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Auswirkungen von Platzverweisen auf das Endergebnis im professionellen Fußball. Einfluss des „Sozialen Faulenzens“ im Mannschaftssport

Masterarbeit 2016 123 Seiten

Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II Vorwort

III Abbildungsverzeichnis

IV Tabellenverzeichnis

V Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

(A) Theoretischer Teil
2 Individualverhalten bei Anwesenheit von Beobachtern
3 Individualverhalten in interagierenden Gruppen
3.1 Definition „Gruppe“
3.2 Prozessgewinne und Prozessverluste in Gruppen
4 „Social Loafing“
4.1 Definition und Begriffsabgrenzung
4.2 Forschungsgeschichte
4.3 Charakteristika und Einflussfaktoren auf „Social Loafing“
4.3.1 Charakteristika der Aufgabe
4.3.2 Merkmale der Gruppe und Situation
4.3.3 Eigenschaften der einzelnen Personen
4.4 Theoretische Einbettung von „Social Loafing“
4.5 Maßnahmen zur Vermeidung von „Social Loafing“
5 Aktueller Forschungsstand
5.1 „Social Loafing“ im Sport
5.2 Auswirkungen von Platzverweisen im Fußball

(B) Empirischer Teil
6 Hypothese und Fragestellung
7 Methoden
7.1 Spielanalyse – Datenerhebung und Varianzanalyse
7.2 Qualitative Inhaltsanalyse
8 Spielanalyse
8.1 Allgemein
8.2 Varianzanalysen: Die Veränderung des Spielstandes unter Berücksichtigung der Faktoren „Spielstandes zum Zeitpunkt des Platzverweises“, „Spielort“ und „Zeitpunkt des Platzverweises“
8.2.1 Deskriptive Statistik
8.2.2 Dreifaktorielle Varianzanalyse
8.2.3 Einfaktorielle Varianzanalysen
8.3 Zusammenfassung
9 Qualitative Inhaltsanalyse
9.1 Auswirkung
9.2 Faktor Spielort
9.3 Faktor Spielstand
9.4 Faktor Zeitpunkt
9.5 Soziales Faulenzen
9.6 Weitere Einflussfaktoren
9.7 Faktorengewichtung
9.8 Zusammenfassung und Interpretation
10 Fazit
11 Literaturverzeichnis
12 Anhang
Anhang 1: Tabelle Datenerhebung
Anhang 2: Gesprächsleitfaden
Anhang 3: Deskriptive Statistik „Liga“ + „Zuschauerzahl“
Anhang 4: Deskriptive Statistik „Tabellenplatzdifferenz zwischen Teams“
Anhang 5: Deskriptive Statistik „Tordifferenz Zeitpunkt PV“ und „Platzverweis Minute“
Anhang 6: Deskriptive Statistik „Veränderung Spielstand“
Anhang 7: Veränderung Spielstand unter Berücksichtigung des Spielstandes zum Zeitpunkt des Platzverweises
Anhang 8: Veränderung Spielstand unter Berücksichtigung des Spielortes
Anhang 9: Veränderung Spielstand unter Berücksichtigung des Zeitpunktes des Platzverweises
Anhang 10: Dreifaktorielle Varianzanalyse
Anhang 11: Einfaktorielle Varianzanalyse – Faktor „Spielort“
Anhang 12: Einfaktorielle Varianzanalyse – Faktor „Zeitpunkt“
Anhang 13: Einfaktorielle Varianzanalyse – Faktor „Spielstand“
Anhang 14: Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
Anhang 15: Experteninterview 1 - Auer
Anhang 16: Experteninterview 2 – Correia
Anhang 17: Experteninterview 3 – Linsmayer

II Vorwort

Diese Masterarbeit entstand im Rahmen des Studienganges „Master of Education: Sportwissenschaft“ an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz.

Ich danke Herrn Prof. Dr. Macsenaere und Herrn Dr. Steinberg für die Betreuung dieser Arbeit. Des Weiteren danke ich Benjamin Auer, Marcel Correia und Denis Linsmayer für ihre Bereitschaft zur Teilnahme an Interviews. Ohne meine Interviewpartner wäre diese Arbeit so nicht möglich gewesen. Zuletzt möchte ich noch all denjenigen danken, die in der Zeit der Erstellung dieser Arbeit für mich da waren und mich mit Ratschlägen unterstütze haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Triebtheorie der sozialen Aktivierung nach Zajonc (1965). Quelle: Bierhoff 2006, S.416

Abbildung 2: Formel zur Divergenz zwischen tatsächlicher Gruppenleistung und potenzieller Gruppenleistung nach Hackman und Morris (1975). Quelle: Frey & Bierhoff (2011)

Abbildung 3: Durchschnittliche Leistung pro Person in Relation zur Einzelleistung. Eigene Darstellung. Quelle: Kravitz & Martin (1986, S. 938)

Abbildung 4: Tabellenplatzdifferenz (eigene Darstellung)

Abbildung 5: Veränderung Spielstand (eigene Darstellung)

Abbildung 6: Veränderung Spielstand unter Berücksichtigung des Spielstandes zum Zeitpunkt des Platzverweises (eigene Darstellung)

Abbildung 7: Veränderung Spielstand unter Berücksichtigung des Spielortes (eigene Darstellung)

Abbildung 8: Veränderung Spielstand unter Berücksichtigung des Zeitpunktes des Platzverweises (eigene Darstellung)

IV Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Durchschnittliche Zeit in Sekunden, um Zeitaufgaben in verschiedenen Situationen zu erledigen (nach Markus 1978; Quelle: Fischer & Wiswede 2009, S.669)

Tabelle 2: Kategorienbildung (eigene Darstellung)

V Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Nahezu jeder Mensch verbringt einen großen Teil seines Lebens in Gruppen. Schon in Kindheitstagen erlernen Menschen ein angemessenes Verhalten im Gruppenkontext, sei es in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule. Das „Soziale Faulenzen“ ist ein Teil dieser, durch die Sozialisation erlernten, möglicherweise zusätzlich auch genetischt bedingten, automatisierten Verhaltensweisen. Es beschreibt die Tendenz zur Minderung der Motivation sowie der erbrachten Leistung der einzelnen Mitglieder bei der Arbeit in Gruppen. Da das Arbeiten in Gruppen in der Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist der negative Effekt des „Sozialen Faulenzens“ ein nicht zu vernachlässigender Aspekt bei der Planung von Gruppenarbeiten. Aber auch im Mannschaftssport spielt das „Soziale Faulenzen“ eine wichtige Rolle. Gerade heute, bei der enormen Leistungsdichte im Hochleistungssport, können Kleinigkeiten entscheidend sein für Sieg oder Niederlage, für lukrative Werbe- und Sponsoringverträge in Millionenhöhe. So können im Hochleistungsbereich bereits kleine Unterschiede einen großen Einfluss auf den Erfolg eines Sportlers oder eines Vereins haben. Im Allgemeinen gilt das „Soziale Faulenzen“ bereits als gut erforscht, Studien über dessen Einfluss in Mannschaftssportarten, insbesondere im Fußball, sind jedoch rar.

Generell wird häufig davon ausgegangen, dass ein Platzverweis und das Spielen in Unterzahl einen eindeutigen Nachteil für die Mannschaft in Unterzahl darstellt. Das „Soziale Faulenzen“ hat jedoch die Eigenschaft, dass es mit steigender Gruppengröße zunimmt. Möglicherweise kann so der Nachteil eines Platzverweises durch einen geringeren Einfluss des „Sozialen Faulenzens“ auf die Mannschaft in Unterzahl ausgeglichen oder zumindest verringert werden. Darüber hinaus kann ein Platzverweis eventuell zu einer höheren Motivation der zahlenmäßig geschwächten Mannschaft und auch dadurch zu weniger „Sozialem Faulenzen“ führen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, die Auswirkungen von Platzverweisen auf das Endergebnis im professionellen Fußball unter besonderer Berücksichtigung des „Sozialen Faulenzens“ zu untersuchen.

