Lade Inhalt...

Förderung blinder Kinder in den ersten Lebensjahren

von Joan Rose

Facharbeit (Schule) 2016 24 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Hypothesen

2 Begriffserklärung
2.1 Blindheit
2.2 Frühförderung

3 Wahrnehmung
3.1 Visuelle Wahrnehmung
3.2 Auditive Wahrnehmung
3.3 Taktile Wahrnehmung
3.4 Kinästethische Wahrnehmung
3.5 Zwischenfazit

4 Anregungen und Fördermöglichkeiten für die Begegnungen in den ersten Lebensjahren Kontakt
4.1 Intensiver Körperkontakt und Rufnähe
4.2 Vorankündigung
4.3 Handführung von hinten
4.4 Korrekte Benennungen von Gegenständen und Handlungen
4.5 Sprachliche Begleitung aller Handlungen
4.6 Spiele und Spielmaterialien
4.7 Langstock
4.8 Zwischenfazit

5 Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Erklärungen

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“

Karl Marx

1. Einleitung und Hypothesen

Diese Facharbeit setzt sich mit der Förderung blinder Kindern in den ersten Lebensjahren auseinander.

Im Jahre 2015 wurden insgesamt 7 615 560 schwerbehinderte Menschen in Deutschland erfasst. Davon beträgt der Anteil an Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung 5 %.1 Hilfsmittel, wie Brillen oder Kontaktlinsen können in den meisten Fällen bei Personen mit einer Sehbehinderung helfen. Sie müssen dabei jedoch genau auf die Sehleistung eines jeden Einzelnen abgestimmt werden. Hingegen besteht für Menschen die über keine Sehkraft verfügen diese Möglichkeit nicht. Demzufolge sind sie auf andere Hilfsmittel angewiesen und sollten eine ganzheitliche und individuelle Förderung frühestmöglich erhalten. Zu unterscheiden ist hierbei zwischen blind geborenen und im Lebensverlauf erblindeten Menschen, da diese unterschiedliche Bedürfnisse aufweisen können.2

“Ob ein Kind sein Sehvermögen für seine motorische Entwicklung nutzen konnte oder nicht, ob es eine Vorstellung von räumlichen Dimensionen, Farben, von Landschaften oder dem Himmel hatte oder nicht, ob ein Kind zwar Objekte, aber keine Gesichter sehen kann, ob eine Hell-Dunkel-Wahrnehmung vorhanden ist oder sich mit Gesichtsfeldausfällen zu arrangieren hat. Diese Aspekte haben unterschiedliche Auswirkungen auf die Aneignung von und Auseinandersetzung mit der Umwelt und bedürfen sehr spezifischer pädagogischer Antworten.“3

Dementsprechend wird in nachfolgender Facharbeit auf spezifische Besonderheiten, Bedürfnisse sowie Fördermöglichkeiten eingegangen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann hierbei jedoch aufgrund der Komplexität des Themas nicht erhoben werden und erhält somit lediglich ein Überblickscharakter.

Nunmehr soll nachfolgender Erfahrungsbericht behilflich sein die Beweggründe der Wahl des Facharbeitsthemas nachzuvollziehen.

Erfahrungsbericht: Helge und Autor

Das Thema berührte mich aufgrund meines ersten Praktikums in der Ausbildung zur Erzieherin. Dieses absolvierte ich in einem Integrationskindergarten. In diesem Praktikum betreute ich unter anderem „Helge“.4 Helge benötigte aufgrund seiner Problemstellung eine individuelle Betreuung. Die von mir begleitete Gruppe bestand aus 16 Kindern im Alter von 3-7 Jahren. Fünf der Kinder zeigten Auffälligkeiten im Bereich emotional soziale Entwicklung sowie ein Kind (Helge), welcher kurz nach seiner Geburt erblindet war.

