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Parzival - Wolframs strukturelles Gesamtkonzept: Buch XV u. XVI

von Thomas Daffner (Autor) Holger Hufer (Autor) Stefan Gebauer (Autor)

Seminararbeit 2004 24 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Zusammenführung der Handlungsstränge bis hin zur Gralsberufung (Buch XV)
2.1 Der Zweikampf zwischen Parzival und Feirefiz im Wald bei Joflanze (734 – 745,30)
2.2 Die Wiedererkennung der beiden Brüder (746 – 754,28)
2.3 Parzival und Feirefiz – Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Lebensweg der beiden Brüder
2.4 Das Fest von Joflanze und die Gralsberufung Parzivals durch die Gralsbotin Cundrie (754,29 – 786,30)

3. Die Qualen des Anfortas (Buch XVI)
3.1 Anfortas bittet seine Getreuen um den Tod (787,1 – 788,20)
3.2 Das Krankenbett des Anfortas (788,21 – 792,8)

4. Die Erlösung des Anfortas
4.1 Parzivals ersehnte Ankunft in Munsalwäsche (792,9 – 794,26)
4.2 Die Erlösungsfrage „oeheim, waz wirret dir?“ (794, 27 – 795, 29)
4.3 Parzival wird Gralskönig (795, 30 – 796,28)

5. Parzival auf dem Weg zu Condwiramurs
5.1 Condwiramurs Reise (796,29 – 797, 15)
5.2 Parzival bei Trevrizent (797,16 – 799,12)

6. Wiedersehen mit seiner Frau Condwiramurs und seinen Söhnen (799,13 – 805,13)

7. Das Fest auf der Gralsburg (805,14 – 819,8)

8. Abschied von Feirefiz und Repanse und das Schicksal Loherangrins (819,9 – 827,30)

9. Schlussbetrachtung

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit, die sich thematisch mit den beiden letzten Büchern des Parzival auseinandersetzt, sollen die Handlungsstränge, die sich am Ende in der Gralsburgszene auflösen und vereinigen, Ziel genauerer Untersuchungen sein. Ritterehre und –mythos sind dabei ebenso nicht außer Acht zu lassen wie der bei Wolfram implizierte religionskritische Aspekt, der auf das Gesamtwerk wie eine Art unsichtbarer Schleier transponiert ist. Beginnend im XV. Buch mit der Feirefiz-Szene, die in der Wiedererkennung der beiden Brüder mündet, bis hin zum Handlungsabschluss auf der Gralsburg von Munsalvâesche soll die Handlung in Kontext gestellt werden zum strukturellen Gesamtkonzept des Parzival -Werkes. Thematisch substantielle Szenen sollen dabei durch die Zitierung der dementsprechenden Textstellen argumentativ untermauert als auch in ihrer Darstellung veranschaulicht werden. Die Textstellen beziehen sich auch regelmäßig auf die allumspannende ritterliche Moral- und Ethosthematik. Religionskritik lässt sich besonders anschaulich an der Person des Heiden Feirefiz darstellen, der in seinem Charakter und seiner Ritterehre, die Person des reinen Christen verkörpert. Der unermessliche Reichtum und die Gnade, mit der er dem im Kampf unterlegenen Parzival begegnet, kontakarieren den allzu christlichen Alleinvertretungsanspruch materieller und charakterlicher Überlegenheit gegenüber anderen Religionen. Dass ausgerechnet der ungetaufte und durch sein exponiertes Äußeres auffallende Feirefiz über derartige Ansprüche verfügt muss die christlich-moralischen Wertvorstellungen sowohl in der damaligen kirchlichen als auch weltlichen Sphäre erschüttert haben. Die schwarz-weiß gescheckte Hautfarbe impliziert eine mystische Fremdheit und gleichzeitig stellt sie die Dualität der westlichen und östlichen Kultur vereinbart in einer Person dar. Gleichzeitig ist es Parzival, der durch die göttliche Fügung nicht zum schlimmsten aller Mörder, nämlich zum Verwandtenmörder wird. Das Schwert, das er einst dem toten Ither geraubt hatte, wird durch sein Zerbrechen zur Schicksalswaage für Parzival, denn nur dadurch kommt er mit dem Kampfeskontrahenten ins Gespräch. Im Gespräch und nicht in der Schlacht lösen sich die Probleme auf, die Handlungsfäden spinnen sich zusammen. Man könnte gezielt die Frage stellen, ob nicht auch in der heutigen Zeit noch der Anspruch Gültigkeit bewahren müsste, Konflikte im Gespräch und nicht auf dem Schlachtfeld zu lösen.

