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Eine Analyse des Form- und Stilbegriffs von Ernst Cassirer

Hausarbeit 2016 28 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.) Die Definition des Form-; und Stilbegriffs
2.1) Eigenschaften des Form-; und Stilbegriffs im Gegensatz zum Kausalbegriff der Naturwis-
senschaften
2.2) Die Seinsweise der Form-; und Stilbegriffe
2.2.1) Der Zusammenhang der Form-; und Stilbegriffe mit den symbolischen Formen
2.2.2) Die Autonomie der Form-; und Stilbegriffe
2.2.3) Der Unterschied des Form-; und Stilbegriffs

3.) Die Definition des Formbegriffs
3.1) Was über den Formbegriff gewusst werden kann
3.2) Vorläufige Definition des Formbegriffs

4.) Der Widerstreit zwischen Kultur-; und Naturwissenschaften
4.1) Der Wandel des Formbegriffs
4.2) Der Begriff des Nichtwissens

5.) Definition des Formbegriffs

6.) Kritik am Formbegriff
6.1) Die Freiheit der Form
6.2) Unmöglichkeit der Deutung von Symbolen
6.3) Der „Produktionsstop“ freier Formen

7.) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll eine Definition des Form-; und Stilbegriffs herausgearbeitet werden, da Cassirer diesen Begriff zwar des Öfteren verwendet, ihn selbst aber nicht hinreichend erörtert.

Hierfür wird besonders auf sein Werk „Zur Logik der Kulturwissenschaften“ eingegangen werden. Zudem soll die Definition auch durch die Werke „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“, „Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik“, „Philosophie der symbolischen Formen: Erster Teil: Die Sprache“ und „The problem of knowledge, Philosophy, Science, and History since Hegel“ ergänzt werden.

Dazu werden zunächst bestimmte Eigenschaften des Formbegriffs anhand der Gegenüberstel- lung von Kultur-; und Naturwissenschaften herausgearbeitet. Im Folgenden wird der Formbe- griff in den Kontext einzelner Themengebiete Cassirers gesetzt, um anhand dieser Themenge- biete mehr über die Eigenschaften des Formbegriffs in Erfahrung zu bringen. Hierbei wird insbesondere auf sein Verhältnis zur Geschichte und den symbolischen Formen sowie seine Autonomie eingegangen. Zudem wird geklärt, inwieweit sich Formbegriff und Stilbegriff voneinander unterscheiden. Anschließend findet eine erste Definition des Formbegriffs statt, um diesen im Weiteren mit den Themen des Begriffs des Nichtwissens und der Wandelbarkeit der Form zu ergänzen. Außerdem wird sich mit dem Begriff des Formbegriffs in Bezug auf das Thema der Freiheit der Formen und der Unmöglichkeit der Deutung von Symbolen kri- tisch auseinandergesetzt werden. Abschließend soll ein möglicher Lösungsansatz für die aus der Auseinandersetzung mit den Themen der Freiheit und der Unmöglichkeit der Deutung hervorgegangenen Probleme, vorgestellt werden.

2.) Die Definition des Form-; und Stilbegriffs

2.1) Eigenschaften des Form-; und Stilbegriffs im Gegensatz zum Kausalbegriff der Naturwissenschaften

Zunächst sollen einige Eigenschaften der Form-; und Stilbegriffe vorgestellt werden, um sie im Weiteren in einen Zusammenhang mit Cassirers Logik der Kulturwissenschaften zu setzen. Dabei soll insbesondere durch die Gegenüberstellung der Kulturwissenschaften mit den Na- turwissenschaften auf die spezifischen Eigenschaften des Form-; und Stilbegriffs verwiesen werden.

