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Emotion - Gefühl - Ausdruck. Theorien emotionaler Signalisierung nach Paul Ekmans These der Universalität von sieben emotionalen Gesichtsausdrücken

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Grundlagen der ekman'schen Forschung
2.1 Paul Ekmans Studien

3. Kulturrelativismus
3.1 Raymond L. Birdwhistell

4. „Going Native“
4.1 Gregory Bateson
4.2 Robert I. Levy

5. Fazit

6. Anlagen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Emotionen - sie befallen jeden Menschen, ob jung oder alt, dick oder dünn; egal welcher Herkunft oder ob hell- oder dunkelhäutiger Mensch. Doch was ist denn eigentlich eine Emotion? Die Psychologie definiert folgendes:„ Gef ü hlsregungen sind 1) einzigartige, 2) auf der Grundlage von Betroffenheit und 3) meist unwillk ü rlich entstehende, 4) innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen erworbene und 5) meist ü ber nichtverbale Kan ä le vermittelte 6) seelische Zust ä nde (Inhalt eines auf den eigenen Zustand bezogenen Bewu ß tseins), die 7) meist mit einem erh ö hten Grad von Erregung erlebt werden, 8) in denen sich die Person eher passiv erf ä hrt, 9) die dem Bewu ß tsein Kontinuit ä t verleihe, und die 10) keine prim ä re Funktion au ß erhalb ihrerselbst haben. “

(Ulrich 1992, 127) Eine Emotion ist also zunächst ein psychischer, unwillkürlicher Erregungszustand, der sich innerhalb einer Interaktion mit der Umwelt durch Betroffenheit, konstituiert und nonverbal vermittelt wird.

Ein Gefühl weist mich, erfahrungsgemäß und bei kognitivem Erkennen, auf meine innere Verfassung hin. Ich spüre eine situationsbezogene Veränderung in meinem Körper, welche mir suggeriert, dass ich nun wütend/ traurig/ froh etc. bin. Habe ich Übung darin diese Gefühlsregung innerhalb meines Körpers schnell zu analysieren, ist es mir möglich zu entscheiden, ob diese „leib- seelische Zuständlichkeit“ (Ulrich, 127) in der entsprechenden Situation angebracht ist oder nicht und auf welche Art und Weise ich sie nach außen trage. Wenn ich nicht bemitleidet werden will, würde ich meine Trauer nicht offenbaren. Trotzdem passiert es hin und wieder, dass ein guter Freund mir meinen inneren Zustandansieht. Wie kommt das? Wieso kann ich meine Empfindungen nicht vor ihm/ihr verstecken? Paul Ekman hat die Antwort zu diesen Fragen in jahrelangen Forschungsarbeiten herausgefunden: „Es dauert zehn bis f ü nfzehn Sekunden, bis Gef ü hle nachlassen, und man kann nicht viel tun, um diese Phase abzuk ü rzen. Gef ü hle induzieren in Teilen unseres Gehirns gewisse Ver ä nderungen, die uns dazu bringen, uns mit dem Ausl ö ser dieser Emotion auseinanderzusetzen, und sie setzen Prozesse in unserem autonomen Nervensystem in Gang, das unseren Herzschlag, unsere Atmung, Transpiration und viele andere K ö rperfunktionen reguliert, die uns f ü r die verschiedenen Reaktionen bereitmachen. Und schlie ß lich senden Emotionen Signale nach au ß en, veranlassen Ver ä nderungen in unserer Gestik, unserer Mimik, Stimme und K ö rperhaltung. Wir beschlie ß en diese Ver ä nderungen nicht, sie passieren einfach. “

(Ekman 2010, 27f.)

