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Separatismusbestrebungen in Brasilien

Wissenschaftlicher Aufsatz 2017 66 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Um sich mit dem Thema der Loslösung auseinandersetzen zu können, muss zuerst die Bedeutung des Begriffes Separatismus analysiert werden. Im Folgenden werden verschiedene Definitionen, gefolgt von Erläuterungen, aufgeführt, die sich mit dem Begriff Separatismus im möglichst allgemeinen Sinne beschäftigen:

- „Der Begriff Separatismus im politischen Sinne bezeichnet in der Politik das Bestreben nach der Loslösung eines Gebiets oder einer Teilbevölkerung aus einem Gesamtstaat und ist im Bereich der christlichen Religion eine frühere Bezeichnung für das Bestreben einer Gruppe von Gläubigen nach Trennung von einer größeren Gesamtkirche.“[1]
- „Sezession (aus dem Lateinischen secessio für Abspaltung, Absonderung) bezeichnet in der Politik die Loslösung einzelner Landesteile aus einem Staat.“[2]

Typisches Beispiel dafür ist der amerikanische Bürgerkrieg von 1861-65, welcher zur Popularisierung des Wortes „Sezession“ beitrug und als „Sezessionskrieg“ in die Neuere Geschichte einging.

Das politische Element ist in diesem Fall besonders hervorzuheben, da entgegen dem Erscheinungsbild in Brasilien, wo unterschiedliche Kulturen (überwiegend Deutsche und Italiener gegenüber Einheimischen oder Portugiesen) aufeinander prallten, gab es im Amerika des 19. Jahrhunderts keine so stark ausgeprägte kulturelle Kluft, sondern eher politisch-wirtschaftliche Interessengegensätze: Während die industrialisierten Nordstaaten verhältnismäßig weniger fruchtbare Böden und wenig Bedarf an dauerhaft an einer Stelle beschäftigten Landarbeitern hatten, waren die Südstaaten für ihre immensen Baumwoll- und Tabakplantagen auf dauerhaft ortsgebundene Arbeitskräfte angewiesen. Die mit der Sklaverei verbundenen moralischen Skrupel spielten im Sezessionskrieg trotz aller Rhetorik in Amerika eine untergeordnete Rolle.

- „Sezessionsbestrebungen einer Teilbevölkerung mit dem Ziel, einen eigenen, souveränen Staat zu bilden, werden auch als Separatismus bezeichnet und gehen oft mit kriegerischen Auseinandersetzungen einher. Im engeren Sinne bezeichnet Separatismus die ideologische Grundlage oder die politisch-soziale Aktion, die bei Erfolg zur Sezession führt.“[3]

Diese Erscheinungsform der Trennung kann am Beispiel der Basken in Südwestfrankreich und Südostspanien beobachtet werden. Diese kämpfen gegen ihre jeweiligen Staaten, wobei in Frankreich ein Arrangement erreicht werden konnte, während die ETA, die militante Befreiungsorganisation der spanischen Basken, bis heute mit grausamen Gewaltakten auf sich aufmerksam macht.

- „Als secessio plebis wurde im alten Rom der legendäre Auszug des Volkes aus der Stadt auf den Mons Sacer, den heiligen Berg, im Jahre 494 v. Chr. bezeichnet. Die nichtadeligen, sogenannte Plebejer, erreichten mit dieser Protestaktion die Einrichtung des Volkstribunats und damit ein politisches Mitspracherecht in der von den adeligen Patriziern bisher allein regierten Stadt.

In dieser klassischen Form der Trennung fügte sich die Trennung der sklavenhaltenden Südstaaten von den USA im Jahr 1860/61 und die Bildung der Konföderierten Staaten (CSA).

Dies hatte den Amerikanischen Bürgerkrieg[4] zur Folge, der mit der Wiederherstellung der staatlichen Einheit endete.“[5]

Dazu siehe Erläuterungen im zweiten Punkt dieser Aufstellung.

Begriffe wie Separatismus, Sezession und Regionalismus finden sich in vielen historischen Entwicklungen verschiedener Länder. Entweder traten bzw. treten diese noch immer als regionaler Ausdruck für Unmut von Minderheiten oder in der Form von Enklaven innerhalb eines Staatsgebiets auf (zum Beispiel die o.e. Basken).