Dementsprechend stellte sich dieses Praktikum als eine große persönliche und aufgrund meiner wenigen Erfahrungen in diesem Bereich als eine große Herausforderung dar. Da ich mit der individuellen Förderung und Unterstützung von Helge betraut war, erlebte ich ein Gefühl von Hilflosigkeit im Umgang mit dieser Situation. Dieses führe ich darauf zurück, dass mir noch fachliches Wissen sowie Praxis im Umgang mit besonderen Kindern fehlt(e). Eine Situation meiner Hilflosigkeit möchte ich am folgenden Beispiel darstellen:

Helge putzte unter meiner Hilfestellung seine Zähne, was ihm auch gut gelang. Dann sagte ein Erzieher, dass wir jetzt langsam fertig werden sollen. Ich sagte zu Helge „Nun sind die Zähne schön sauber und wir können ausspülen“, doch er spielte mit dem Wasser und ignorierte mich. Einen Moment später kam der Erzieher zurück. Ich zog ratlos die Schultern nach oben und symbolisierte, dass ich es versucht hätte. Er nahm ihm die Zahnbürste aus der Hand, dabei schrie Helge wahnsinnig laut, er sagte „Jetzt ist aber Schluss!“ und zog ihm am Arm. Daraufhin wehrte sich Helge sehr. Jedoch wurde nicht auf Helge eingegangen. Stattdessen wurden wir in den Gruppenraum geschickt, wo ich Helge beim umziehen helfen sollte. Diese Situation führte zu meiner Irritation. Dabei stellte sich mir insbesondere die Frage, ob der Umgang mit dieser Situation nicht anders fachlich hätte gelöst werden können. Weiterhin wuchs in mir der Wunsch mit derartigen Situationen anders fachlich umgehen zu können.

Zum Beispiel:

Wie bringt man wohl einem blinden Kleinkind etwas bei, zum Beispiel mit Wasser zu gurgeln nach dem Zähneputzen oder das befüllen des Zahnputzbechers? Wie kann ich Interessen beobachten und somit ressourcenorientiert arbeiten? Mit was spielt er am liebsten? Spielen die anderen Kinder mit ihm oder wird er lediglich toleriert? Welche Möglichkeiten habe ich, dass Helge Lust bekommt sich aktiv zu bewegen? Fördern seine Eltern ihn zu Hause? Wie ist seine Wahrnehmung? Ist ein Integrationskindergarten die richtige Wahl für ein blindes Kind? Wie ist es wohl für ihn so viele Stimmen zu hören und nichts zu sehen?

Er ist da, aber die anderen Kinder bemerken ihn kaum. Vielleicht haben Sie kein Interesse oder einfach oder haben Angst, Angst vor dem unbekannten Anderen. Ein blindes Kind hat eine andere Motorik und zeigt andere Verhaltensmuster als nicht blinde Kinder. Dementsprechend kann hier die Kommunikation, wie wir sie kennen, nicht oder schwer vom Gegenüber (anderes Kind oder auch Erzieher) decodiert werden. Oft habe ich das Gefühl gehabt, dass Helge eine Last für die Erzieher war oder diese einfach mit der Gesamtsituation überfordert waren. Kam mein plötzlich sprudelnder Ehrgeiz aus Mitleid? Anfangs konnte ich meine Gefühle noch nicht so einordnen. Meine Hilfsbereitschaft, Fürsorge und Interesse war enorm, dass ich mir jeden Tag etwas Neues ausgedachte, so gingen wir z.B. Montag schaukeln, Dienstag ertasteten wir Obst und Gemüse, Mittwoch machten wir Tierlaute, Donnerstag spielten wir im Sportraum, Freitag sangen wir, usw. Flexibilität, Spaß und ein Gefühl des Dazugehörens für Helge waren Ziele meiner Förderung. Das Einbeziehen der anderen Kinder wirkte sich sehr positiv auf die Gruppenkonstellation aus und stärkte auch das Sozialgefüge. Die Kinder wollten im Verlauf oft mit uns spielen. So versuchte ich nach einiger Recherche in der Fachliteratur den Kindern einen anderen Zugang zu Helge sowie umgekehrt zu ermöglichen. Wichtig war dabei vor allem, dass ich ihnen unter anderem zeigte, wie man ihn richtig anspricht.

