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Eine Kritik der Naturalisierten Erkenntnistheorie Hilary Kornbliths

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 25 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung
0.1. Relevanz des Themas
0.2. Plan für den Rest der Arbeit
0.3. These

1. Traditionelle Erkenntnistheorie. Ein Überblick
1.1 Zwei Fragen
1.2 Die traditionelle Erkenntnistheorie ist normativ und präskriptiv
1.3 Fundamentalismus vs. Kohärenztheorie

2. Naturalisierte Erkenntnistheorie. Ein Überblick
2.1 Quines ‘Replacement-Theory’
2.2 Der ‘Psychologistic Turn’

3.Hilary Kornbliths Naturalisierte Erkenntnistheorie. Eine Beschreibung.
3.1 Drei Fragen
3.2 Wissen als natürliche Art
3.3 Reliabilismus statt Fundamentalismus und Kohärenztheorie
3.4 Kornbliths Position zur Normativität und Präskriptivität in der Erkenntnistheorie

4. Hilary Kornbliths Naturalisierte Erkenntnistheorie. Eine Kritik
4.1 Reliabilismus ist keine Antwort
4.2 Wissen als natürliche Art ist keine Antwort

5. Schluss
5.1 Zwei Alternativen. Ein Dilemma

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

0.1. Relevanz des Themas

Seit Descartes wird Erkenntnistheorie innerhalb der Philosophie betrieben. Bis 1969 ist die Diskussion mehr oder weniger dieser Tradition gefolgt. Doch seit W.V.O. Quines Aufsatz „Epistemology Naturalized“ gibt es einen radikal neuen Ansatz, die Fragen nach und über Wissen zu untersuchen. Neben der traditionellen Erkenntnistheorie hat sich die naturalisierte Erkenntnistheorie entwickelt. Und schon seit Quines Aufsatz gibt es einen Streit zwischen den beiden Lagern welcher der Ansätze der vernünftigere ist. Hier gibt es radikalere und gemäßigtere Positionen. Die Position Quines ist eine radikale. Er plädiert dafür, die Erkenntnistheorie, wie sie als Disziplin innerhalb der Philosophie betrieben wird, zu ersetzen, und zwar durch die Psychologie. Auch wenn diese radikale Position heute kaum mehr vertreten wird, hat sich daraus ein Zweig der Erkenntnistheorie entwickelt, der sich der Psychologie mehr oder weniger stark zuwendet. Eine solche gemäßigte Position nimmt Hilary Kornblith ein. Wie genau diese gemäßigte naturalisierte Erkenntnistheorie aussieht (welche Eckpunkte besonders wichtig sind und welche Beziehung sie zu der traditionellen Erkenntnistheorie hat) und welche Konsequenzen sie, insbesondere was den Streit zwischen Traditionalisten und Naturalisten in der Erkenntnistheorie angeht, nach sich zieht, soll diese Arbeit aufzeigen.

0.2. Plan für den Rest der Arbeit

Um zu verstehen, in welchen Punkten die naturalisierte Erkenntnistheorie sich von der traditionellen unterscheidet, werde ich zuerst beide in einem Überblick darstellen. Dabei sollen die Punkte, über die zwischen den Lagern der größte Disput herrscht, besonders herausgestellt werden. Im ersten Abschnitt werde ich also einen Überblick über die traditionelle Position geben und im zweiten Abschnitt einen Überblick über die naturalisierte. Hierbei werden auch die Unterschiede zwischen der radikalen und der gemäßigten naturalisierten Erkenntnistheorie dargestellt werden.

Im dritten Abschnitt werde ich dann Kornbliths Position darstellen. Dabei werde ich so vorgehen, dass ich die essentiellen Punkte seiner Theorie nacheinander und ausführlich beschreibe. Dies sind auch die Punkte, die ich diskutieren möchte, und das führt uns zum vierten Abschnitt.

Im vierten Abschnitt werde ich die Thesen und die Argumente, die für Kornbliths Theorie wichtig sind, besprechen und diskutieren. Es wird sich hier zeigen, dass jede der Säulen, auf denen seine Theorie steht, entweder gänzlich zu Fall gebracht werden kann oder so sehr geschwächt wird, dass es sehr zweifelhaft ist, ob er seine Position und die Ansprüche, die er mit seiner Theorie zu erfüllen sucht, halten kann.

Im fünften und letzten Abschnitt werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und beschreiben, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Ich werde meine eigene Meinung zum Streit zwischen Traditionalisten und Naturalisten darlegen und begründen.

0.3. These

Ich bin der Meinung, dass der Streit zwischen Traditionalisten und Naturalisten auf einem grundlegenden Missverständnis beruht. Die beiden Lager reden von verschiedenen Dingen, wenn sie über Wissen reden. Es ist also auf gar keinen Fall möglich, dass die Psychologie die Erkenntnistheorie, wie sie in der Philosophie betrieben wird, ersetzt. Ich glaube aber auch, dass die naturalisierte Erkenntnistheorie der normativen, präskriptiven Dimension, die sie in der traditionellen Epistemologie hat, nicht gerecht wird. Und Normativität sowie Präskriptivität sind meiner Meinung nach essentiell für unser Verständnis von Wissen. Ohne Normativität und Präskriptivität gibt es kein Wissen. Was immer also die naturalisierte Erkenntnistheorie zu untersuchen glaubt, Wissen ist es nicht. Doch dass die traditionelle Erkenntnistheorie eine akzeptable Alternative ist, halte ich gleichermaßen für zweifelhaft.

