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Die Perzeption von Parallelgesellschaften. Entstehung von interkulturellem Kontakt durch Migration

Seminararbeit 2017 31 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINFÜHRUNG

2 MIGRATION - DIE ENTSTEHUNG VON INTERKULTURELLEM KONTAKT

3 INTEGRATION - DACHBEGRIFF UND REIZWORT

4 BEGRIFFE ETHNISCHER SOZIALSTRUKTUREN
4.1 Assimilation
4.2 Multikulturalismus
4.3 Segregation

5 PARALLELGESELLSCHAFTEN - EIN UMSTRITTENES PHÄNOMEN
5.1 Analyse
5.2 Probleme
5.3 Chancen

6 FAZIT UND AUSBLICK2Z

7 LITERATURVERZEICHNIS 291

Einführung

„Wir riefen Gastarbeiter und es kamen Menschen“ lautet eine Redewendung, die 1965 Max Frisch formulierte. Hier spricht der berühmte Schriftsteller ein Phänomen an, das bis heute nicht an Brisanz verloren hat. Nachdem im deutschsprachigen Raum in den Sechziger Jahren aufgrund des Wirtschaftsbooms Arbeitskraftmangel herrschte, wurden zwischenstaatliche Abkommen getroffen, die eine befristete Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für Ausländer festlegten. Mit der Anwerbung von Arbeitern kamen zahlreiche Menschen, die hierzulande zu Wohlstand und Prosperität beitrugen. Die Politiken der deutschsprachigen Länder waren jedoch kurz gedacht, da man primär den Nutzen der migrantischen Arbeitsleistung sah und weniger welche kulturellen und zivilisatorischen Dynamiken und Herausforderungen damit verbunden waren. Gastarbeiter, welche eben zunächst als Gäste verstanden wurden, siedeln sich an, fingen an sich Existenzgrundlagen aufzubauen und Familien zu gründen. Bald erkannte die Politik, dass man einerseits diese Menschen nicht einfach wieder in ihre Herkunftsländer zurückschicken konnte und andererseits auch von deren systemstabilisierender Arbeit abhängig wurde. Somit wurde teilweise die zeitliche Aufenthaltsbefristung aufgehoben und es bildeten sich ethnische Communities. Die Nutzung der Arbeitsleistung der Migranten stellte kritisch betrachtet eine zweckrationale Verdinglichung von menschlichen Existenzen dar. Aus der Gastarbeit wurde eine langfristige Arbeitsmigration und schließlich stellte man fest, dass ehemalige Gastarbeiter sich als gleichwertiger Teil der Aufnahmegesellschaft begreifen wollen. Zu lange vernachlässigt wurde hinsichtlich einer hegemonialen Betrachtungsweise der angestammten Bevölkerung, dass für Integration ein Engagement und ein Perspektivenwechsel von Nöten ist.

Heute haben sich parallelgesellschaftliche Strukturen gebildet, die als Projektionsfläche eines Integrationsdiskurses dienen. Inzwischen blickt jedoch auch hierzulande die Frage der Integration auf eine jahrzehntelange Geschichte zurück, wenn man bedenkt, dass die ersten Gastarbeiter vor über 50 Jahren angeworben wurden - doch ein wirklich erfolgsversprechender Integrationsplan bleibt bis heute aus. Gerade im Zuge der Flüchtlingssituation, die sich aus den Umbrüchen des arabischen Frühlings und des Syrienkriegs ergibt, erfährt die öffentliche Debatte hier einen erneuten Schub. Die mit der Ankunft von Flüchtlingen einhergehenden rechtspopulistische Bürgerbewegungen und das Erstarken rechtsgerichteter Parteien wird wohl kaum zu einer Besserung der Eingliederung von Menschen mit Migrationshintergrund führen beziehungsweise die Integrationsfrage auf eine konstruktive und sachliche Ebene heben.

Diese Arbeit soll hier einen kleinen Betrag leisten diesem Trend entgegenzusteuern, indem verschiedene Integrationsformen diskutiert werden und eine differenzierte Betrachtung von parallelgesellschaftlichen Strukturen angestrebt wird.

2 Migration - die Entstehung von interkulturellem Kontakt

Der vom lateinischen abstammende Begriff der Migration bedeutet zunächst Wanderung. Die Bewegung und somit auch die Wanderung kann als eine urmenschliche Eigenschaft bezeichnet werden - Wanderbewegungen von Individuen, Gruppen oder ganzen Völkern ist ein fester Bestandteil der gesamten historischen Entwicklung der Menschheit (Kuschel 2012).

Ingrid Oswald (2007) versteht unter dem Begriff der Migration die räumliche Versetzung des Lebensmittelpunktes mit der Erfahrung von sozialer, politischer und kultureller Grenzziehung. Während sich diese Grenzziehung in der Auffassung einer globalen, modernen Welt (in der große Distanzen leichter überbrückt werden können) zumeist auf Landesgrenzen bezieht, so kann vor allem im historischen Sinne auch von einer Binnenmigration gesprochen werden, welche den Wohnortswechsel von Herkunfts- zu Zielort lediglich über Gemeinde­oder Bezirksgrenzen hinweg betrachtet.

