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Die Euro-Krise als Folge kapitalistischer Expansion

Seminararbeit 2016 17 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie der Landnahme des Kapitalismus
2.1 Der Kapitalismus-Begriff
2.2 Die Landnahme-These
2.3 Finanzmärkte ein Ergebnis der kapitalistischen Expansion

3. Die Krise der EU
3.1 Die Subprime-Krise
3.2 Die Euro-Krise
3.3 Das Fallbeispiel Griechenland

4. Die Euro-Krise - ein Ergebnis kapitalistischer Landnahme

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Die aufrichtige Antwort ist, dass wir zurückkehren müssen zu einem starkem Wachstum. Wir brauchen mehr Wachstum. Durch mehr Wachstum wird sich die Arbeitslosenquote in ganz Europa reduzieren. “ Mario Draghi, 2016

Dieses Zitat vom Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) aus dem September dieses Jahres verdeutlicht die Devise der wirschaftlichen Ausrichtung der EU und auch von anderen Spitzenpolitkern sind ähnliche Thesen zu hören. Dabei ist genau das Wachstum und seine ständige problemlösende Prophezeiung ein Auslöser für ungeahnte Folgen in der Eurozone, wie diese Arbeit zeigen wird. Die Finanzkrise von 2008 hatte eine enorme, internationale, Relevanz und brachte einige Staaten in wirtschaftliche Ausnahmesituationen. Auch vor der Eurozone, welche zuvor als sehr stabil galt, machte die Krise keinen Halt und offenbarte institutionelle Schwachstellen mit der Folge von zwischenstaatlichen ökonomischen Konflikten. Die Südstaaten des Währungsraums standen nach der Bankenkrise wirtschaftlich besonders schlecht da, vor allem Griechenland und so wurde der Diskurs schnell in die Richtung eines möglichen Austrittes, ein sogenannter „Grexit“, gelenkt. Schnell wurden raffgierige Einzelpersonen und Banken als Schuldige gefunden, doch häufig wird verkannt, dass die Wurzel des Problems tiefer geht und im Wirtschaftssystem der westlichen Welt verankert ist.

Die folgende Arbeit wird sich mit der Finanzkrise in Europa beschäftigen. Ausgangspunkt der Analyse wird eine Theorie von Klaus Dörre sein, in welcher der Kapitalismus in seiner Logik nur möglich ist, wenn er sich immer wieder auf neue, nicht-kapitalistische Felder ausdehnen kann und somit expansiv weiterwächst. Im darauf folgenden Schritt wird erklärt, wie die Expansion in Geschwindigkeit und Risikobereitschaft im Finanzmarkt-Kapitalismus eine neue Sphäre finden konnte. Anschließend wir die Finanzkrise in der Eurozone erläutert, dabei wird kurz auf die ursächliche Subprime-Krise eingegangen, sowie die Folgen dieser für die Eurozone im allgemeinen und am konkreten Fallbeispiel Griechenland erörtert. Zum Ende wird die Theorie Dörres, auch als Landnahme des Kapitalismus bezeichnet, an den Ereignissen der Krise belegt und das Ergebnis der Arbeit vorgestellt. Im Fazit wird die Arbeit zusammengefasst, auf Probleme der Theorie eingegangen, wissenschaftliche Denkanstöße geboten und eine kurze persönliche Einschätzung abgegeben.

Die Hypothese der Arbeit lautet somit: Die wirtschaftliche Krise der EU, mit seinen Auswirkungen auf Griechenlands, ist eine mögliche Folge der kapitalistischen Landnahme und somit u.a. ein makro-strukturelles Problem.

2. Die Theorie der Landnahme des Kapitalismus

In diesem Kapitel werde ich die Theorie der Landnahme des Kapitalismus erklären, welche als basale Theorie der Hausarbeit gilt. Dabei werde ich die Argumentation von Klaus Dörre, basierend auf Ideen von Rosa Luxemburg und Hannah Arendt, skizzieren.