Um den Leser mit der Materie vertraut zu machen, wird im theoretischen Teil dieser Arbeit zunächst das Individualverhalten von Menschen in interagierenden Gruppen im Allgemeinen erläutert. Anschließend wird spezifisch auf das Phänomen des „Sozialen Faulenzens“ eingegangen, sowie der aktuelle Forschungsstand aufgezeigt. Der darauf aufbauende empirische Teil beginnt mit der Vorstellung der Hypothese und den Forschungsfragen. Anschließend werden die Methoden zur Beantwortung der Forschungsfragen beschrieben und die Untersuchungsergebnisse aufgezeigt. Es werden sowohl statistische Verfahren als auch Interviews eingesetzt. Zum Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und diskutiert.

(A) Theoretischer Teil

2 Individualverhalten bei Anwesenheit von Beobachtern

Mit einem der ersten sozialpsychologischen Experimenten überhaupt zeigte Norman D. Triplett von der Indiana University 1898, dass die Anwesenheit anderer Personen zu einer Aktivierung und Leistungssteigerung führt. Durch sportmedizinische Berichte, Wettkämpfe und Gespräche mit Radrennfahrern erkannte Triplett, dass die Leistung bzw. die Geschwindigkeit bei Wettkämpfen signifikant höher ist als bei Fahrten gegen die Uhr. Mit Hilfe dieser Erkenntnisse entwickelte er die „Theorie der Dynamogenese“ („Theory of dynamogenesis“).[1] Diese Theorie geht davon aus, dass die bloße körperliche Anwesenheit eines anderen Fahrers für den Rennradfahrer einen Reiz zur Auslösung des Wettbewerbs instinktiv darstellt und die andere Person somit ein Auslöser für die Freisetzung von nervöser Energie ist. Außerdem geht Triplett davon aus, dass möglicherweise das bloße Sehen der Bewegung des anderen Fahrers eine Anregung zur größeren Anstrengung ist, weil sie eine höhere Geschwindigkeit suggeriert. Zur Überprüfung und Bestätigung seiner Theorie führte er ein Laborexperiment durch, bei dem 40 9-12 jährige Kinder mit einer speziell konstruierten „Wettbewerbsmaschine“ einzeln oder gleichzeitig mit anderen Kindern Angelschnüre aufzurollen hatten. Auch bei diesem Laborexperiment konnte eine signifikante Leistungssteigerung in der Gruppe festgestellt werden. Aus den Ergebnissen folgerte Triplett erneut, dass die körperliche Anwesenheit eines anderen Konkurrenten zur Freisetzung latenter Energien führt, die normalerweise nicht verfügbar sind.[2]

Das Phänomen, dass die Anwesenheit anderer Personen zu besseren Leistungen führt, wird in der Literatur als „Soziale Erleichterung/Aktivierung“ („Social Facilitation“) bezeichnet. Diese kann sowohl auftreten, wenn die Leistung parallel zu anderen Personen erbracht wird, die die gleiche Aufgabe bearbeiten (Co-Aktions-Situation), als auch wenn die Leistung vor passiven Zuschauern erfolgt (Zuschauer-Situation). Verschiedene Experimente anderer Forscher mit anderen Sportarten bzw. Aufgaben kamen jedoch nicht immer zu dem gleichen Ergebnis wie Triplett. Häufig führte die Anwesenheit anderer Personen zu einem Leistungsabfall. Die Leistungsminderung in Anwesenheit anderer Personen wird als „Soziale Hemmung“ („Social Inhibition“) bezeichnet. Häufig werden beide Effekte als „Social-Facilitation-and-Inhibition-Effect (SFI)“ zusammengefasst.[3] [4]

Diese widersprüchlichen Ergebnisse erklärte Robert Zajonc von der Stanford University 1965 unter Bezug auf Lerntheorien und Ergebnissen der Stressforschung mit seiner „Triebtheorie der sozialen Aktivierung“. Nach dieser Theorie hängt die Wirkung der Anwesenheit anderer Personen davon ab, ob es sich um die Ausführung einfacher oder komplexer Aufgaben handelt. Zajonc geht davon aus, dass die Anwesenheit Anderer zu einer physiologischen Erregung führt, welche daraufhin die Wahrscheinlichkeit zur Aktivierung der in dieser Situation dominanten Reaktion erhöht (=soziale Aktivierung). Bei der Ausübung von einfachen, gut erlernten Tätigkeiten ist die dominante Reaktion meist auch die richtige Reaktion. Bei komplexen Aufgaben ist die dominante Reaktion hingegen häufig nicht die richtige Reaktion. Demzufolge gelangt Zajonc zu der Annahme, dass sich die Anwesenheit anderer Personen auf die Ausführung von einfachen Aufgaben (z.B. Radfahren) positiv auswirkt und zu einer Leistungsverbesserung führt. Bei komplexen Aufgaben (z.B. Kopfrechnen mit Variablen) hingegen kommt es zu einer Leistungsverschlechterung.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Triebtheorie der sozialen Aktivierung nach Zajonc (1965). Quelle: Bierhoff 2006, S.416

Diese Theorie zählt zu den triebtheoretischen Modellen, die annehmen, dass durch eine Erregung („drive“) automatische, d.h. nicht kognitiv vermittelte Reaktionen ausgelöst werden. Laut Zajonc genügt die bloße Anwesenheit anderer Personen um eine Erregung auszulösen, welche wiederum entweder zu einer „Sozialen Erleichterung“ oder zu einer „Sozialen Hemmung“ führt. Weitere Annahmen über die Bedeutung der anwesenden Personen oder die Situation sind nicht von Bedeutung. Lediglich die Aufgabenschwierigkeit ist relevant, da sie determiniert, ob die dominanten Reaktionen auch die richtigen Reaktionen sind. Belegt wurde diese Theorie durch Zajonc gleich mit zwei Experimenten. Siehe hierzu Zajonc 1966 und Zajonc 1968. Auch eine Meta-Analyse von Guerin (1986) bestätigte Zajoncs Theorie.[6] [7]

Ebenfalls zu den triebtheoretischen Modellen zählen die Ansätze von Lück (1969) und Cottrell (1968; 1972), die beide das Modell von Zajonc erweitern. Lück zeigte mit seinen Experimenten, dass eine Leistungssteigerung bei dominanten Verhaltensweisen nur bei einem Publikum auftritt, das die Leistung genau beobachtet und wahrscheinlich auch kompetent beurteilen kann (z.B. Trainer, Fans). Bei einem uninteressierten Publikum konnte diese Wirkung jedoch nicht festgestellt werden. Einen ähnlichen Aspekt beschreibt der Ansatz von Cottrell. In Anlehnung an die experimentelle Artefaktforschung geht diese Theorie davon aus, dass ein SFI-Effekt nur dann eintritt, wenn die observierte Person über die mögliche Bewertung der Beobachter besorgt ist. Die Erhöhung des Triebniveaus ist eine Folge von Bewertungsangst („evaluation apprehension“) und die bloße physische Präsenz einer anderen Person („mere presence“) ist nicht ausreichend um eine Erregung zu erzeugen. Die Annahme Cottrells, dass die Bewertungsangst die dominanten Reaktionen am stärksten unterstützt, wurde in mehreren Experimenten bestätigt. Beispielsweise zeigte sich in einem Experiment von Worringham und Messick (1983), dass Jogger ihre Laufgeschwindigkeit erhöhten, wenn sie an einer Frau vorbeikamen, die ihnen zugewandt im Gras saß, jedoch nicht, wenn diese mit dem Rücken zu Ihnen saß. Wie bei der Theorie von Zajonc führt die Erregung bei einfachen Aufgaben zu einer Leistungsverbesserung und bei komplexen Aufgaben zu einer Verschlechterung.[8] [9]

Die „Ablenkungs-Konflikt-Theorie“ von Sanders & Baron (1975) ist ein weiterer Ansatz zur Erklärung des Auftretens von SFI-Effekten. Sanders & Baron gehen davon aus, dass sich Personen, die sich Gedanken über die Reaktionen von Zuschauern machen, abgelenkt werden und somit ein Teil ihrer Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe verloren geht. Der Konflikt zwischen der Aufmerksamkeitsanforderung durch die Aufgabe und durch die Zuschauer führt ebenfalls zu einem erhöhten Triebniveau. Wie bereits erwähnt, erleichtert dies die Ausführung dominanter Reaktionen und führt damit zu einer Erleichterung einfacher Aufgaben. Der Nachteil der geringeren Aufmerksamkeit wird durch das höhere Triebniveau mindestens ausgeglichen. Komplexe Aufgaben können durch die reduzierte Aufmerksamkeit jedoch deutlich schlechter bewerkstelligt werden und auch das erhöhte Triebniveau führt bei komplexen Aufgaben zu falschen Reaktionen. Somit können die negativen Konsequenzen nicht wie bei einfachen Aufgaben kompensiert werden und es kommt zu einer Hemmung durch die Ablenkungen aufgrund der Anwesenheit anderer Personen.[10] [11] [12]

