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Vernetzung am Beispiel des Global-Governance-Ansatzes. Welche Rolle soll oder kann die Soziale Arbeit im Zeitalter des Global Governance spielen?

Bachelorarbeit 2017 54 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was ist Governance?
1.1 Begriffserklärung
1.2 Die Steuerungstheorie
1.2.1 Entstehung
1.2.2 Von „Steuerung“ zu „Governance“
1.3 Governance - Mehrebenensystem und Wissensmanagement.

2. Vernetzung als Steuerungsinstrument
2.1 Global Governance - Steuerung mit Lücken?!
2.2 Soziale Standards als Steuerungsmotor
2.2.1 Coporate Social Responsibility - CSR
2.2.2 Privat-Puplic-Partnership - PPP
2.3 Soziale Standards und Nachhaltigkeit - das neue Geschäftsmodell des Kapitalismus?! - am Beispiel der Kondratieff-Theorie der langen Wellen

3. Neue Sozialräume
3.1 Was sind Sozialräume?
3.2 Transnationale Sozialräume
3.2.1 Alltägliche Lebenswelten (Mikroebene)
3.2.2 Organisationen (Mesoebene)
3.2.3 Institutionen (Makroebene)
3.3 Das globale Zeitalter und ihre Einflüsse auf die Sozialräume
3.4 Folgewirkung auf Sozialräume am Beispiel familiärer Migration.

4. Rolle der Sozialen Arbeit in den neuen Sozialräumen.
4.1 Auftrag der Sozialen Arbeit in der modernen Gesellschaft
4.2 Internationalisierung
4.2.1 Nationalstaat und Internationalität.
4.2.2 Soziale Dienste im nationalen und internationalen Kontext
4.2.3 Internationale Gemeinschaft und Soziale Arbeit
4.3 Social Entrepereneur - Zukunft der Sozialen Arbeit?

5. Schlussüberlegungen

6. Fazit

Quellenverzeichnis.
Literatur
Onlinepublikationen
Internetquellen

Anhang

Einleitung

Sind wir nicht alle mit einander vernetzt? Im Zeitalter von Globalisierung und digitaler Medien scheint das eine ganz normale Sache zu sein. Doch wie hängt alles mit einander zusammen? Was bedeutet „Vernetzung“ eigentlich und welche Auswirkungen kann Vernetzung auf unsere Gesellschaft sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne haben und welche Konsequenzen kann Vernetzung im globalen Zeitalter für die Rolle der Sozialen Arbeit haben?

Im Zuge der Globalisierung kamen viele technischen Fortschritte wie neue Kommu- nikationssysteme und Transporttechnologien, die globale Grenzen auflösten und die Gesellschaft weltweit miteinander vernetzte. Auch die Wirtschaft und Politik erfuhren dadurch tiefgreifende strukturelle Wandlungsprozesse, wobei sich die kapitalistisch ausgerichtete Wirtschaft den globalen Zugang zu nutzen machte und ihre Produkti- onsstätten in Länder auslagerte, in denen soziale Standards und Nachhaltigkeit eher Fremdwörter sind. Die Politik, genauer der Nationalstaat, büßte hingegen an Steuerungsmacht ein sah sich zu kooperativen Regulierungsformen gezwungen. Auch auf der sozialpolitischen Ebene macht sich der staatliche Machtverlust durch den Abbau von Sozialleistungen bemerkbar. Die Funktion und Dienstleistungsrolle der Sozialen Arbeit sah sich dadurch zunehmend mit neuen Herausforderungen und Aufgaben konfrontiert. So erstrecken sich ihre Handlungsfelder nicht nur noch nati- onal, sondern haben aufgrund der weltweiten vernetzungsbedingten Vergesellschaf- tung, auch eine transnationale Ausdehnung erfahren, bzw. haben diese auch auf lokaler Ebene spüren können.