2. Die Zusammenführung der Handlungsstränge bis hin zur Gralsberufung (Buch XV)

2.1. Der Zweikampf zwischen Parzival und Feirefiz im Wald bei Joflanze (734 – 745,30)

Parzival trifft – so will es das Schicksal – am Anfang des XV. Buches in einem Waldstück auf einen wahren Meister im Kampf. Der Kontrahent ist ein vollendeter Ritter, jedoch ist er aufgrund seiner indischen Herkunft Heide. Feirefiz, so sein Name, hatte zuvor im Dienste dreier Frauen nacheinander unermessliche Reichtümer erworben. Durch seine jetzige Gattin, Königin Secundille, in deren Dienste er zur Erwerbung weiteren Ruhms nach Westen zog, war er selbst König von Indien geworden.

>>[...] Sîn gir stuont nâch minne

unt nâch prîses gewinne: [...]>>[1]

Asien und speziell dem magische Anziehungskraft besitzendem Indien kommt dabei in der Tradition der in drei Erdteile gegliederten Welt eine besondere Bedeutung zu. Im fernen Osten vermutete man das Paradies mit den Paradiesflüssen, die im Orient als Ganges, Euphrat, Tigris oder Nil an die Wasseroberfläche treten. In diesem Paradies wurden sogar Adam und Eva vermutet, so finden sich die Gesichter der beiden in der Londoner Psalterkarte, die als Grundlage der damaligen geographischen Vermutungen gilt, hinter einem Kranz hoher Berge im fernen Asien.

Ein weiterer Grund für den Auszug nach Westen stellt die Suche nach seinem Vater Gahmuret dar, von dessen Tod im Zweikampf gegen König Ipomidon vor Bagdad er noch nichts erfahren hatte. Seinen Vater, so erfährt der Rezipient, habe Feirefiz niemals persönlich kennen gelernt, habe er doch noch während deren Schwangerschaft seine Mutter Belakane zurückgelassen.

Feirefiz bricht also allein ins Landesinnere auf zur Erkundung des dortigen Landes. Sein Heer belässt er derweil unweit davon an einem Hafen bei ihren Schiffen. Auch Parzival reitet allein und ohne Personenschutz durch den Wald, als die anfangs so unheilvolle Begegnung ihren Lauf nimmt. Ohne vorher ein Wort miteinander zu wechseln stürmen sie von ihrer Ritterehre gepackt aufeinander los. Wolfram beschreibt selbst von Angst um die beiden Helden getrieben das Funkeln in ihren Augen, das Blitzen der Pupillen, als es zum Kampfe kommt.

<<[...] dâ streit der triuwen lûterheit:

grôz triuwe aldâ mit triuwen streit. [...]>>[2]

Des Heiden Reichtum scheint schier unermesslich zu sein angesichts der Kostbarkeiten, die seinen Waffenrock und seine Rüstung zieren. Mit dem Reichtum König Artus´ seien die Steine am Waffenrock nicht aufzuwiegen, so Wolfram. Salamander im Berge Agremontin hätten ihn in Feuersglut gewebt, dazu sei die Seide, die dem Pferd als Decke dient, von unvergleichbarem Wert.