2.1 Der Kapitalismus-Begriff

Um die Theorie zu verstehen muss vorausgehend die Definition von Kapitalismus nach Dörre erklärt werden. Zunächst benötigt der Kapitalismus Freiheit, im Sinne der Abwesenheit von staatlichen Begrenzungen, und freie Interaktionsmöglichkeiten. Der Freiheitsbegriff ist ein politischer, da den Akteuren möglichst viel Entscheidungsspielraum in Handlungen gegeben werden soll, und er ist ein negativer da er auf den Abbau von Barrieren zielt (Dörre 2009: 23). Das zentrale Motiv der Wirtschaftsform ist das Gewinnstreben und wird im Rahmen des Freiheitsbegriffes als marktorthodoxes Paradigma bezeichnet. (Dörre 2009: 23f). Innerhalb des Marktes entstehen Ungleichheiten und Machtasymmetrien, welche nicht durch Umverteilung beseitigt, sondern gewollt und optimal genutzt werden um den einzelnen Individuen mehr Anreize nach Gewinnstreben zu ermöglichen (Dörre 2009, 24; Schimank 2008: 20).

„Kapitalismus lässt sich demnach in die Formel Markt plus funktionierender Wettbewerb plus Vertragsfreiheit gleich Effizienz (maximaler Warenausstoß zu möglichst niedrigen Preisen) übersetzten“ (Dörre 2009: 25).1

Die Ungleichgewichte können durch Innovationen und neuauftretende Akteure am Markt entstehen. In der globalisierten Wirtschaft, in der das beschriebene marktorthodoxe Paradigma vorherrscht, werden beide Komponenten und somit die Förderung der Ungleichgewichte weiter verstärkt (Schimank 2009: 20). Die liberale These, Maximierung von Eigennutz, Wettbewerb und Vertragsfreiheit generiere Wohlstand für alle, ist die Existenzberechtigung für den Kapitalismus, welche von Dörre stark kritisiert wird. Denn die Voraussetzung ist ein methodologischer Individualismus, in dem Individuen Aggregate bilden und aus deren Verhalten auf das Verhalten der Institutionen geschlossen werden kann (Dörre 2009: 26). Die Problematik ist jedoch, dass diese Individuen getrieben durch Erwartung und Erwartungs- Erwartungen interagieren und somit das Wissen einer Institution mehr als die Summe des Wissens aller Individuen ist. Die Folge der soziologische Kritik wäre, dass letztendlich eine höhere Instanz, eine Institution wie der Staat, effizienter ist, als der freie Markt. Hierzu gehört auch der positive Freiheitsbegriff, der die Regulierung der Marktkräfte durch Verträge und staatlich gesteuertem Handel umfasst. (Dörre 2009: 27).

Doch der Kapitalismus schafft es immer wieder, trotz Einführung von positiven Freiheiten, Selbststabilisatoren aufzubauen, um sich zu wandeln und zu überleben. Eine reine Analyse des Wettbewerbs ist somit nicht ausreichend. Denn jede Interaktion am Markt, beinhaltet eine soziale Einbettung, welche die reine Marktwirtschaft negiert. (Dörre 2009: 30f). Dörre argumentiert hier mit Marx. Zunächst beinhaltet jeder Tauschakt auf Märkten eine Machtasymmetrie. Die Arbeitskraft wird nur nach dem Wert ihrer Arbeit bezahlt, der Kapitaleigentümer hingegen kann die produzierte Ware oder Dienstleistung durch Monopol, Innovation oder anderweitige soziale Vorteile in ihrem Wert erhöhen (Dörre 2009: 31). Weiterhin stehen die Kapitaleigentümer in Konkurrenz zueinander und müssen somit versuchen ihr Produkte unter dem Marktpreis zu verkaufen, dies geschieht durch Innovation. Es entstehen jedoch immer natürliche Grenzen für die Geschäftsfelder und somit eine inhärente Instabilität der Märkte, denn bei begrenztem Wachstum geht Kapital durch Fehlkalkulation bei Reinvestition in die Zukunft verloren und so entstehen Krisen (Dörre 2009: 32f). Doch Krisen sind nicht von Nachteil, im Gegenteil durch Konkurrenz zwischen den Eigentümern wird bei Insolvenz das Privateigentum unter den anderen Marktakteuren aufgeteilt und marktbeherrschende Großunternehmen entstehen, welche natürlich niemals die Konkurrenz außer Kraft setzen, aber Preis bilden, Markteintrittsbarrieren errichten und Entwertungen von Kapital verhindern können (Dörre 2009: 33). Durch die weitere Spezialisierung der Unternehmen und der funktionalen Trennung in Eigentümer und Manager entstehen weitere Partikularinteressen mit unterschiedlicher Risikohaftungen, differenziertem Know-How und einer größeren Komplexität (Dörre 2009: 34).