Lokal, National und international sind durch die Globalisierung auf politischer und wirtschaftlicher Ebene Prozesse ins Laufen gekommen, welche mit einer nationalen Politik kaum oder besser gar nicht erst zu lösen sind. Global Governance als neue Regierungsform soll nun die Antwort zur Lösung internationaler, nationaler und auch lokaler Problemen sein. Was verbirgt sich hinter dem Begriff genau und welche Bedeutung hat diese Steuerungsform für die moderne Soziale Arbeit?

Mein Anliegen ist es zu versuchen, in wie fern sich der Arbeitsauftrag der Sozialen Arbeit in Zeiten der Globalisierung verändert hat und wie diese Veränderung mit Steuerung und Vernetzung in Verbindung zu bringen ist. Den Global Governance - Begriff genau zu definieren und hier eine klare Linie zur Vernetzungsgeschichte zu ziehen, wird ein kompliziertes aber spanendes Unterfangen. Über eine genauere Betrachtung seiner Entstehungsgeschichte, möchte ich versuchen, die begriffliche Unschärfe von Global Governance etwas klarer zu gestallten und im Anschluss die politischen, wirtschaftlichen uns sozialen Vernetzungsmechanismen herausarbeiten. Hier möchte ich insbesondere auf wirtschaftliche Netzwerkkonstellationen aus staat- lichen und privaten Akteuren eingehen, die sich im globalen Zeitalter mit der Imple- mentierung Sozialer Standards zur Lösung gesellschaftlicher Probleme befassen. Somit ist auch zu klären, wodurch sich diese gesellschaftlichen Probleme entwickelt haben und wie diese mit der Erschließung neuer, transnationaler Sozialräume ein- hergehen. Ich werde mich dahingehend mit der Entstehung von transnationalen Sozialräumen befassen und versuchen in diesem Zusammenhang die neuen Hand- lungsfelder der Sozialen Arbeit hervorzuheben sowie ihre neue Rolle, die sich dar- aus erschließt, zu analysieren.

Bevor ich in den Schlussüberlegungen meine Ergebnisse zusammen fasse, werde ich noch eine innovative und unternehmerische Form von Sozialer Arbeit vorstellen, dem Sozialen Unternehmertum „Social Entrepreneur“, welche gerade in den politi- schen, wirtschaftlichen und sozialen Wirren der globalisierten und vernetzen Welt, eine wegweisende Funktion für die Soziale Arbeit erfüllen könnte. Am Ende der die- ser Arbeit möchte ich in einem kurzen Fazit meine persönlichen Eindrücke zu dem Thema Vernetzung und Global Governance zum Ausdruck bringen.

1. Was ist Governance?

1.1 Begriffserklärung

Wer sich mit dem Begriff „Governance“ befasst, wird zunächst feststellen müssen, dass er sich nicht in einer expliziten Begriffserklärung abhandeln lässt und es sich hier um einen „anerkannten uneindeutigen Begriff“ (Schuppert/Zürn 2008, S. 13) handelt.

Norbert Wiener, der Begründer der „Kybernetik“, bezeichnete 1948 diese als die Wissenschaft der Steuerung von Organismen, technischen Geräten und ganzen Gesellschaftsformationen. Kybernetik ist eine Anlehnung an das griechische Wort für Steuermann „kybernêtês“. Zu beachten ist, dass der Steuermann seine Schiffe nicht nur von A nach B steuert, sondern je nach Wetterlage, Seegang und anderer äußerlichen Einflüsse, sicher ans Ziel „navigiert“.

Im lateinischen wurden die Begriffe „gubernare“ und „regere“, für das Steuern des Staates sowie für das Steuern von Schiffen verwendet. Die französischen und eng- lischen Begriffe „gouverner“ und „to govern“ und auch das deutsche Wort „regie- ren“ finden hier ihren Ursprung, woraus sich das Wort „Governance“, grob als „Steuerung“ „Führung“ oder „Lenkung“ herleiten lässt (vgl. Schneider 2005 in Kenis/Schneider 1996; Urbig 2001, S. 5 ff). Governance bezeichnet zum einen eine „Steuerungsstruktur“, z.B. in Form einer Institution und zum anderen einen „Steue- rungsprozess“, der sich innerhalb dieser Struktur nachvollziehen lässt (vgl. Offe in Schuppert/ Zürn 2008, S. 61).