Bei der Analyse von Separatismusbewegungen stößt man unwillkürlich auf das Thema Rassismus. Schon die Antike liefert Beispiele dafür.

Die ersten, durch ihr „Anderssein“ öffentlich gebrandmarkten, waren die Dolmetscher. Durch ihre besonderen Fähigkeiten waren sie zwar geduldet, dennoch unterstellte man ihnen, dass sie beispielsweise Spione oder Diebe wären. Dieses Verhalten gegenüber den Dolmetschern wurde nicht durch gezielte Initiativen erzeugt, sondern entstand allein dadurch, dass verschiedene Rassen oder Völker dazu neigten, sich gegen Fremde zu stellen oder misstrauisch zu werden.

Fremdenfeindlichkeit, die mit dem Begriff Rassismus gerne gleichgesetzt wird, ist eine Erscheinung, die alltäglich in jedem Land auftritt.

Der Rassismus, der auf dem amerikanischen Kontinent herrscht, sei es in Kanada oder in Brasilien, wurde von den Europäern schon im 15. Jahrhundert mitgebracht. Im Zuge von Gesetzesvorschlägen und -änderungen, wurden Angehörige fremder Kulturen, zuerst Indianer, dann Schwarze bzw. Afrikaner systematisch benachteiligt. Die Gesetze beeinflussten im Folgenden die Verhaltensmuster gegen Fremde im alltäglichen Leben.

In Brasilien wurde ab der portugiesischen Besiedlung von kleineren regionalen Gruppen des Öfteren Autonomie angestrebt. Solche lokalen Bewegungen hatten unter anderem multikulturellen Charakter, wurden aber aufgrund der Größe des Landes kaum bzw. gar nicht in anderen Teilen wahrgenommen und konnten daher auch deshalb ihre angestrebten Ziele nicht erreichen.

Grundsätzlich weisen Separatismusbestrebungen folgende Merkmale auf:

- Ständige Gewaltanwendung: Gekennzeichnet durch die Neigung zur Anwendung von bewaffnetem Widerstand gegen das etablierte Rechtssystem. Der Erscheinungsgrad dieses Merkmales variiert von Fall zu Fall und intensiviert sich auch oder lässt auch im gleichen Fall nach, wie in Nordirland, wo auf Jahre von intensiven bewaffneten Kämpfen, Jahre passiven Widerstands folgten.
- Politische Ziele: übergeordnetes Ziel ist letztendlich die Umsetzung eigener politischer Strukturen, welche nicht zwangsläufig umgehend mit der Gründung eines neuen Staates erreicht werden müssen, jedoch in sich die richtungsweisende Entwicklung eigener politischer Selbständigkeit birgt.
- Klare Trennungsintentionen: Wie schon angeschnitten müssen die Loslösungsbestrebungen nicht immer mit Xenophobie oder Rassismus identifiziert werden; die Trennungsabsicht ist aber unzertrennlich mit separatistischen Aktivitäten verbunden.

-

In der brasilianischen Separatismusbewegung sind diese Charakteristika – insbesondere die Anwendung von Gewalt – nur im Ansatz erkennbar, was man als typisch für Brasilien ansehen könnte.

Im Folgenden werden gelungene Beispiele für Abspaltungsbewegungen zitiert, aber zugleich werden Fälle näher beleuchtet, in denen die klassischen Ziele entweder klar verfehlt bzw. in einem so geringen Ausmaß erreicht wurden, dass man von Erfolg nicht mehr sprechen kann.

