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Konzeptionalisierung des dritten Geschlechts. Die Hijras in Indien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 16 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das dritte Geschlecht
2.1 Indische Ontologie und Mythologie

3. Definitionsversuch nach westlichen Kategorien
3.1 Koloniale Kategorisierung
3.2 Kategorien der Moderne und Queer- Studies

4. Narrative der Hijras
4.1 Eigenbezeichnung
4.2 Das Leben als Hijra allgemein
4.3 Gegenwärtige Individualitätsaspekte

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

One can live without a sense of nationality, without a religion, without a job or career, even (although with much more difficulty) without friends; but without a concept of one's gender identity, existence itself is thrown into question(Ramet und Magaš 1996 // op. 1999, S. XII)

Das Modell des dritten Geschlechts ist für diese Problematik ein schon lange diskutierter Versuch, Personen die weder Mann noch Frau sind aus ihrem marginalisierten Status zu befreien. In Indien kämpft vor allem die Hijra-Gemeinschaft für die institutionelle Anerkennung ihrer Rechte. Sie zählen seit 3000 Jahren zur Kaste der Unberührbaren. Die Gesellschaft duldet sie zwar, doch ihnen wird keine Möglichkeit gewährt gleichwertiges Mitglied dieser zu werden. Körperlich sind sie zumeist männlich, doch sie geben sich weibliche Namen und Verwandtschaftsbezeichnungen[1](Vgl. Agrawal, S. 286). Ihr Verhalten ist Erkennungsmerkmal des dritten Geschlechts, als welches sie öffentlich auch verstanden werden und so kann man ihr sexuelles Begehren eigentlich nicht als homosexuell beschreiben. Trotzdem ist der Schritt zu einer eigenen Geschlechtskategorie die Abschaffung derSection 377des indischen Penal Codes (IPC)[2], welcher Homosexualität seit 1861 unter Strafe stellt. Seit mindestens 2008 herrscht zwischen Justiz und Politik ein reger Diskurs umSection 377und dessen Verfassungswidrigkeit. Zweimal (2009 und 2014) wurde der Paragraph nun schon abgeschafft und somit ermöglicht, dass neben "Male" und "Female", nun "Others" als Geschlecht im Reisepass und Führerschein angeben werden kann. "Others" ist zwar ein unspezifischer Plural, er gewährleistet jedoch die "Vielfalt des Anderssein" ( Syed, S. 438). Doch was ist mit Anderssein gemeint?

Wenn eine Person nicht Mann oder Frau ist, "Was ist sie dann?", haben einige meiner Freunde gefragt. Hier in Deutschland bzw. dem Westen geben die Queer-Theories eine Antwort auf die Frage: Transvestiten, Transsexuelle, Intersexuelle sind die am häufigsten auftretenden Spielarten desAndersseins[3]. Diese Menschen entsprechen nicht der normativen Geschlechtsidentität,weil ihre nicht mit der Ontologie der Zwangsheterosexualität und/oder des Zwei-Geschlechter-Modells übereinstimmt. Ihre Geschlechtsidentität widerspricht nach diesen Paradigmen der erwarteten Kohärenz mit biologischem Geschlecht, sexuellen Begehren und Praktiken, und ist somit für viele Menschen nicht nachvollziehbar bzw. intelligibel (Vgl. Butler, S. 22-61). Intersexuelle, auch Zwitter oder Hermaphroditen genannt, sind in unserer Gesellschaft selbst in diesem Konzept nicht berücksichtigt. Denn für sie erweist sich die Einordnung in die binären Kategorien des biologischen Geschlecht als problematisch. Die alltäglichsten Dinge, wie Reisen, eine öffentliche Toilette benutzen, ein Bankkonto eröffnen oder sich für einen Job bewerben, stellen für sie identitätsverneinende Diskriminierung dar.

Intersexualität, was ist das? Auf der Internetseite des Bundesverbands Intersexuelle Menschen e.V. liest man folgende Definition:

Der Begriff bezeichnet biologische Besonderheiten bei der Geschlechtsdifferenzierung. Intersexuelle Körper weisen deshalb Ähnlichkeiten mit beiden, dem männlichen wie weiblichen, Geschlechtern auf. Die klassische, wohl auch seltenste Form ist der Hermaphroditismus verus. [...] Es handelt sich also um Menschen, deren äußeres geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an, hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen und der Hormonproduktion nicht nur männlich oder nur weiblich erscheinen, sondern scheinbar eine Mischung aus beidem darstellt.