Die vielfältige und disziplinübergreifende Verwendung des Governance-Begriffs, erschwert eine klare Definition. Es existieren mannigfaltige Beschreibungen, die unter anderem in Handbüchern, Zeitschriftenartikel und Sammelbändern, veröffentlich wurden. Zusätzlich besteht in der Forschung ein Mangel an großflächigen, empirischen Studien, die eine einheitliche Begriffsbeschreibung zuließen. Zeit Für eine gezielte Orientierung in der Begriffsbeschreibung kommt es darauf an, aus welcher Disziplin das Governance-Konzept betrachtet wird. Daher ist es ratsam sich zuerst auf einen Gegenstandsbereich zu konzentrieren, in welchem der Begriff „Governance“ erfasst werden soll (Grande 2012, S. 565-571).

Die disziplinäre Verortung des Governance-Begriffes ist grob in der institutionellen Ökonomie der Wirtschaftswissenschaften und in der Politikwissenschaft verankert und verzweigt sich feiner in andere Wissenschaftsbereiche, wie den Sozialwissen- schaften, Rechtswissenschaften, der Geschichte und in der Philosophie (vgl. Schuppert/Zürn 2008, S. 16 f.; Benz et al. 2007, S. 10).

Wirtschaftswissenschaftlich wird bei der Governance-Perspektive von einer Hand- lungskoordination gesprochen, die auftretende Probleme in der Marktwirtschaft wie z.B.: Ressourcenknappheit, Transaktionskosten oder Tarifverhandlungen koordi- niert. Im wirtschaftlichen Sinne zeigt sich „Governance“ in Form von Koordiantions- mechanismen, ausgeübt durch organisatorische Hierarchien und interorganisatori- sche Netzwerke, die bestimmte Bedingungen schaffen, um ein Unternehmen, den Markt und seine Transaktionen zwischen autonomen und Independenten Akteuren, effizienter und effektiver zu steuern. Hierarchie wird hier als „...Strukturmerkmal formaler Organisationen gegen den Markt akzentuiert“ (Benz et al. 2007, S. 11).

Der Begriff „Corporate Governance“ bezieht sich auf private und öffentliche, nationale und transnationale Unternehmen und wird oft mit „Guter Unternehmensführung“ übersetzt. Dabei geht es um Regeln für das Unternehmensmanagement die im Interesse aller beteiligten Akteure definiert werden und um die gesellschaftliche Verantwortlichkeit, der „Corporate Social Responsibility“ (CSR), die die Unternehmen im Zuge ihres marktwirtschaftlichen Handelns übernehmen möchten (vgl. Benz et al. 2007, S. 11 f.; Schuppert/Zürn 2008, S. 16).

Die politikwissenschaftlichen Governance-Forschung, beinhaltet mehrere Governance-Konzepte, deren Ursprünge in der Verwaltungswissenschaft, der „PolicyForschung“ (vgl. Anhang 1), der politischen Ökonomie, der internationalen Politik und der Europaforschung verankert sind und die sich auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken. Diese lassen sich jedoch durch fünf Merkmale auf einen gemeinsamen Nenner bringen (vlg. Grande 2012, S. 566).