- Die Trennung der südlichsten Provinz Brasiliens, „Província Cisplatina“ im Jahr 1828 hatte mit der Gründung von Uruguay Erfolg. Hier war vor allem die schützende Hand Englands, das für die Verfolgung eigener Ziele die Unabhängigkeit der „Cisplatina“ bevorzugt hat, entscheidend.
- Die in Nordbrasilien aktive Bewegung des wohl bekanntesten Sozialrevolutionärs Brasiliens, Antônio Conselheiro[6], sollte ihre Ziele nicht verwirklichen können. Er führte im Norden der Provinz Bahia eine Bewegung, die sich in erster Linie gegen Steuern und Gesetze der bereits gegründeten brasilianischen Republik gewehrt hatte.“[7] Er fiel schlussendlich in einem Scharmützel mit der Armee, was das Ende der Bewegung bedeutete. Der so genannte Krieg um Canudos führte aber, außer den viele Menschenleben, die er kostete, zu keinem Ergebnis. Euclides da Cunha erlebte diese bewaffnete Bewegung mit und analysierte sie in einem unfangreichen Werk, das ein Bestseller der lateinamerikanischen Literatur wurde.[8]
- Ende des 20. Jahrhunderts erlebten die Separatismusbestrebungen in Brasilien mit der Ausrufung der selbst ernannten „Republica Federal do Pampa“ ihren Höhepunkt. Diese fand nach einem aufwändigen Prozess gegen den Rädelsführer Irton Marx und einen Kameraden namens Michelon Rizzon ein vorläufiges Ende. Marx wurde aber nicht wegen seiner Separatismusideen verurteilt, sondern wegen der rassistischen Aussagen in seinen Büchern.

Die „Quilombos“

Die Sklaven, die vor ihren Besitzern flüchteten, fanden bis 1699 eine Zuflucht in „Quilombos“[9], im Bundestaat Alagoas. Dort wurde der sogenannte „Freie Negerstaat“ gegründet.

„Besonderen Zulauf erhielt der Quilombo von Palmares nach 1630, als sich die Holländer und Portugiesen um Pernambuco stritten. Dieser Krieg band die Energie und Aufmerksamkeit der weißen Herren, obwohl sich auch Schwarze in diesen Krieg hineinziehen ließen. Oft gelockt durch das Versprechen auf Befreiung aus der Sklaverei, misstrauten aber viele Schwarze den weißen Herren und nahmen ihre Freiheit in eigene Hände.“[10]

Nachdem die Portugiesen die Zufluchtsstätten der Sklaven zurückerobert hatten, wurden die Anführer hingerichtet.

Zum Wesen der „Quilombos“ sollte man erwähnen, dass die Sklavenrevolte der Afrikaner im Norden Brasiliens nicht mit einer separatistischen Bewegung im klassischen Sinne gleichgestellt werden kann, denn als untergeordnete und unfreie Menschen bezweckten diese nicht, ein bestimmtes Gebiet als unabhängig zu erklären. Sie flohen lediglich, um ihre Freiheit zu erlangen und griffen dabei zu Gewalt.

Das Hierarchische und Politische, mit der Gründung von Siedlungen und Barrikaden in den Wäldern, diente nicht primär einer gesellschaftlichen Organisation, sondern ergab sich aus den Umständen. Die Quilombos bedauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen um einiges, die heimliche Hauptstadt Palmeras existierte bis 1695, fast ein Jahrhundert.

Mit der weiteren Entwicklung kann man eine strukturierte Gesellschaft beobachten, die mit Führern, die den afrikanischen Königen der damaligen Zeit gleichgestellt werden können, ausgestattet waren. Dieser Aspekt der Quilombos wurde erst in den letzten Jahrzehnten von Historikern erforscht. Gerade als sich die Dörfer verbreitet hatten (besser: vergrößerten, ausbreiteten) und die entstandene Bevölkerung sich politischen und gesellschaftlichen Aufgaben widmete, wurden diese von den Portugiesen angegriffen und dezimiert. Anfang des 18. Jahrhundert wurden die letzten „Quilombos“ gewaltsam aufgelöst.

Die Revolution von Pernambuco

Etliche Revolutionen in Brasilien im 19. Jahrhundert standen in direkter Verbindung mit der instabilen politischen Situation der südlichen Provinz Cisplatina. Auf dieses Gebiet erhoben sowohl die Spanier, als auch die Portugiesen Anspruch. Dadurch kam es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu immer wieder aufflammenden Konflikten, die sich erst nach der sogenannten „Farroupilha-Revolution“ beruhigten. Letztendlich konnten die Portugiesen den Sieg in Montevideo davontragen, jedoch war das der Beginn vieler Separatismusbewegungen in ganz Brasilien.

