Wirkung, sei es die Legitimierung von Herrschaftsvorstellungen, die Verbreitung von religiösen Ansichten oder die Diffamierung von bestimmten Gegnern oder Gruppen.

„Bildinhalte lassen sich in folgende Bilder unterscheiden: Personenbilder, Alltagsbilder, Landschaftsbilder, Stadtbilder Die meisten Bildgattungen sind Einzelbilder, außer: Bildchroniken, Bilderbögen, Bänkeltafeln, Bildergeschichten, Fotoreportagen oder Comics.“[12] Unter Techniken- und Präsentationsformen lassen sich die Gattungen Plastik i, Druckgrafik und Fotografie unterscheiden.

Und zu guter Letzt führt Sauer Darstellungsintentionen auf. Hierbei nennt er beispielsweise Plakate oder Karikaturen.[13] Apropos Karikaturen: Das ist das Thema dieser Seminararbeit.

3. Die Bildgattung „Karikatur“

3.1. Definition/ Einführung in die Interpretation

Im folgenden Abschnitt wird zunächst auf die Definition der Karikatur eingegangen. Danach wird in die Interpretation im Allgmeinen eingeführt, ehe die Karikatur „ A load of Pure Aryan“ interpretiert wird.

Definition von „Karikatur“

„Der Begriff entstammt dem talienischen: „caricare“ heißt „beladen“ oder „überladen“[14] und bezeichnet eine verzerrende Darstellung von Menschen, von politischen oder gesellschaftlichen Zuständen in satirischer Absicht.“[15]

Einführung

Zunächst hat die Lehrperson das Ziel der Interpretation festzulegen. Dabei ist es wichtig, ob die Karikatur in der Einstiegs,- Erarbeitungs,- Vertiefungs- oder Sicherungsphase eingesetzt wird.[16] Außerdem setzt eine Karikatur Vorwissen voraus, weshalb Schüler in der Einstiegsphase nicht mit einem komplexen Thema konfrontiert werden dürfen, das sie noch nicht behandelt haben. Es bestünde nämlich die Gefahr, dass Überforderung der Schüler mit Demotivation einhergehen könnte.

Die hier zu interpretierende Karikatur ist für eine zehnte Klasse einer Realschule in Nordrhein-Westfalen vorgesehen. Nachdem in der neunten Klasse die Zeit des Nationalsozialismus behandelt wurde, interpretieren die Schülerinnen und Schüler ein Jahr später eine sich auf die Zeit beziehende Karikatur.. Diese Wiederholung eignet sich gut als Einstieg für in das Thema der Nachkriegszeit. Somit wird das Wissen aus dem Vorjahr „aufgefrischt“ und das Thema behandelt, das sich darauf zeitlich anschließt. Für die Auswahl dieser Karikatur ist der Unterhaltungsfaktor ein wichtiger Faktor. Außerdem setzt sie für eine zehnte Klasse angemessenes Vorwissen voraus, bei dem die Schüler nicht überfordert werden.

Es gibt in der Geschichtsdidaktik kein allgemein akzeptiertes Interpretationsmodell für Bilder. Für die gleich folgende Interpretation wurde das von Pandel aufgeführte Modell herangezogen, indem vier Ebenen zu durchschreiten sind, „auf denen verschiedene Sinnschichten erschlossen werden müssen: Erscheinungssinn, Bedeutungssinn, Dokumentensinn und Erzählsinn“.[17]

Im ersten Schritt werden Bildelemente wie Mimik, Gestik, Posen, Linien, Farben und Formen sowieso Relationen sprachlich genannt. Dabei ist zunächst nur alltagsweltliches Wissen zugelassen. Beispiel: Ein Mann mit zwei Kindern an der Hand muss als solcher benannt werden, statt dem Mann eine Beziehung zu den Kindern zuzuordnen. Im zweiten Schritt wird der Bedeutungssinn der einzelnen Bildelemente, der einzelnen Motive sowie des gesamten Bildes erschlossen. Hierbei ist es von Nöten, dass dem Betrachter das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft präsent ist. Beim dritten Schritt (Dokumentensinn) sind folgende Fragen zu stellen: Wofür steht das Abgebildete? Wie ist der historische Zusammenhang zum Abgebildeten? Im letzten Schritt der Interpretation gilt es, den Zeitsinn zu entschlüsseln. Hierbei muss auf die Bildvergangenheit und auf die Zukunft des Bildes eingegangen werden: Was geschah davor? Was passierte danach?[18]

[...]


[1] Riedl, Carolin. Werbewirkungsforschung: Neue Ansätze durch Neuromarketing. Hamburg, 2014. 5.1.

[2] Rohlfes, Joachim. Geschichte und ihre Didaktik. Göttingen, 2015. 332.

[3] Vgl. Frey, Siegfried. Die Macht des Bildes. Hemsbach, 1999.10.

[4] Hamann. Christoph. Visual History und Geschichtsdidaktik. Herbolzheim, 2007. 14.

[5] Wortklärung: Sprachwissenschaft: Wegfall von Sprachlauten am Wortende.

[6] Vgl. Online: Duden. www.duden.de/rechtschreibung/bild. [Stand: 20.01.2017].

[7] Mayer/ Schönemann. Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Schwalbach/ Ts, 2014. 3. 29.

[8] Bergmann/Schneider. Das Bild. In: Pandel/ Schneider (Hrsg). Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts, 2010. 5. 226.

[9] Ebd. 226.

[10] Vgl. Ebd. 226f.

[11] Sauer, Michael. Geschichte unterrichten. Minden, 2005. 4. 153ff.

[12] Ebd. 155.

[13] Vgl. Ebd. 155.

[14] Vgl. Pandel, Hans-Jürgen. Karikaturen. In: Pandel/Schneider (Hrsg). Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Schwalbach, 2010. 5. 269.

[15] Mayer/ Schönemann. Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Schwalbach/ Ts, 2014. 3. 99.

[16] Vgl. Spieß, Christian. Quellenarbeit im Geschichtsunterricht. Göttingen, 2014. 8. 102.

[17] Pandel, Hans-Jürgen. Bildinterpretation. In: Pandel/Schneider (Hrsg): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts, 2013. 4. 178.

[18] Vgl. Ebd. 178.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668453968
ISBN (Buch)
9783668453975
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366452
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Geschichtsdidaktik
Note
2,0
Schlagworte
Analyse Interpretation Schule Unterricht Karikatur Bild Chancen Didaktik

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