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Parodien auf den mittelalterlichen Frauendienst. Ulrich von Winterstetten und Steinmar

Anhand der Lieder KLD 59.XI und SMS 26.1

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Parodie im Minnesang

3. Ulrich von Winterstetten
3.1 „Ez ist niht lanc, daz ich mit einer minneclîchen frouwen“ (KLD 59.XI)

4. Steinmar
4.1 Herbstdichtung
4.1.1 „Sît si mir niht lônen wil“ (SMS 26.1)

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich mit einem Phänomen auseinander, das sich vor allem in der Lyrik des Spätmittelalters zeigt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Motive des Minnesangs bereits in einer langen Tradition vorgeprägt worden und einige Dichter begannen damit, Minnesang und Frauendienst sowie deren Konventionalität aus einer gewissen Distanz zu betrachten - es bildeten sich zunehmend parodistische Tendenzen. Diese Entwicklung soll anhand ausgewählter Beispiele verdeutlicht werden.

Einführend möchte ich darlegen, was unter dem Begriff „Parodie“ im Minnesang zu verstehen ist. Anschließend wende ich mich Ulrich von Winterstetten und seinem Lied „ Ez ist niht lanc, daz ich mit einer minnecl î chen frouwen “ als erstem Beispiel für eine Parodisierung des mittelalterlichen Frauendienstes zu. Bevor ich mich darauffolgend mit Steinmars Lied „ S î t si mir niht l ô nen wil “ beschäftige, möchte ich die Herbstdichtung, welche eine besondere Strömung des Minnesangs darstellt sowie die Grundlage für Steinmars Lied bildet, überblickshaft vorstellen. Eine Schlussbetrachtung soll die Ergebnisse meiner Untersuchung festhalten.

Wie dem angehängten Literaturverzeichnis entnommen werden kann, haben mir Aufsätze und Abhandlungen verschiedenster Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Auseinandersetzung mit der Thematik geholfen. Eine besondere Hervorhebung gebührt hierbei jedoch Gert Hübner und seinem Buch „Minnesang im 13. Jahrhundert. Eine Einführung“ sowie, zu Steinmar und der Herbstdichtung, Eckhard Grunewalds Dissertation „Die Zecher- und Schlemmerliteratur des deutschen Spätmittelalters“, die mich beim Verfassen der Arbeit motiviert und viele Denkanstöße geliefert haben.

2. Die Parodie im Minnesang

In der Diskussion um den Begriff „Parodie“ ist die Forschung bislang nicht zu einem Konsens gekommen. Hier soll, in Anlehnung an die Ausführungen Gert Hübners, ein „literarisches Verfahren […], das auf ein Modell Bezug nimmt, um es lächerlich zu machen“1 darunter verstanden werden. Dieser Effekt kann unter anderem durch eine „Veränderung des wirklichen oder fiktiven Originals […] durch Übertreibung, Verzerrung (Karikatur), Unterschiebung, Hinzufügung oder Auslassung“ erreicht werden, „wobei sich zumeist mehrere Änderungsverfahren miteinander verbinden.“2 Ähnlich wie von Ulrich Mehler in seinem Aufsatz „Deutsche Minnesang-Parodien“3 beschrieben, liegt der Kern der Parodie also in einer verzerrten Nachahmung eines bekannt geglaubten Originals, durch die eine komische Wirkung erzielt werden soll.

Im konkreten Bezug auf Texte des (Spät-)Mittelalters, auch die in dieser Arbeit untersuchten Werke, ist eine „Lösung der Literatur aus einem festgelegten ideologischen Rahmen“4 festzustellen, welche die Grundlage der parodistischen Wirkung bildet. Auch Gert Hübner erkennt einen solchen „Bruch des Ideals“5 als wesentlichen Aspekt parodistischer Werke. Bei diesem Ideal handelt es sich zumeist um das „Standardmodell höfischer Idealität“6, das auf vielfältige Weise ins Lächerliche abgewandelt und somit zugleich durch den entsprechenden Dichter hinterfragt wird. Dabei ist festzustellen, dass die Autoren des Spätmittelalters sich in Bezug auf ihre Parodien viel mehr auf Gattungen des Minnesangs konzentrierten und nicht etwa andere Dichter, also quasi ihre Konkurrenten, der Lächerlichkeit preisgaben. So sind parodistische Inhalte beispielsweise in den Minnekanzonen des Tannhäusers, den Tageliedern Steinmars und Ulrichs von Lichtenstein, in den sogenannten Herbstliedern oder auch im Dialoglied, wie bei Ulrich von Winterstetten, vorzufinden. Dabei „inszeniert und reflektiert [der Minnesang] seine jeweiligen liedtypenspezifischen Regeln auch und gerade dadurch, dass sie verletzt oder zumindest in Frage gestellt werden.“7 Das Spektrum der Parodie in der mittelalterlichen Literatur reicht von relativ einfachen bis hin zu sehr komplexen Konstruktionen, die vor allem ab dem späteren 13. Jahrhundert entstanden. Zwei dieser komplexeren Werke sollen im Folgenden vorgestellt werden.

