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Tiergestütze Therapie zur Erleichterung der Identitätsentwicklung bei autistischen Kindern und Jugendlichen

Hausarbeit 2017 40 Seiten

Medizin - Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter

Abkürzungsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Phänomenologie des Autismus
2.1.1 Symptomatik
2.1.2 Diagnostik
2.1.3 Epidemiologie
2.2 Behandlungsoptionen
2.3 Interventionsmöglichkeiten

3 Untersuchungsgegenstand Reittherapie
3.1 Allgemeines
3.2 Aufbau der Therapie
3.3 Fallbeispiel

4 Identitätsbildung bei Autisten
4.1 Soziale Identität
4.2 Probleme der Identitätsentwicklung
4.3 Schlussfolgerungen

5 Forschungsstand
5.1 Allgemeines
5.2 Reittherapie bei Autismus

6 Diskussion
6.1 Bedeutung der Ergebnisse
6.2 Möglichkeiten zukünftiger Forschung

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter

Aus Gründen der leserfreundlichen Gestaltung dieser Arbeit wurde auf eine durchgängige Nennung beider Geschlechter verzichtet. An Stellen, in denen nur die weibliche oder die männliche Form verwendet wird, kann davon ausgegangen werden, dass das andere Geschlecht gleichermaßen gemeint ist.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Darstellungsverzeichnis

Darstellung 1: Die trianguläre Beziehung

Darstellung 2: Die Führungsposition der Fachkraft

Darstellung 3: Bahnpunkte im Dressurviereck

Darstellung 4: Figuren auf dem Pferd

Zusammenfassung

Seit über 200 Jahren kommt die tiergestützte Therapie (TGT) als begleitende Therapiemaßnahme bei psychisch erkrankten Patienten zum Einsatz. Bedauerlicherweise gibt es von den ersten Behandlungen aus dem Jahr 1792, welche in England durchgeführt wurden, keine offiziellen Aufzeichnungen, die den Wirkungsgrad bestätigen könnten (Prothmann, 2008). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts interessierten Forscher sich zunehmend für die TGT. Zahlreiche internationale, als auch nationale Evidenzstudien zur Reittherapie bei psychischen Störungen wurden bereits realisiert und Konzepte für eine potenziell erfolgreiche Therapie entwickelt, welche wiederum in Wirksamkeitsstudien untersucht werden. Nahezu alle publizierten Forschungsstudien konnten einen positiven Effekt der Kernsymptomatik bei der Autismus-Spektrum-Störung verzeichnen, dennoch ist es der Forschung bisher nicht oder in einem nur sehr ungenügenden Ausmaß gelungen, die Reittherapie als eigenständige Behandlungsmöglichkeit in die bestehenden konventionellen Therapiemaßnahmen bei ASS zu implementieren. Die Forschung zeigt das Potenzial der Reittherapie in Bezug auf die Unterstützung der an ASS Erkrankten in den Bereichen der Autonomie und der Entwicklung einer eigenen Identität.

1 Einleitung

Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen gehören zu den am häufigsten von Ärzten, Psychologen und Pädagogen diagnostizierten Störungen im Kindes und Jugendalter, welche bei geringer, zu spät erfolgter oder gar falscher Behandlung bis ins hohe Erwachsenenalter persistieren können (Heubrock & Petermann, 2001). Da die Suche nach alternativen Behandlungsmethoden fortdauernd anhält, kommt die tiergestützte Therapie (TGT) seit langem international bei der Behandlung von somatischen, psychosomatischen und psychischen Erkrankungen vor allem bei Kindern zum Einsatz (von Brisinski, 2012; Taubert, 2009). Laut aktueller Einschätzung wird davon ausgegangen, dass allein die Anwesenheit eines Tieres als Gefährte des Menschen einen positiven Effekt auf das Leben und die Allgemeinheit ausübt (Takashima & Day, 2014). Die therapeutischen Effekte konnten bisher zumindest in Bezug auf pferd- und hundgestützte Therapien mittels Forschung nachgewiesen werden. Obwohl der höchste Evidenzgrad noch nicht erreicht ist, können bestimmte Verfahren als evidenzbasiert bezeichnet werden. Dennoch ist die TGT noch lange nicht als alleinstehende Therapiemaßnahme anerkannt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Erörterung folgender Frage: Können sich unkonventionelle Therapiemaßnahmen gegenüber konventionellen Behandlungsmethoden bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen behaupten und einen Platz neben anderen Therapieformen, wie z.B. der Ergotherapie (ET) oder der Verhaltenstherapie finden?