1978 überprüfte Markus[13] den Einfluss von unauffälligen Anwesenden und aufmerksamen Beobachtern auf dominante und nicht-dominante Reaktionen. Bei diesem Experiment wurde den Versuchspersonen gesagt, dass sie sich für das Experiment alle gleich zu kleiden hätten. Sie wurden deshalb gebeten einen weißen Laborkittel, ein Paar Socken und ein Paar Schuhe im nächsten Raum anzuziehen. Dabei wurde, ohne das die Versuchspersonen es bemerken konnten, die Zeit gestoppt, die sie benötigten um ihre Kleidung abzulegen (gewohnt, dominante Reaktion) und um die Experimentalkleidung anzuziehen (ungewohnt, nicht-dominante Reaktion). Somit konnte die Geschwindigkeit der Ausführung von „dominanten Reaktionen“ und von „nicht-dominanten Reaktionen“ gemessen werden. Um das Individualverhalten der Versuchspersonen zu manipulieren, wurde die Messung der „Umziehgeschwindigkeit“ in einem Raum ohne weitere Person oder mit einer, der Versuchsperson mit dem Rücken zugewandten, unauffälligen und beschäftigten Person oder einer aufmerksam beobachtenden Person durchgeführt. Für das Ausziehen der Kleidung (dominante Reaktion) in einem Raum ohne weitere Person benötigten die Versuchspersonen im Durchschnitt 16,46 Sekunden. Mit der Anwesenheit einer abgewandten, unauffälligen und beschäftigten Person 13,49 Sekunden und mit Anwesenheit eines aufmerksamen Beobachters 11,70 Sekunden. Die Versuchspersonen benötigten also für das Anziehen ohne eine weitere Person am längsten und unter aufmerksamer Beobachtung am kürzesten. Beim Anziehen der Experimentalkleidung (nicht-dominante Reaktion) hingegen erhöht sich die Zeit von durchschnittlich 28,85 Sekunden (alleine), über 32,73 Sekunden (abgewandte, unauffällige und beschäftigte Person) auf 33,94 Sekunden (aufmerksamer Beobachter). Die Ergebnisse bestätigen die „Triebtheorie der sozialen Aktivierung“ von Zajonc, bei der dominante Reaktionen bei Anwesenheit anderer Personen besser, in diesem Fall schneller, ausgeführt werden und nicht-dominante Reaktionen schlechter, in diesem Fall langsamer. Bei genauer Betrachtung der Ergebnisse zeigt sich jedoch, dass anders als bei Zajoncs Hypothese vermutet, nicht die bloße Anwesenheit einer anderen Person für einen maximalen Einfluss sorgt, sondern erst eine direkte Beobachtung. Dies stimmt mit Lückes Untersuchungen (1969), Cottrells „Theorie der Bewertungsangst“ und der „Ablenkungs-Koflikt-Theorie“ von Sanders & Baron überein.[14] [15]

Tabelle 1: Durchschnittliche Zeit in Sekunden, um Zeitaufgaben in verschiedenen Situationen zu erledigen (nach Markus 1978; Quelle: Fischer & Wiswede 2009, S.669)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die beschriebenen Theorien ergänzen sich in ihren Aussagen und tragen jede für sich dazu bei, die Prozesse des „Social-Facilitation-and-Inhibition-Effects“ zu erklären. Zusammenfassend lassen sich die Theorien und Ergebnisse so bewerten, dass ein interessiertes und/oder kritisches Publikum bei einfachen Aufgaben zu einer Leistungsverbesserung („Soziale Aktivierung“) und bei komplexen Aufgaben zu einer Leistungsverschlechterung („Soziale Hemmung“) führt. Schon die bloße Anwesenheit von Personen kann zu einer sozialen Aktivierung bzw. Hemmung führen. Durch Bewertungsangst oder durch Ablenkung wird diese zusätzlich verstärkt.[16] [17]

Neben den dargestellten, bedeutsamsten Theorien gibt es noch eine Vielzahl anderer Theorien und Ergänzungen, um weitere Einflussfaktoren um die Prozesse der SFI-Effekte zu erläutern und zu begründen. Ein Modell mit der Zusammenfassung und Systematisierung der geläufigsten Theorien und Einflussfaktoren wurde 2001 von Aiello und Douthitt vorgestellt.[18] [19]

3 Individualverhalten in interagierenden Gruppen

In diesem Kapitel wird zunächst der Begriff „Gruppe“ definiert. Anschließend wird der Unterschied zwischen der tatsächlichen und der potenziellen Gruppenleistung aufgezeigt, woraufhin die darauf einflussnehmenden Typen von Prozessverlusten und Prozessgewinnen erläutert werden.

3.1 Definition „Gruppe“

In der Literatur gibt es eine Vielzahl von Definitionen für den Begriff der „Gruppe“. Laut Arnold et al. (2010) ist der Kern aller wissenschaftlichen Definitionen von Gruppen der, dass es sich um einen Interaktionszusammenhang mehrerer Personen handelt, der sich zur Erfüllung eines gemeinsamen Zwecks für eine bestimmte Dauer gebildet hat und in dem sich Gefühle der Zugehörigkeit, gemeinsame Ziele, Verhaltensregeln, eine Rollendifferenzierung und eine größere Interaktionsdichte als mit Personen außerhalb der Gruppe entwickeln. Die meisten Gruppen bestehen aus drei bis sechs Mitgliedern. Dabei stimmen das Alter, das Geschlecht, die Überzeugungen und die Meinungen in der Regel überein. Gruppen besitzen soziale Normen, welche als Regeln zu verstehen sind, die für alle Gruppenmitglieder gelten. Innerhalb von Gruppen gibt es meist klar definierte Rollen. Diese legen fest, wie sich Personen speziell in ihrer jeweiligen Rolle zu verhalten haben.[20]

3.2 Prozessgewinne und Prozessverluste in Gruppen

Die tatsächliche Gruppenleistung weicht häufig von der potenziellen Gruppenleistung ab. Die potenzielle Gruppenleistung beschreibt die Leistung, die theoretisch möglich ist, wenn alle Gruppenmitglieder ihre beste Leistung abrufen. Hackman und Morris (1975) begründen diese Divergenz mit den Einflüssen von verschiedenen Prozessgewinnen und Prozessverlusten (siehe Abbildung 2). Prozessverluste, also leistungshemmende Gruppeneinflüsse, liegen vor, wenn die tatsächliche Gruppenleistung unter der potenziellen Leistung liegt. Übersteigt jedoch die tatsächliche Gruppenleistung die potentielle Gruppenleistung, spricht man von Prozessgewinnen. Prozessgewinne und –verluste können während der Gruppeninteraktion gleichzeitig auftreten.[21]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Formel zur Divergenz zwischen tatsächlicher Gruppenleistung und potenzieller Gruppenleistung nach Hackman und Morris (1975). Quelle: Frey & Bierhoff (2011)

Sowohl Prozessgewinne als auch Prozessverluste setzen sich aus Motivations- und Koordinations-Aspekten zusammen. Koordinationsgewinne entstehen, wenn es zu einer Verbesserung oder Erweiterung der individuellen Ressourcen durch die Gruppensituation kommt, beispielsweise durch das Ausgleichen von individuellen Antworttendenzen und Sichtweisen oder durch die Verteilung der Aufgaben nach der Leistungsfähigkeit der Mitglieder. In der Literatur ist es jedoch umstritten, ob Koordinationsgewinne auch in der Praxis und nicht nur theoretisch, auftreten. Koordinationsverluste resultieren daraus, dass die Maximalkraft der einzelnen Personen nicht zeitgleich wirkt (z.B. beim Seilziehen) oder die Aufgabenverteilung, etc. nicht sinnvoll und effizient koordiniert wird.[22] [23]