>>[...] der was tiure ân al getroc:

rubbîne, calcidône,

wâren dâ ze swachem lône.

der wâpenroc gap blanken schîn.

ime berge ze Agremuntîn

die würme salamander

in worhten ze ein ander

in dem heizen viure.

die wâren steine tiure

lâgen drûf tunkel unde lieht:

ir art mac ich benennen niht. [...]>>[3]

Dazu trägt der Heide auf dem Helm ein Ecidemon, ein Tierchen, welches allen Giftschlangen unverzüglich den Tod bringt. Der Schild des Heiden ist aus Asbestholz, das weder fault noch brennt, und eingefasst ist er durch Smaragde, Rubine und kostbarste Edelsteine. Dennoch muten die Schilderungen von Feirefiz´ Rüstung an der ein oder anderen Stelle dem heutigen Leser als grotesk und überzogen an, entbehrt die Salamander-Szene schlichtweg jeder realistischen Grundlage.

Keiner der beiden Helden hat bisher jemals in seinem Leben eine Schlacht verloren und niemand traf zuvor jemals auf einen Kontrahenten, der ähnliche Fertigkeiten im Schwertkampf aufwies. Darin impliziert liegt auch die Natur Gahmurets, der Väter der zwei Kontrahenten, wie sich noch herausstellen sollte. Beide haben durch ihre Geburt einen Teil der Natur ihres Vaters ererbt, der selbst bis zum unheilvollen Tod vor Bagdad selbst niemals eine Ritterschlacht verloren hatte.

Der Kampf der beiden im Wald ist derweil in vollem Gange, sie setzen sich im Sattel fest zurecht, wenden zum Anlauf und geben ihren Pferden die Sporen. Der Halsschutz beider zerfetzt durch die starken Lanzen, danach entbrennt ein Schwertkampf. Beide zeigen darin ihre Kunst und ihre Tapferkeit, während bereits ihre Pferde zu ermüden beginnen und das Ecidemon erste sichtbare Kampfesspuren davonträgt. Feirefiz´ Schlachtruf lautet „Thasme“ und „Tabronit“, darin symbolisiert er die Liebe zu seiner Königin Secundille und deren unvergänglichem Reich.

<<[...] der heiden tet dem getouften wê.

des crîe was Thasmê:

und swenne er schrîte Thabronit,

sô trat er vürbaz einen trit. [...]>>[4]

Die Königin stellt sein Schild in der Gefahr des Kampfes dar, streitet er ausschließlich in ihrem Namen um Heldenruhm, zudem ist seine heidnische Rüstung besser als die Parzivals. Bei Parzival sind die Stützen in der Schlacht der allgewaltige Gral, den er zu erringen versucht, und die Liebe zu seiner über alles geliebten Frau Condwiramurs, deren Kraft ihrer Liebe er über alle Entfernungen hinweg spürt. Dazu hilft ihm sein Gottvertrauen, so dass er an die Worte Trevrizents denkt, wonach Gott immer die wahre Hilfe sei. Der Kampf scheint sich zugunsten des Heiden Feirefiz zu neigen, seine zwei Helfer, die Liebe zu Secundille und die Macht der Edelsteine scheinen stärker zu sein als Parzival. Wolfram verzweifelt regelrecht in der Schilderung des ermattenden Parzival, der Gedanke an seine beiden Söhne Kardeiz und Loherangrin müsse ihn weiter antreiben, dürften sie doch nicht in so jungen Jahren zu Waisen werden.