Die Form-; und Stilbegriffe können nicht auf die Art definiert werden, wie zum Beispiel der Begriff „Gold“. Denn, so Cassirer: „Gold heißt uns nur, was ein gewisses, quantitativ streng bestimmtes, spezifisches Gewicht, eine bestimmte elektrische Leistungsfähigkeit, einen be- stimmten Ausdehnungskoeffizienten usf. besitzt.“1 Die Form-; und Stilbegriffe hingegen las- sen sich nicht auf eine so definierte Form bringen und bleiben auf ihre Weise somit unbe- stimmt. Gemeinsam ist beiden jedoch, dass sie sich als das Besondere dem Allgemeinen zu- ordnen lassen. Diese Zuordnung erfolgt allerdings in unterschiedlicher Weise. Um dies zu ver- deutlichen, wählt Cassirer das Beispiel des Renaissancemenschen und erklärt anhand des von Jacob Burckhardt entwickelten Begriffs des Renaissancemenschen, dass kein einziges Indivi- duum aus dieser Zeit unter den Begriff des Rennaissancemenschen gefallen sei. Es habe laut Burckhardt kein inhaltlich fixiertes Einzelmerkmal gegeben, das alle Menschen der Re- naissance geteilt hätten. Dennoch sei der Begriff des Renaissancemenschen nicht als nichtig zu erachten, sondern solle lediglich ausdrücken, dass die in der Renaissance lebenden Men- schen in einem ideelen Zusammenhang miteinander standen. Dementsprechend kann von ei- ner allgemeine Beschreibung eines Form-; oder Stilbegriffs nicht abgeleitet werden, was unter diesen als besonderes fallen wird. Eine begriffliche Kennzeichnung ist so nur durch eine lo- gisch-geistige Arbeit sui generis zu realisieren. Somit stehen die Form-; und Stilbegriffe der Erkenntnisform der sogenannten Dingbegriffen diametral gegenüber.2 Die Dingwelt versteht Cassirer als die physische Welt, die sowohl Eigenschafts-; als auch Gesetzeskonstanz auf- weist. Deshalb ist es möglich, den Begriff Gold genauestens zu definieren. Dieser Begriff ge- hört zur physischen Welt. Die physische Welt weist laut Cassirer jedoch ein schwerwiegendes Problem auf. Während sie durch die Wissenschaft ein festes „Gerüst der objektiven Wirklich- keit“3 erstellt und somit eine Dingwelt konstituiert, entsagt sie sich komplett dem Erleben des Individuums, ist ergo „komplett entseelt“4. Demgegenüber steht die Kultur als intersubjektive Welt, die allen Subjekten zugänglich ist. Unter die intersubjektive Welt fallen laut Cassirer die Sprach-; Kunst-; und Religionswissenschaft.5 Jene Zugänglichkeit findet aber nicht, wie in der Dingwelt durch das Beziehen auf denselben raumzeitlichen Kosmos von Dingen statt, son- dern durch das Handeln der Subjekte, sich durch dieses Tun gegenseitig wahrzunehmen. Da- bei kommt jedes Individuum aus einer Formwelt, welche von der anderen ganz verschieden ist. So beschreibt Cassirer diese Zugänglichkeit wie folgt:

„Wir leben in den Worten der Sprache, in den Gestalten der Poesie und der bildenen Kunst, in den Formen der Musik, in den Gebilden der religiösen Vorstellung und des religiösen Glaubens. Und nur hierin »wissen« wir voneinander. Dieses intuitive Wissen hat noch nicht den Charakter der »Wissenschaft«. Wir verstehen einander im Sprechen, ohne hierfür der Sprachwissenschaft oder Grammatik zu bedürfen […].“6

Die Kultur ermöglicht es den Menschen allerdings nur, die Nähe zu erfassen. Dies ist, was die einzelne Person also wahrnehmen kann. Demgegenüber gelingt es der Naturwissenschaft, die Ferne durch die Allgemeinheit auf bestimmte Regeln festzusetzen und somit begreifbar zu machen. Während die Wissenschaft Ding-; und Gesetzesbegriffe bedarf, benötigt die Kultur- wissenschaft die zu definierenden Form-; und Stilbegriffe. Wie vorhergehend bereits beschrie- ben, handelt es sich bei dem Formbegriff im Gegensatz zu den Wertbegriffen um eine Man- nigfaltigkeit von Sein. Es handelt sich also um das „Was“ der Welt. Allein durch Wahrneh- mung ist es möglich, diese Mannigfaltigkeiten in einen sinnvollen Kontext zu verorten. Dem- gegenüber stehen die Kausalbegriffe, die im Werden bestehen, ergo das „Woher“ der Welt ausdrücken. Ein ganzheitliches Weltverständnis ist dabei allerdings nur möglich, wenn sich Form und Materie, Sein und Werden durchdringen. Das Formprinzip muss sich also mit dem Prinzip des Grundes vereinen, um zum Zweckprinzip zu werden. Die Einheit beider ist in Gott als der unbewegte Beweger zu finden.7 8

Durch den vorangegangenen Vergleich mit den Naturwissenschaften haben sich folgende Ei- genschaften des Formbegriffs gezeigt: Form-; und Stilbegriffe werden durch das Denken in bestimmten Formen (und Stilen)9 von einzelnen Individuen innerhalb des Rahmens der Kul- turwissenschaften entworfen und können anschließend nur durch logisch-geistige Arbeit defi- niert werden. Sie sind als mannigfaltige Arten des Seins zu verstehen und keinesfalls im Be- griff des Werdens anzusiedeln.

