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Die Nachrichtenwerttheorie. Wie Ereignisse zu Nachrichten werden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anfänge der Nachrichtenwert-Forschung
2.1 Die ersten Forschungen in den Vereinigten Staaten
2.2 Der Beginn der europäischen Forschungstradition

3. Die erste umfassende Theorie

4. Die Arbeiten nach Galtung und Ruge
4.1 Øystein Sande
4.2 Karl Eric Rosengren
4.3 Winfried Schulz
4.4 Joachim Friedrich Staab

5. Nachrichtenwert und Rezeption

6. Die Theorie in journalistischen Praxisbüchern

7. Zusammenfassung

8. Literatur

1. Einleitung

“ All the reporters in the world working all the hours of the day could not witness all the happenings in the world. There are not a great many reporters. And none of them has the power to be in more than one place at a time. Reporters are not clairvoyant, they do not gaze into a crystal ball and see the world at will, they are not assisted by thought- transference. Yet the range of subjects these comparatively few men manage to cover would be a miracle indeed, if it were not a standardized routine. ” 1 Walter Lippmann Die New York Times hat ein simples Motto: „All the news that fit to print.” Nicht mehr und nicht weniger könne der Leser in dem Blatt erwarten. Der Slogan ist eben so griffig wie nichtssagend. Die Zeitung drucke alle Neuigkeiten, die es wert sind, gedruckt zu werden. Doch wann wird ein Ereignis zur Nachricht? Und wann ist sie es wert, in der Zeitung zu stehen? In Deutschland liefert der Basisdienst der Deutschen Presseagentur täglich zwischen dreihundert und fünfhundert Meldungen an die Redaktionen. Die Agentur Reuters schickt täglich etwa 450, die amerikanische Associated Press ungefähr 250 Meldungen in deutsche Redaktionsbüros. Agence France Press ergänzt das Angebot mit immerhin noch durchschnittlich 220 Meldungen je Tag.2 Dazu kommen die Nachrichten von ddp und von kleineren Agenturen sowie Meldungen aus den Themendiensten für Sport, Religion und Wirtschaft. Die Fülle an Nachrichten, die deutsche Journalisten über Agenturen erreicht, ist bereits vorsortiert. Es handelt sich um eine Auswahl, nicht um das Abbild des Weltgeschehens. Die Redakteure bei den Tageszeitungen und Rundfunksendern reduzieren das Material erneut. Auch hier stellt sich die Frage: Nach welchen Gesichtspunkten wählen Journalisten Nachrichten aus?

Eine Erklärung, wann Journalisten ein Ereignis für berichtenswert halten, liefert die Nachrichtenwert-Theorie. Sie führt die Entscheidung zur Veröffentlichung einer Nachricht auf bestimmte Eigenschaften von Ereignissen zurück. Nicht die subjektive Auswahl des Journalisten, sondern die quasi objektiven Eigenschaften eines Ereignisses bestimmen nach dieser Theorie, was in der Zeitung steht und was nicht. Prominenz, Elite und Negativität sind nur drei der in der Theorie benannten Eigenschaften, die eine Nachricht für den Journalisten interessant machen.

Diese Arbeit stellt die Nachrichtenwert-Theorie vor. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten Forschungen bis 1999. Dabei berücksichtigt sie sowohl die Auswirkungen der Theorie auf die Arbeit von Journalisten als auch den Zusammenhang zwischen Nachrichtenwert und Rezeption und sie erwähnt mögliche Folgen für das politische System. Behandelt werden vor allem die umfangreichen Thesen von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge und ihre wichtigsten Kritiker wie Karl Eric Rosengren, Winfried Schulz und Joachim Friedrich Staab. Letzterer versuchte, das apolitische Modell der Nachrichtenwerttheorie in das Konzept der „Instrumentellen Aktualisierung“ von Hans Mathias Kepplinger zu integrieren. Er vermutete, dass Journalisten einigen Ereignissen Nachrichtenwert zuschreiben, um damit ihre subjektive Auswahl zu legitimieren. Ergänzend zur Überblicksdarstellung wird im letzten Kapitel dargelegt, inwieweit sich die Thesen der Sozialwissenschaftler in einer Auswahl journalistischer Lehrbücher wiederfinden.