<<[...] mich müet daz der getoufte

an strîte und an loufte

sus müedet unde an starken slegen.

ob im nu niht gehelfen megen

Condwîr âmûrs noch der grâl,

werlîcher Parzivâl,

sô müezest einen trôst doch haben,

daz die clâren süezen knaben

sus vruo niht verweiset sîn,

Kardeiz unt Loherangrîn; [...]>>[5]

Parzivals Schlachtruf lautet nun „Pelrapeire“, der Ort der Schlacht, an der er die Liebe seiner Condwiramurs einst im Kampf mit Clamide errungen hatte. Parzival geht in die Offensive, mit dem Schwert, welches er einst dem toten Ither geraubt hatte, schlägt er mit einem wuchtigen Hieb auf den Helm des Heiden. Das Schicksal will es, dass das Schwert just bei diesem Hieb zerbricht, der Heide taumelt zwar, fällt jedoch nicht. Möglicherweise lässt sich jener Akt auch als ein Eingreifen Gottes verstehen, der es nicht will, dass Parzival mit jenem Schwert, das er zuvor durch Leichenraub erworben hat, einen Menschen tötet, noch dazu seinen, wie sich später herausstellt, leiblichen

Bruder. Feirefiz wäre nun in der Lage, Parzival zu töten, doch das würde keine Ritterehre bringen. In einem Akt der Gnade spricht der Heide Parzival an, er ist bereit ihn zu verschonen, wenn er ihm zuerst seinen Namen nenne. Die Namensnennung darf als Akt der Unterwerfung gewertet werden, doch dazu ist Parzival nicht bereit. Sollte es seine Ritterehre erfordern, ohne Schwert weiter zu kämpfen, so ist er dazu bereit. Feirefiz zeigt sich gütlich und nennt seinen Namen zuerst, indem er sich selbst als Feirefiz von Anjou bezeichnet. Die Bezeichnung „von Anjou“ versetzt Parzival anfangs in Rage, ist es doch er selbst, der als einziger diese ererbte Bezeichnung tragen darf. Der Gegner will ihm also neben dem Sieg auch noch die Identität rauben. Doch in diesem Moment erinnert sich Parzival seines Bruders in heidnischem Lande, den er persönlich nie kennen gelernt hat und lediglich von Erzählungen über ihn weiß, dass er schwarz-weiß gefleckt sei.

2.2. Die Wiedererkennung der beiden Brüder (746 – 754,28)

Er bittet Feirefiz um einen Akt des Vertrauens, er solle ihm sein Antlitz entblößen, dass er sich versichern könne, ob der bisherige Kontrahent sein verschollener Bruder sei.

<<[...] aber sprach dô Parzivâl

´hêr, iuwers antlützes mâl,

het ich diu kuntlîche ersehen,

sô wurde iu schier von mir verjehen,

als er mir kunt ist getân.

hêrre, welt irs an mich lân,

so enbloezet iuwer houbet. [...]>>[6]

Feirefiz reagiert aus der Position des Überlegenen, denn obwohl Parzival ihm versichert, er werde das Abnehmen des Gesichtsschutzes nicht zu einem Überraschungsangriff nutzen, wirft Feirefiz sogar sein eigenes Schwert ins Gebüsch, um zu signalisieren, dass er diese Überlegenheit überhaupt nicht nötig habe. Er bittet Parzival, ihm zu berichten, wie man ihm den vermeintlichen Bruder beschrieben habe. Nun ist der Moment des Wiedererkennens gekommen, er erkennt sich sofort in der Beschreibung Parzivals.

<<[...] der heiden sprach ´der bin ich.´ [...]>>[7]

[...]


[1] In : Wolfram von Eschenbach, Parzival. Band 2, Stuttgart 1981, Buch XV 736, 1-2.

[2] In: W. v. Eschenbach, Parzival, Buch XV 741, 21-22.

[3] In: W. v. Eschenbach, Parzival, Buch XV 735, 20-30.

[4] In: W. v. Eschenbach, Parzival, Buch XV 739, 23-26.

[5] In: W. v. Eschenbach, Parzival, Buch XV 743, 9-18.

[6] In: W. v. Eschenbach, Parzival, Buch XV 746, 21-27.

[7] In: W. v. Eschenbach, Parzival, Buch XV 747, 29.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638361828
ISBN (Buch)
9783638653626
Dateigröße
792 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36608
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Parzival Wolframs Gesamtkonzept Buch Proseminar

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