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Die geistige Grundlegung der Menschheit. Zur Entstehung des menschlichen Denkens nach Karl Jaspers These der Achsenzeit

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Achsenzeit bei Karl Jaspers

3. Verortung der Achsenzeit in Jaspers' Schema der Weltgeschichte

4. Exkurs: Konkrete Entwicklungen in den Achsenkulturen
4.1 Homer und Aristoteles im Abendland
4.2 Konfuzius in China
4.3 Buddha in Indien

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was wir gegenwärtig erfahren, verstehen wir besser im Spiegel der Geschichte.“1

Die schreckliche Bilanz am Ende des Zweiten Weltkrieges ging - insbesondere in der deut- schen Bevölkerung - mit einer grundlegenden Umwälzung der Sicht auf das gesamte menschliche Leben einher. Viele Menschen hinterfragten ihre eigene historische Entwicklung und wollten so ermitteln, wie es zu einer der wohl größten Katastrophen der Menschheitsge- schichte kommen konnte; diese Vergangenheitsbewältigung dauert in vielen Fällen bis heute an.

Auch Karl Jaspers war geplagt von derartigen Gedanken. In seinem 1949 veröffentlichten Werk „ Vom Ursprung und Ziel der Geschichte “ sucht er deshalb nach einem historischen Maßstab, der den Sinn der Gegenwart zu offenbaren vermag. Er entdeckte in seinen Untersu- chungen einen Zeitraum, der zwar mehr als zweieinhalb Jahrtausende zurückliegen mag, trotzdem aber die bis heute gültigen Grundkategorien des menschlichen Denkens hervor- brachte - die Achsenzeit. Grundsätzlich war Jaspers bei weitem nicht der erste Denker, der sich mit dieser bemerkenswerten Epoche in der Geschichte der menschlichen Gattung ausein- andersetzte; vor ihm wiesen schon nahezu 20 andere Autoren auf dieses Phänomen hin. Jas- pers' Verdienst ist es aber, die Achsenzeit nicht „nur“ als einen sehr ereignisreichen Abschnitt der Menschheitsgeschichte, sondern als vor allem als entscheidende Phase in der allumfassen- den Weltgeschichte, die maßgeblich von der vorhergehenden Zeit beeinflusst wurde und selbst die nachfolgende Zeit, insbesondere die menschliche Geistesgeschichte, nachhaltig be- einflusste, zu verstehen und darzulegen.

Es ist genau diese Theorie der Achsenzeit und ihre einzigartige Rezeption durch Karl Jaspers, die „ Vom Ursprung und Ziel der Geschichte “ so interessant macht und in dieser Arbeit einer eingehenden Betrachtung unterzogen werden soll. Als Grundlage für meine Betrachtungen werde ich einleitend darlegen, was genau Karl Jaspers unter dem Begriff „Achsenzeit“ ver- steht. Anschließend werde ich sie, insbesondere, weil die volle Wirkungskraft der Achsenzeit nur in historischen Zusammenhängen deutlich werden kann, in Jaspers' eigenem Schema der Weltgeschichte verorten. Den Abschluss meiner Arbeit bildet schließlich eine genauere Be- trachtung der konkreten Entwicklungen und Geschehnisse der Achsenzeit, die ein möglichst eindrückliches Verständnis dieses historiografischen Komplexes ermöglichen soll.

Insgesamt möchte ich die Frage beantworten, inwiefern Karl Jaspers' Achsenzeit wirklich eine Achse der Weltgeschichte sowie die Grundlegung der menschlichen Geisteswelt darstellt und exemplarisch aufzeigen, wie genau sich die betreffenden Entwicklungen entfaltet haben.

2. Der Begriff der Achsenzeit bei Karl Jaspers

Als „Achsenzeit“ bezeichnet Karl Jaspers in seinem geschichtsphilosophischen Hauptwerk „ Vom Ursprung und Ziel der Geschichte “ den Zeitraum von etwa 800 bis 200 v. Chr. In dieser Zeitspanne erkennt er eine kulturübergreifende und vor allem empirisch belegbare Achse der Weltgeschichte, die er insbesondere von der durch den christlichen Glauben geprägten Annah- me, „die Erscheinung des Gottessohns [sei] die Achse der Weltgeschichte“ (Karl Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte2, S. 19), abgrenzt. Er plädiert also dafür, dass nicht mehr „Gottes Offenbarungshandlungen“ als „die entscheidenden Einschnitte“ (ebd.) innerhalb der Weltgeschichte angesehen werden, sondern es sind laut Jaspers andere philosophische und technische Fortschritte, die er in insgesamt drei verschiedenen Kulturräumen aufzuzeigen ver- sucht.