- Erstens wird aus der politikwissenschaftlichen Perspektive der „Governance“Begriff kontrovers zu „Government“ - einer etatistisch-hierarchischen und bürokratischen Gesellschaftssteuerung gestellt, die die Produktion öffentlicher Güter durch nicht-hierarchische Formen akzentuiert. Die Hierarchie als Koordinationsmechanismus und die gesonderte Stellung des Staates als Produzent öffentlicher Güter wird stark kritisiert,
- wodurch sich zweitens die zunehmende Bedeutung der Herstellung öffentlicher Güter durch die Zusammenarbeit von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren und Organisationen in Form von „Puplic-Private-Partnership“, kurz PPP (vgl. Anhang 2), als charakteristisches Merkmal des Governance Konzeptes, hervor-hebt.
- Drittens wird die Kritik an Hierarchien als Steuerungsprinizip und die Produktion öffentlicher Güter durch Zusammenarbeit mit privaten Akteuren, als „notwendige Folge von Interdependenz interpretiert“ (Grande 2012, S. 567), die zwischen ge- sellschaftlichen Teilsystemen wie der Wirtschaft und dem Staat, unterschiedli- chen Politikfeldern wie Verkehr, Umwelt und Energie sowie zwischen der EU und ihren Mitgliedsstaaten als territorialer Handlungsebene, bestehen. Benz in- terpretiert Governance als „Mechanismen der Interdependenzbewältigung (Benz et al. 2007, S. 13).
- Die Zunahme solcher Interdependenzen sowie der Verlust an Bedeutung territo- rialer und funktionaler Handlungsgrenzen, zeigt sich viertens anhand an der steigenden „Komplexität politischen Handelns“ (Grande 2012, S. 567).
- Somit zeigt sich fünftens, die bedeutende Rolle von Kooperation und Koordinati- on zwischen den unterschiedlichsten Akteure und Institutionen. Kooperation und Koordination sind „die“ Schlüsselbegriffe des normativ-präskriptiven Gover- nance-Konzeptes.

Es wird also deutlich, dass sich in der politikwissenschaftlichen Forschung ein zent- raler konzeptioneller Kern abzeichnet und sich zudem der Governance-Begriff klar von drei Gegenbegriffen distanzieren lässt. Zum einen von dem „Government“- Begriff, welcher den hierarchisch strukturierten und von innen nach außen souverä- nen Staat bezeichnet, zum anderen von zivilgesellschaftlichen Selbstorganisationen die, keine öffentliche Funktionen aufweisen und von den auf Wettbewerb ausgerich- teten Märkten (vgl. Grande 2012, S. 567; Benz et al. 2007, S. 11 ff; Offe in Schup- pert/Zürn 2008, S. 62. ff).

Die empirschen Ansätze der Governance Forschung analysieren und reflektieren die „Bedingungen für operative Problemlösungen und die Koordination von gesell- schaftlichen Aktivitäten zur Produktion öffentlicher Güter“ (Grande 2012, S. 567). Da das Governance-Konzept auf vielen verschiedenen territorialen Handlungsebe- nen (z.B. Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft, Umwelt) und vom globalen bis zum loka- len reicht, spricht Grande bezüglich Governance, sogar von einer „Allzweckwaffe der Politikwissenschaft“ (Grande 2012, S. 565), die zur Lösung gesellschaftlicher Regelungsproblem aller Art einsetzbar erscheint. Zudem bietet Governance „eine normativ attraktive Alternative zu den im öffentlichen Diskurs lange dominierenden „neolibralen“ Konzepten einerseits, den diskreditireten etatistischen Ansätzen ande- rerseits“ (Grande 2012, S. 569).

Governance wird als eine neue Form des Regierens bezeichnet, die sowohl auf nationaler und lokaler Ebene, wie auch auf internationaler, transnationaler und glo- baler Ebene greift. Im Zuge der Globalisierung und der Internationalisierung und der sich daraufhin sich wandelnde Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, war eine rein hierarchisches Steuerungsprinzip nicht mehr möglich. Durch Governance als „Steu- erung“ im Sinne von „bottom-up“, entstand ein Paradigmenwechsel von der „Steue- rungstheorie“ zur „Governancetheorie“ (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 45 ff).