Tiergestützte Therapien zielen auf therapeutische Ziele ab und verfolgen einen genauen Behandlungsplan mittels Integration von Tieren. Tieren vermögen das Fachpersonal bei erzieherischen Maßnahmen zu unterstützen und die Lernmotivation zu fördern. Kinder und Tiere haben von Natur aus eine starke Beziehung zueinander. Selbst in der Pubertät und im fortgeschrittenen Alter suchen Menschen häufig den Kontakt zu Tieren, woraus sich gute Möglichkeiten zur Verwendung der TGT bieten (Otterstedt, 2001). Pferde sind dabei ganz besonders in der Lage eine tiefgründige Beziehung zum Menschen aufzubauen. Ein ausgebildeter Therapeut, der gleichzeitig auch Pferde-Experte ist, kann in einer Art und Weise auf ein Pferd einwirken, dass sich die natürliche Antwort des Pferdes positiv auf das Verhalten des Patienten auswirkt. Empirische Studien belegen weiterhin die sensorische Feinfühligkeit von Pferden für nonverbal ausgedrückte Befindlichkeiten von Menschen (Opgen-Rhein, Kläschen, Dettling, Krüger & Olbrich, 2011).

Durch die offene Struktur der TGT ist es möglich, eine freie Gestaltung der Therapie anzubieten, welche genau auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt ist (Buck-Werner & Greiffenhagen, 2007: S.15). Die TGT setzt auf die Integration von unbewussten und bewussten Prozessen, da Pferde oft individuelle Ressourcen von Patienten erkennbar werden lassen. Dies bringt wiederum eine bedeutsame Erweiterung für die Therapie mit sich (Opgen-Rhein, Kläschen, Dettling, Krüger & Olbrich, 2011).

Ziel dieser Arbeit ist es, das Potenzial von unkonventionellen Therapieformen bei ASS zu erörtern und deren Möglichkeiten zur Erleichterung der Identitätsbildung im Kinder und Jugendalter darzulegen. Vor allem der Bereich der sozialen Identitätsbildung ist dabei von besonderem Interesse. Aufgrund der Kernsymptomatik ist es Betroffenen der ASS zumeist vorenthalten, ein soziales Selbst auszubilden. Es stellt sich die Frage, ob ASS Patienten dennoch in der Lage sind, eine eigenständige Identität zu entwickeln und inwieweit unkonventionelle Therapiemaßnahmen, wie die Reittherapie bei dieser Entwicklung unterstützend wirken können.

Es sollen folgende Fragestellungen betrachtet werden:

1. Wie stellt sich die aktuelle Forschungssituation in Bezug auf Wirksamkeitsstudien der RT bei ASS dar?
2. Inwieweit zeigen aktuelle Studien das Potenzial der Reittherapie zur Förderung der Identitätsentwicklung bei ASS Patienten?

Die folgenden Hypothesen beziehen sich auf die theoretisch hergeleiteten Erkenntnisse und lassen sich wie folgt benennen:

Hypothese 1: Die aktuelle Forschung ist nicht befriedigend weit vorangeschritten.

Hypothese 2: Die Reittherapie kann evidenzbasierte Effekte bei ASS Patienten vorweisen.

Mit Hilfe der Ergebnisse aus der Literaturrecherche soll auf eine Möglichkeit der unterstützenden Wirkung der RT auf die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen mit ASS rückgeschlossen werden. Eine hohe Anzahl an empirisch qualitativ hochwertigen Studien würde darauf hindeuten, dass die RT ein hohes Ansehen innerhalb ihres Forschungsgebietes genießt und Bemühungen zur Erhaltung und Festigung des Ansehens angestellt werden. Dennoch wird zu Beginn dieser Arbeit hypothetisiert, dass die RT in den jeweiligen wissenschaftlichen Fachbereichen kein gehobenes Ansehen genießt, obwohl der Einsatz der RT als unterstützende Behandlungsmaßnahme positive Wirkung auf die Entwicklung von Kindern mit ASS ausübt.