Migration ist verschiedenen Dimensionen und Beweggründen unterworfen, nach denen sich ihr immanentes Verständnis richtet. Die Beweggründe können hier spezifisch und vielfältig sein - im Allgemeinen wird jedoch einerseits zwischen Push- und Pullfaktoren, sowie zwischen freiwilliger oder erzwungener Migration unterschieden. Push- und Pullfaktoren beziehen sich auf die Unterscheidung von Beweggründen die entweder vom Herkunftsort oder dem Zielort ausgehen (Galtung 2009). Beispielsweise stellen politische Unruhen einen Beweggrund dar, der eine Person aus seiner Heimat „drängt“, während auf der anderen Seite ein Beziehungspartner oder Arbeitsplatzangebot genügend „Anziehungkraft“ haben um zu migrieren. Eine Überschneidung und Vermischung von Push- und Pullfaktoren ist bei Migration keine Seltenheit. Von freiwilliger Migration wird gesprochen, wenn eine Person aus freien Stücken und aufgrund von Präferenzen sich ausgesucht hat eine neue Heimat zu wählen, hingegen beinhaltet gezwungene Migration eine Unfreiwilligkeit, wie es zum Beispiel bei vor Krieg Geflüchteten der Fall ist (Kuschel 2012).

Weil mit Migration grundsätzlich das Aufeinandertreffen von Menschen mit unterschiedlicher kultureller Herkunft assoziiert wird, ist es hier von Bedeutung den Begriff der Ethnizität genauer zu erfassen, da dieser in folgenden Ausführungen häufige Verwendung findet. Auch wenn ethnische Gruppen nicht trennscharf voneinander zu unterscheiden sind, so wäre es naiv davon auszugehen, dass alle Menschen „gleich“ sind und diesbezüglich den Begriff der Ethnie zu negieren.

Wenn wir von ethnischen Gruppen sprechen, ist das ein ebenso sperriger, wie schwierig fassbarer Ausdruck, unter dem alle eine gewisse Vorstellung zu haben scheinen, ein allgemeines Verständnis aber schwierig ist. Hartmut Esser (1992) nimmt hier eine Annäherung vor, an der man sich gut orientieren kann, die aber niemals als absolut gelten darf: Zunächst könnte eine Abgrenzung von ethnischen Gruppen an äußeren Merkmalen wie Sprache, Hautfarbe, Religion, Mode oder Haartracht erfolgen. Auch wenn in der Ethnologie hier nicht zu leugnende Muster gebildet werden können, greift diese oberflächliche Herangehensweise entschieden zu kurz. Folglich unterscheidet Esser zusätzlich vier Ressourcen, die ethnische Gruppen konstituieren. Erstens bezieht er sich auf ein moralisches Kapital. Sind sich moralische Verpflichtungen, Hochwertungen und Vertrauensgrundsätze in einer Gruppe einig oder ähnlich, so entsteht automatisch eine Distanz und Misstrauen zu Gruppen, die sich auf andere Werte verständigen. Zweitens zeigt sich das kulturelle Kapital einer Ethnie in gemeinsamen Mustern im Habitus, Alltagswissen, Sprache (Dialekt), Ritualen und Gewohnheiten. Diese sind primär für das Wesen und der kulturellen Identität einer Person konstitutiv. Als drittes Merkmal ist das soziale Kapital maßgeblich - für die sozialen Beziehungen, Kontakte und Netzwerke. Eine innere Solidarität ist kennzeichnend für dieses Kapital der Gruppe. Schließlich verfügen ethnische Gruppen meist über ein politisches Kapital, das sich in Institutionen, Organisationen, Verbänden und politischen Parteien wiederspiegeln kann.

Esser bekräftigt, dass nicht alle Mitglieder einer ethnischen Gruppe zwangsläufig von all diesem Kapital Gebrauch machen können oder wollen, diese Ressourcen jedoch eng miteinander verstrickt sind und somit schnell mobilisiert werden können, was ein rasches kollektives Handeln möglich macht (Esser 1992).

Eine weitere Ebene sollte man hier an Essers Merkmalkatalog anfügen und das bezieht sich auf die gemeinsame Geschichte, die ethnischen Gruppen im Vergleich zu anderen Gruppen erfahren haben und sich somit auf all die eben genannten Ressourcen auswirkt.