1.2 Die Steuerungstheorie

1.2.1 Entstehung

In den 1970er Jahren, folgend auf die Krise des Wohlfahrtsstaates und der damit verbundenen Form- und Funktionswandel des Nationalstaates, befasste sich die Sozial- und Politikwissenschaft zunehmend mit systemtheoretischen Ansätzen, die sich mit der gesamtgesellschaftlichen Planung und Lenkung auseinandersetzten. Das Wort „Steuerung“, welches seinen Ursprung in der Kybernetik zu verzeichnen hat, stand dabei als zentraler Begriff im Vordergrund. Die durch den Soziologen Talcott Parson geprägten Begriffe „control media“ und „control hierarchy“ wurden ins Deutsche als „Steuerungsmedien“ und „Steuerungshierarchie“ übersetzt. Deutlich wird hier, dass Steuerung im Sinne von Kontrolle hervorgeht. (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 43; Dahme et al. 2008, S. 79 ff).

Die analytische ausgerichtete Steuerungstheorie, verfolgt die hierarchisch akteur- zentrierte Steuerung durch den Staat. Hier wird klar zwischen Steuerungssubjekt (Staat) und dem Steuerungsobjekt (gesellschaftlichen Teilsystemen) unterschieden. Dabei geht es dem Steuerungssubjekt darum das Verhalten des Steuerungsobjek- tes in eine bestimmte Richtung zu lenken. Der Staat galt zu dem Zeitpunkt noch als der alleiniger Produzent und Erbringer öffentlicher Güter und als zentrale legitime Gewalt und Rechtsgarant (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 43). Aus der Per- spektive der „Steuerungstheorie steht das zielorientierte Handeln politscher Akteu- re“ (Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 46) im Vordergrund. Der Staat als Interven- tionssaat konnte somit nur zielereichend steuern oder intervenieren, solange die Ursache und das Problem klar erkannt waren.

Eine klare Problemerkennung und entsprechende Steuerungsmaßnahmen (z.B. politisch erzeugte Märkte, positive und negative finanzielle Anreize Sanktionen etc.) sind allerdings nur dann hilfreich, solange der Saat als Vollzugsapparat seine Maß- nahmen und Gesetze effizient umsetzt. Die eher unzulänglichen und scheiternden Versuche von Gesellschaftsgestaltung des Interventionsstaates, ließ dieses Staats- konzept als überholt gelten und wurde von der Sozialwissenschaft und Policy- Forschung zunehmen hinterfragt (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 43). Letz- tere erkannte, dass „erfolgreiche Politik nicht von der Steuerungsfähigkeit der Politik, sondern auch von der Steuerbarkeit der Adressaten und damit der Merkmalen des Politikfeldes abhängt“ (Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 44).

1.2.2 Von „Steuerung“ zu „Governance“

Der Staat als alleiniger Erbringer und Produzent öffentlicher Güter, als souveräner hierarchisch ausgerichteter Steuerungsapparat zur Lösung gesellschaftlicher Prob- leme und Interdependenzbewältigung in einer sich durch die Globalisierung wan- delnden Gesellschaft, musste seine Regierungsmacht periodisch neu evaluieren und legitimieren (vgl. Grande 2012, S.566 ff; Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S.44 ff; Priddat 2006, S.7; Dahme et al. 2008, S. 81) Durch den Wandel vom Sozialstaat zum Steuerungsstaat oder auch kooperativer Staat, ging es nun mehr um „die Ge- währleistung des unschädlichen Zusammenspiels der Eigendynamik verschiedener sozialer Systeme“ (Kaufmann 1949 nach Dahme et al 2008, S. 78). Die durch die Verfassung gewährleistete Autonomie von Gesellschaft und Wirtschaft und deren Eigendynamik, brachte ein hohes Widerstandspotential mit sich, woran sich der Interventionsstaat zermürbte (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 44).