Den Tatsachen geschuldet, dass diese empirisch nachweisbaren Entwicklungen aufgrund eben dieser Eigenschaft - und anders als die christliche Konzeption der Achsenzeit - erstens eine Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen können und sich zweitens „annähernd gleichzeitig in China, Indien und dem Abendland“ (S. 20) entfalteten, ist Jaspers' These, dass genau hier „für alle Völker ein gemeinsamer Rahmen geschichtlichen Selbstverständnisses erwachsen würde. […] Es entstand der Mensch, mit dem wir bis heute leben“ (S. 19). Die größte Neue- rung im menschlichen Denken ist hierbei, so Jaspers, eine durch umfassende Reflexion er- möglichte Selbstbewusstwerdung: Indem die neue, reflektierte Bewusstheit der Menschen quasi ein Bewusstsein über das eigene Bewusstsein hervorruft und das Denken selbst als Denkinhalt Einzug in die menschliche Geisteswelt hält, kann eine „grundlegende Wende der Menschheitsgeschichte zu höherer Selbst-Bewusstwerdung, Vernunft und Metaphysik“, ver- bunden mit einer „Zurückdrängung der („irrationalen“) Religion und des Mythos“3, erfolgen. Genau zu dieser Zeit vollzieht sich laut Jaspers die berühmte Entwicklung vom Mythos zum Logos, also das Hinterfragen des eigenen mythischen Denkens und die schrittweise Ersetzung mythologischer Antworten auf existenzielle Fragen durch entsprechende logisch-rationale Antworten. Obwohl sich das menschliche Denken also immer weiter vom „mythische[n] Zeit- alter […] in seiner Ruhe und Selbstverständlichkeit“ (S. 21) entfernte und sich vielmehr der „rational geklärten Erfahrung“ (ebd.) verpflichtet fühlte, konnte der Mythos nie ganz überwunden werden: „Die alte mythische Welt sank langsam ab, blieb aber der Hintergrund des Ganzen durch den faktischen Glauben der Volksmassen“ (S. 21). Dennoch konnte sich aus der neuen, kraftvollen mentalen Aktivität die geistige Vielfalt entwickeln, die maßgebend für alle weiteren Entwicklungen war und das menschliche Denken auch heute noch auszeichnet. Aus dieser Vielfalt bildeten sich schließlich die ebenfalls bis heute gültigen Grundkategorien des Denkens sowie die Ansätze der Weltreligionen, die auch heute noch die religiösen Erfah- rungen der Menschen bestimmen, heraus - somit wurde „[i]n jedem Sinne […] der Schritt ins Universale getan“ (ebd.). Insgesamt erkennt Jaspers in all diesen umfangreichen Entwicklun- gen eine „Vergeistigung“ (ebd.), die eine Veränderung des gesamten Menschseins bedeuten sollte: Ein Denken, das bisher nur gegenständlich, mystisch und somit relativ irrational ausge- richtet war, befasst sich jetzt auch mit dem Denken und Denkvorgängen selbst. Der Mensch erfasst seine eigene Stellung in der Welt, reflektiert seine Grenzen, Möglichkeiten und Chan- cen - dass es sich hierbei nicht um einen abgeschlossenen Prozess oder einen Prozess, der zu- mindest abgeschlossen werden könnte, handelt, leuchtet ein, denn menschliches Denken ist schließlich immer auch seiner Zeit verhaftet und unterliegt damit ständigen Wandlungen. Trotzdem - und gerade das macht Jaspers' These der Achsenzeit ja so interessant - kann hier durchaus immerhin von einer geistigen Grundlegung der Menschheit gesprochen werden.

Mit der Zeit hat sich Jaspers' Begriff der Achsenzeit zunehmend verselbstständigt und taucht mittlerweile immer öfter auch in den unterschiedlichsten, sowohl akademischen als auch nicht-akademischen Diskursen auf. Er fand Eingang in die verschiedensten Sprachgebräuche und reiht sich damit eindeutig unter den zahlreichen populär gewordenen wissenschaftlichen Begrifflichkeiten, die sich auch außerhalb des in dem Werk, dem sie entsprangen, intendierten Kontextes als durchaus fruchtbar erweisen, ein.

3. Verortung der Achsenzeit in Jaspers' Schema der Weltgeschichte

Insgesamt vier Mal scheint der Mensch, so Jaspers, „gleichsam von einer neuen Grundlage auszugehen“ (S. 45); demnach sind es - grob betrachtet - auch vier konstitutive Momente, die Jaspers' welthistorisches Konzept, wie er es in „ Vom Ursprung und Ziel der Geschichte “ darlegt, ausmachen.

Am Anfang des Schemas steht die sogenannte Vorgeschichte, die uns aber, weil sie in keinster Weise sprachlich dokumentiert oder schriftlich überliefert ist, völlig fremdartig erscheint und nicht zugänglich ist. Trotzdem erkennt Jaspers hier ein „prometheische[s] Zeitalter“ (S. 47) sowie „[d]e[n] eine[n] Ursprung der Menschheit im Anfang der Vorgeschichte“ (S. 47):

[...]


1 Jaspers, Karl: Einführung in die Philosophie. Zwölf Radiovorträge, München 2005, S. 75.

2 Jaspers, Karl: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1949.

3 Bellers, Jürgen und Porsche-Ludwig, Markus: Achsenzeiten - Mythos und Zukunft der Geschichte. Ein ideenund geistesgeschichtlicher Überblick von Aristoteles bis Heidegger, Berlin 2010, S. 7.

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668449503
ISBN (Buch)
9783668449510
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365527
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Schlagworte
grundlegung menschheit entstehung denkens karl jaspers these achsenzeit

Autor

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