1. Traditionelle Erkenntnistheorie. Ein Überblick

1.1 Zwei Fragen

Wie Jaegwon Kim sagt, ist die Erkenntnistheorie der Cartesischen Tradition folgend mit zwei grundlegenden Fragen beschäftigt. „To identify the criteria by which we ought to regulate acceptance and rejection of beliefs, and to determine what we may be said to know according to those criteria.”[1] Kornblith hingegen sieht drei zentrale Fragen der Erkenntnistheorie von Descartes beantwortet: „(1) What is knowledge ? (2) How is knowledge possible? (3) What should we do in order to attain knowledge?“[2]. Ich denke allerdings nicht, dass es sich hier um einen Widerspruch handelt, sondern dass man beide Positionen auf die zwei allgemeinen Fragen ‘Was ist Wissen?’ und ‘Was können wir wissen?’ reduzieren kann.[3] Descartes ging es bei seiner Untersuchung darum zu überprüfen, welcher seiner Überzeugungen er sich sicher sein konnte. Denn nur diese Überzeugungen könnten Wissen sein. Seine Kriterien für Wissen waren also, dass es eine sichere Überzeugung ist, die auch wahr ist. Heutzutage wird in der Definition von Wissen das Sicherheitskriterium üblicherweise durch Rechtfertigung ersetzt. Wissen soll also wahre gerechtfertigte Überzeugung sein. „Neither belief nor truth is a specifically epistemic notion: belief is a psychological concept and truth is a semantical-metaphysical one”[4], sagt Kim. Und so verwundert es auch nicht, wenn er weiter ausführt: “modern epistemology has been dominated by a single concept, that of justification, and two fundamental questions involving it: What conditions must a belief meet if we are justified in accepting it as true? And what beliefs are we in fact justified in believing?”[5]. Die oben genannten beiden allgemeinen Fragen lassen sich also auf die Fragen ‘Wann ist eine Überzeugung gerechtfertigt?’ und ‘Welche unserer Überzeugungen sind gerechtfertigt?’ reduzieren. Um die beiden Fragen beantworten oder auch überhaupt erst stellen zu können, muss zuerst einmal geklärt werden, was ‘Rechtfertigung’ bedeutet.

1.2. Die traditionelle Erkenntnistheorie ist normativ und präskriptiv

Wie Kim außerdem ausführt, sind das Konzept von Rechtfertigung und die Erkenntnistheorie im allgemeinen normativ. Wir fragen, wann eine Überzeugung gerechtfertigt ist und welche Überzeugungen gerechtfertigt sind, um normative Anweisungen geben zu können. Um sagen zu können, welche Überzeugungen man als Wissen zulassen soll und welche nicht. So ist „Epistemology (…) a normative discipline as much as, and in the same sense as, normative ethics”.[6] Und wenn man sich die drei Fragen von Kornblith ansieht, erkennt man, dass er dem zustimmt.

Die traditionelle Erkenntnistheorie ist auch präskriptiv. Wissen ist ein Konzept. Wie wir oben gesehen haben, ist Wissen ohne Rechtfertigung nicht möglich, wie auch immer Rechtfertigung verstanden wird. Und wie Kim meint, ist Rechtfertigung ein Konzept. Also ist auch Wissen ein Konzept. Ein Konzept ist eine Definition, die aus notwendigen und hinreichenden Bedingungen besteht und in der traditionellen Erkenntnistheorie werden diese Bedingungen für Wissen a priori gegeben. Das Konzept von Wissen ist unabhängig von der Welt. Analog zu unserem Konzept von einem Einhorn. Wir können sagen, was ein Einhorn ist (ein Pferdeähnliches Wesen mit einem Horn auf der Stirn) ohne dabei Einhörner in der Welt untersuchen zu müssen. Die traditionelle Erkenntnistheorie ist in dieser Hinsicht „armchair philosophy“ wie Richard Feldman es nennt[7].