Der Staat als Machtmonopol befand somit sich in einer Steuerungskrise und ver- suchte sich im Vorfeld durch dezentralisierte Machtausübung und neuen politischen Regimen in Form von kooperativer Zusammenarbeit zwischen privaten Akteuren und Organisationen, den Steuerungsobjekten, neu zu legimitieren. (vgl. Dahme et. al 2008; S. 81). Durch den dadurch entstandenen „Kooperationsstaat“ versteht sich der Staat als „neue Regierungsform“ mit neuer Steuerungsfunktion (vgl. Dahme et al S. 79 ff).

Durch den Kooperationsstaat, also durch die Miteinbeziehung von Entscheidungen gesellschaftlicher Teilsysteme, welchen vorher die Rolle des Steuerungsobjektes adressiert war, verschwand der Unterschied von Steuerungssubjekt und Steuerungsobjekt. Die Interaktion, das Verhandeln und Mitentscheiden zwischen dem Staat und den verschiedenen miteinbezogen privaten Akteuren, ist ein „nicht- hierarchischer“ Steuerungsprozess nach dem „bottom-up“-Prinzip. Der Steuerungs- begriff bekam hinsichtlich seines Ursprungs aus der hierarchisch ausgerichteten Steuerungstheorie nach dem „top-down“-Prinzip, eine begriffliche Überholung, da er in Bezug auf den Kooperationsstaat nicht mehr angebracht erschien. So kam es von „Steuerung“ zu “Governance“ womit gleichzeitig ein Perspektivwechsel stattfand (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 45 f). Wie schon erwähnt steht in der Steue- rungstheorie „das zielorientierte Handeln politischer Akteure im Zentrum des Inte- resses. Der Ansatz der Governancetheorie richtet sich dagegen vornehmlich auf Institutionen in der doppelten Bedeutung dieses Begriffs, der sowohl auf soziale Gebilde (Organisationen) wie auf Normsysteme (Regime) bezogen wird“ (Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 45). Erfolgreiche Politik ist bedingt durch die „Steuerbar- keit“ der Adressaten und der Merkmale ihrer Politikfelder und nicht durch die „Steu- erfähigkeit“ der Politik. Sofern die Erkenntnis der empirischen Policy-Forschung (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 44).

Der Perspektivwandel Steuerung zu Governance, lässt sich quasi als ein prozess- hafter politikwissenschaftlicher Lernschritt verstehen. Zum einem wurde ein anderer Blick auf die Realität nämlich die der gescheiterten Steuerungstheorie eingenom- men und zum anderen galt der Perspektivwechsel auch als eine Reaktion auf die Erklärungsnot hinsichtlich des Scheiterns einer „dominanten Theorie“. Denn verän- dert hat sich hier nur die wissenschaftliche Sicht auf die Dinge und nicht ihre Wirk- lichkeit (vgl. Grande 2012, S. 569).

Der Schritt vom Interventionsstaat zum Kooperationsstaat und den damit verbunde- nen Perspektivwechsel von Steuerung zu Governance, wird in verschieden Analy- sen als Antwort auf den strukturellen Wandel der Gesellschaft und dessen Folgen (Gründungen von Netzwerken, individuelle Teilhabewünsche, neue dezentrale Poli- tikformen etc.) gedeutet (vgl. Grande 2012, S. 570). Durch die kooperativen Steue- rungsformen im Sinne von Governance, bilden Akteure verschiedener Teilsysteme Beziehungsnetzwerke, z.B. in Form von Informations-, Kommunikations- und Transaktionsnetzwerken, in denen durch Interaktion, Verhandlung und Dialog ein Austausch an Wissen und Ressourcen stattfindet. Das gegenseitige Beobachten, Austauschen und von einander Lernen, erzeugt innerhalb der Teilsysteme eine Verhaltensänderung. Netzwerktheorien und Netzwerkanalysen sind in der Governance-Forschung daher von besonderem Interesse (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 46; Jansen/Wald 2007 in Benz et al., S. 188).

