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Das Dilemma der Kindfrau in Vladimir Nabokovs "Lolita"

Opfer oder Verführerin?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 12 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die „echte“ Kindfrau - Kindheit und Kindfrauen

Die „literarische“ Kindfrau - Sprengsatz uns bekannter Kategorien

Weitere Ambivalenzen oder die Schuldfrage in Nabokovs Roman

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kindfrauen. Man sieht sie überall. Lasziv possierende Unterstuflerinnen vor Handykameras, Kinder- modelle in Modezeitschriften oder aber als durch die Cinematographie zum Leben erweckte Roman- figuren wie im Falle von Vladimir Nabokovs Lolita. Die starke Präsenz dieses Themas schürt den Dis- kurs darum. Sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch in der (Literatur-)wissenschaft. Aus diesem Grund wird die vorliegende Arbeit versuchen das Thema Kindfrau, sowohl aus reeller als auch aus fik- tionaler Sicht, zu untersuchen.

Bezeichnet man heute eine weibliche Person als Kindfrau, meint man häufig ein „Mädchen, das zu- gleich unschuldig und raffiniert, naiv und verführerisch wirkt“ . Auch wenn der ambivalente Charak- ter der Mädchen der Gleiche bleibt, verschob sich im Laufe der Zeit jedoch das Verständnis von Mäd- chen sehr. Ist es in der heutigen Zeit normal mit Mitte bis Ende zwanzig oder gar dreißig zu heiraten, galt man mit diesem Alter im letzten Jahrhundert bereits als alte Jungfer, die vermutlich nie heiraten wird. Denn damals galt es als normal Mädchen im zarten Alter von vierzehn Jahren zu verheiraten und das auch nicht zwingend mit Altersgenossen. Der Wandel des Wortes liegt also offenbar in unse- rem Verständnis von Kindheit begründet. Deshalb wird zunächst versucht, den Ursprung der „realen“ Kindfrau ausfindig zu machen und in unserer Geschichte festzulegen. Im Anschluss auf diesen historischen Exkurs wird die Kindfrau aus literarischer oder „fiktionaler“ Sicht beleuchtet. Dies geschiet mit Hilfe von Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“, welcher 1955 erstmals in Frankreich veröffentlicht wurde. Anhand dessen wird gezeigt wie schwierig es zum Einen ist die Kindfrau selbst zu kategorisieren zum Anderen jedoch auch wie komplex ihr Zusammenspiel mit anderen Charakteren, speziell dem Anithelden Humbert Humbert, ist.

Die „echte“ Kindfrau - Kindheit und Kindfrauen

Aufgrund der Bedeutungswandlung des BegriffesKindfrau,bedarf es einer Exkursion in die Entwick- lung der Kindheit. Dieser Exkurs wird in erster Linie auf dem Werk GESCHICHTE DER KINDHEIT von Philipp Ariès beruhen, in der allgemein gesprochen festgehalten wird, dass das Konzept der Kindheit wie wir es heute kennen, nicht immer so existiert hat, sondern gesellschaftlich konstruiert wurde. Ariès beginnt seine Untersuchungen im Mittelalter, denn hier gibt es noch kein „bewusstes Verhältnis zur Kindheit“1, keine bewusste Wahrnehmung „der kindlichen Besonderheiten, die das Kind vom Erwach- senen, selbst dem jungen Erwachsenen, kategorial unterscheidet“2. Das Kind war hier nur als Kind angesehen, solange es auf die „ständige Fürsorge seiner Mutter, seiner Amme oder seiner Kinderfrau“3 angewiesen war. Diese Zeitspanne war in der Regel sehr kurz, sodass bereits junge Menschen Eigen- ständigkeit erlernen mussten um anschließend übergangslos in die Welt der Erwachsenen einzutreten. Diese Denkweise spiegelt sich unter anderem auch in mittelalterlichen Darstellungen von Kindern in Gemälden wieder. In GESCHICHTE DER KINDHEIT wird hierzu eine ottonische Miniatur aus dem Evan- gelium aufgeführt, indem Jesus Kinder zu sich ruft. Auch wenn der lateinische Text klar vonparvuli (lat.: Kleinkind) spricht, wurden von dem Maler „acht normale Männer, die nicht das geringste kindli- che Merkmal aufweisen“4gezeichnet. Dieses Phänomen spiegelt sich auch in einem Bild des Reforma- tionsmalers Lucas Cranach wieder. Auch hier ist im Bildtext die Rede von Kindern. Der Maler unter- scheidet bei seinem Gemälde aber nur in geringem Maße. Babys werden nackt in den Armen ihrer Mütter dargestellt, da bei ihnen die Schutzlosigkeit, das entscheidende Kriterium der Kindheit5, am Größten ist. Die anderen Kleinkinder unterscheiden sich lediglich in ihrer Größe von den Müttern, denn sie tragen dieselben Gewänder.