Eine positive Entwicklung in der individuellen Betreuung konnte ich zum Beispiel im Bereich Unterstützung bei der Selbstständigkeit (z.B. selbstständiges An- und Ausziehen, Essen und Trinken wie auch beim Zähneputzen und dem Handtuch finden) beobachten. Bei der selbstständigen Fortbewegung und Orientierung im Haus und draußen ergaben sich ebenfalls gute Fortschritte. Auf fiel mir dabei jedoch, dass einheitliche Abfolgen, Hilfsmittel oder Marker zur besseren Orientierung fehlten. Somit sollten Erzieher und Eltern die gleichen Ziele verfolgen und gut zusammenarbeiten.

Abschließend möchte ich sagen, dass Helge und ich uns zu einem tollen Team entwickelten. Wir haben gesungen, getanzt, sind gerannt und hatten Spaß. Durch das tägliche Üben, dem aktiven Begleiten und einer einfachen, verständlichen Kommunikation konnte ich Helge im Kindergartenalltag gut unterstützen.

Aus diesen Erfahrungen ergeben sich nun folgende von mir aufgestellten Thesen als Grundlage für die vorliegende Facharbeit:

Die frühe Förderung von blinden Kindern bedarf der Beachtung einer Vielzahl von Faktoren im Umgang und die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Umfeld.

Bei einer frühen Förderung von blinden Kindern erhöht sich die Chance der Partizipation erheblich.

Dazu braucht man vor allem die intensive Einbindung der Eltern und stabiler Bezugspersonen von Beginn an.

2 Begriffserklärung

Zum besseren Verständnis werden nunmehr exemplarisch allgemeingebräuchliche Definitionen benannt und kurz erläutert.

Dazu ist es notwendig mit dem Begriff der Blindheit zu beginnen.

2.1 Blindheit

„Sehschädigung wird zwar noch als Oberbegriff für Blindheit, Sehbehinderung, Sehbeeinträchtigung, hochgradig Sehbehinderung verwendet. Dieser Begriff hat jedoch nur Gültigkeit, sofern er die Schädigungsformen, deren Ursache und Erscheinungsformen beschreibt."5 „Geht es um pädagogische Anforderungen, um sogenannte „special needs“ ist Sehschädigung ein irreführender Oberbegriff, weil er suggeriert, blinde, seh-oder komplexbeeinträchtigte, blind geborenen oder erblindete Menschen, Menschen mit angeborenen oder erworbenen Sehbeeinträchtigung würden ähnliche Anforderungen an ihre Umwelt stellen. Dies ist nicht der Fall. Die spezifischen Bedürfe von blind geborenen Kindern sind z.B. völlig andere als die bei Erblindung im späteren Kindesalters.“6

Von Blindheit spricht man, wenn die Sehschärfe eines Menschen auf seinem besser sehenden Auge mit einer Sehhilfe nicht mehr als 2 % im Vergleich zu einer normalsichtigen Person sehen kann.7