Der Kapitalismus ist also ein wandelbares System, dass sich mit vielen verschiedenen Staatsinterventionen, Staatssystemen, Interessensgruppen, Konfliktsituationen und Konkurrenzverhältnissen arrangieren kann und diese zusätzlich zur Akkumulation von Kapital umfunktioniert.

2.2 Die Landnahme-These

Die Theorie der Landnahme ist angelehnt an Hannah Arendt und Rosa Luxemburg, welche beide auf der Grundbasis von Marx argumentieren. Der Kapitalismus entwickelt sich demnach durch die Landnahme, ein Form der Einvernehmung von nicht kapitalistischen Bereichen. Diese Landnahme expandiert nach innen und nach außen. Nach innen insofern, als dass der Staat aus Rohstoffen und Lebensmitteln Ware schafft, die nicht mehr bedarfsorientiert, sondern auf Akkumulation ausgerichtet sind, nach Außen expandierte der Kapitalismus, indem er immer darauf ausgerichtet ist über die Grenzen der Nationalstaaten hinaus zu agieren. (Dörre 2009: 37f). Luxemburg erweitert diese Landnahme, indem innere Märkte nach kapitalistischen Prinzip des Äquivalenztausches handeln, äußere Märkte in einer Austauschbeziehung mit nichtkapitalistischen Akteuren stehen (Dörre 2012: 107). Die Grenze zwischen innen und außen ist also nicht, auf eine nationale Ökonomie beschränkt. Der Bedarf, ausgelöst durch die Konkurrenz einen Mehrwert zu erwirtschaften, benötigt Wachstum und mehr Konsumenten, nur durch den Wachstum können sich kapitalistischen Gesellschaften stabilisieren (Dörre 2012: 108). Der Kapitalismus bedarf also immer neue Landnahmen und kreiert eine Art Wachstumszwang als Gesetz. (Arendt 1951: 333). Dabei ist der Kapitalismus kein System das im Bereich des Status quo agiert, an Kreuzpunkten seiner Entwicklung ist er in der Lage sich zu verändern und anzupassen, immer mit dem Ziel der Selbsterhaltung, das Kapital neues Kapital generiert (Dörre 2009: 41). Dies geschieht, indem nicht kapitalistisches Terrain genutzt wird um neue Wachstumsgebiete zu schaffen. Nach Dörre ist das System in der Lage sich selbst, z.B. durch Staatsintervention, ein neues, nichtkapitalistisches Außen zu schaffen um es zu transformieren und weiter zu wachsen (Dörre 2009: 43). Eine natürliche Grenze existiert somit reell nicht. Als Beispiel dient das Bildungssystem, welches in staatliche Kontrolle gebracht wurde, um jeden Bürger die Möglichkeit der Bildung als öffentliches Gut

[...]


1 Der Staat muss hierbei nicht völlig außen vor sein, er kann auch, wie im Ordoliberalismus, eine rahmenbildende Funktion besitzen.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668448261
ISBN (Buch)
9783668448278
Dateigröße
1018 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365450
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
Kapitalismus Griechenland Landnahme Euro-Krise Finanzmarkt Expansion

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Titel: Die Euro-Krise als Folge kapitalistischer Expansion