Jede wissenschaftliche Arbeit beginnt mit der Erörterung der relevanten Fachbereiche. Aus diesem Grund ist der erste Teil der Klärung theoretischer Grundsätze der ASS, der RT und der Identitätsbildung bei ASS Betroffenen gewidmet. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil erläutert, welche Erkenntnisse die aktuelle Forschung hergibt. Eine Zusammenfassung der Bedeutung der Ergebnisse, sowie ein kurzer Ausblick auf die Forschungsmöglichkeiten in der Zukunft und ein Fazit beschließen die Arbeit.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Phänomenologie des Autismus

2.1.1 Symptomatik

Ein kurzes, prägnantes Zitat der Sonder- und Heilpädagogin M. Hartl bringt die Hauptkriterien der ASS auf den Punkt: „Er ist nicht heilbar, jedoch gelingt es manchen Betroffenen, mit größter und konsequenter Anstrengung und Konzentration, für sich einen Weg zu finden, die Welt zu entschlüsseln und in ihr heimisch zu werden.“ (Hartl, 2010: S. 26). Obwohl die ASS so tiefgreifend ist, dass keine Möglichkeit auf Heilung besteht, kann der Erkrankte durchaus in der Lage sein, sein Leben auf seine Art und Weise erfolgreich zu meistern, wobei die Betonung auf „seine Art und Weise“ liegt. Autisten werden gern von Außenstehenden als Menschen beschrieben, welche in ihrer eigenen kleinen Welt leben. Und genauso beschreiben Autisten ihre eigene Welt, sofern sie dazu überhaupt in der Lage sind. Soziale Verhaltensauffälligkeiten stehen bei Autisten im Vordergrund (Noterdaeme & Enders, 2010). Sie verfügen nur in einem begrenzten Ausmaß über die Fähigkeit zur Empathie und sind nicht in der Lage, menschliche Gefühle, Gedanken oder Wünsche zu verstehen oder sich in diese hineinzuversetzen (Grove, Baillie, Allison, Baron-Cohen, & Hoekstra, 2014). Auf Andere wirken Autisten kühl und unnahbar. Das begrenzte Interesse für Andere erschwert es, Freundschaften zu entwickeln und soziale Bezüge herzustellen, da es ihnen u.a. schwer fällt, Blickkontakt aufzubauen. Die Wahrnehmung komplexer Emotionen, wie Stolz, Scham und Verlegenheit fällt den Autisten genauso schwer, wie der Ausdruck eigener Gefühle – ausgenommen von Freude und Schmerz (Grove et al., 2014).

Auch das kommunikative Verhalten weist eine starke Beeinträchtigung auf. Die Spannbreite der Ausprägung reicht von ganz stumm bis zu wenige Worte benutzend - mit Ausnahme des Asperger-Syndroms. Betroffene erlernen zwar die Sprache, verwenden diese aber meist auf eine eigensinnige, repetitive Art und Weise, oft ohne erkennbaren Zusammenhang und wirken in ihrer Ausdrucksweise ungewöhnlich manieriert, sogar altklug. Eine Gesprächsführung ist meist nicht möglich, da Autisten aufgrund ihres begrenzten Verständnisses für die Belange anderer Menschen kaum in der Lage sind, Dialoge zu führen (Remschmidt, 2012).

Weiterhin weisen motorische Bereiche eine besondere Auffälligkeit auf. Es zeigen sich oft bizarre Bewegungen, welche auf Andere wie Selbststimulation wirken. Dazu gehören Bewegungsabläufe des Hin- und Her-Wiegens oder autoaggressives Verhalten. Gepaart mit dem repetitiven Anfassen von Objekten, denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, stellt das starke Bedürfnis nach Gleichförmigkeit ein weiteres Symptom dieses Krankheitsbildes dar (Poustka, Bölte, Feineis-Matthews & Schmötzer, 2004).