Die separatistische Bewegung in Pernambuco[11] begann am 6. Mrz 1817, nachdem die luso-brasilianischen Streitkräfte Montevideo schon besetzt hatten.

Die Grundlage der Pernambuco-Revolution war nicht ethnischer, sondern viel mehr ökonomischer Natur. Die Einwohner wollten sich gegen die portugiesische Finanzpolitik zur Wehr setzen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung kam nicht von ungefähr: Die brasilianischen Bewohner wurden dazu angehalten, die für Portugal gewinnbringende, aber von Auen bedrängte Provinz Cisplatina zu verteidigen und

zu unterstützen. Die Bewegung der Truppen aus ganz Brasilien in den Süden, um die Cisplatina zu verteidigen, wurde zum Pyrrhussieg. Kurzfristig konnte Brasilien Cisplatina verteidigen, der Norden jedoch nutzte das Machtvakuum zur offenen Revolte.

Zusätzlich verschlechterte sich die volkswirtschaftliche Lage durch den Verfall des Zuckerpreises, wobei Zucker die Grundlage der Landwirtschaft im nördlichen Pernambuco darstellte. Darüber hinaus brach der Exportmarkt für Baumwolle zusammen. Um die kostspielige Verteidigung der „Bacia de la Plata“[12] zu finanzieren, wurden die Zollgebühren und Steuern erhöht.

Angesichts dieser Fakten erscheint es logisch, dass die Brasilianer kein Interesse daran hatten, Cisplatina zu erhalten. Die Portugiesen stellten sich hingegen auf die Seite Lissabons. Diese Differenzen entfachten die Revolution in Recife, bei der die Bevölkerung nicht einsehen wollte, dass für die Erhaltung der Cisplatina im reichen Süden der arme Norden finanziell aushungerte.

Es war geplant, den Aufstand am Palmsonntag 1817 unter geistlicher Führung in Gang zu setzen, damit ihm ein religiöser Charakter zukam. Jedoch kam es unter den militärischen Mitwirkenden zu einer Auseinandersetzung, bei der zwei portugiesische Offiziere getötet wurden. Das Resultat war, dass die Revolution früher als geplant eingeleitet wurde. Zur Bekämpfung der Aufständischen wurden unter Graf dos Arcos zwei Kommandos entsendet – einmal über den Landweg und einmal per Schiff. Die Gesamtzahl an Soldaten, die zu diesem Einsatz geschickt wurden, schätzte der französische Konsul in Rio de Janeiro auf rund 8.000 Mann. Die Republik überlebte nur 75 Tage nach ihrer Ausrufung.[13]

Die Leitfigur des Aufstands war der Pfarrer Joo Ribeiro Pessoa de Melo Montenegro. Nach dem Eingreifen der Truppen wurde den Aufständischen klar, dass sie unterlegen waren und zogen sie sich in das Dorf Engenho Paulista zurück.

Dort vernichtete Melo Montenegro alle Beweise, bevor er vor dem Altar der Dorfkirche Selbstmord beging. Das Schicksal sollte es mit den übrigen Revolutionären nicht besser meinen: Jos Martins, Jos Lus de Mendona und Pfarrer Miguelinho[14] wurden verhaftet und nach Salvador überstellt.

In der Nachbarprovinz Paraba, die sich ebenfalls an der Revolution beteiligte, wurden die Revolutionäre Jos Peregrino de Carvalho, Amaro Gomes da Silva Coutinho, Francisco Jos da Silveira, Incio Leopoldo de Albuquerque Maranho und Pfarrer Antônio Pereira de Albuquerque hingerichtet. Obwohl der Pfarrer Melo Montenegro sich selbst das Leben genommen hatte, wurde seiner Leiche der Kopf abgetrennt, auf einem Pfahl aufgespießt und in Recife ausgestellt.

In der brasilianischen Geschichte wird die Revolution von Pernambuco gerne als eine Leistung gewertet, die den Weg zur Unabhängigkeit ebnete. Man sollte aber dagegenhalten, dass die Revolution hauptsächlich die Gegensätze zwischen den Provinzen betonte.