Eine Mischung aus beiden Geschlechter, ist wohl auch die naheliegendste Erklärung für das Erscheinungsbild der Hijras. Eine indische Kulturgemeinschaft alternativer Sexualität mit einer Tradition, die fast 3000 Jahre, in die vedische Zeit zurückreicht. So lange gibt es ein Bewusstsein für marginalisierte Geschlechtsidentitäten und erst jetzt wird die institutionelle Anerkennung diskutiert? Was hat oder musste sich in diesem Zeitraum verändert?

Bevor ich diesen Fragen nachgehe muss natürlich erst einmal geklärt werden, wer die Hijras eigentlich sind. Was zeichnet sie aus? Kann man sie mit unseren Intersexuellen vergleichen? Oder sind sie alle Eunuchen, wie man es in der Literatur des Kolonialismus liest? Passen unsere westlichen Konzepte, die das dritte Geschlecht hier konstituieren sollen, überhaupt auf die indische Definition ihrer Kategorie "Others"?

Zunächst werde ich also auf die Terminologie zur Beschreibung des dritten Geschlechts eingehen müssen, um auf dieser Grundlage die Geschichte und das Wesen der Hijra-Gemeinschaft schildern zu können. Hier werde ich auf die indische Mythologie eingehen, um die Wurzel des indischen Verständnisses zu verdeutlichen. Ich werde aufzeigen wie extrem die Differenz zwischen dem kolonialen Verständnis und unserem heutigen, postkolonialen und auf Subalternität bedachten Blickpunkt ist.

2. Das dritte Geschlecht

Alle diejenigen Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann identifizieren wollen oder können, haben die Möglichkeit sich zum dritten Geschlecht zu zählen. Karl Heinrich Ulrichs prägte diesen Begriff durch seine Konzeptionalisierung des Urnings, dessen weibliche Seele im männlichen Körper gefangen sei (Lautmann, S. 32-38). Im ausgehenden 20. Jahrundert wurde der Ausdruck für "Menschen nicht-westlicher Gesellschaften, deren biologisches und soziales Geschlecht weder männlich noch weiblich ist" neu eingeführt. "Ethnologische Feldforschungen zum Thema 'Geschlecht' in fremden Kulturen" ergaben, dass es in einigen Kulturkreisen Geschlechtsmodelle gebe, die offen mit den individuellen Präferenzen der Drittgeschlechtler umgehen. Sie spielen eine "besondere kulturelle Rolle" und übernehmen wichtige soziale Funktionen (Vgl. Kämmerer 2011, S. 44). Beispiele findet man überall auf dem Globus, von den nordamerikanischenTwo-Spiritsbzw. Berdacheund den thailändischenKathoeybis zu den albanischenSchwur-Jungfrauenbzw. Burrnehshaund omanischenCanith.

Das Konzept vom dritten Geschlecht ermöglicht den fließenden Übergang zwischen den starren Dichotomien Mann und Frau, weiblich und männlich, heterosexuell und homosexuell, und hat eine wichtige identitätsstiftendende Funktion für diejenigen, die sich nicht diesen Kategorien zuordnen können. Unser dominantes Paradigma des Zweigeschlechtermodells wird durch die Kategorie des dritten Geschlechts relativiert. Es gibt allerdings im zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurs keine exakte Definition für das dritte Geschlecht, sondern nur einzelne Bezeichnungen für verschiedeneAndersartigkeiten[4].

"Third gender is in many cultures made up of biological males who takes on a feminine gender or sexual role"(Sharma, S. 64)

So muss man es innerhalb unseres Kulturkreises ausdrücken, doch in Indien gehen Gelehrte[5], Mediziner[6], Astrologen[7], Linguisten und Literaten schon seit über dreitausend Jahren von einem tertiären Geschlechtssystem aus. In der altindischen Sprache existierte neben dem maskulinen und femininen auch ein neutrales grammatikalisches Geschlecht, welches die Trinität linguistisch im Denken der Gesellschaft verankert:तृतीयप्रकृति (Trtīya prakrti = dritte Natur) ist die entsprechende Bezeichnung in Sanskrit. Es galt die Devise "Was benannt wird, existiert" (Syed, S. 440) und so benötigt die grammatikalische "dritte Natur" eine Entsprechung im Biologischen: Neben पुंस् (puṃs = Mann) und स्त्री (strī = Frau), ist das dritte Geschlecht नपुंस (napuṃsa = Nicht-Mann oder Neutrum). Aber kann man sich wirklich mit der Negierung eines Geschlechts identifizieren? Sind unsere Neologismen der Queer-Theory nicht vielleicht zutreffender in Betracht marginalisierter Geschlechtsidentitäten?