Die Symptome sind je nach Altersstufe unterschiedlich ausprägt - am stärksten jedoch in der Kindheit. Das Vollbild der Erkrankung entwickelt sich häufig im Vorschulalter und lässt im Schulalter nach. Im Jugend- und frühen Erwachsenenalter erfährt ca. 50% der Betroffenen eine deutliche Verhaltensbesserung. Die andere Hälfte erlebt eine Stagnation oder Verschlechterung der Symptome (Remschmidt, 2012). Die Ausprägung der Erkrankung reicht von einer relativ guten Integration in die Familie (mit Hilfe von ambulanter Behandlung) bis hin zur Absolvierung einer Ausbildung. Andererseits kann die Selbstverletzungsgefahr so groß sein, dass die Patienten ständig Aufsicht, Kontrolle und Fürsorge benötigen und in einer Einrichtung mit betreutem Wohnen besser aufgehoben sind (Noterdaeme & Enders, 2010). Trotz der Möglichkeit einer unabhängigen Lebensführung, beeinträchtigt die Störung in den meisten Fällen das Dasein. Normal intelligente Betroffene entwickeln im Jugend- und Erwachsenenalter daher nicht selten eine Depression, wenn ihnen das Ausmaß ihrer Krankheit Bewusst wird. Kamp-Becker und Bölte (2011, S. 16) stellten zusammenfassend folgendes fest: „Es gibt für Autismus kein unbedingt notwendiges Symptom, sondern eine Symptomvielfalt. Die Kernsymptome […] zeigen eine entwicklungspsychologische Variabilität, bleiben aber bis in das Erwachsenenalter als persistierende und tiefgreifende Symptomatik erhalten.“

2.1.2 Diagnostik

Schon 1944 erkannte Asperger, dass auf eine „eindimensionale Typisierung in dem unendlich bunten Gewirr der Charaktergefüge“ der ASS verzichtet werden sollte und anstelle dessen die „Mehr-oder Vieldimensionalität jeder systematischen Beschreibung zugrunde“ gelegt werden sollte (Asperger, 1944: S. 77). Wie Aarons und Gittens bereits 1999 treffend formulierten, besitzt die ASS ein breites Spektrum an Symptomen, welche zwar mithilfe der Diagnosekriterien in eine gewisse Form gebracht werden, aber dennoch nicht über die Einzelfälle hinweg verallgemeinerbar sind.

In Deutschland wird mittels Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV in drei Formen des Autismus eingeteilt. Die große Triade bilden der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom), das Asperger-Syndrom und der atypische Autismus. Letzterer geht häufig mit einer schweren Intelligenzminderung einher, wobei es sich hierbei um eine wenig eindeutig abgrenzbare, diagnostische und kaum erforschte Kategorie handelt (Kamp-Becker & Bölte, 2011). Zu den drei wichtigsten Gebieten der Beeinträchtigung gehören die soziale Interaktion, die Kommunikation und die stereotypen, repetitiven Verhaltensmuster.

2.1.3 Epidemiologie

Zur Prävalenz ist Folgendes anzuführen: Seit Beginn der Beschreibung der ASS wurde davon ausgegangen, dass es sich um ein seltenes Krankheitsbild handelt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Prävalenzangaben deutlich gestiegen sind (Baird et al., 2006; Matson & Kozlowski, 2011). Einen Grund dafür sieht man in der erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber der ASS und den heutigen besseren Diagnosemöglichkeiten. Tiefgreifende Entwicklungsstörungen haben im Allgemeinen eine Prävalenz von 60-65 von 10.000. Das Asperger-Syndrom kommt mit 2-3,3 Fällen von 10.000 seltener vor, als der frühkindliche Autismus mit 11-18 Fällen von 10.000 (Remschmidt, 2007). Obwohl neuere Untersuchungen teilweise extrem hohe Prävalenzangaben machen, wird eine weltweite, aktuelle Prävalenz von bis zu 1% für alle ASS angenommen (Baird et al., 2006, Weber-Papen, Habel & Schneider, 2016). Die Geschlechter-verteilung liegt bei 4-5:1 (männlich:weiblich) beim frühkindlichen und atypischen Autismus. Beim Asperger-Syndrom liegt die Verteilung hingegen bei 10:1. Mädchen sind meist stärker kognitiv beeinträchtigt (Weber-Papen, Habel & Schneider, 2016).