2. Anfänge der Nachrichtenwert-Forschung

2.1 Die ersten Forschungen in den Vereinigten Staaten

Bereits 1922 stellte der Amerikaner Walter Lippmann in seinem Buch „Public Opinion“ die These auf, dass die Wirklichkeit wegen ihrer Komplexität weder vollständig erkannt noch dargestellt werden kann. Auch die Nachrichten in den Tageszeitungen seien nicht mit der Realität identisch. „All the reporters in the world working all the hours of the day could not witness all the happenings in the world“3, schrieb Lippmann. Aber selbst das, was die Reporter wahrnehmen, spiegele sich nicht komplett in den Nachrichten wieder. Vielmehr beruhten Nachrichten auf Selektion und Interpretation der Journalisten. Eine Zeitung bringe nur stereotypisierte Ausschnitte von Realität. „Without standardization, without stereotypes, without routine judgements, without a fairly ruthless disregard of subtlety, the editor would soon die of excitement.”4 Lippmann fragte sich, welche Kriterien Ereignisse erfüllen müssen, damit Journalisten sie aufgreifen und zu Nachrichten machen. Er verwendete für die Beantwortung seiner Frage den Begriff „news value“. Darunter versteht er Merkmale von Ereignissen, die ihre Wahrscheinlichkeit zur Veröffentlichung erhöhen. Anhand einzelner Beispiele nannte Lippmann einige Eigenschaften, die nach seiner Ansicht den Nachrichtenwert bestimmen. So führte er an: räumliche Nähe, Prominenz, Sensationalismus, Etablierung, Dauer, Relevanz, Schaden, Nutzen, Struktur sowie institutioneller Einfluss. Je mehr Kriterien auf Ereignis zutreffen und je ausgeprägter sie sind, desto größer ist nach Lippman die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Nachricht wird.5

Lippmanns Grundkonzept wurde in einigen amerikanischen Büchern zur Journalistenausbildung übernommen, ohne dass deren Autoren direkt auf ihn Bezug nahmen. In den Darstellungen treten sechs Faktoren fast immer hervor. Hierzu gehören Unmittelbarkeit, Nähe, Prominenz, Ungewöhnlichkeit, Konflikt und Bedeutung.6 James Buckalew und Robert Clyde haben in Input-Output-Analysen nachweisen können, dass die in den Lehrbüchern genannten Faktoren tatsächlich die Auswahl der Nachrichten von Journalisten beeinflussen.7 Anju Chaudhary stellte neun Faktoren auf und wies in Experimenten nach, dass amerikanische und indische Journalisten die Publikationswürdigkeit von Nachrichten ähnlich beurteilen.8 Unabhängig von den Amerikanern entwickelte sich eine europäische Forschungstradition, die im Folgenden ausführlicher dargestellt werden soll.

2.2 Der Beginn der europäischen Forschungstradition

Der Osloer Friedensforscher Einar Östgaard fragte sich Mitte der sechziger Jahre, warum es im internationalen Nachrichtenwesen keinen „free flow of news“ gibt. Östgaard hatte zahlreiche Inhaltsanalysen gesammelt und war zu der Überzeugung gelangt, dass es im weltweiten Nachrichtenfluss zu Verzerrungen kommt. Er versuchte, die Ursachen für diese Verzerrungen zu systematisieren. Neben externen Faktoren wie politischer Zensur oder ökonomischen Zwängen, stellte er auch drei interne Faktoren auf. Östgaard glaubte, manche Ereignisse beinhalten bestimmte Aspekte, die das Interesse eines Journalisten wecken.

Als ersten Aspekt nannte er Simplifikation. Simplifikation beschreibe die Tendenz der Nachrichtenmedien, möglichst einfache, leicht verständliche Inhalte zu vermitteln. Diese Tendenz führe dazu, dass Journalisten einfache Nachrichten komplexen Nachrichten vorziehen und dass sie dazu neigen, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen.9 Unter dem Aspekt Identifikation fasste Östgaard die Tendenz der Nachrichtenmedien zusammen, bevorzugt über bereits bekannte Themen oder aus einem bekannten Umfeld zu berichten, um eine Identifikation des Rezipienten mit dem Medium herzustellen. Dies schlage sich nieder in der Berichterstattung aus zeitlicher oder räumlicher Nähe oder der Berichterstattung über prominente Staaten und Personen sowie in jeder Form der Personalisierung.10

Als dritten Aspekt nannte Östgaard die Tendenz der Medien zu Sensationalismus. Medien würden versuchen, über dramatische und emotional erregende Sachverhalte Aufmerksamkeit zu erregen. Dies betreffe sowohl die „soft news“ über Kuriositäten, Unglücke und Gesellschaftsklatsch als auch die „hard news“ über Konflikte und Krisen auf nationaler und internationaler Ebene.11

Außerdem ging Östgaard davon aus, dass die Medien oft nur über das Tagesgeschehen oder über Ereignisse des Vortages berichten können. Dies führe dazu, dass nur Teilereignisse aufgegriffen werden können. Deswegen hätten es kurzfristige Ereignisse leichter zur Nachricht zu werden. Andererseits habe ein langfristiges Ereignis, das einmal die „Nachrichtenbarriere“ übersprungen habe, größere Chancen erneut aufgegriffen zu werden, da das Thema dann etabliert sei.12

Aus seinen Überlegungen leitete Östgaard drei Hypothesen ab, die er empirisch aber nicht untersucht hat. Massenmedien würden erstens dazu tendieren, die Bedeutung individueller Handlungen der politischen Führer und Elitenationen zu verstärken. Zweitens würden sie dazu neigen, die Welt konfliktreicher zu beschreiben, als sie tatsächlich ist. Und schließlich äußerte Östgard die Vermutung, dass Massenmedien die Teilung der Welt in Staaten mit höherem und niedrigen Status aufrecht erhalten, wenn nicht sogar verstärken.13