Gruppenarbeiten haben in der Regel Auswirkungen auf die Motivation der einzelnen Mitglieder, sowohl positive als auch negative. Bei Motivationsgewinnen als auch bei Motivationsverlusten gibt es jeweils drei verschiedene Typen.[24]

Typen von Motivationsgewinnen:

1. Köhlereffekt (indispensability effect): Erhöhte Anstrengung von schwachen Gruppenmitgliedern, um nicht für eine schwache Gruppenleistung verantwortlich zu sein. Tritt am stärksten bei konjunktiven Aufgaben auf, bei denen das schwächste Mitglied ausschlaggebend für die Gruppenleistung ist.[25]
2. Sozialer Wettbewerb (social competition): Erhöhte Anstrengung um andere Gruppenmitglieder zu übertreffen. Tritt am stärksten auf, wenn die Fähigkeiten der Gruppenmitglieder relativ ausgeglichen sind und die einzelnen Beiträge der Mitglieder identifizierbar sind.[26]
3. Soziale Kompensation (social compensation): Erhöhte Anstrengung von stärkeren Gruppenmitgliedern, um die Leistungsdefizite der schwächeren Mitglieder zu kompensieren. Tritt am stärksten auf, wenn von anderen Mitgliedern eine relativ geringe Leistung erwartet wird und die Gruppenleistung persönlich relevant ist.[27]

Typen von Motivationsverlusten:

1. Soziales Faulenzen (social loafing): Geringere Anstrengung von Gruppenmitgliedern, weil sie glauben, ihre individuelle Leistung sei nicht identifizierbar.[28]
2. Soziales Trittbrettfahren (free-riding): Geringere Anstrengung, da der eigene Beitrag an der Gruppenleistung als relativ bedeutungslos angesehen wird.[29]
3. Gimpel-Effekt (sucker effect): Geringere Anstrengung, da von anderen Mitgliedern Faulheit oder „Trittbrettfahren“ angenommen wird und eine eigene Ausnutzung durch andere vermieden werden möchte.[30]

Häufig entwickeln Arbeitsgruppen, bei denen die Produktivität entscheidend ist, Rituale um die beiden Faktoren „Motivation“ und „Koordination“ zu steigern bzw. zu verbessern. Ein Beispiel hierfür sind die „Shantys“ (vom eng. „chant“= Gesang) der Matrosen im 18. und 19. Jahrhundert bei verschiedenen Arbeiten wie dem Aufziehen des Segels oder des Ankers. Das Singen dieser Seemannlieder hatte sowohl motivierende als auch koordinierende Funktionen. „Shantys“ verbreiteten sich vor allem in der Zeit, als immer kleinere Besatzungen immer größere Schiffe betreiben mussten. 1979 führten Latané et al. eine Reihe von Untersuchungen durch, um den relativen Einfluss der beiden Faktoren auf Produktivitätsnachteile zu erforschen. Die Ergebnisse besagen, dass sowohl die Motivations- als auch die Koordinationsaspekte jeweils im gleichen Ausmaße, also jeweils 50%, für die Produktivitätsnachteile verantwortlich sind. Auf die Experimente von Latané et al. wird im Kapitel „Social Loafing“ noch näher eingegangen.[31]

4 „Social Loafing“

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf dem Effekt des „Social Loafings“. Dieser Begriff wird im Folgenden definiert sowie seine Forschungsgeschichte dargelegt. Anschließend werden weitere Charakteristika dieses Effekts aufgezeigt, seine theoretische Einbettung erläutert und Maßnahmen zu dessen Vermeidung vorgestellt.

4.1 Definition und Begriffsabgrenzung

Der Begriff „Social Loafing“ („to loaf“ = “herumlungern“, „bummeln“, „faulenzen“) beschreibt die Tendenz zur Minderung der Motivation sowie der erbrachten Leistung der einzelnen Mitglieder bei der Arbeit in Gruppen. Karau und Williams (1993, S. 681) definieren „Social Loafing“ als „reduction in motivation and effort when individuals work collectively compared with when they work individually [..].“ (Sinngemäß aus d. Engl. übers. v. Verf.: „Reduktion der Motivation und Anstrengung bei der Arbeit von Individuen in Gruppen im Vergleich zur Arbeit alleine). Das von der Gruppe erarbeitete Endprodukt ist demnach kleiner/schlechter als die potenziell mögliche Summe der Einzelleistungen. Dieses sozialpsychologische Phänomen ist wissenschaftlich sehr gut dokumentiert und tritt in allen Arten von Gruppen auf. In der deutschen Literatur wird dieser Effekt als „soziale Faulheit“, „soziales Nachlassen“, „soziale Nachlässigkeit“ sowie „Ringelmann-Effekt“ genannt. Am gebräuchlichsten ist jedoch der Terminus „Soziales Faulenzen“. Aufgrund dessen werden im weiteren Verlauf nur noch die Begriffe „Soziales Faulenzen“ und „Social Loafing“ verwendet.[32] [33]

4.2 Forschungsgeschichte

„Social Loafing“ basiert auf dem ersten sozialpsycholgischen Experiment überhaupt. Dieses wurde bereits 1882 vom französischen Professor für Agraringenieurwesen Max Ringelmann (1861-1931) durchgeführt. Im Zuge seiner Forschungen über die Arbeitseffizienz bei landwirtschaftlichen Anwendungen stieß er zufällig auf das Phänomen, dass die Zugkraft von Gruppen geringer ausfällt als die Addition der individuellen Zugkräfte (beim Ziehen alleine) vermuten lässt und nicht proportional mit der Anzahl der ziehenden Personen ansteigt. Seine daran anknüpfenden Experimente, bei denen hauptsächlich das Tauziehen bei verschiedenen Gruppengrößen untersucht wurde, zeigten, dass der Einzelbeitrag jedes Gruppenmitgliedes mit steigender Gruppengröße abnimmt. Dieses Phänomen wird als „Ringelmann-Effekt“ bezeichnet. Wie in Abbildung 3 zu sehen, sinkt die von Ringelmann gemessene durchschnittliche Leistung pro Person in Relation zur Einzelleistung von 93% bei 2 Personen auf bis zu 49% bei 8 Personen.[34] [35]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Durchschnittliche Leistung pro Person in Relation zur Einzelleistung. Eigene Darstellung. Quelle: Kravitz & Martin (1986, S. 938)

Aufgrund seines Wissens als Ingenieur vermutete Ringelmann den Grund bei Koordinationsproblemen zwischen den ziehenden Personen. Er ging davon aus, dass das gleichzeitige Ziehen das Hauptproblem ist. Motivationsverluste spielten in seinen Überlegungen eine untergeordnete Rolle. Fälschlicherweise galt bis 1986 der deutsche Psychologe Walther Moede als Entdecker. Erst in diesem Jahr stießen Kravitz & Martin auf die Originalpublikationen von Ringelmann (1913) über seine Experimente aus dem 19. Jahrhundert. Zuvor galt die, in dieser Arbeit bereits erwähnte, Untersuchung von Triplett zur „Theorie der Dynamogenese“ aus dem Jahr 1898 als das erste sozialpsychologische Experiment.[36]

Nach Moede wurde der „Ringelmann-Effekt“ zunächst nicht weiter untersucht. Erst 1974, nach 47 Jahren, setzte sich mit Ingham et al. wieder ein Forschungsteam mit der Thematik auseinander. Dabei wurde versucht zwischen Motivations- und Koordinationsverlust zu unterscheiden. Der Versuchsaufbau war identisch mit dem von Ringelmann, jedoch wurden den Versuchspersonen die Augen verbunden und sie zogen teilweise in Pseudogruppen. Dabei dachten die Teilnehmer, dass sie in Gruppen ziehen, in Wirklichkeit taten sie dies aber alleine. Somit konnte der Koordinationsverlust ausgeschlossen werden. Aber auch hier zeigte sich reduzierte Anstrengung in vermeintlichen Gruppensituationen, ansteigend mit der Gruppengröße. Kritisch muss hier jedoch gesehen werden, dass die Zuschauerzahl variierte. Daher kann ein Einfluss der „Sozialen Aktivierung“, wie in Kapitel 2 beschrieben, nicht ausgeschlossen werden.[37]