Oberacker meint dazu, da diese Unliebsamkeiten nicht über „wirtschaftliche und politische Eifersüchteleien“ hinausgegangen wären. Die brasilianischen Portugiesen hätten sich trotz allen Unmutes nach wie vor als der großportugiesischen Nation angehörig gefühlt.[15]

Die Provinz Cisplatina

Wie schon am Beginn dieser Ausarbeitung erwähnt, war die Abspaltung der 1821 gegründeten Provinz Cisplatina die einzig erfolgreiche Separatismusbewegung in Brasilien.

Nur knapp 8 Jahre nach Gründung der südlichsten Provinz Brasiliens, im Jahre 1828, entstand aus der Cisplatina der Staat Uruguay. Damals erhoben Brasilien sowie Argentinien (zu dieser Zeit noch als Vereinigte Provinzen von Rio de la Plata genannt) Anspruch auf das Gebiet östlich des Rio de la Plata.

Die Gründe für die gelungene Abspaltung sind vielschichtig. Prinzipiell ging es Brasilien darum, dass Argentinien sein Gebiet am Rio de la Plata nicht über beide Ufer ausdehnen sollte. Der brasilianische Kaiser Dom Pedro fürchtete bei einem Territoriumszuwachs Argentiniens, dass er seine Vormachtstellung in Südamerika verlieren könnte.

Weiters würde Argentinien durch den Anspruch auf beide Flussufer die Schifffahrt kontrollieren. Als Dritter mischte England in diesem Spiel mit, da es den Engländern nicht gelegen kam, dass Argentinien den Schiffsverkehr in dieser Region dominieren sollte. England stellte sich damit zugleich gegen Brasilien, als auch gegen Argentinien, um die Provinz Cisplatina 1828 per erzwungener Vereinbarung in die Form des Staates Uruguay zu führen.

Der Vorteil, durch den England einen Handlungsspielraum erlangen konnte, war der Faktor Bevölkerung. Für die Bewohner der Provinz Cisplatina zählte vor allem, dass wieder Frieden in ihrer Heimat herrschen sollte.

Brasilien interessierte sich nicht besonders für die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung, sondern allein der Wert der Region als Exportgebiet war für die zentrale Regierung in Rio de Janeiro bestimmend. Aus diesem Grund übersiedelten die portugiesischsprachigen Bewohner in andere Provinzen, und nur das Militär war noch präsent. Diese Entvölkerung erleichterte England die Unterstützung zur Staatsgründung Uruguays.

Die „Cabanagem“

Die Bewegung Cabanagem[16] war eine weitere brasilianische Separatismusbestrebung im 19. Jahrhundert. Der Ausgangspunkt der Revolte war Belm do Par, Hauptstadt der Provinz GroPar. Eigentlich nur als reine Protestaktion im Jahr 1823 angedacht, entsprang daraus nur ein Jahrzehnt später eine Separatismusbewegung.

“Although it is difficult to identify a beginning to the Cabanagem rebellion proper, matters come to a head in this gap at the end of 1834.”[17]

Außergewöhnlich an dieser Sezessionsbewegung war die „bunte“ Mischung der Teilnehmer: Einheimische, Kolonisten und Sklaven bemühten sich gemeinsam um Eigenständigkeit. Somit trug eine breite Bevölkerungsschicht die Bewegung.[18] Diese multikulturelle und multiethnische Bewegung war frei von Rassismus.

Da jede Gruppe Ansprüche geltend machte, sah man in einem gemeinsamen Vorgehen, das ziel- und inhaltsgerichtet war, eine Chance, eine Republik im Norden Brasiliens zu verwirklichen. Die Sklaven wollten ihre Freiheit, die Einheimischen oder Indigenas ihr Gebiet am Amazonas befreien, und die Kaufleute der Hauptstadt erhofften sich durch die Unabhängigkeit, mit der Erlangung der Steuerhoheit, eine Steigerung ihrer Profite.[19]

Nachdem mit Lobo de Souza ein neuer Gouverneur in der Provinz eingesetzt wurde, kam es zu immer stärkeren Protestaktionen. Die Anführer der Bewegung waren der Priester Joo Batista Campos, Angelim Flix, der Grogrundbesitzer Clemente Malcher und die Brüder Antonio und Francisco Vinagre. Nach Eingriffen von Seiten des Gouverneurs, bei denen auch das Haus von Malcher zerstört wurde, stellte sich die Mehrheit der Bevölkerung auf Seiten der Insurgenten.