Im Weiteren soll einzig auf die Seinsweise der Form-; und Stilbegriffe und ihre Wechselwirkung mit anderen Gebiete eingegangen werden, um dem Form-; und Stilbegriff noch genauer begreifbar zu machen.

2.2) Die Seinsweise der Form-; und Stilbegriffe

Für die bereits im vergangenen Kapitel erwähnte Kulturwissenschaft ist der Formbegriff un- umgänglich. Ohne ihn würde die Kulturwissenschaft nicht bestehen können. Denn was der Mensch in dieser erkennen möchte, sind bestimmte Formen, die bevor sie auf ihre Ursachen zurückgeführt werden können, zuerst in ihrem reinen Bestand verstanden werden müssen.10 Jene Formen sind deshalb so mannigfaltig, da sie von jedem einzelnen Individuum vermehrt werden. Als hervorstechendes Beispiel sei hier Johann Wolfgang von Goethe genannt. Cassi- rer behauptet, dass die deutsche Sprache durch ihn nicht nur „[...] inhaltlich bereichert und über ihre bisherigen Grenzen erweitert [...]“11 sondern tatsächlich zu einer neuen Form heran- gereift sei. So schließe die deutsche Sprache, nachdem Goethe gewirkt hatte, zum Beispiel Möglichkeiten des Ausdrucks in sich, die zuvor nicht vorhanden waren. Der Schaffensprozess der Formen ist an zwei Bedingungen geknüpft: „Er muß auf der einen Seite an ein Bleibendes und Bestehendes anknüpfen, und er muß auf der anderen Seite stets zu einem neuen Einsatz und Ansatz bereit sein, der dies Bestehende wandelt.“12 Wenn, wie beim Beispiel Goethes, schon ein bestimmter Wortschatz besteht, kann dieser nicht einfach ignoriert, sondern muss verwendet werden. Zudem wird dieser Wortschatz durch das einzelne Individuum aber auch zugleich verändert. Es gibt in den Kulturwissenschaften also eine Art Beharrungsgesetz. For- men, die einmal entworfen wurden, können in der nächsten Epoche nicht einfach komplett verworfen werden. Vielmehr werden sie in die kommende Epoche übernommen und zum Teil sogar an die nächste weitergegeben. So entstehen Formen, die, wenn auch manchmal leicht verändert, über Jahrhunderte weitergegeben werden. Trotz dieses Beharrungsgesetzes in den Kulturwissenschaften müssen Formen auch wandelbar sein, um die Möglichkeit zu geben, Neues zu schaffen.13 Die Form besitzt also sowohl das Moment der Formkonstanz als auch das Moment der Modifizierbarkeit.14 Dabei kommt es zwischen beiden Momenten zu einer Art Wettstreit oder Widerstreit, sodass das Gleichgewicht, welches zwischen beiden besteht immer nur ein labiles ist. Die Spannungen zwischen beiden Momenten werden mit der Ent- wicklung der Kultur immer größer. Cassirer bezeichnet diesen Effekt als das „Drama der Kul- tur“.15 Anders, als zu erwarten wäre, gibt es zwischen beiden Momenten aber nie eine Art Nie- derlage oder Sieg. Die beiden Gegenkräfte wachsen lediglich miteinander.16

Das reine Entwerfen, wie es im vorangegangenen Kapitel beschrieben worden ist, ist also als ein ungenügender Ausdruck anzusehen, da die Individuen die Formen nicht aus dem Nichts erschaffen, sondern bereits vorhandene Formen verändern. Allerdings bleibt mit dieser Inter- pretation fraglich, woher dann die ersten Formen kommen, wenn sie von Individuen immer nur verändert und nie ganz neu geschaffen werden. Eine Lösung wäre, anzunehmen, dass die Formen bereits in einer bestimmten Form vor dem Menschen bestanden haben. Selbst wenn sie als solche dann noch nicht erkannt wurden, da selbige, wie im vergangenen Kapitel er- wähnt, erst durch logisch-geistige Arbeit sui generis herausgearbeitet werden können, was laut Cassirer aber nur dem Menschen zukommt.17 Als weitere Alternative könnte angenommen werden, dass es zu dem Zeitpunkt, an dem die einzelnen Kulturwissenschaften entstanden sind, doch zu einer einmaligen Schaffung der Formen durch den Menschen aus dem Nichts ohne ein Anknüpfen an bereits entstandene Formen gekommen ist. So wäre zum Beispiel das erste Bild, das gemalt wurde, als das Schaffen der Grundform für die Kunstwissenschaft zu sehen, die sich im Folgenden durch den Einfluss anderer Individuen laufend verändert hat, aber eben nicht mehr komplett neu entstanden ist. Beide Alternativen sind als möglich anzuse- hen. Jedoch erklärt Cassirer, worauf in Kapitel 4.2) noch genauer eingegangen werden soll, dass es dem Menschen nicht zukommt, herauszufinden, welche der beiden Alternativen die richtige ist. Viel besser sei es, ihm zufolge, an diesem Punkt bewusst im Nichtwissen zu ver- bleiben.18