Aber ist das beschriebene Phänomen ein hereditäres, entsteht es im Prozess der Entwicklung oder erwirbt man es von außen? Sind bzw. gibt es Emotionen, die jeder Mensch auf der Welt auf die gleiche Art und Weise ausdrückt? Wenn ja, werden sie dann auch gleich empfunden? Oder ist

Kultur und Erziehung der determinierende Faktor für das emotionale Erleben eines Menschen? Die zunächst dichotom wirkenden Aussagen werden in unzähligen Disziplinen ausgetragen, ob in der Psychologie zwischen Evolutionisten und Behavioristen; in der Ethnologie zwischen Universalisten und Kulturrelativisten, in der Philosophie, der Ethologie oder der Linguistik (vgl. auch „NatureNuture-Debate“). Mit seiner psychologisch-ethologischen Perspektive erklärt Paul Ekman das Phänomen der „Instinkt-Dressur-Verschränkung“ von Emotionen auf eine neuro-kulturelle Weise. Dabei legt sein handlungstheoretisch und funktionalistisch geprägtes Augenmerk primär auf die Physiologie des Gesichts. Mit seiner Argumentation stellt er sich auf die Seite der Evolutionisten und Universalisten und knüpft somit an die zwei Jahrhunderte zuvor begonnenen Untersuchungen Charles Darwins zumAusdruck der Gef ü hlsbewegungenan.

Im Folgenden werde ich den Diskurs um seine These der Universalität der sieben Emotionen - Angst, Ekel, Freude, Trauer, Überraschung, Wut, Verachtung - aus vier unterschiedlichen, für den historischen Zusammenhang der Kontroverse relevante Annäherungen an das Thema, analysieren1. Hierbei werden die methodologischen Konzepte den Hauptaspekt der Betrachtung darstellen. Erzeugt eine variierende Positionierung bei gleicher Fragestellung auch im Fall von festgestellter Universalität unterschiedliche Ergebnisse? Zuerst werde ich also Ekmans psychologisches, deduktives Vorgehen rekonstruieren, um es anschließend mit Birdwhistells und Batesons kulturrelativistischen sowie Levys ethnopsychologischen Herangehensweisen zu vergleichen. Als Ethnologin liegt mein persönliches Interesse auf der Frage nach der kulturellen Kontextualität der untersuchten Emotionen und den diversen methodischen Herangehensweisen an diese Problemstellung.

2. Grundlagen der ekman'schen Forschung

Als Charles Darwin 1872 seine Studien über denAusdruck der Gem ü tsbewegungenveröffentlichte, verursachte dessen zentrale These von der Universalität und Erblichkeit der emotionalen Mimik2eine über Jahrhunderte reichende Grundsatzdebatte.

Expressionis the first pioneering study of emotion and in my view should be considered the book began the science of psychology.“ (Ekman 2009, 3449)

Er war der erste, der Emotionen als eigenständige, von einander zu unterscheidende Einheiten ansah und entdeckte, dass der Gesichtsausdruck die wohl ergiebigste Quelle für Informationen über Emotionen sei (vgl. ebs.). Aus einem biologisch-physiologischen Denkmodell heraus betrachtete er Emotionen als genetisch determinierte, „aktivierbare Reaktionsmuster, die sich im Laufe der menschlichen Evolution entwickelten und das Überleben der Art garantieren“ (vgl. Ulrich, 128). „Die Allgemeingültigkeit war wichtig für Darwin, weil sie seine Evolutionstheorie stützte“ (Ekman 2000, 410). Laborexperimente, bei denen Muskeln „galvanisiert“ wurden - d.h. eine Mimik durch externe Impulse künstlich erzeugt wurde, um sie anschließend zu fotografieren - sollten seine These untermauern. Die gewonnenen Fotoplatten zeigte er persönlich „mehr als zwanzig gebildeten Leuten von verschiedenem Alter und beiderlei Geschlechts“ in England (vgl. Darwin 1896, 15), hielt es jedoch für ausreichend Fragebögen an Freunde und Bekannte in unterschiedlichen Ländern zu schicken3, in denen die Antwort schon durch die Frage impliziert war4(vgl. Ekman 2000, 411f). Weiterhin führt er Beobachtungen zur Mimik von Kindern und „Geisteskranken“ durch und suchte (vergebens5) Antworten in der Kunst (vgl. Darwin, 14ff). Darwins Forschung beruhte also vorrangig auf der Beobachtung von Menschen in der entwicklungspsychologischen und psychiatrischen Perspektive, sowie quantitativen Umfragen. Ekmans Bemerkung trifft es auf den Punkt:

„Ironischerweise hat sich Darwins Erkenntnis, daß die physiognomischen Formen des Gefühlsausdrucks universal sind, als richtig erwiesen, nicht hingegen die Empirie, die er als Beweis anführte“ (Ekman 2000, 411).

Die „Erkenntnis“ ist nun aber kaum Darwin anzurechnen. Seine Thesen sind ohne Zweifel subversiv, doch sein methodisches und strukturelles Vorgehen ist lückenhaft. Er beschreibt Emotionen zwar als voneinander zu trennende Einheiten und unterscheidet diese in ihrer empfundenen Intensität, konzeptioniert Emotionen wie z.B. Wut und Hass jedoch nicht einer „Familie“ zugehörig. Außerdem ignoriert er die Unterscheidung nach dem sozialen Kontext und der divergierenden Intensität der Physiognomie einer bestimmten Emotion (Vgl. Ekman 2009, 3449). Von dem heute überholten methodischen Herangehen abgesehen, führten und führen seine evolutionstheoretischen und rassistischen Thesen „zu heftigen Auseinandersetzungen in Wissenschaft und Presse“ (Ekman 2000, 408). Besonders das sozialdarwinistische Konzept der (Darwin, 16).

Eugenik und dessen Missbrauch durch das NS-Regime, sowie dem implizierten Selektionsprinzip, macht eine neutrale Betrachtung der Evolutionstheorie fast unmöglich. Vor allem Magarete Mead und andere Kulturrelativisten argumentieren für eine Gleichsetzung von universalistischem Evolutionsmus und Rassismus (Vgl. Ekman 2000, 414). Auch Paul Ekman sei sich zu Beginn seiner Forschung sicher gewesen, „daß Erblichkeit beim Emotionalen Verhalten keineRolle spielte“ (Ekman 2000, 416). Durch seinen habituellen Kontext, der ihn als weißen, intellektuellen, körperlich nicht beeinträchtigte, amerikanischen Naturwissenschaftler der Mittelklasse, sowie als Kind der Moderne lokalisiert, betrachtet er den Diskurs auf eine rationale, sich auf Fakten berufene Art und Weise. „Mich überzeugte die Empirie, nur vermag sich Empirie nicht immer gegen persönliche Bindungen, Konkurrenzverhältnisse und politische Anschauungen durchzusetzen“ (Ekman 2000, 410).

2.1 Die Studien Ekmans

Als frisch ausgebildeter, unbekannter Psychoanalyst6machte sich Ekman 1965 - knappe 100 Jahre nach dem Erscheinen vonAusdruck der Gem ü tsbewegungen bei den Menschen und den Tieren -an die Aufgabe, die Frage nach der Universalität emotionaler Physiognomie „endgültig zu entscheiden“. Als Verfechter des Empirismus lag es nun an ihm die Lücken in Darwins Theorie zu schließen und auf die Konfrontation mit oppositionellen Wissenschaftlern einzugehen (Vgl. Ekman, 408ff.). Nach jahrelanger Kritik an seinem quantitativen Vorgehen gelang es ihm tatsächlich ein - heute als wissenschaftliche Tatsache (Fleck 1980) anerkanntes - Ergebnis zu präsentieren. Vier vollkommen unterschiedlich konzeptionierte Erhebungen waren notwendig, um die These (Es gibt Gesichtsausdr ü cke evolution ä ren Ursprungs, die universell und allgemeing ü ltig artikuliert werden

(These 1)) zu ratifizieren (Vgl. Ekmann 1969; 1987; 1999; 2000):

I. 21 alphabetisierte Länder7

Umfrage zu assoziiertem Ausdruck auf unterschiedlichen Fotos8(Vgl. Anlage 1) › Ergebnis: Alle gezeigten Ausdrücke wurden von der Mehrheit richtig bewertet (vgl. Ekman 1999, 5).