Hierzu ein Zitat von Grande:

„ Alle diese Analysen behaupten, dass moderne Gegenwartsgesellschaften derzeit einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Strukturwandel durchmachen, in dessen Folge individuelle Partizipationswünsche, netzwerkförmige Orga- nisationsformen und neue dezentrale Formen von Politik an Bedeutung ge- winnen. Daraus folgt, dass Governance sowohl als theoretisches Konzept als auch als politische Praxis an Bedeutung gewinnen wird - und gewinnen muss. “ (Grande 2012, S. 570).

1.3 Governance - Mehrebenensystem und Wissensmanagement

Der im vorherigen Kapitel beschriebene Pradigmenwechsel oder auch Perspektiv- wechsel von Steuerung zu Governance liegt nicht allein dem mit dem Wandel des Interventionsstaates zum kooperativen Staat zu Grunde. In Anbetracht der Interna- tionalisierung war weiterhin eine hierarchische und zentralisierte Steuerung, die sich bereits national in einer Krise befand, weder bei einer europäischen noch internatio- nalen politischen Ausdehnung, nicht mehr möglich. Eine neue Form des Regierens im Sinne von Governance war naheliegend. Die Europäische Union - EU mit ihren besonderen Regelstrukturen, befand sich anfänglich noch unter der Betrachtung der Steuerungstheorie, doch wurde sie später als Mehrebenensystem (engl. multi-level governance) bezeichnet, welches die vertikalen und horizontalen Regelungsstruktu- ren komplexer politscher Beziehungen beschreibt. Im Zeitalter der Globalisierung bekam Governance als nicht-hierarchischer, dezentraler Regierungsbegriff dann endgültig eine dominante Bedeutung (vgl. Mayntz in Schuppert/Zürn 2008, S. 46). Governance verkörpert sozusagen ein Steuerungswerkzeug zur Regelung komple- xer politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme.

Mit der Globalisierung und Internationalisierung und der damit zusammenhängen- den globalen politischen, wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Vernetzung, entstand eine weltweite Netzwerkgesellschaft. Diesen gesellschaftlichen Wandel beschreibt Ludger Pries in seinem Buch über die Transnationalisierung als „transnationale Vergesellschaftung“ (vgl. Pries 2008). Pries verweiset bei der transnationalen Vergesellschaftung auf Veränderung der Sozialräume und auf den Wissenstransfer und der Wissensgenerierung, die stattfinden, wenn soziale Gesellschaften sich transnational ausdehnen und vernetzen (vgl. Pries 2008, S. 33 ff). Auf diesen Punkt wird in Punkt 3.3 dieser Arbeit noch genauer verwiesen.

Mit der Globalisierung bekam „Wissen“ auch im wirtschaftlichen Sinne bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit und in den nationalen, internationalen und globalen Märkten, eine dominante Bedeutung. Das Wissenskapital löste das physische Kapital (Stahl, Automobile) ab (vgl. Audretsch in Bertelsmann Stiftung 2009, S. 24).

Die Netzwerkgesellschaft, oder auch Wissensgesellschaft, baut sich auf einer Viel- zahl unterschiedlicher Akteure auf. Diese Akteure versuchen auf der einen Seite Wissen mit Macht und auf der anderen Seite, Wissen mit Bedürfnissen zu verbinden. Wie bei der Steuerungstheorie erwähnt, versucht der Steuerungsstaat mit seinem „Steuerungswissen“ als Akteur das Steuerungsobjekt (Gesellschaft, Wirtschaft) zu steuern (siehe auch Punkt 1.2.2). Mit der Steuerungskrise und dem Perspektiv- wechsel zu Governance, der neuen Steuerungsform, verschwand jedoch die Diffe- renz zwischen Steuerungsobjekt; welches jetzt auch zum Akteur wird; und Steue- rungssubjekt, dem Staat als alleiniges Machtmonopol. Die Steuerungskrise ist auch eine Wissenskrise des Staates (vgl. Kaiser in Schuppert/Voßkuhle 2008, S. 217 ff). Das Governance-Wissen steuert über Aushandlungen und nicht wie das Steue- rungswissen über Wissen, welches es zur Steuerung befähigt (vgl. Schuppert in Schuppert/Voßkuhle 2008, S. 259 ff).