Auch Heckmann nennt die Relevanz der gemeinsamen Geschichte und schließt in seinem Verständnis von Ethnizität an Esser an:

„Ethnische Gruppen sind Teilbevölkerungen von staatlich verfassten Gesamtgesellschaften; diese .Teilbevölkerungen’ sind ethnische Kollektive, die Angehörige eines Volkes oder, wesentlich häufiger, Teile von Völkern sind. Wie andere ethnische Kollektive haben ethnische Gruppen eine Vorstellung gemeinsamer Herkunft sowie ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein und sind durch Gemeinsamkeiten von Geschichte und Kultur gekennzeichnet. Eine kollektive Identität begründet sich zum einen auf ein Bewusstsein der Gruppe von sich selbst, zum anderen als Urteil und Zuschreibung ,von außen’, d.h. seitens anderer Gruppen; kollektive Identität und Zugehörigkeitsdefinitionen werden über Grenzziehungen der ethnischen Gruppen selbst, wie über Abgrenzungen durch andere ethnische Kollektive bestimmt. Ethnische Gruppen sind durch gemeinsame Institutionen und Beziehungssysteme verbunden“. (Heckmann 1992: S.55)

Heckmann bringt in die Beschreibung der ethnischen Gruppe eine zusätzliche Dimension ein - die kollektive Identität. Wenngleich die beschriebenen Merkmale von Esser dies hier nicht ausdrücklich nennen, so ist doch die kollektive Identität einer ethnischen Gruppe bzw. die kulturelle Identität ein Ergebnis genau dieser. Die kulturelle Identität stellt ein psycho-kulturelles Konstrukt dar, das nicht normiert werden kann und es jeder Mensch für sich definiert bzw. fühlt. Klare Abgrenzungen zwischen Individuen und ethnischen Gruppen gibt es somit nicht, Tendenzen und Merkmale sind jedoch zweifelsohne feststellbar.

Menschen unterschiedlicher Ethnizität, unterschiedlicher kultureller Identität treffen durch Migration aufeinander. Der Prozess der Migration setzt durch die eben beschriebenen Gesichtspunkte der ethnischen Gruppen eine Um- oder Neuorientierung der Gesellschaft voraus. Adaptionsprozesse kommen bei dem Kontakt und der Auseinandersetzung der jeweiligen ethnischen Gruppen miteinander, die sich zunächst gegenseitig fremd sind, nicht umhin. Diese Transformationsprozesse sind in der Integration begriffen. Wie Integration verstanden wird, soll in folgendem Abschnitt diskutiert werden. Eine Aussage kann hier jedoch noch getroffen werden: Eine Gesellschaft ohne Austausch mit anderen Kulturen ist stets einer gewissen Stagnation unterworfen. Migration ist somit die Grundlage für sozialen Wandel (Kuschel 2012).

3 Integration - Dachbegriff und Reizwort

ln der öffentlichen Diskussion wird zunächst schnell klar, dass Migranten die einheimische Bevölkerung mit ihrer eigenen Kultur konfrontieren und somit im Sinne eines vermeintlichen friedlichen Gemeinwesens der ethnischen mehr oder weniger homogenen Gesellschaft eine Abwehrhaltung gegenüber Fremden erfolgt. Es ist angenehmer in der eigenen kulturellen Komfortzone zu verharren und eigene Transformationsprozesse, die auf die Kultur den Einwanderer eingehen, zu vermeiden. Es scheint, als wäre es ein ethnisch-zentriertes Rezeptwissen, dass Migration als gesellschaftliches Sicherheitsrisiko zu betrachten ist (Hill 2016).

Vor allem wenn es Probleme mit Migranten gibt, vermögen hier die Gemüter der einheimischen Mehrheitsbevölkerung hochzukochen, die in Schuldzuweisungen an Migranten münden. Originalitätsverluste und Überfremdungsangst, hohe Kriminalität und Migranten werden dafür verantwortlich gemacht, den Einheimischen „die Arbeit wegzunehmen“ und das Bildungsniveau zu senken, zudem besteht ein neuerdings ein Misstrauen gegenüber islamischen Migranten aufgrund von Terroranschlägen. Während die Integrationsbereitschaft, ein Engagement zur Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft oft in erster Linie als Bringschuld der Migranten betrachtet wird, folgt oft anhand von eben genannten Problemen die Schlussfolgerung: Integrationsunwillen der Zuwanderer (Rehberger 2009).

Mit einer jahrzehntelangen Geschichte als Einwanderungsland, gibt es in Deutschland und Österreich immer noch Hemmungen sich als solches zu begreifen. Nachfolgegenerationen von Gastarbeitern sollten sich längst integriert haben und als Teil der Gesellschaft verstehen. Dennoch haben viele Migranten immer noch Schwierigkeiten der Erwerbslosigkeit zu entkommen und bessere Bildung zu genießen, um sich als gleichwertiges Mitglied zu Hause zu fühlen[1]Halm und Sauer (2006) kommen zu dem Ergebnis, dass es hier jedoch weniger an Bereitschaft und Willen zur Integration mangelt, sondern oft Restriktionen von Seiten derAufnahmegesellschaft integrationshemmend wirken.

[...]


[1]ln Der Spiegel (2011): Fremde Heimat. Artikel in Der Spiegel 44/2011. S. 38-54

Details

Seiten
31
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668443693
ISBN (Buch)
9783668443709
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364449
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Parallelgesellschaft Integration Assimilation Multikulturalismus Multikulti Parallelgesellschaften Stadt

Autor

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Titel: Die Perzeption von Parallelgesellschaften. Entstehung von interkulturellem Kontakt durch Migration