Die ASS manifestiert sich in den ersten fünf Lebensjahren, wobei die Kernsymptomatik bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Prognostisch gesehen ist die Entwicklung nicht genau vorhersehbar. Abhängig ist sie vom Schweregrad der Störung und möglicher Begleiterkrankungen. Die Prognose verbessert sich, umso früher die Krankheit erkannt und behandelt wird. Hierbei ist die generelle Prognose beim Asperger-Syndrom besser als beim frühkindlichen Autismus.

In über 70% der Fälle besteht eine hohe Komorbidität (Weber-Papen, Habel & Schneider 2016) mit anderen Entwicklungsstörungen. In der Kindheit ist dies vor allem die Aufmerksamkeits- Hyperaktivitätsstörung. Im Erwachsenenalter sind es hauptsächlich Depressionen. Weitere Störungen, die neben ASS auftreten können, sind Schlafstörungen, Zwangs- und Angststörungen, das Tourette-Syndrom und Intelligenzminderungen, vornehmlich beim frühkindlichen und atypischen Autismus (Michel, Habel & Schneider, 2012).

2.2 Behandlungsoptionen

Die Therapie von tiefgreifenden Entwicklungsstörungen ist im Kindes-und Jugendalter i.d.R. vom jeweiligen Individuum und seinem Entwicklungsstand abhängig. Sie ist ein sehr komplexes und multimodales Behandlungsprogramm, welches nur dann eine Erfolgsaussicht hat, wenn die Kinder wirkliches Interesse an der Behandlung zeigen. An diesem Punkt zeigt sich das größte Problem in der Praxis (Noterdaeme & Enders, 2010). Für Kinder mit ASS gibt es keine Standardbehandlung (Schuster & Schuster, 2013). Die Symptomreduktion und Verbesserung des störenden Verhaltens werden als Hauptziel der Therapie angesehen. Um eine optimale Inklusion in Kindergarten, Schule, Studium und das anschließende Leben zu ermöglichen, ist es besonders wichtig, früh mit der Therapie zu beginnen (Schuster & Schuster, 2013).

Diverse Studien belegen positive Effekte von verhaltenstherapeutischen Interventionen, als auch sozialem Kompetenztraining (Michel, Habel & Schneider, 2012). Die Einbindung von Bezugspersonen zur Schaffung von Verständnis und Akzeptanz ist essentiell für den Erfolg der Therapie. Eine pharmakologische Behandlung wird bei Autisten in Bezug auf die komorbiden Erkrankungen bzw. auf die externalen Auffälligkeiten, wie Aggressionen, Impulsivität und selbstverletzendes Verhalten angewandt. Allerdings neigen ASS-Betroffene in vielen Fällen zu besonderer Empfindlichkeit gegenüber Medikamenten, weshalb eine pharmakologische Therapie oft aufgrund von ungewollten Nebenwirkungen nicht in Betracht kommt. Die Störung ist somit pharmakologisch nicht ausreichend behebbar (Poustka, Banaschweski, Poustka, 2011).

2.3 Interventionsmöglichkeiten

Jede Therapie, nicht nur bei Menschen mit ASS, sollte frühzeitig beginnen und individuell angepasst sein, um mögliche Anpassungsstörungen so gering wie möglich zu halten und das Kontakt- und Interaktionsverhalten langfristig zu verbessern. Mit individueller Förderung können bemerkenswerte Verhaltensverbesserungen erreicht werden (Bölte & Poustka, 2002). Zu den erfolgreichen Maßnahmen zählen Verhaltenstherapien, Elterntrainings, Sprachtherapien und Kommunikationshilfen, Musiktherapie und Ergotherapie (Bölte, 2011; Sinzig, 2011). Eine Studie zur Wirksamkeit des psychoedukativen Elterntrainings in Verbindung mit einer Sprachtherapie bestätigt die positiven Effekte dieser Methoden (Gruber, Fröhlich & Noterdaeme, 2013). Vor allem im internationalen Raum kommen vermehrt unkonventionelle Therapieformen, wie zum Beispiel die TGT zum Einsatz. Der Ergebnisteil dieser Arbeit widmet sich in Anlehnung an die Beantwortung der Fragestellung ganz besonders diesem Thema.