1979 entwarf Latané et al. ein Experiment, bei dem ebenfalls mit Pseudogruppen gearbeitet wurde, die Gruppengröße jedoch identisch und damit eine mögliche „Soziale Aktivierung“ konstant blieb. Bei diesem Experiment mussten die Versuchspersonen, in Einzelkabinen getrennt voneinander, so laut wie möglich Klatschen und Rufen. Durch die Kabinen und die damit fehlenden Außengeräusche konnte ein Koordinationsverlust ausgeschlossen werden. Wie in den Experimenten zuvor war auch hier die Leistung höher, wenn die Versuchspersonen die Aufgabe alleine ausführten. Somit konnte unter Vermeidung von Koordinationsverlusten ein Motivationsverlust in Gruppen nachgewiesen werden. Um eine Abgrenzung vom „Ringelmann-Effekt“ zu schaffen, der auch Koordinationsverluste beinhaltet, wurde der bis heute akzeptiere Begriff des „Social Loafings“ geschaffen. In den Ergebnissen von Latané et al. wurde das „Social Loafing“ als „Krankheit der Gesellschaft“ bezeichnet, weshalb diese Thematik ein großes Interesse erfuhr. Seitdem sind über 100 weitere Studien über Einflüsse des „Social Loafing“, etc. durchgeführt worden. Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten dieser Ergebnisse wird im folgenden Kapitel dargestellt.[38] [39]

4.3 Charakteristika und Einflussfaktoren auf „Social Loafing“

1993 führten Karau und Williams eine Metaanalyse mit 78, das „Social Loafing“ behandelnde, Studien durch. Dabei konnten mehrere konsistente Einflussfaktoren auf das „Social Loafing“ festgestellt werden. Diese Faktoren lassen sich in die drei Bereiche „Charakteristika der Aufgabe“, „Merkmale der Gruppe und Situation“ und „Eigenschaften der einzelnen Person“ unterteilen.[40]

4.3.1 Charakteristika der Aufgabe

Der wesentliche Einflussfaktor auf „Social Loafing“ ist die Identifizierbarkeit der individuellen Leistung der einzelnen Gruppenmitglieder. „Social Loafing“ trifft nur auf, wenn die individuelle Leistung der einzelnen Gruppenmitglieder nicht sichtbar ist. Sobald die individuelle Leistung identifizierbar ist, entfällt der Effekt. Demzufolge ist bei kollektiv durchgeführten Aufgaben, bei denen der individuelle Beitrag der einzelnen Personen nicht erkennbar ist, mit einem Effekt des „Social Loafings“ zu rechnen. Bei coaktiven Aufgabenstellungen hingegen können die individuellen Beiträge identifiziert und demnach das „Social Loafing“ ausgeschaltet werden.[41]

Auch die Einzigartigkeit des eigenen Beitrags spielt eine gesicherte Rolle. Bei einer empfundenen Redundanz des eigenen Beitrages steigt die Wahrscheinlichkeit des „Social Loafings“. Mit steigender Komplexität und Valenz (lateinisch für Wertigkeit) der Aufgabe wird der Einfluss des „Social Loafings“ hingegen schwächer. Bei einfachen und als unwichtig erachteten Aufgaben steigt das „Social Loafing“ an. Schwere und sehr bedeutsame Aufgaben können das „Social Loafing“ andererseits sogar eliminieren. Bei belanglosen Aufgaben also, wie Klatschen oder Rufen, ist der Effekt des „Social Loafings“ deutlich stärker ausgeprägt als bei Aufgaben, die eine persönliche Involviertheit und Relevanz aufweisen.[42] [43]

Beispielhaft wird zur Anschauung des Einflusses der persönlichen Involviertheit ein Experiment von Brickner, Harkins und Ostrom (1986) dargestellt. Dabei mussten Studenten ihre Gedanken zu einer Einführung einer neuen Prüfungsordnung aufschreiben. Als Maß für die Anstrengung wurde die Anzahl der aufgeschriebenen Gedanken gewählt. Einem Teil der Studenten wurde gesagt, dass sie von der Einführung der neuen Prüfungsordnung betroffen sind und somit wurde ihnen eine große persönliche Relevanz suggeriert. Dem anderen Teil hingegen wurde gesagt, dass sie nicht betroffen sind (geringe persönliche Relevanz). Von beiden Gruppen wurde einer Hälfte gesagt, dass ihre Aufzeichnungen einzeln einem Ausschuss vorgelegt werden, ihre „Leistung“ also identifizierbar ist. Bei der anderen Hälfte sollten die Ergebnisse gesammelt vorgetragen werden. Somit ist deren Leistung nicht identifizierbar. Bei einer geringen Relevanz und keiner Identifizierbarkeit wurden im Vergleich zu einer geringen Relevanz und der möglichen Identifizierbarkeit relativ wenige Gedanken aufgeschrieben. Bei einer großen persönlichen Relevanz hingegen wurden generell viele Gedanken aufgeschrieben und es konnte kein signifikanter Unterschied bei der Anzahl der niedergeschriebenen Gedanken zwischen den beiden Gruppen (Identifizierbar/Nicht-Identifizierbar) festgestellt werden.[44] [45]

4.3.2 Merkmale der Gruppe und Situation

Der bereits von Ringelmann festgestellte lineare Einfluss der Gruppengröße auf die Stärke des „Social Loafings“ wurde von der Metaanalyse von Karau und Williams (1993) grundsätzlich bestätigt. Demnach nimmt mit steigender Teilnehmerzahl die Stärke des „Social Loafings“ zu. Allerdings vermuten Karau und Williams, dass sich der Effekt mit zunehmender Teilnehmerzahl asymptotisch an einen Maximalwert annähert, da es für eine einzelne Person relativ irrelevant ist, ob die Gruppe beispielsweise nun aus 40 oder 41 Personen besteht.[46]

Neben der Valenz der Aufgabe wird auch die Valenz der Gruppe als Einflussgröße auf das „Social Loafing“ angenommen. Laut Karau und Williams bedeutet dies, dass sich der Einfluss von „Social Loafing“ mit zunehmender Gruppenkohäsion verringert. Aktuellere Studien widersprechen dieser Annahme, wohingegen andere diese Annahme bestätigen. Demnach ist der Einfluss der Valenz der Gruppe noch nicht abschließend geklärt.[47]

Neben den genannten Gruppenmerkmalen werden noch Situationsmerkmale als Einflussfaktoren auf das „Social Loafing“ vermutet, beispielsweise die Wirkung von Belohnung bzw. Bestrafung oder die Interaktionsqualität mit möglichen Vorgesetzten. Diese Faktoren sind jedoch noch nicht ausreichend untersucht und werden hier deshalb nicht näher betrachtet.[48]

4.3.3 Eigenschaften der einzelnen Personen

Generell lässt sich sagen, dass „Social Loafing“ bei Männer stärker ausgeprägt ist als bei Frauen. Begründen lässt sich dies durch die stärkere Tendenz von Frauen sich auf die persönliche Beziehung zu anderen Menschen zu konzentrieren (relationale Interdependenz) und sie daher möglicherweise weniger zu „Social Loafing“ neigen. Gesichert ist ebenfalls die Tatsache, dass „Social Loafing“ in östlichen Kulturen im Vergleich zu westlichen geringer ausgeprägt ist. Als Grund hierfür wird die in östlichen Kulturen übliche interdependente Selbtssicht vermutet, bei der die Selbstdefinition auf der eigenen Beziehung zu anderen Menschen basiert, d.h. weniger individualistisch ist, was die Neigung zum „Social Loafing“ abschwächt. Allerdings lässt sich „Social Loafing“ auch bei Frauen und östlichen Kulturen nachweisen.[49]

Außerdem steigt die Tendenz zum „Social Loafing“ mit ansteigender Müdigkeit. Weiterhin bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Wissen um „Social Loafing“ eben dieses nicht beeinflusst. Gezeigt wurde dies 1985 in Experimenten von Huddleston, Doody und Ruder, bei denen sich kein signifikanter Unterschied zwischen „über „Social Loafing“ aufgeklärten Personen“ und „nicht aufgeklärten Personen“ feststellen ließ. Weitere Persönlichkeitseigenschaften wurden bisher nur in Einzelstudien und nicht metaanalytisch untersucht, weshalb sie hier nicht weiter erläutert werden.[50] [51]