1.3 Fundamentalismus vs. Kohärenztheorie

In der traditionellen Erkenntnistheorie gibt es zwei rivalisierende Theorien darüber, wie die zentrale Frage danach, wie Wissen möglich ist, zu beantworten ist. Wie schon oben gesehen, macht es Sinn, sich auf das Rechtfertigungskriterium zu beziehen, und das ist auch die Weise, was beide Theorien vorgehen. Im epistemischen Fundamentalismus wird davon ausgegangen, dass es grundlegende Überzeugungen gibt, von denen der Korpus der anderen, nicht grundlegenden Überzeugungen abgeleitet werden kann. Die grundlegenden Überzeugungen sind solche, über die man sich nicht täuschen kann. „They are known if they are believed“, sagt Kornblith[8]. Man ist also automatisch gerechtfertigt diese Überzeugung zu haben, wenn man sie glaubt. Descartes war der Ansicht, dass dies die eigenen mentalen Zuständen sind. Anhand eines Sets von Regeln des Schließens können die übrigen Überzeugungen auf ihre Rechtfertigung überprüft werden. Wenn eine Überzeugung keine grundlegende ist, sie aber nach diesen Regeln von grundlegenden abgeleitet worden ist, gilt sie als gerechtfertigt[9]. Im Streit zwischen Fundamentalismus und Kohärenztheorie verläuft werden stets Gegenargumente gegen die jeweils andere Position vorgebracht. Gegen den Fundamentalismus gibt es zwei Haupteinwände. Der eine ist, dass es überhaupt keine grundlegenden Überzeugungen gibt, über die man sich nicht täuschen kann. Und der zweite ist, dass man, selbst wenn es solche Überzeugungen geben sollte, von ihnen nicht auf den Rest der Überzeugungen schließen kann.

Auf der anderen Seite steht die Kohärenztheorie. Da sie davon ausgeht, dass es keine grundlegenden Überzeugungen gibt, muss sie ein alternatives Konzept vorlegen. In diesem wird angenommen, dass in einem Set von Überzeugungen eine Kohärenzbeziehung zwischen allen Überzeugungen dieses Sets bestehen muss. Die Überzeugungen dürfen sich also nicht wiedersprechen. Ist das der Fall (die Überzeugungen eines Sets wiedersprechen sich nicht) sind sie alle gerechtfertigt. Das Argument gegen die Kohärenztheorie ist, dass es keine solche Kohärenzbeziehung zwischen den Überzeugungen gibt[10]. Man scheint nämlich sehr wohl zwei Überzeugungen haben zu können, die sich widersprechen, und die doch beide gerechtfertigt sind - z.B. wenn man sich nicht bewusst ist, dass man beide Überzeugungen gleichzeitig hat.

2. Naturalisierte Erkenntnistheorie. Ein Überblick

2.1. Quines ‘Replacement-Theory’

Quines Position in der naturalisierten Erkenntnistheorie ist eine außergewöhnliche. Einerseits, weil ihr kaum jemand hundertprozentig zustimmt. Andererseits, weil sie alle Naturalisten in der Erkenntnistheorie beeinflusst hat, und weil sie alle sich in seiner Tradition sehen. Quines Position ist ungefähr die folgende. Er geht davon aus, dass die Epistemologie sich mit den Grundlagen der Wissenschaft beschäftigt[11]. Er ist der Meinung, dass dieses Unternehmen fehlgeschlagen sei. Er sagt, dass wir uns ausgehend von unseren Sinnesdaten durch Deduktion ein Bild von der Welt machen. Genau das sagt der Fundamentalismus. Doch dies könnte die Grundlagen der Wissenschaft nicht erklären, weil unsere Bild von der Welt allein durch die Sinnesdaten unterbestimmt ist. Und unsere Sinnesdaten sind alles, worauf wir uns stützen können. Weil es nach Quines Ansicht keine Hoffnung für diese Art der Erkenntnistheorie gibt, schlägt er vor, die kognitiven Prozesse zu untersuchen, die dazu führen, dass wir uns ein Bild von der Welt machen. Und dies macht die Psychologie. Er schlägt also vor, dass Erkenntnistheorie, wie sie in der Philosophie betrieben wir durch Psychologie ersetzt wird. „The stimulation of his sensory receptors is all the evidence anybody has had to go on, ultimately, in arriving at his picture of the world. Why not just see how this construction really proceeds? Why not settle for psychology?” sagt Quine[12]. Quine will also einen völlig neuen Weg gehen. „He is asking us to set aside the entire framework of justifiation-centered epistemology. (…) Quine is asking us to put in its place a pure descriptive, causal-nomological science of human cognition”[13].

[...]


[1] Kim. “What is ‘naturalized epistemology?’.” S. 279

[2] Kornblith. “In Defense of a Naturalized Epistemology.” S. 159

[3] Zwar ist hier die normative Dimension der beiden nicht enthalten, aber auf diese werde ich im nächsten Abschnitt zu sprechen kommen.

[4] Kim. “What is ‘naturalized epistemology?’.” S. 281

[5] Kim. “What is ‘naturalized epistemology?’.” S. 279

[6] Kim. “What is ‘naturalized epistemology?’.” S. 281

[7] Feldman. “Methodological Naturalism in Epistemology.” S. 170

[8] Kornblith. “Beyond Foundationalism and the Coherence Theory.” S. 117

[9] vgl. Kornblith. “Beyond Foundationalism and the Coherence Theory.” S. 117

[10] vgl. Kornblith. “Beyond Foundationalism and the Coherence Theory.” S. 118

[11] Quine “Epistemology Naturalized.” S. 16

[12] Quine “Epistemology Naturalized.” S. 19

[13] Kim “What is ‘naturalized epistemology?’.” S. 284

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638361460
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36553
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Eine Kritik Naturalisierten Erkenntnistheorie Hilary Kornbliths Hauptseminar Probleme

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