Durch den gesellschaftlichen Wandel im 16 Jahrhundert kam es dann zur ersten Differenzierung zwi- schen Kindern und Erwachsenen, wobei die Schule eine bedeutende Rolle spielt. Der Status der Familie rückt weiter in den Vordergrund und gewinnt an Bedeutung. Dieser neue Prestigestatus bedingt eine Verstärkung der emotionalen Bindung unter den Familienmitgliedern und gerade die Kinder rücken dabei immer weiter ins Zentrum, denn „[a]ufgrund seiner Naivität, seiner Niedlichkeit und Drolligkeit wird das Kind für den Erwachsenen zu einer Quelle der Erheiterung und der Entspannung“6. Ariès sieht in dieser neuen Beziehung die Beweggründe für das gesteigerte Interesse an der Erziehung und Bildung der Sprösslinge, was dann letzten Endes zu der Eröffnung von Schulen geführt hat7.

Beate Hochholdinger - Reiterer ernennt diese neue Institution in ihrem Buch VOM ERSCHAFFEN DER KINDFRAU ebenfalls zu einem wichtigen Meilenstein in der Kindfrauenentwicklung8. Die Schule bietet als Institution eine neue Domäne zur Entwicklung für die Kinder, die sie zum ersten Mal komplett von der Welt der Erwachsenen losspricht. Diese Loslösung spielt auch für die Entwicklung der Kindfrau eine entscheidende Rolle, denn es kristallisieren sich erste Differenzen zwischen der Kindheit der Jungen und der Mädchen heraus. Während sich die Zeitspanne der Jungen durch die Einführung der Schule deutlich verlängert, bleibt die der Mädchen weitestgehend gleich9. Weitestgehend deshalb, weil sich die Kindheitsspanne zunächst nur für adlige Mädchen (und viel später erst für alle) verlängert, sodass das Heiratsalter von jungen Mädchen von 14 Jahren auf 16 Jahre (Konfirmationsalter) hochgesetzt wurde. Dementsprechend wurde auch der Zeitpunkt, zu dem ein Mädchen zur Frau wird, 16 Jahre. Mit dem Ende der Schulzeit endet auch die Kindheit für die jungen Menschen und sie treten in die Welt der Erwachsenen ein. Es gilt also festzuhalten, dass mit der Einführung der Schule klar zwischen Kin- dern und Erwachsenen unterschieden wird. Kinder gelten fortan im Vergleich zu den Erwachsenen als etwas Reines und Unschuldiges, im Sinne von sexueller Unschuld und werden dahingehend verherr- licht und idealisiert.

Die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts dürfen „generell als Geburtsstunde der bürgerlichen Kindheitsuto- pie gelten: Das Kind gilt mit einem Male als ein in sich vollendetes Wesen eigener Art, als ein vollkom- menes Ganzes, das sich von der Ganzheit des erwachsenen Menschen von Grund aus unterscheidet“10. Hochholdinger - Reiterer stellt heraus, dass sich dieser Zustand erst in der Romantik richtig etabliert hat11. Jean Jacque Rousseau legitimiert in seiner Schrift EMIL ODER ÜBER DIE ERZIEHUNG die Verherr- lichung des Kindes, indem er ihm das Geschlecht aberkennt und festhält: „Bis zum Heiratsalter haben die Kinder beiderlei Geschlechts nichts, was sie unterscheidet: Die Mädchen sind Kinder, die Knaben sind Kinder; ein Name genügt für so ähnliche Wesen“12. Wendet man diese Theorie auf das Konstrukt der Kindfrau an, gewinnt dieses an Perspektive denn „[z]ur Doppeldeutigkeit von natürlicher Unschuld und erotischem Wissen bzw. Kind und Frau [tritt] also eine weitere, nämlich die Doppeldeutigkeit des Geschlechts [hinzu]“13.

[...]


1vgl. Ariès 209

2vgl. Ariès 209

3vgl. Ariès 209

4vgl. Ariès 92

5vgl. Weber - Kellermann S. 14

6vgl. Ariès 211

7vgl. Ariès S.216

8vgl. Hochholdinger - Reiterer S.26/26

9vgl. Hochholdinger - Reiterer S. 14

10Ewers, 1989, S.8 zit. n. Hochholdinger - Reiterer, S. 85

11vgl. Hochholdinger - Reiterer S.15

12vgl. Rousseau S. 210

13vgl. Wetzel Mignon S. 28

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668446175
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365223
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
dilemma kindfrau vladimir nabokovs lolita opfer verführerin

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