4.4 Theoretische Einbettung von „Social Loafing“

Nach der Entdeckung des „Social Loafings“ wurden verschiede Ansätze entwickelt, um dieses Phänomen zu erklären, beispielsweise die „Social Impact Theory“ von Latané (1981), die „Selbst-Aufmerksamkeits-Hypothese“ von Mullen (1983) oder die „Erregungs-Reduktions-Theorie“ von Jackson und Williams (1985). Laut Karau und Williams (1993) behandeln diese Theorien jedoch nur bestimmte Bereich und sind somit nicht umfassend genug. Aus diesem Grund entwickelten sie das „Collective Effort Model (CEM)“ unter Berücksichtigung aller bekannter Einflussfaktoren und mit Einbezug der bisherigen Ansätze.[52]

Die Basis des CEM bildet die „Erwartungs-Wert-Theorie“[53]. Demnach geht das Model davon aus, dass eine Person nur dann motiviert ist, wenn sie annimmt, dass ihre eigene Anstrengung ein für sie persönlich wertvolles Ergebnis hervorbringt. Dies gilt sowohl für Einzel- als auch für Gruppensituationen. In Einzelsituationen kann die jeweilige Person gut abschätzen, ob das gewünschte Ergebnis durch das eigene Verhalten erreicht werden wird. In Gruppensituationen ist dies für den Einzelnen jedoch schwierig, da die individuelle Leistung in der Regel nur einen teilweisen Einfluss auf die Gruppenleistung hat. Aus allen individuellen Leistungen der Mitglieder resultiert dann das Endergebnis für die Gruppe. Neben der Schwierigkeit für den Einzelnen das erwünschte Gruppenergebnis vorherzusehen, bedingen auch weitere Faktoren den Grad der Motivation. Beispielsweise sinken die Motivation und damit auch die Anstrengung, wenn eine Person den eigenen Beitrag in einer (großen) Gruppe nicht als relevant empfindet.[54]

Karau und Williams (1993) sowie weitere Forscher[55] konnten zeigen, dass das „Collective Effort Model“ in der Lage ist, korrekte Vorhersagen über das „Social Loafing“ zu machen. Insgesamt betrachtet ist das CEM das derzeit umfassendste, akzeptierteste und aktuellste Model um die Einflussfaktoren auf das „Social Loafing“ zu erklären. Dieses Kapitel dient lediglich als Einführung in das „Collective Effort Model“. Für die weitere Vertiefung empfiehlt sich die Lektüre des Artikels „Social Loafing: A Meta-Analytic Review and Theoretical Interation“ von Karau und Williams, erschienen 1993 im „Journal of Personality and Social Psychology“.[56]

4.5 Maßnahmen zur Vermeidung von „Social Loafing“

In Kapitel 4.3 wurden die verschiedenen Einflussfaktoren auf „Social Loafing“ bereits angesprochen. Im Folgenden sollen nun Möglichkeiten aufgezeigt werden, um diese Faktoren so zu beeinflussen, dass „Social Loafing“ verhindert bzw. verringert wird. So sollten kollektive Aufgabenstellungen vermieden und stattdessen coaktive Aufgabenstellungen gewählt werden, da individuelle Leistungsbeiträge so identifiziert werden können und „Social Loafing“ dadurch ausgeschaltet werden kann. Häufig sind jedoch nur kollektive Aufgabenstellungen möglich, weshalb noch weitere Faktoren beachtet werden müssen. Zum einen sollte die Schwierigkeit der Aufgabe so gewählt werden, dass die Aufgabe fordernd ist und die Gruppenmitglieder nicht durch zu „einfache“ Aufgaben gelangweilt werden. Außerdem sollte die Aufgabe eine gewisse Relevanz für die Gruppe haben, um den Effekt des „Social Loafings“ zu verringern. Auch sollte hierfür versucht werden, eine Beziehung zwischen der Aufgabe und den Gruppenmitgliedern herzustellen, um eine persönliche Involviertheit zu erlangen. Zusätzlich sollte jedem Teilnehmer die Relevanz des eigenen Beitrages aufgezeigt werden. Demzufolge sollte die Gruppengröße auch nicht zu groß gewählt werden, da der eigene Beitrag mit steigender Gruppengröße mehr und mehr als irrelevant erachtet wird. Auch wenn die Valenz der Gruppe als Einflussfaktor noch nicht abschließend geklärt ist, sollte auch hier versucht werden, eine möglichst starke Gruppenkohäsion zu erreichen. Laut Lieber (2007) ist Gruppenkohäsion das Ausmaß, in dem Gruppenmitglieder die Zusammengehörigkeit der Gruppe empfinden. Sie gibt an, wie stabil eine Gruppe ist, wie stark sie einem Druck von außen widerstehen kann und wie attraktiv die Mitgliedschaft für ihre Mitglieder bzw. potentielle Mitglieder ist. Gesteigert wird sie unter anderem durch eine lange, gemeinsam verbrachte Zeit (Gruppenentwicklung[57] ), häufige Interaktion, Art der Aufnahme in die Gruppe (freiwillig vs. gezwungen) und hoher Vertrautheit untereinander. Demnach sollten die Gruppenmitglieder freiwillig der Gruppe angehören wollen und nicht gegen ihren Willen dazu gedrängt werden. Ansonsten benötigt die Gruppenentwicklung in der Regel eine gewisse Zeit um in die „Performing-Phase“ nach Tuckman, in der die größte Kohäsion erreicht wird, zu gelangen, weshalb man in der Anfangsphase der Gruppenentwicklung mit einem größeren Effekt des „Social Loafings“ rechnen muss. Sollten die Gruppenmitglieder nicht bereits zu Beginn eine hohe Vertrautheit untereinander aufweisen, beispielsweise durch vorherige Gruppenarbeiten, empfiehlt es sich die Gruppenentwicklung durch Teambuilding-Maßnahmen[58] zu unterstützen.[59] [60]

5 Aktueller Forschungsstand

In diesem Kapitel wird der aktuelle Forschungsstand zum „Social Loafing“ im Sport dargelegt und anschließend zwei, dem Thema dieser Arbeit ähnliche, Studien vorgestellt.

5.1 „Social Loafing“ im Sport

Wie in Kapitel vier gezeigt, gilt „Social Loafing“ bereits als gut erforscht. Auch im Bereich des Sports liegt zu diesem Thema eine Vielzahl von Studien vor. Nach dem ersten Experiment 1882 von Ringelmann, das sich auf körperliche Aktivitäten bezog, begann die Forschung auf diesem Gebiet 1985 mit einer Studie von Huddleston, Doody und Ruder. Diese belegte die Existenz von „Social Loafing“ im Rahmen einer 55m-Sprintstaffel, insofern die individuellen Zeiten nicht bekannt gegeben wurden. Gleiches zeigten Williams, Nida, Baca und Latané bei einer Schwimmstaffel sowie Austin Swain (1996) bei einer 30m-Sprintstaffel. Die Studie von Huddleston et al. zeigte darüber hinaus, dass „Social Loafing“ auch bei zuvor aufgeklärten Sportlern auftritt.[61]

Eine für die Sportpraxis interessante Studie wurde 2003 von Heuzé und Brunel durchgeführt. Diese variierten die Gewinnerwartung der Probanden, indem sie sie über die vermeintliche Leistungsfähigkeit der Konkurrenten aufklärten. Sobald diese deutlich größer war als die eigene, konnte „Social Loafing“ beobachtet werden. Bei ungefähr gleich starker Leistungsfähigkeit allerdings nicht.[62]

Es gibt eine Reihe weiterer Studien in denen „Social Loafing“ im Sport nachgewiesen werden konnte, allerdings lassen sich bis heute nur sehr wenige Studien über „Social Loafing“ in Spielsportarten finden. Dies liegt möglicherweise an der Schwere „Social Loafing“ in Spielsportarten objektiv zu messen. Beispielsweise versuchten Høigaard und Ingvaldsen 2006 „Social Loafing“ beim Floorball zu messen, indem die Anstrengung mithilfe der Herzfrequenz operationalisiert wurde. Auch hierbei konnte „Social Loafing“ nachgewiesen werden. Allerdings ist es nicht gesichert, ob diese Art der Operationalisierung ein valides Ergebnis zulässt.[63] [64]