3 Untersuchungsgegenstand Reittherapie

Im Folgenden wird die RT näher beleuchtet, wobei zunächst die Grundlagen betrachtet werden, um darauf aufbauend auf die einzelnen Bausteine der Therapie einzugehen. Ein anschließender kurzer Einblick in die Arbeitsweise eines Therapeuten mittels Beschreibung einer Therapieeinheit soll den dritten Teil abrunden.

3.1 Allgemeines

Das Therapeutische Reiten ist lediglich ein Oberbegriff für verschiedene Tätigkeiten, die sich der Therapie mit Hilfe des Pferdes widmen und unterschiedlich aufgebaut sind. Die Tätigkeitsfelder Heilpädagogisches Reiten, Heilpädagogisches Voltigieren, Reittherapie und Hippotherapie werden unter dem Begriff Therapeutisches Reiten zusammengefasst.

Das Heilpädagogische Reiten dient zur ganzheitlich körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Förderung von Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Der intensive Kontakt zum Pferd spricht die förderungsrelevanten Bereiche durch direktes Reiten auf dem Pferd an. Das Heilpädagogische Voltigieren findet im Allgemeinen in der Gruppe statt. Relevante Bereiche werden durch Übungen auf einem an der Longe in verschiedenen Gangarten gehenden Pferd gefördert. Die Reittherapie wird zur Unterstützung bei psychischen und psychosomatischen Krankheiten, wie Depression und Schizophrenie, als auch bei Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen und tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (wie ASS) eingesetzt. Die Hippotherapie beinhaltet die Krankengymnastik auf dem Pferd unter Zuhilfenahme der Schwingungsimpulse des schreitenden Pferdes, wobei physiotherapeutische Aspekte im Vordergrund stehen.

Der Einsatz von Tieren in pädagogischen, psychologischen und therapeutischen Bereichen erfährt zunehmend Zuwachs in den jeweiligen Interessenfeldern, da schon seit langem bekannt ist, dass Tiere eine positive Wirkung auf Menschen ausüben können (Schneider & Vernooij, 2013). Den Anfang macht in Deutschland die unterstützende Therapie mittels unterschiedlicher Tierarten bei Epileptikern (Röger-Lakenbrink, 2006). Tiere bieten eine „vielfältige Weise der Unterstützung“ und sind dazu in der Lage, Risikofaktoren wie Stress abzuschwächen und das Selbstwertgefühl zu stärken (Greiffenhagen & Buck-Werner, 2007: S.155). Scheidhacker (1994) führte an, dass die PfgT gerade für die spezielle Behandlungskoordination der einzelnen Verhaltensauffälligkeiten bei psychisch Erkrankten besonders geeignet sei. Oft zielt eine Therapie auf die Stärkung des Selbstbewusstseins und der sozialen Kompetenz der Betroffenen ab. Wie Scheidhacker weiterhin treffend formulierte, ist das „Reiten eine Therapie voller Freude, in der tiefgründige Emotionen erfahren werden. Das Gefühl, in der Lage zu sein, sich selbst zu erkennen und eine Beziehung mit der Umgebung aufzubauen, ist essentiell für den Weg hinaus aus der psychischen Krankheit“ (übersetzt aus dem englischen Original, Scheidhacker, 1994: S. 99)

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Details

Seiten
40
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668470811
ISBN (Buch)
9783668470828
Dateigröße
782 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366109
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Fakultät für Erziehenswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Reittherapie Autismus Autismus-Spektrum-Störung Tiergestütze Therapie alternative Therapiemaßnahmen

Autor

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Titel: Tiergestütze Therapie zur Erleichterung der Identitätsentwicklung bei autistischen Kindern und Jugendlichen