3. Die erste umfassende Theorie

Nach Einschätzung des Publizistikwissenschaftlers Joachim Friedrich Staab ist die Darstellung Östgaards unbefriedigend. „Zum einen bleibt das Verhältnis zwischen externen und internen Nachrichtenfaktoren ungeklärt, zum anderen gehen in die Explikation und Differenzierung der internen Nachrichtenfaktoren logisch verschiedene Dimensionen ein, die nicht voneinander abgegrenzt werden.“14 Wesentlich umfassender, systematischer und differenzierter sei die Theorie über die Nachrichtenfaktoren von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge, die am gleichen Osloer Institut für Friedensforschung arbeiteten wie Einar Östgaard. Auch sie befassten sich mit den Nachrichten der internationalen Politik und bauten die Grundidee Östgaards zu einem umfassenden theoretischen Gebäude aus. Wie Walter Lippmann gingen Galtung und Ruge davon aus, dass es unmöglich ist, die gesamte Welt in ihrer Komplexität zu erfassen. „Since we cannot register everything, we have to select, and the question is what will strike our attention.“15 Nach ihrer Einschätzung erregen acht wahrnehmungspsychologisch begründbare Faktoren von Nachrichten die Aufmerksamkeit von Journalisten.

?? Frequency (Frequenz)

Als erstes nennen die Wissenschaftler den Faktor „Frequenz“. Die Wahrscheinlichkeit, dass über ein Ereignis berichtet wird, hänge stark davon ab, ob die Dauer des Ereignisses mit der Erscheinungsfrequenz des Mediums korrespondiert. Kurze Ereignisse haben demnach bessere Chancen in der Tageszeitung zu stehen als langfristige, die eher für wöchentlich oder monatlich erscheinende Periodika interessant sind. Ein Ereignis, das sich über einen langen Zeitraum erstreckt, werde kaum in der Tageszeitung veröffentlicht, außer es erreicht zwischendurch einen dramatischen Höhepunkt.16

?? Threshold (Aufmerksamkeitsschwelle)

Als zweiten Faktor nennen Galtung und Ruge den Schwellenwert. Jedes Ereignis müsse eine Aufmerksamkeitshürde überwinden, um zur Nachricht zu werden. Je stärker die Intensität eines Ereignisses ist, desto leichter überwinde es die Aufmerksamkeitsschwelle. „The more violent the murder the bigger the headlines it will make.“17

?? Unambiguity (Eindeutigkeit)

Die Eindeutigkeit eines Ereignisses ist nach Galtung und Ruge der dritte Faktor, der ein Ereignis zur Nachricht machen kann. Je einfacher und klarer strukturiert ein Ereignis sei, um so eher werde es veröffentlicht.18 ?? Meaningfulness (Bedeutsamkeit) Als vierten Faktor nennen die Autoren die Bedeutsamkeit. Sie unterscheiden zwei Aspekte. Zum einen würden Massenmedien um so eher über ein Ereignis berichten, je relevanter es für das Leben des Rezipienten ist, unabhängig davon, wie weit entfernt das Ereignis passiert ist. Auf der anderen Seite werde ein Ereignis automatisch bedeutsam, je deutlicher die kulturelle Nähe zum Rezipienten zu erkennen ist.19 ?? Consonance (Konsonanz)

[...]


1 Lippmann, Walter: Public Opinion, S. 338

2 Alle Angaben nach Auskunft der Chefredaktionen oder Geschäftsführungen von 1997, veröffentlicht in Meyn, Hermann: Massenmedien in Deutschland, S. 262

3 Lippmann, Walter: Public Opinion, S. 338

4 Lippmann, Walter: Public Opinion, S. 352

5 Lippmann, Walter: Public Opinion

6 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie, S. 49

7 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie, S. 49-52

8 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie, S. 54

9 Östgaard, Einar: Factors Influencing The Flow Of News, S. 45

10 Östgaard, Einar: Factors Influencing The Flow Of News, S. 46-48

11 Östgaard, Einar: Factors Influencing The Flow Of News, S. 48-51

12 Östgaard, Einar: Factors Influencing The Flow Of News, S. 51

13 Östgaard, Einar: Factors Influencing The Flow Of News, S. 55

14 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie, S. 58

15 Galtung, Johan & Ruge, Mari: The structure of foreign news, S. 261

16 Galtung & Ruge: The structure of foreign news, S. 262-263

17 Galtung & Ruge: The structure of foreign news, S. 263

18 Galtung & Ruge: The structure of foreign news, S. 263

19 Galtung & Ruge: The structure of foreign news, S. 263-264

Details

Seiten
27
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638122573
ISBN (Buch)
9783656571315
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3658
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Nachrichtenwert Galtung Ruge Nachrichtenfaktor News Bias

Autor

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Titel: Die Nachrichtenwerttheorie. Wie Ereignisse zu Nachrichten werden