Abschließend muss erwähnt werden, dass es sich bei den meisten Studien um Feldexperimente mit künstlichen Wettkampfsituationen handelt. Begründen lässt sich dies mit der Tatsache, dass bei realen Wettkämpfen die individuelle Leistung entweder immer messbar (z.B. Sprintstaffel) oder gar nicht messbar (z.B. Rudern) ist. In Trainingssituationen gilt „Social Loafing“ jedoch als nachgewiesen. Generell wird davon ausgegangen, dass auch in realen Wettkämpfen, vor allem bei Spielsportarten, bei denen die individuelle Leistung und Anstrengung schwer zu messen sind, „Social Loafing“ eine wichtige, bisher möglicherweise unterschätzte, Rolle spielt.[65]

5.2 Auswirkungen von Platzverweisen im Fußball

Empirische Studien zu den Auswirkungen von Platzverweisen sind kaum vorhanden. Als erstes beschäftigten sich Ridder, Cramer und Hopstaken 1994 mit der Thematik. In ihrer Studie untersuchten sie 140 Spiele mit einem Platzverweis aus den Spielzeiten 89/99 bis 91/92 der 1. und 2. Liga der Niederlande (Eredivisie und Eerste Divisie). Dabei zeigte sich, dass sich die „scoring intensity“ der vollzähligen Mannschaft um 88% erhöhte und die „scoring intensity“ der Mannschaft in Unzahl keinen signifikanten Unterschied aufweist. Neben der geringen Anzahl an untersuchten Spielen ist zu kritisieren, dass mögliche, unterschiedliche Spielstärken der Mannschaften bei der Auswertung keine Berücksichtigung fanden.[66]

Caliendo und Radic berücksichtigten in ihrer Studie von 2006 auch die unterschiedlichen Spielstärken. Sie untersuchten alle Spiele mit Platzverweisen der 17 Weltmeisterschaften von 1930 bis 2002 (n=86) und kamen zu dem Ergebnis, dass, anders als bei der Studie von Ridder et al. (1994), kein Unterschied der „scoring intensity“ vor und nach dem Platzverweis festgestellt werden kann, insofern der Platzverweis in der 2. Halbzeit ausgesprochen wird. Fraglich bei dieser Studie ist, ob Spiele von Weltmeisterschaften über einen Zeitraum von 72 Jahren überhaupt miteinander verglichen werden können. Zum einen, da sich Spielstil, Taktiken, etc. im Laufe der Zeit deutlich gewandelt haben, zum anderen, weil sich der Spielstil (beispielsweise offensiv oder defensiv) in der Gruppenphase vom Spielstil in der KO-Runde wegen unterschiedlicher Qualifikationsmodi (Tabelle vs. Direkter Vergleich) unterscheiden kann. Auch wurde bis 1958 bei einem Unentschieden in der KO-Runde ein Wiederholungsspiel angesetzt. Inzwischen wird der Sieger jedoch in der direkt anschließenden 30-minütigen Verlängerung und im eventuell daran anschließenden Elfmeterschießen ermittelt. Auch hier können deswegen Unterschiede im Spielstil vermutet werden. Hinzu kommt, dass auch Spiele untersucht wurden, in denen mehr als zwei Platzverweise ausgesprochen wurden. Dies wirft Fragen zur Vergleichbarkeit der Spiele auf.[67]

Nach Kenntnis des Autors gibt es derzeit keine Studie, die den Einfluss von Platzverweisen auf das Endergebnis nach Einführung der flächendeckenden Analyse der Laufleistung untersucht hat. Ein Bedarf an einer aktuellen Studie ist demzufolge vorhanden und soll mit dieser Arbeit erbracht werden.

(B) Empirischer Teil

6 Hypothese und Fragestellung

Basierend auf der zuvor dargelegten Theorie über „Social Loafing“ wurde vom Autor dieser Arbeit folgende Hypothese speziell für den Fußball entwickelt:

„Aufgrund eines geringeren Einflusses des „Sozialen Faulenzens“ bei Mannschaften in Unterzahl und der damit einhergehenden, höheren individuellen Leistung deren Spieler, ist diese in der Lage, die Unterzahlsituation auszugleichen und es gibt demnach im Durchschnitt keine Veränderung des Spielstandes zugunsten der vollzähligen Mannschaft.“

Daraus lassen sich folgende, zum Teil explorative, Fragenstellungen herleiten:

1. Wie verändert sich der Spielstand nach einem Platzverweis unter Berücksichtigung von Spielstand (Führung/Unentschieden/Rückstand), Spielort (Heim/Auswärts) und Zeitpunkt des Platzverweises (Einteilung in 4 gleichgroße Klassen, Erläuterung erfolgt später)?
2. Haben die Faktoren Spielort, Spielstand und Zeitpunkt des Platzverweises einen signifikanten Einfluss auf die Veränderung des Spielstandes nach dem Ausspruch eines Platzverweises? Wenn ja, wieso? Wenn nein, wieso nicht?
3. Spielt das Soziale Faulenzen nach dem Ausspruch eines Platzverweises eine Rolle? Wenn nein, weshalb nicht?
4. Welche weiteren Einflussfaktoren gibt es?
5. Wie sind diese Faktoren zu gewichten?
7 Methoden

Im Folgenden werden die beiden, für die Beantwortung der Fragestellungen verwendeten Methoden beschrieben.

7.1 Spielanalyse – Datenerhebung und Varianzanalyse

Zur Beantwortung der ersten Fragestellung (Wie verändert sich der Spielstand nach einem Platzverweis unter Berücksichtigung von Spielort, Spielstand und Zeitpunkt des Platzverweises?) und teilweise der zweiten Fragestellung (Haben die Faktoren Spielort, Spielstand und Zeitpunkt des Platzverweises einen signifikanten Einfluss auf die Veränderung des Spielstandes nach dem Ausspruch eines Platzverweises?) werden zunächst alle Spiele der ersten und zweiten Deutschen Fußball-Bundesliga ab der Saison 2009/2010 bis zum 17. Spieltag der Saison 2015/2016 in denen ein Platzverweis, d.h. eine rote oder eine gelb-rote Karte, ausgesprochen wurde, erfasst. Als Datengrundlage dienen die online frei zugänglichen Statistiken der „Deutschen Fußball Liga GmbH“ (www.dfl.de), der „Olympia-Verlag GmbH (Kicker online)“ (www.kicker.de) und der „Transfermarkt GmbH & Co. KG“ (www.transfermarkt.de).[68] Die Saison 2009/2010 wird als erste Saison gewählt, da spätestens ab dieser von einer flächendeckenden Analyse der Laufleistung in der ersten und zweiten Liga ausgegangen werden kann.[69] Selbige können in dieser Arbeit leider nicht dargestellt und untersucht werden, da der Rechteinhaber, die Deutsche Fußball Liga GmbH, diese nur für ausgewählte Doktorarbeiten bereitstellt.

Um valide und vergleichbare Aussagen treffen zu können, werden nur Spiele mit lediglich einem einzigen Platzverweis erfasst. Hinsichtlich des Grundes des Platzverweises (Notbremse, Tätlichkeit, etc.) wird nicht unterschieden. Folgende Daten werden für die anschließende Analyse erfasst (vollständige Tabelle siehe Anhang 1):

- Liga (1./2.)
- Saison (09/10-15/16)
- Spieltag (1.-34.)
- Heimmannschaft
- Auswärtsmannschaft
- Mannschaft mit Platzverweis (Heim/Auswärts)
- Zeitpunkt des Platzverweises (1.min-90.min+Nachspielzeit)
- Anzahl Tore Mannschaft mit Platzverweis zum Zeitpunkt des Platzverweises
- Anzahl Tore Mannschaft ohne Platzverweis zum Zeitpunkt des Platzverweises
- Anzahl Tore Mannschaft mit Platzverweis bei Spielende
- Anzahl Tore Mannschaft ohne Platzverweis bei Spielende
- Zuschauerzahl

Aus dem Spielstand zum Zeitpunkt des Platzverweises wird zusätzlich die Differenz der geschossenen Tore beider Mannschaften errechnet. Das Gleiche geschieht anhand des Endergebnisses. Bildet man nun die Differenz aus diesen beiden Differenzen, erhält man die zu erforschende abhängige Variable, die Veränderung des Spielstandes. Das Ganze wird am Beispiel des Spiels Bayer Leverkusen - 1.FC Köln (1. Liga, Saison 15/16, 12. Spieltag) erläutert. Zum Zeitpunkt des Platzverweises (53. Minute, Bayer Leverkusen) stand es 1:1. Daraus ergibt sich eine Differenz von 0 (1-1=0). Am Ende der Partie stand es 1:2, man erhält eine Differenz von -1 (1-2=-1). Die Differenz aus diesen beiden Differenzen beträgt -1 (-1-0=-1). Diese Differenz wird im Folgenden als Veränderung des Spielstandes bezeichnet.[70] Positive Werte beschreiben eine positive Veränderung des Spielstandes für die Mannschaft, die den Platzverweis erhalten hat. Negative Werte hingegen eine positive Veränderung des Spielstandes für die Mannschaft ohne Platzverweis. Der Spielstand hat sich in diesem Fall also um 1 Tor zugunsten der Mannschaft ohne Platzverweis (Köln) verschoben.