Der Vertreter der Provinz wurde ermordet und die nun als befreit geltende Provinz wählte Malcher zum Gouverneur.

Nach kurzer Zeit kam es aber schon zu Spannungen innerhalb der neuen Führung. 1835 wurde mit Francisco Vinagre ein neuer Gouverneur gewählt, nachdem Malcher ermordet worden war.[20]

In einer Offensive wurde letztendlich das abtrünnige Gebiet zurückerobert, die Separatisten flüchteten in den Urwald und leisteten noch einige Zeit Widerstand. Man geht davon aus, dass zwischen 1835 und 1840 ca. 30.000 Menschen, was rund ein Drittel der damaligen Gesamtbevölkerung des Bundesstaates entsprach, getötet wurden. Letztendlich wurde eine Generalamnestie erlassen.

Die „Repblica Farroupilha“

Ab der ersten Besiedelung mit Kolonisten war der südliche Teil von Brasilien, vom östlichen Ufer des Rio de la Plata (das heutige Montevideo) bis in das nördliche Sumpfgebiet zwischen Paraguay und Paran, ein Gebiet, auf das verschiedene Länder Besitzansprüche geltend machten.

Zu dieser umkämpften Region zählte eben die später gegründete Provinz Cisplatina. Anfangs fühlten sich sowohl Portugal als auch Spanien für das Gebiet südlich von Paran verantwortlich, 1580 wurden aber beide Reiche zusammengelegt, und die spanischen und portugiesischen Kolonisten begannen sich zu vermischen, sodass sich später keine genauen Grenzen mehr ziehen lassen konnten. Dieser Umstand führte bei der Trennung der beiden Reiche Spanien und Portugal 1640 naturgemäß zu Problemen.[21] Die sogenannte „Farrappen-Revolution“[22] im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul, in nächster Nachbarschaft zum obig erwähnten Gebiet, fußte hauptsächlich auf ökonomischen Gründen.

Getragen wurde die Bewegung von großen Teilen der Oberschicht des Bundesstaates, der große Viehbestände gehörten.

Während die Rinderzüchter Uruguays und Argentiniens sich freier Arbeiter bedienten, war das System der Sklavenarbeit in Brasilien noch weit verbreitet. Aufgrund des Umstandes, da für den Unterhalt der Sklaven zu sorgen war, kostete die Beschäftigung der Leibeigenen die Rinderzüchter ein Vielfaches von dem, was ihre Kollegen in den angrenzenden Staaten ihren Arbeitern bezahlten, womit diese kostengünstiger produzieren konnten.

Als Reaktion darauf wurde nach Rio de Janeiro der Wunsch herangetragen, Schutzzölle gegen die Einfuhr von Fleisch aus Argentinien und Uruguay zu erlassen. Als nichts dergleichen geschah, wurde unter der Führung von Bento Gonalves da Silva und Antônio de Sousa Neto am 20. September 1835 der Provinzgouverneur verjagt und machte sich Bento Gonalves da Silva mit seinen Revolutionären auf nach Porto Alegre, der Hauptstadt der Provinz, wo es am 21. September 1835 zu ersten Kämpfen mit den regulären Truppen kam.[23]

Das Ziel der Revolutionäre war es, alle Provinzen zu einer Föderation zusammenzuschließen und die Provinzen unabhängiger von Rio de Janeiro zu machen.

Neben Bento Gonalves da Silva und Antônio de Sousa Neto waren noch David Canabarro sowie der italienische Emigrant Giuseppe Garibaldi als Anführer der Bewegung von Bedeutung. Garibaldi ging mit seiner brasilianischen Frau Anita später wieder zurück nach Europa, um in Italien entscheidend an der Einigungsbewegung der 1860er Jahre mitzuwirken.