Blindheit bezeichnet also eine stark eingeschränkte bis fehlende Sehfähigkeit. Diese können angeboren oder erworben sein sowie plötzlich auftreten.8 Im Kindesalter stellt eine fehlende Sehfähigkeit ein gravierendes Risiko für die gesamte Entwicklung dar.9 Ohne besondere Förderung bleiben blinde Kinder häufig in ihrer Entwicklung hinter gleichaltrigen sehenden Kindern zurück (z.B. beim Erlernen der Fortbewegung, der Handgeschicklichkeit oder in der Selbstständigkeit). Dies gilt umso mehr, wenn zusätzlich zur Sehschädigung weitere körperliche oder geistige Behinderungen vorliegen.10 Je früher in der kindlichen Entwicklung eine Auffälligkeit oder Beeinträchtigung erkannt wird, desto besser kann vorgebeugt und geholfen werden. Die Hilfen für die Eltern und die gesamte Familie sollen möglichst früh einsetzen, um Angst abzubauen, Hilflosigkeit zu überwinden, Fehlverhalten zu vermeiden und die Fähigkeit zur Selbsthilfe zu stärken. Die wichtigsten Förderziele beim Kind sind hier, die Förderung der Wahrnehmung auf die unterschiedlichen Wahrnehmungskanäle, Bewegung, Interaktion, Kommunikation, Sprache und Vermittlung von Kompensationstechniken. Wie auch die Förderung der individuellen Entwicklung lebenspraktischer Fähigkeiten und die Unterstützung bei der sozialen Entwicklung.11 „Pädagogik bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung beschäftig sich mit Themen im Kern und Umfeld von Wahrnehmungen, besonders mit visueller, mit akustischer, mit taktiler Wahrnehmung und mit dem Menschen, denen die visuelle Wahrnehmung nicht zur Verfügung steht oder die anderen visuellen Wahrnehmungsbedingungenumgehen können. Hierbei muss es bei Fragestellungen im Zusammenhang mit Blindheit um einen Zugang gehen, der von der Bewegung, der Taktilität und dem Auditiven herkommt; Bei Sehbeeinträchtigung geht es um Fragestellungen, die vom Sehen her motiviert sind - zwei völlig unterschiedliche Zugangsweisen.“12 Dementsprechend ergibt sich hieraus die Notwendigkeit einer gezielten Frühförderung. Was Frühförderung nun im Konkreten bedeutet wird nachfolgend erläutert.

2.2 Frühförderung

Frühförderung von Kindern bedeutet, Auffälligkeiten oder Beeinträchtigungen bei Säuglingen und Kleinkindern rechtzeitig zu erkennen. Denn je eher eine damit es sich angeregt fühlt und um sich mit seiner Umwelt auseinander zu setzen. damit es sich angeregt fühlt und um sich mit seiner Umwelt auseinander zu setzen.

[...]


1 N.N., REHADAT Statistik, https://www.rehadat- statistik.de/de/behinderung/Schwerbehindertenstatistik/ (aufgerufen am 07.12.16 um 18.23 Uhr).

2 Vgl. N.N., Neue Ursachen für angeborene Blindheit, aerzteblatt.de, 02.12.2012, http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51140 (aufgerufen am 06.12.16 um 18.34).

3 Renate Walthes. Einführung in die Pädagogik bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung 3 Aufl. München, 2014, Seite 18.

4 Name geändert.

5 Renate Walthes. Einführung in die Pädagogik bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung 3 Aufl. München, 2014, Seite 18

6 Ebd.

7 Vgl. Cornelsen: Professionelles Handeln im sozialpädagogisch Berufsfeld, Erzieherinnen + Erzieher 1 Aufl. 2014 Seite 491

8 N.N. Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/Blindheit

9 Vgl. Landeswohlfahrtsverband Hessen, Früherkennung von Kindern mit Sehschädigung, Juni 2015, https://www.lwv-hessen.de/.../Frueherkennung_von_Kindern_mit_Sinnesschaedigung PDF, (aufgerufen am 06.12.16 um 19.38 Uhr).

10 Vgl. Landeswohlfahrtsverband Hessen, Früherkennung von Kindern mit Sehschädigung, Juni 2015, https://www.lwv-hessen.de/.../Frueherkennung_von_Kindern_mit_Sinnesschaedigung, PDF, (aufgerufen am 06.12.16 um 19.38 Uhr).

11 Vgl. N.N., Magazin der Reinecker Reha-Technik GmbH, Sonderausgabe, PDF, http://www.eliseh.info/files/Hilfmittel/00-Ein%20Blick%20ABC.pdf,10. 2004.

12 Renate Walthes. Einführung in die Pädagogik bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung 3 Aufl. München Seite 18

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668453562
ISBN (Buch)
9783668453579
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365321
Note
1
Schlagworte
Kinder Blindheit Frühförderung Wahrnehmung Anregungen und Fördermöglichkeiten für die Begegnungen in den ersten Lebensjahren Kontak Integration blinde Kinder Erfahrungsbericht „Jeder nach seinen Fähigkeiten jedem nach seinen Bedürfnissen“ Karl Marx

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Förderung blinder Kinder in den ersten Lebensjahren