Um möglichst valide Ergebnisse zu erhalten, wird bei der Erhebung und Auswertung der Daten noch auf zwei weitere Gesichtspunkte geachtet. Zum einen wird bei Platzverweisen im eigenen Strafraum, also mit anschließendem Elfmeter für den Gegner, das Ergebnis nach dem geschossen Elfmeter herangezogen. Grund hierfür besteht, da der anschließende Spielverlauf entscheidend für die Untersuchung ist und ein durch den Platzverweis verwandelter Elfmeter das Ergebnis verfälschen würde. Außerdem werden lediglich Spiele untersucht, bei denen die Tabellenplatzdifferenz der beiden Mannschaften maximal 10 betrug (9 (1.FC Köln)-5 (Bayer Leverkusen)=4). Um mögliche Formschwankungen zu berücksichtigen, wird hierfür an den ersten 17 Spieltagen die Hinrundentabelle herangezogen, an den letzten 17 Spieltagen hingegen die Rückrundentabelle. Der Einbezug der Tabellenplatzdifferenz geschieht, um Spiele mit zu großen Qualitätsunterschieden zwischen beiden Mannschaften auszuschließen und somit die Mannschaftsstärke als mögliche Einflussquelle zu eliminieren. Abschließend muss noch erwähnt werden, dass in dieser Studie lediglich Spiele mit einem Platzverweis untersucht werden und keine Vergleiche mit Spielen ohne Platzverweise gezogen werden.

Sowohl die deskriptiven als auch die induktiven Statistiken werden mit der Software „IBM SPSS Statistics 23“ berechnet und erstellt. Der Einfluss der Faktoren „Spielort“, „Zeitpunkt“ und „Spielstand“ auf die Veränderung des Spielstandes nach Aussprache eines Platzverweises wird mithilfe einer dreifaktoriellen, univariaten Varianzanalyse berechnet. Diese dient der Überprüfung der Signifikanz des Unterschiedes von Mittelwertdifferenzen und deckt auf, ob zumindest ein Unterschied zwischen multiplen Vergleichsgruppen signifikant ist. Sie setzt eine intervallskalierte abhängige Variable (Veränderung des Spielstandes) und (mindestens) nominal-skalierte, unabhängige Variablen (Spielort, Zeitpunkt, Spielstand) voraus.

[...]


[1] Dynamogenese (dynamos= griechisch für Kraft; genesis=griechisch für Entstehung)

[2] Vgl. Lück (1985, S. 9f)

[3] Vgl. Bierhoff (2006, S. 416)

[4] Vgl. Piontkowski (2011, S. 136)

[5] Vgl. Bierhoff (2006, S. 416)

[6] Vgl. Piontkowski (2011, S. 137)

[7] Vgl. Bierhoff (2006, S. 417)

[8] Vgl. Bierhoff (2006, S. 417)

[9] Vgl. Piontkowski (2011, S. 137f)

[10] Vgl. Piontkowski (2011, S. 139f)

[11] Siehe Sanders & Baron (1975)

[12] Vgl. Fischer & Wiswede (2009, S. 668)

[13] Siehe Markus (1978)

[14] Siehe Markus (1978)

[15] Vgl. Fischer & Wiswede (2009, S. 668f)

[16] Vgl. ebd. (S. 669)

[17] Vgl. Bierhoff (2006, S. 417)

[18] Vgl. Piontkowski (2011, S. 143)

[19] Siehe Aiello & Douthitt (2001)

[20] Vgl. Aronson, Wilson & Akert (2014, S.311f)

[21] Vgl. Frey & Bierhoff (2011, S. 227f)

[22] Vgl. ebd. (S. 228-233)

[23] Vgl. Piontkowski (2011, S. 146-153)

[24] Vgl. Frey & Bierhoff (2011, S. 228)

[25] Siehe dazu auch Hertel, Kerr & Messé (2000)

[26] Siehe dazu auch Stroebe, Diehl & Abakoumkin (1996)

[27] Siehe dazu auch Williams & Karau (1991)

[28] Siehe dazu auch Latané, Williams & Harkins (1979)

[29] Siehe dazu auch Kerr & Bruun (1983)

[30] Siehe dazu auch Kerr (1983)

[31] Vgl. Fischer & Wiswede (2009, S. 670f)

[32] Vgl. Ohlert (2009, S. 5)

[33] Vgl. Karau & Williams (1993, S.681f)

[34] Vgl. Ohlert (2009, S. 5f)

[35] Vgl. Frey & Bierhoff (2011, S. 231)

[36] Vgl. Ohlert (2009, S. 5f)

[37] Vgl. Ohlert (2009, S. 6-7)

[38] Vgl. ebd. (S. 7)

[39] Vgl. Bierhoff (2006, S.419)

[40] Vgl. Karau & Williams (1993, S. 681)

[41] Vgl. Ohlert (2009, S. 8)

[42] Vgl. ebd.

[43] Vgl. Bierhoff (2006, S. 420)

[44] Vgl. Bierhoff (2006, S.420f)

[45] Vgl. Brickner, Harkins & Ostrom (1986, S. 763ff)

[46] Vgl. Ohlert (2009, S. 9)

[47] Vgl. Ohlert (2009, S. 9)

[48] Vgl. ebd. (S. 9f)

[49] Vgl. Aronson et al. (2014, S. 284)

[50] Vgl. Ohlert (2009, S. 10f)

[51] Vgl. ebd. (S. 20)

[52] Vgl. ebd. (S. 11)

[53] Siehe dazu auch Heckhausen (1977)

[54] Vgl. Ohlert (2009, S. 12f)

[55] Beispielsweise Feuchter & Funke (2004)

[56] Ohlert (2009, S. 13f)

[57] Siehe Phasenmodell nach Tuckman (1965)

[58] Siehe z.B. Poggendorf (2012)

[59] Vgl. Bierhoff (2006, S.421)

[60] Vgl. Lieber (2007, S.204ff)

[61] Vgl. Ohlert (2009, S. 19f)

[62] Vgl. ebd. (S.20)

[63] Vgl. ebd. (S.20f)

[64] Vgl. Høigaard & Ingvaldsen (2006, S.57-58)

[65] Vgl. Ohlert (2009, S.21)

[66] Vgl. Ridder & Cramer & Hopstaken (1994, S.1124-1127)

[67] Vgl. Caliendo & Radic (2006, S. 1-23)

[68] Die Daten wurden zwischen dem 15.11.2015 und dem 20.12.2015 erfasst.

[69] Vgl. Siegle, Geisel & Lames (2012, S. 278)

[70] Sollten beide Teams nach dem Platzverweis noch gleich viele Tore schießen, beträgt die Differenz ebenfalls 0 und es wird von keiner Veränderung des Spielstandes gesprochen.

Details

Seiten
123
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668459144
ISBN (Buch)
9783668459151
Dateigröße
1001 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366060
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Sportwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Soziales Faulenzen Social Loafing Fussball Platzverweis Auswirkungen Psychologie

Autor

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Titel: Auswirkungen von Platzverweisen auf das Endergebnis im professionellen Fußball. Einfluss des „Sozialen Faulenzens“ im Mannschaftssport