Kritik 1: Nicht jede Kultur wurde befragt

→ Wenn dies nötig wäre, würde eine 100prozentige Universalität niemals nachgewiesen werden können (ebd.)

[...]


[1] Aus zeitlichen Gründen und den Anforderungen an diese Hausarbeit ist es mir nicht möglich auf andere relevante Wissenschaftler mit gleicher Intensität einzugehen. Trotzdem seien an dieser Stelle Namen einiger Diskursteilnehmer erwähnenswert: Duchenne de Boulogne, Otto Klineberg, Silvan Tomkins, Carroll E. Izard, James A. Russell, Karl Heider

[2]„It follows, from the information thus acquired, that the same state of mind is expressed througout the world with remarkable uniformity...“ (Darwin zitiert in Ekman 1999,1)

[3] Nach heutigen Standards seien es - mit Antworten aus Afrika, Amerika, Australien, Borneo, China, Indien, Malaysia und Neuseeland - für die Statistik ausreichend diverse Beispiele gewesen (Vgl. Ekman 1999, 1f.).

[4] So hatte er für jedes seiner als universell angenommenen Emotionen je eine Frage nach folgendem Muster: „Wenn wir vergnügt sind, funkeln dann die Augen, während sich die Haut rund um dieselben und darunter ein wenig kräuselt und die Mundwinkel etwas zurückgezogen sind?“ Nach diesem Muster hatte er sich 16 Fragen, zu den von ihm als universell angenommenen Emotionen - Erstaunen, Scham, Unwilligkeit/ Trotz, Tiefes Nachdenken, Niedergeschlagenheit, Vergnügen, Verhöhnen, Verdruss/ Hartnäckigkeit, Verachtung, Widerwillen, Hilflosigkeit, Verdrießlichkeit, Verneinung/ Bejahung - ausgedacht. Bei Schuldbewusstsein, Schlauheit und Eifersucht sei er nicht sicher, wie ein Ausdruck genau bestimmt werden könne. Besonders interessant für den hier zu untersuchenden Kontext ist die Frage, „Wird äußerste Furcht allgemein so ausgedrückt, wie bei den Europäern?“, die jedoch nicht direkt beantwortet wird (Vgl. Darwin, 17f.).

[5] Die Kunst verfälsche die Gesichtsausdrücke, da zusammengezogene Gesichtsmuskeln die Schönheit „zerstören“

[6] Ekman nennt sich selbst „Skinner-Adept“. Ihm wurde eingeprägt, dass „die Psychologie sich nur für beobachtbares Verhalten interessieren“ durfte und „Theorien von dem, was im Inneren des Kopfes vorging, beziehungsweise Rückschlüsse darauf [...] nicht statthaft“ wären (Ekmann 2000, 416).

[7] Vgl. Ekman 1999, 4: Afrika (in mehr als einem Land und in englisch getestet), Argentinien, Brasilien, Chile, China, England, Estland, Äthiopien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien, Japan, Kirgisistan, Malaysia, Schottland, Schweden, Sumatra, Schweiz, Türkei und USA

[8] Die Fotos wurden von Tomkins aufgenommen und zeigen die gestellte Mimik von Schauspielern.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668445307
ISBN (Buch)
9783668445314
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364791
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Emotion Gefühl Wahrnehmung Kultur Psychologie Gefühlsausdruck Kulturrelativismus Going Native Ekman Birdwhistell Bateson Levy

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