In seinem Werk „The problem of knowledge“ beschreibt Cassirer mit Auguste Comte die Entwicklung der Hierarchie der Naturwissenschaften wie folgt:

„Every subsequent member added to its predecessor a characteristic feature and had its own sepci - fic individuality. Even in mounting from mathematics to astronomy, and from this to physics and then to chemistry and biology, it always appeared that each new member brought an additional dis- tinctive factor that was not present in the preceding one and could not be inferred from it by deduc - tion. This distinctive character became more and more apparent the higher we ascended in the scale of the sciences and the more closely we approached the most complicated phenomenon of all, which was that of human existence.“19

Auch hier scheint es, als sei sowohl das Moment der Formkonstanz als auch das der Modifi- zierbarkeit aufzuweisen. So, wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, würde diese Deu- tung auch in Cassirers Logik der Kulturwissenschaften passen, da sich Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft vereinen müssen, um ein Weltverständnis hervorzurufen. Die Annah- me, dass dieselbe Methode der Veränderung der Natur-; und Kulturwissenschaften zu finden ist, scheint vielversprechend. Beide scheinen an diesem Punkt eine gemeinsames Fundament erreicht zu haben. Jedoch sei hier darauf verwiesen, dass diese These nach Cassirer mit dem Aufkommen an Zweifeln an der Darwinschen Lehre verworfen werden muss.20 Der Zusam- menhang der Darwinschen Lehre zu dieser These soll allerdings erst in Kapitel 4 behandelt werden.

Neben den Kultur-; und Naturwissenschaften betont Cassirer noch eine weitere wichtige Komponente seiner Theorie. Hierbei handelt es sich um die Geschichte. Diese will vergange- nes Leben verstehen lernen. Ein solches Verstehen ist laut Cassirer aber nur durch die ver- schiedenen Form-; und Stilbegriffe der Kulturwissenschaften möglich. Denn einzig durch das Erkennen und Wiederherstellen von verschiedenen Lebensformen kann aufgefundenen Monu- mente wieder ein Symbol zugeordnet werden, das das Verstehen vergangenen Lebens möglich macht.21

Durch die Formbegriffe kann nun also eine gewisse Art an Sinn in der Geschichte gefunden werden. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass durch die Formbegriffe symbolische Formen ausgebildet werden können. Wie genau diese Ausbildung zu verstehen ist, soll im folgenden Kapitel erläutert werden.

2.2.1) Der Zusammenhang der Form-; und Stilbegriffe mit den symbolischen Formen

Cassirer erklärt das Verhältnis von Formbegriff und symbolischer Form wie folgt:

„Mit der Formgebung geht gleichzeitig eine Sinngebung einher: erst Formen lassen Bezüge und Strukturen in der Welt erkennen. Symbolische Formen sind somit Grundformen des Verstehens, die universell und intersubjektiv gültig sind und mit denen der Mensch seine Wirklichkeit gestaltet. Kultur ist die Art und Weise, wie der Mensch durch Symbole Sinn erzeugt. Symbole entstehen also stets in Verbindung zur Sinnlichkeit, haben aber einen Sinn, der über sie hinaus verweist.“22

Was also durch die symbolischen Formen, nachdem etwas bereits eine Form besitzt, hinzukommt, ist, dass durch sie ein bestimmter Sinn dieser Form festgelegt wird. Dieser Vorgang wird nach Cassirer als Kultur bezeichnet.23 Ein geistiger Bedeutungsgehalt wird ergo an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem dadurch zugeschrieben.24 Zudem lässt sich fragen, wie genau die Aussage zu verstehen ist, dass der Sinn des Symbols über das Symbol selbst hinausgeht. Um dieses genauer nachzuvollziehen, sei auf folgendes japanisches Hinweisschild im Straßenverkehr verwiesen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Deutsche Übersetzung: Hier befindet sich die Stoplinie) Abb. 1.1)

