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Erziehung: Darstellung eines Phänomens in seinen Möglichkeiten und Grenzen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Charakteristik der Erziehung
2.1. Was ist Erziehung?
2.2. Definitionsprobleme
2.3. Gegenstandsbereich der Erziehungsphilosophie
2.4. zwei Positionen zur Erziehungsphilosophie (Mittelalter)
2.5. Relation zwischen Erziehungsphilosophie und Pädagogik
2.6. Erziehung in den anderen Wissenschaften

3. Erziehungsziele- und Vorstellungen

4. Methodik zur Vermittlung der Erziehungsziele
4.1. didaktische Prinzipien: Möglichkeiten und Grenzen
4.2. Lehren und Lernen

5. Zusammenfassung/Fazit

6. Anhang
6.1. Literaturverzeichnis
6.2. Schema „Lehren und Lernen“

1. Einleitung

Was ist Erziehung? Die folgende Arbeit soll der Frage nachgehen, was unter dem Phänomen der Erziehung zu verstehen ist. Dass es sich um ein Phänomen handelt, zeigt die Vielschichtigkeit des Begriffs, der nicht eindeutig und allumfassend definierbar ist.

Erziehung ist ein offener Prozess mit vielen unbekannten Zufallsvariablen, kann aber auch Zustand und Ergebnis von Verhaltensweisen sein.

Es existieren viele Positionen zur Erziehung, die differieren und modifizierbar sind. Je nachdem welcher historisch- kulturelle Kontext und welche Wissenschaft einer Erziehungsdefinition zugrunde liegt, werden verschiedene Schwerpunkte gesetzt, die das Phänomen der Erziehung charakterisieren. Dazu sollen zwei Theorien zur Erziehung angerissen werden, nämlich von zwei Philosophen des Mittelalters.

Gegenstand folgender Betrachtungen soll also auch die Erziehungsphilosophie sein, die ihre Aufgabe in der Auswahl und Legitimation von Erziehungszielen sieht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist nämlich die mit Erziehungsbemühungen verbundene Zielstellung, das heißt die Frage: Was soll eigentlich mit Erziehung erreicht werden? Dabei findet sich ein Wandel in den Erziehungszielen, der auch vom jeweiligen historischen Kontext gesellschaftlicher Konventionen abhängt.

Von Bedeutung ist nicht zuletzt die Methodik, mit der erzieherische Ziele, wie zum Beispiel die Autonomie und Selbstständigkeit des Educandus, erreicht werden soll. In diesem Zusammenhang soll auch auf das Paradoxon der Erziehung eingegangen werden. Ist Lehren möglich und nötig?

Den Abschluss der Arbeit soll ein Resumé bilden, welches die Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung sowie ihr Wesen zusammenfasst.

2. Charakteristik der Erziehung

2.1. Was ist Erziehung?

Wie lässt sich diese Frage beantworten? Es existieren wie erwähnt viele Definitionen, die keine einheitlichen, allumfassenden und allgemeingültigen Parameter enthalten. Gemeinsam sind aber vielen in der zu Rate gezogenen Literatur zu findenden Darlegungen, worum es sich bei „Erziehung“ handelt, folgende Charakteristika: ein reziproker und aktiver Prozess mit dem Ziel der dauerhaften Verhaltensänderung (Lernerfahrung), ein kommunikatives und wechselseitiges Geschehen zwischen Personen, nämlich dem Erzieher (Autorität und Verantwortung) und einem (oder mehreren) Educandus (Bildsam- und Erziehbarkeit)1, intendierte Einflussnahme, Anleitung und Hilfestellung für den erziehungsfähigen und erziehungsbedürftigen Educandus mit dem Ziel der Gesellschafts- und Handlungsfähigkeit.

Die am Erziehungsprozess beteiligten Komponenten sowie deren Charakteristik sind ebenfalls vielgestaltig und modifizierbar. Grundsätzlich finden wir einen Erzieher, der zielgerichtet und methodisch (didaktisch) den Educandus zu einem Erziehungsziel hinführen soll, wobei sich dieser wechselseitige Prozess innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen vollzieht, die ihrerseits von historisch- kulturellen und sozialen sowie ökonomischen Gegebenheiten abhängen und einen Einfluss auf den Erziehungsprozess nehmen, etwa in Form verschiedener Erziehungsziele. Moderne Erziehungskonzepte betonen mehr als früher die Eigenständigkeit des Educandus im Gegensatz zu obsoleten Konzepten über Konformität und Gehorsam. Eine weitere Komponente stellt die Evaluation des Erziehungsgeschehens dar, die sich am Erfolg bestimmter Maßnahmen respektive dem erreichen eines Zieles vollzieht. Die Wechselseitigkeit des Prozesses bedeutet hierbei eine Rückmeldung des Educandus, ob die erwünschte Verhaltensänderung eingetreten ist und ob dieser Erfolg den ergriffenen Maßnahmen geschuldet ist.