Governance-Wissen ist ein interdisziplinäres, dezentral und nicht hierarchisch generiertes Wissen auf einem Mehrebenensystem, welches als Wissensmanagement in zirkulären Strukturen, die Wissensgenerierung und Wissensverbreitung reguliert (vgl. Straßheim in Schuppert/Voßkuhle 2008, S. 49 ff).

In der Wissen- oder Netzwerkgesellschaft entsteht durch Governance eine Machtverschiebung. Der Staat fungiert nun nicht mehr als alleiniger Erbringer von Wissen und öffentlichen Gütern und so bekommt der Spruch „Wissen ist Macht“ Konkurrenz. „Wissen“ bedeuten im Zeitalter des Governance nun nicht mehr „Macht“.

2. Vernetzung als Steuerungsinstrument

2.1 Global Governance - Steuerung mit Lücken?!

Im vorherigen Kapitel wurde die Krise des Nationalstaates und der Übergang von Steuerung zu Governance, einer neuen nicht-hierarchischen und dezentralisierten Regierungs- und Steuerungsform, angesprochen. Hierbei wurde besonders auf die nationalstaatliche Umstrukturierung eingegangen. Des Weiteren wurden die interna- tionalen, transnationalen und globalen Interdependenzen die mit grenzüberschrei- tenden Prozessen und der Verdichtung von internationalen Wissens- und Hand- lungszusammenhängen einhergehen, sowie die wirtschaftliche wie politische Un- ordnung erwähnt, die sich im Zuge der Globalisierung in den verschiedensten Ebe- nen der nationalen Gesellschaft bemerkbar macht. Ins besondere der Abbau natio- nalstaatlicher sozialer Sicherungssysteme und einer neoliberalen Ausrichtung der Politik, Wirtschaft und des Sozialen. Da eine nationalstaatliche Steuerung in Anbe- tracht des globalen Wandels von der Begrifflichkeit her eine zentrale Ordnung aus- schließt, stellt sich nun die Frage nach einer neuen sozialen und politischen Rege- lung, die ein entsprechendes Format und genügend Umfang besitzt, sowohl dem globalen Neoliberalismus die Stirn bieten zu können, wie auch transnationalen Schwierigkeiten innerhalb eines transnationalen Rahmens zu meistern. Aus der sozialwissenschaftlichen Sicht werden in erster Linie die verschiedenen politischen Ebenen ausdifferenziert, für die Regelung einer globalen Ordnung gleichzeitig je- doch auch auf die unumgängliche Einbeziehung nicht-staatlicher Akteure (z.B. Non- Governmental-Organizations - NGO’s) verwiesen (vgl. Curbach 2003, S.13 f.).

Die Antwort darauf verkörpert „Global Governance“, eine „Vision, in der Politiknetz- werke aus staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren die neuen Herausforderungen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene bewältigen können“ (Curbach 2003, S.14). Der Schlüsselfaktor ist die „Kooperation unterschiedlicher staatlicher und nicht- staatlicher Akteure“...oder auch „eine Steuerungspolitik durch ein Konzert unter- schiedlicher Akteure.“ (Curbach 2003, S. 18). Deutlich wird hier die Betonung die auf der „Vernetzung“ und Kooperation der unterschiedlichen Akteure liegt. Vernet- zung ist der Schlüsselbegriff im Zeitalter von Global Governance, weswegen auch von Netzwerkgovernance gesprochen wird (vgl. Wieland 2009, S. 7). Vernetzung, ist das nicht Segen und Fluch zugleich?

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Details

Seiten
54
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668449565
ISBN (Buch)
9783668449572
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365643
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,8
Schlagworte
Global Governance Social Entrepreneur Private Public Partnership CSR Sozialräume Globalisierung Steuerungstheorie

Autor

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