3. Ulrich von Winterstetten

Der von 1241 bis 1280 urkundlich belegte und auch unter dem Namen „ Schenk Volrich von Winterstetten “ bekannte Minnesänger ist identisch mit dem Angehörigen eines schwäbischen Ministerialengeschlechts.

Mit fünf Minneleichen, 32 Minneliedern und fünf Tageliedern liegt uns ein sehr breites Œuvre Ulrichs vor, das ausschließlich in der Großen Heidelberger Liederhandschrift überliefert ist.

Neben Auffälligkeiten wie einer „Tendenz zur Vereinheitlichung“8 und dem konsequenten Gebrauch eines Refrains (Ausnahmen bilden die Lieder III und XVII) zeichnet sich die Lyrik Ulrichs von Winterstetten auch durch eine „Distanzierung von den zum Textmaterial gewordenen Inhalten“ aus, die „in der Hinwendung […] zur 'unhöfischen', parodistischen Rollenlyrik“9 resultiert.

3.1 „ Ez ist niht lanc, daz ich mit einer minnecl î chen frouwen “ (KLD 59.XI)

Es handelt sich bei Lied XI um ein „objektive[s] Gesprächs-[Lied] mit Refrain“10. Insgesamt liegen drei dieser objektiven Lieder Ulrichs von Winterstetten vor: zwei Dialoge (IV, XI) und ein Monolog (XXXVII), der allerdings keinen Refrain beinhaltet. An sich ist es jedoch durchaus berechtigt zu sagen, dass Winterstetten den Refrain, der auch das hier untersuchte Lied XI auszeichnet, „zum Formprinzip und damit gewissermaßen zu seinem Markenzeichen [machte].“11 Dabei ist auch festzuhalten, dass es sich bei diesen für die Lyrik Ulrichs von Winterstetten typischen Wiederholungstexte keinesfalls um „beliebig spielerische ''Formkunst''“ handelt, „die vielleicht sogar besser weggeblieben wäre“12, sondern um eine durchaus sinnstiftende Strophenerweiterung. Das Lied XI beinhaltet den Dialog zwischen einem höfischen Frauendiener und seiner Minnedame. Allerdings entwickelt sich deren Gespräch nicht in der für den Minnesang typischen Manier, denn „[k]ein anderes Dialoglied des deutschen Minnesangs (…)

[...]


1 Hübner, Gert: Minnesang im 13. Jahrhundert. Eine Einführung, Tübingen 2008, S. 116.

2 Mehler, Ulrich: Techniken der Parodierung. Dargestellt an ausgewählten Beispielen der mittel- und frühneuhochdeutschen Tageliedparodie. In: Architectura poetica. Festschrift für Johannes Rathofer zum 65. Geburtstag, hg. v. Ulrich Ernst u. Bernhard Sowinski, Köln, Wien 1990, S. 258.

3 Blank, Walter: Deutsche Minnesang-Parodien. In: Poesie und Gebrauchsliteratur im deutschen Mittelalter. Würzburger Colloquium, hg. v. V. Honemann/K. Ruh/B. Schnell/W. Wegstein, Tübingen 1979, S. 205.

4 Tervooren, Helmut: Das Spiel mit der höfischen Liebe. Minneparodien im 13. bis 15. Jahrhundert. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 104 (Sonderheft), hg. v. W. Besch/H. Moser/H. Steinecke/B. v. Wiese, Berlin 1985, S. 136.

5 Vgl. Hübner, S. 124.

6 Hübner, S. 124.

7 Mattern, Tanja: An den Grenzen der Gattung. Zur Rezeption der Pastourelle in der mittelhochdeutschen Lyrik, Düsseldorf, S. 9.

8 Silvia Ranawake: Schenk Ulrich von Winterstetten [Art.]. In: Stammler, Wolfgang u. Langosch, Karl [Hg.]: Die deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon. Bd. 10: Ulrich von Lilienfeld - 'Das zwölfjährige Mönchlein', Berlin [u.a.]: de Gruyter 1995, S. 57.

9 Ranawake, S. 60.

10 Streicher, Gebhard: Die Refrain-Kanzonen des Ulrich von Winterstetten. Bauformengrammatik, Aufführungsstruktur, Überlieferungsgebrauch, Göppingen 1984, S. 290.

11 Hübner, S. 118.

12 Streicher, S. 37.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668449527
ISBN (Buch)
9783668449534
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365530
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
parodien frauendienst ulrich winterstetten steinmar anhand lieder

Autor

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Titel: Parodien auf den mittelalterlichen Frauendienst. Ulrich von Winterstetten und Steinmar