Aufgabe des Erziehers oder Lehrers ist es also, das Erreichen von Erziehungszielen zu ermöglichen, wobei sich der Prozess der Erziehung und ihrer Maßnahmen an den Bedingungen, die die beteiligten Personen mitbringen orientiert und flexibel auf gegebene Umstände eingehen muss. Die Anleitung durch den Erzieher muss subsidiär sein, dass heißt, der Educandus sollte durch Erziehung befähigt werden, selbstständig zu agieren. Punkt 3 der Arbeit greift die Problematik der Ziele noch einmal auf.

Erziehung als „… Einwirkungen der Umwelt auf den Menschen im allgemeinsten Sinne …“1 verstanden, stellt demnach sämtliche Einflüsse dar, denen das lernende Individuum unterliegt. Allerdings ist, gemäß der erwähnten Vielschichtigkeit des Prozesses zunächst offen, zu welchen Ergebnissen diese Bemühungen führen. Der zu evaluierende Erziehungserfolg lässt sich natürlich nicht direkt anhand konkreter Kriterien bestimmen, da wir es mit der Komponente Mensch zu tun haben, die autopoietisch organisiert ist und nach Individuation strebt.

Die Methodik der Erziehung, zum Beispiel die im schulischen aber auch außerschulischen Kontext angewandte Art und Weise, Wissen und Fertigkeiten zu vermitteln, die Möglichkeiten für Entwicklungsspielräume bieten soll, aber denen auch Grenzen auferlegt sind (etwa der kognitive Entwicklungsstand eines Lerners) sind ebenfalls von Interesse, wenn man sich mit Erziehung befasst. Dazu folgen weitere Ausführungen im Punkt 4 dieser Arbeit. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie das Verhältnis von Lehren und Lernen ist und ob Lehren überhaupt möglich ist. Kann man lehren? Zum Paradoxon der Erziehung, also dass ein selbstständig zu werdender Lerner sozusagen mit Gewalt dazu gebracht werden soll, ist Gegenstand weiterer Ausführungen des Punktes 4 im Folgenden.

Interessant ist auch die Legitimation einer professionellen Erziehung. Worin begründet sich die Professionalität? Ich denke, dass sich diese durch intendiertes und systematisches an Gegebenheiten orientierendes Handeln auszeichnet.

Ist ein Lerner aufgrund seiner Erziehungsbedürftigkeit und angesichts einer komplexen Gesellschaft, die Entscheidungskompetenzen erfordert, auf einen Lehrer respektive Anleiter angewiesen? Hier kann die Erziehung, etwa an moralischen, gesellschaftlichen und sozialen Konventionen einer Gesellschaft angelehnten Konzepten, dem Lerner eine wertvolle Hilfe in der Organisation des Lebens sein, immer mit der Maßgabe der Erhaltung der Selbstständigkeit des Lerners (besonders in modernen Erziehungskonzepten).

2.2. Definitionsprobleme

Wie bereits erwähnt fällt es schwer, den Begriff Erziehung zu definieren. Vielgestaltige Komponenten eines offenen Prozesses unter Einschluss des Faktors Mensch lassen sich schwer in eine allumfassende Definition bringen. Trotz dessen soll zunächst darauf eingegangen werden, was eine Definition ist, damit transparent wird, woraus die Definitionsprobleme resultieren. Warum ist eine Definition überhaupt nötig? Ich denke, es macht Sinn, bei der Beschäftigung mit einem Begriff oder hier einem Prozess herauszustellen, worin die Charakteristik der Sache liegt, damit ein Grundverständnis und weitere Beschäftigung ermöglicht wird. Um Erziehung systematisch betreiben zu können, sollte deutlich werden, was unter jener aufzufassen ist oder zumindest welche Anhaltspunkte für ein methodisch betriebenes Erziehungsgeschehen von Bedeutung sind.

Eine Definition ist „... allgemein die Bestimmung bzw. Festlegung der Bedeutung von Begriffen. Eine D. besteht aus einem Definiendum (das zu Definierende) und dem Definiens (das Definierende). … Die wichtigsten Definitionsfehler sind; 1) die Definition ist zu eng; 2) die D. ist zu weit; 3) die D. enthält ein Widerspruch; 4) die D. ist unklar formuliert … .“1 Das zu Definierende ist in unserem Fall der Begriff der Erziehung und das Definierende das, was gleichbedeutend mit diesem steht.