Um diesen Fragen nachzugehen muss zunächst der indische Blickwinkel auf das dritte Geschlecht eingehender geklärt werden. Dieser ist stark geprägt von der hinduistischen Mythologie, welche die Gesellschaft dazu veranlasst offener aber ambivalent mit der Hijra-Gemeinschaft umzugehen.

2.1 Indische Ontologie und Mythologie

Die traditionelle Ontologie in Bezug auf Geschlecht lässt sich durch Ikonografie und die altindischen Schriften sehr gut nachvollziehen: Aus dem Mythos um Ardhanārīśvara, der "androgynen Śiva", geht hervor, dass "das Absolute, das Neutrum, in zwei komplementäre Hälften aufgeteilt" wurde, um "das Universum, die Erde und all ihre Geschöpfe zu erhalten". "In dieser Offenbarung des Absoluten nimmt das Männliche dabei das passive Element des Raumes und das Weibliche das aktive Element der Zeit ein. Nur scheinbar sich gegenüberstehend, sind diese beiden Elemente in Wahrheit eins." (Schleberger, S. 99) Durch die sakrale Darstellung erklärt sich der scheinbarnatürlicheStatus des Zweigeschlechtermodells und die besondere kulturelle Rolle der Hijras, welche hier als die universelle Verschmelzung der Gender-Dichotomie erscheint. Es ergibt sich eine Trinität, die sich in literarischen Texten wiederfindet:

In den Puranas gibt es zum Beispiel drei Arten von Göttern für Musik und Tanz[8]und auch im Ramayana und Mahabharata, den großen Epen, wird von drei Naturen ausgegangen (Vgl. Sharma, S.66). Folgender Hindiepos aus dem Ramayana werde unter den Hijras häufig erzählt:

In the time of the Ramayana, Ram... hab to leave Ayodhya (his native city) and go into the forest for 14 years. As he was going, the whole city followed him because they loved him so. As Ram came to... the edge of the forest, he turned to the people and said, 'Ladies and gents, please wipe your tears and go away.' But these people who were not men or women did not know what to do. So they stayed there because Ram did not ask them to go. They remaind there 14 years and snake hills grew around them. When Ram returned from Lanka, he found many snake hills. Not knowing why they were there he removed them and found so many people with long beards and long nails, all meditating. And so they were blessed by Ram. And that is why we hijras are so respected in Ayodhya.(Nanda, S.37)

[...]


[1]Aus diesem Grund werde ich, wenn ich von den Hijras schreibe, den weiblichen Genus verwenden.

[2]Section 377 besagt: "Whoever volunarily has carnal intercourse against the order of nature with any man, woman, or animal, shall be punished with imprisonment of either description for a term with may extend to 10 years and also be liable to fine." (Sharma, S.70)

Vgl.: https://web.archive.org/web/20090419071525/http://nrcw.nic.in/shared/sublinkimages/59.pdf, 12.09.2014, 11:24 Uhr.

[3]"Anderssein" impliziert etwas statisches, gegebenes, faktisches. Das Adjektiv "Anders" ist die Beschreibung einer Eigenschaft eines Objektes, welche im Bezug zu der verglichenen Eigenschaft eines anderen Objektes relational unterschiedlich ist. In diesem Fall ist jegliche Geschlechtsidentität, die nicht zur normativen Ontologie des Zweigeschlechtermodells und dessen angenommener Kohärenz zur Heterosexualität passt, relational unterschiedlich zur Geschlechtsidentität der Mehrheitsgesellschaft. Hier ist eine Hierarchisierung und Marginalisierung der Minderheit inhärent.

[4]Siehe hierzu Kapitel 3: "Definitionsversuche nach westlichen Kategorien"

[5]"The foundational word of Hindu law, the Manu Smriti (c. 200 BC - 200 AD) explains the biological origins of the three sexes: 'A male child is produced by a geater quantity of male seed, a female child by the prevalence of the female; if both are equal, a third-sex child or boy and girl twins are produced; if either are weak or deficient in quantity, a failure of conception results." (Sharma, S.66)

[6]Auch Caraka und Suśruta argumentierten in ihrem Lehrwerk, Menschen des dritten Geschlechts entstünden, wenn bei der Zeugung die Samenflüssigkeit des Mannes und der Frau in genau gleichem Maße vorhanden seien, also zu jeweils 50%. (Syed, S.440)

[7]Alle Planten wurden den drei Geschlechtern zugeteilt. Der dritten Natur entsprachen Merkur, Saturn und im besonderen der personifizierte neunte Planet Ketu. (Sharma, S. 66)

[8]Die neutrale Gottheit ist Kinnars.

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668445109
ISBN (Buch)
9783668445116
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364789
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Geschlecht Sexualität Hijra Indien Intersexualität Das dritte Geschlecht

Autor

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