Das Schild an sich, welches als Symbol betrachtet werden kann, bildet nur einen weißen Strich innerhalb eines viereckigen blauen Kastens ab, der zudem mit japanischen Schriftzei- chen versehen ist. Erst, wenn der Sinn des Symbols erkannt wird, erhält das Symbol eine Be- deutung. In diesem Fall handelt es sich um ein Hinweisschild auf eine Stoplinie vor einer Straßenkreuzung. Der Sinn dieses Symbols ist es also, darauf hinzuweisen, dass sich unter diesem Schild eine Linie auf der Straße befindet, an der man halten sollte. Der Sinn geht so- mit über das Symbol hinaus, als dass das Symbol zwar abbildet, aber nicht verrät, was es mit dieser Abbildung aussagt. Das Kulturobjekt, ergo die symbolische Form, ist nicht, wie an- fangs hätte vermutet werden können, einfacher zu erfassen als ein anderes Objekt. Denn die Kultur schafft laufend neue religiöse, sprachliche und künstlerische Symbole, die zwar dann bereits produziert, aber noch nicht reflexiert sind. An dieser Stelle kommen die Naturwissen- schaften und auch die Philosophie ins Spiel. Denn ihnen obliegt es, dass Produzierte auch zu reflexieren.25 Oder, wie Cassirer es ausdrückt: „[...] das synthetisch Erzeugte analytisch [zu] behandeln.“26 Durch diese Vorgehensweise sind die symbolischen Formen ein Weg zu sich selbst, da durch ihre Produktion ein Ich-; und Selbstbewusstsein erzeugt wird.27 So könnte auch erklärt werden, wie durch das Verstehen vergangener Lebensformen die Geschichte er- sichtlich wird. Werden die Symbole richtig zugeordnet, lernt man anhand dieser Art von Pro- duktion an symbolischen Formen nicht nur etwas über das eigene Ich, sondern über verschie- dene Selbstbewusstseinsformen aus einer vergangenen Epoche und infolgedessen etwas über die Geschichte dieser Epoche. Der Wunsch, etwas über die Geschichte zu lernen, den der Mensch verspürt, könnte dabei als eine Art Selbstneugier interpretiert werden, da der Mensch sowohl etwas über seinen produktiven, als auch über seinen reflexiven Teil des Ichbewusst- seins lernt. Schließlich müssen die Formen, aus denen die symbolischen Formen erst abgelei- tet werden können, sowohl modifizierbar sein, also den produktiven Teil des Menschen ent- sprechen als auch eine gewisse Art an Formkonstanz aufweisen, da sie, wie bereits erläutert, nicht aus dem Nichts entstehen, sondern an bereits entstandene Formen anknüpfen. Die Form- konstanz dieser Formen zu interpretieren sollte mithin dem reflexiven Teil des Ichbewusst- seins zukommen. Im vergangenen Kapitel war allerdings von Monumenten zu lesen. Diese sind in der Regel jedoch als stofflich zu verzeichnen. Etwas, das subjektiv und vor allem geis- tig erzeugt wird, ist hingegen nicht als etwas Stoffliches zu sehen. Cassirer löst diesen Wider- spruch, indem er erklärt, dass sich das Subjektive, was die Individuen fühlen, wollen und den- ken an den Werken der Sprache, Kunst und Religion objektiviere.

[...]


1 Cassirer 1942, S. 74.

2 Ebd., S. 73 ff..

3 Ebd., S. 79.

4 Ebd..

5 Ebd., S. 95.

6 Ebd., S. 79.

7 Ebd., S. 92.

8 Dass es sich tatsächlich ein wenig anders verhält, soll in Kapitel 4) noch einmal genauer erörtert werden.

9 Zu dem Unterschied der Form-; und Stilbegriffe soll in Kapitel 2.2.3) noch genaueres geschrieben werden.

10 Ebd., S. 95.

11 Ebd., S. 120.

12 Ebd..

13 Ebd., S. 122 f..

14 Ebd., S. 126.

15 Ebd., S. 128.

16 Ebd..

17 Ebd., S. 29.

18 Ebd., S. 104 f..

19 Cassirer 1950, S. 245.

20 Ebd., S. 25.

21 Ebd., S. 79 ff..

22 Cassirer 1923, S. 45.

23 Cassirer 1942, S. 91.

24 Cassirer 1910, S. 161.

25 Cassirer 1942, S. 91.

26 Ebd..

27 Ebd., S. 57.

Details

Seiten
28
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668448155
ISBN (Buch)
9783668448162
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365477
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
Cassirer Formbegriff Stilbegriff Zur Logik der Kulturwissenschaften

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Titel: Eine Analyse des Form- und Stilbegriffs von Ernst Cassirer