Hierbei zeigt sich wieder, dass, anders als bei einer naturwissenschaftlichen Kausaldefinition, ein sozialwissenschaftlicher Begriff nicht statisch festhaltbar ist. Das komplexe Geschehen, womit wir es bei Erziehung zu tun haben, kann also „nur“ hermeneutisch, das heißt deutend und sinn gebend untersucht werden. Generell erhebt ein sozial- und humanwissenschaftlicher Gegenstand der Betrachtungen auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Definition, vielmehr sollen anhand der angerissenen Komponenten eines Erziehungsprozesses Möglichkeiten und Grenzen dessen transparent werden.

2.3. Gegenstandsbereich der Erziehungsphilosophie

Die Beschäftigung mit der Erziehung reicht bis in die Antike zurück. Bereits bei Platon finden wir in dessen Werk „Der Staat“ das so genannte Höhlengleichnis. Erkenntnis und Wahrheitsfindung sind sei jeher Ansinnen der Philosophie und in Platons Gleichnis führt der Weg aus der Unwissenheit in die Erkenntnis über die Wahrnehmung und den Gebrauch der Vernunft. „Platon sieht den Menschen als Gefangenen seiner Sinne, er wird nur frei, wenn er seine Vernunft benutz, um hinter die sichtbare Welt … zu sehen.1. Was kann uns dieses Gleichnis lehren? Die Aufgabe des Erziehers oder Lehrers besteht in der Ermöglichung dieser Erkenntniserlangung.

Auch bei Sokrates begegnet uns eine lehrreiche Aussage. Er sah in der Mäeutik, der „Hebammenkunst“, eine Möglichkeit „... durch Fragen im Dialog die Wahrheit aus dem Gesprächspartner herauszuholen.“2 Dabei ging er davon aus, dass die bereits im Gegenüber vorhandene Wahrheit durch gezieltes nachfragen hervorgelockt werden kann.3 Die Rolle des Erziehers, überträgt man diese Gedanken auf ein modernes Erziehungsverständnis, besteht also aus einem Impulsgeber, der den aktiven Educandus zum selbstständigen weiterarbeiten mit Problemstellungen oder Erkenntnissen anregen soll. Die aktive Komponente besteht aus dem kognitiven bearbeiten durch den Educandus.

Das Wesen der Erziehungsphilosophie orientiert sich an den Intentionen und dem Wesen der Philosophie, nämlich der Wahrheits- und Erkenntnisfindung, der Suche nach dem Guten und Richtigen sowie Folgendem: „Erziehungsphilosophie muss eine Vorstellung von dem erarbeiten, was Ziel der Erziehung sein darf und sein soll, sie prüft und legitimiert und sie weist Tendenzen für Erziehungsziele auf.“4

Die Philosophie der Erziehung soll ausloten, was lehrbar und lehrwert ist, was auch im Kontext der jeweiligen Zeit eines Erziehungskonzeptes zu sehen ist. Im nächsten Abschnitt folgen zwei durch die Epoche geprägte angerissene Ideen sowie im Punkt 3 weitere Ausführungen zur Zielfindung.

Die Erziehungsphilosophie nimmt sozusagen eine Vorreiterrolle für die Pädagogik ein, sie soll jener eine Orientierung bieten.

[...]


1 Vgl. Xochellis, Panos: Pädagogische Grundbegriffe. München : Ehrenwirth, 1973.

1 Xochellis, Panos: Pädagogische Grundbegriffe. München : Ehrenwirth, 1973, S. 13.

1 Ulfig, Alexander: Lexikon der philosophischen Begriffe. Frankfurt am Main : Komet, 1997, S. 77f.

1 Vogt, Matthias: Philosophie. Köln : DuMont, 2003, S. 51.

2 Ulfig, Alexander: Lexikon der philosophischen Begriffe. Frankfurt am Main : Komet, 1997, S. 254.

3 ebd.

4 Löwisch, Dieter- Jürgen: Einführung in die Erziehungsphilosophie. Darmstadt : Wissenschaftliche

Buchgesellschaft, 1982, S. 123.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638360753
ISBN (Buch)
9783638653565
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36453
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Philosophie
Schlagworte
Erziehung Darstellung Phänomens Möglichkeiten Grenzen Hauptseminar

Autor

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Titel: Erziehung: Darstellung eines Phänomens in seinen Möglichkeiten und Grenzen