1839 gelangte die Bewegung in die im Norden gelegene Provinz Santa Catarina, von wo aus die „Republik Juliana“ mit der Hauptstadt Cidade Juliana ausgerufen wurde.[24]

Im Jahr 1844 wurde das „Reiterheer der Farroupilha“ schlussendlich bei der Surpresa dos Porongos besiegt und 1845 gelang es dem General Luiz Alves de Lima e Silva, die Provinz nach einem Jahrzehnt von Kämpfen und blutigen Auseinandersetzungen unter zahlreichen Eingeständnissen zugunsten der Provinz zu befrieden.

[...]


[1] Vgl.: o. N., http://de.wikipedia.org/wiki/Sezession_(Politik)(o. O., o. D.)

[2] Vgl.: Ebda.

[3] Vgl.: o. N., http://de.wikipedia.org/wiki/Sezession_(Politik)(o. O., o. D.)

[4] Eben als Sezessionskrieg in die Geschichte eingegangen, der mit der blutigen Niederlage des Südens im Jahr 1865 beendet wurde.

[5] Vgl.: o. N., http://de.wikipedia.org/wiki/Sezession_(Politik)(o. O., o. D.)

[6] Eigentlich: Antônio Vicente Mendes Maciel (13. März 1830 – 22. September 1897) Er wurde in der Stadt Quixeramobim im Bundesstaat Cear geboren. Der Namen „Conselheiro“ bedeutet in etwa „Ratgeber“.

[7] Vgl.: Michael Steinfelder, Landlosenbewegung in Brasilien, http://www.lateinamerika.unikoeln.de/fileadmin/bilder/arbeitspapiere/steinfelder.pdf (Köln 2011)

[8] „Os Sertes“ (erschienen auf Deutsch 1994 als „Krieg im Serto“), in dem Cunha über den Canudos-Krieg, den er als Reporter der Tageszeitung Estado de So Paulo, miterlebte, schrieb

[9] Das Wort „Quilombo“ bedeutet „Fluchtburg“. Wörtlich: Ansammlung, Versammlung. Es leitet sich von der Quimbundo-Sprache, einer der Hauptsprachen in Angola, ab, woher zahlreiche Sklaven stammten.

[10] Siegfried Schacht, Almute Heider, Brasilien. Reiseführer mit Landeskunde (Dreieich 1998) S. 115

[11] Schlichtweg als „Revolução de Pernambuco“ in Brasilien bekannt.

[12] Bucht, die Buenos Aires und Montevideo trennt.

[13] Joo Ferrante, ARevoluo Pernambucana (Recife 1997) S. 52 ff.

[14] Miguel Joaquim de Almeida Castro

[15] Vgl.: Oberacker, Der deutsche Beitrag S. 167f.

[16] Der Name Cabanagem hat seinen Ursprung im Wort „Cabana“, was in etwa „ein mit Kokusnussblättern bedecktes Haus“ bedeutet.

[17] Mark Harris, Rebellion on the Amazon. The Cabanagem, Race, and Popular Culture in the North of Brazil 1798 – 1840 (Cambridge 2010) S. 213

[18] Vgl.: Jlio Jos Chiavenato, As lutas do povo brasileiro (So Paulo 1988) S. 33

[19] Vgl.: Ebda., Cabanagem, o povo no poder (So Paulo 1984) S. 25ff.

[20] Vgl.: Kurt Schmutzer, Der Liebe zur Naturgeschichte halber. Johann Natterers Reisen in Brasilien 1817-1835. Diss. (Wien 2007) S. 243

[21] Vgl.: Valdemar da Silva, A Repblica Farroupilha (Bento Gonalves 1980) S. 19f.

[22] übersetzt würde dies in etwa „Zerlumpten-Revolution“ bedeuten

[23] Vgl.: da Silva, A República Farroupilha S. 23f.

[24] Vgl.: Colin M. MacLachlan, A History of modern Brazil. The Past against the Future (Wilmington 2003) S. 14

Details

Seiten
66
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668440227
ISBN (Buch)
9783668440210
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366368
Note
Schlagworte
separatismusbestrebungen brasilien

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Titel: Separatismusbestrebungen in Brasilien