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Foucault: Diskurs und Wahrheit

Seminararbeit 1997 32 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1.0 Allgemeine Einführung zum Buch

2.0 Die Bedeutung des Wortes parrhesia
2.1 Parrhesia und Offenheit, Wahrheit
2.2 Parrhesia und Gefahr, Kritik und Pflicht
2.3 Die zusammenfassende Bedeutung

3.0 Die Entwicklung des Wortes parrhesia

4.0 Parrhesia in den Tragödien des Euripides
4.1 Die Phoinikerinnen (ca.411 - 409 v.Chr.) und Hippolytos (428 v.Chr.)
4.2 Die Bakchen (ca.407 - 406 v.Chr.)
4.3 Elektra (415 v.Chr)
4.4 Ion (ca. 418 - 417 v.Chr.)
4.5 Orestes
4.6 Die Problematisierung von Parrhesia bei Euripides

5.0 Parrhesia und die Krise der demokratischen Institutionen

6.0 Parrhesia und die Sorge um sich

Literatur

1.0 Allgemeine Einführung zum Buch

Das Buch mit dem wir uns nun ein wenig auseinandersetzten wollen, beschäftigt sich mit dem Begriff der "parrhesia". Und zwar mit seiner Bedeutung in antiken Zeiten und der Entwicklung, die der Begriff parrhesia im Laufe der Zeiten durchlebte.

Das Buch ist nicht direkt von Michel Foucault geschrieben worden, sondern beinhaltet sechs Vorlesungen, die Foucault im Jahre 1983 an der University of California in Berkeley gehalten hat, und zwar im Rahmen seines Seminars "Diskurs und Wahrheit".

Der Begriff parrhesia wird im "Vorwort" des Buches wie folgt beschrieben:

parrhesia - Freimütigkeit beim Sprechen der Wahrheit

Aber in wie weit dieses auch so von Foucault persönlich gesehen, oder übersetzt wird, werden wir nun erfahren.

2.0 Die Bedeutung des Wortes parrhesia

Der Begriff " parrhesia" taucht das erste Mal bei "Euripides" auf.. Euripides war einer der drei großen Tragiker im antiken Griechenland. Er verfaßte zahlreiche Tragödien, wie beispielsweise "Herakles" oder "Orestes".

Da der griechische Ausdruck sehr alt und nicht genau definiert ist, findet sich in jeder Sprache eine etwas andere Bedeutung wieder. Im englischen wird parrhesia mit "free speech" übersetzt, im französischem mit "franc parler" und im deutschen mit Freimütigkeit.

Welche Bedeutung der Begriff parrhesia hat, und welche Entwicklung diese Bedeutung in der griechischen und auch römischen Kultur durchmachte, wird von Foucault geschildert.

2.1 Parrhesia und Offenheit, Wahrheit

Etymologisch setzt sich parrhesia aus pan (alles) und rhema (das Gesagte) zusammen. Der Mensch der parrhesia gebraucht wird als parrhesiastes bezeichnet, und sagt alles frei vom Herzen weg was ihm in den Sinn kommt.

Parrhesia beschreibt einen Typ von Beziehung zwischen dem Zuhörer, und dem was der parrhesiastes sagt. Da der parrhesiastes seine eigene Meinung äußert, benutzt dieser immer die direktesten Worte die ihm einfallen, um auf seine Zuhörer durch das bloße Sagen oder Zeigen seiner Meinung einzuwirken.

Anders als ein rhetorischer Sprecher, der durch eine Reihe rhetorischer "Kunstgriffe", wie Foucault sich ausdrückte, ohne Rücksicht auf seine eigene Meinung seine Zuhörer gewinnen will. Manche Rededuell einiger Politiker sind solche "Rhetorikduelle".

Der Sprecher der parrhesia ist also immer gleichzeitig Gegenstand des Aussagens und des Auszusagenden. Foucault hat dies prägnant formuliert mit :"Ich bin der, der dieses und jenes denkt"[1].

Um den Begriff Wahrheit in unsere Betrachtung der parrhesia mit einzubeziehen, müssen wir uns erst mal folgendes vor Augen halten. Man unterscheidet zwei Arten der parrhesia.

Die erstere ist die, welche einen abschätzigen Sinn des Wortes meint. Also wirklich alles zu sagen was einem in den Sinn kommt, gleichzusetzen mit Geschwätz!. Auch schon in der Antike wurde von Platon dieser abschätzige Wortsinn genutzt, als er die demokratischen "Verfassungen" daraufhin kritisierte, daß jeder das Recht hatte seinen Mitbürgern Dinge vorzuschlagen oder zu sagen, die für die Polis einfach nur dumm oder sogar gefährlich waren.

Als Hindernis für die "Versenkung in das Werk und Wort Gottes", taucht dieser negative Sinn der parrhesia selbst in der christlichen Literatur des Mittelalters noch auf.

Die zweite der beiden Bedeutungen schließt sich jedoch dem an was wir bis jetzt über den Begriff der parrhesia erfahren haben.

Er geht sogar soweit das parrhesia in klassischen Texten meint: die Wahrheit sprechen. Hierbei ist allerdings nicht eindeutig definiert, ob der parrhesiastes sagt was er für wahr hält, oder ob er das sagt was wahr ist.

Michel Foucault gibt auch hier in seinem Buch eine schwer zu übertreffende Definition:

"Meiner Meinung nach [die Foucaults] sagt der parrhesiastes, was wahr ist, weil er weiß, daß es wahr ist; und er weiß, daß es wahr ist, weil es wirklich wahr ist. Der parrhesiastes ist nicht nur aufrichtig und sagt, was seine Meinung ist, sondern seine Meinung ist auch die Wahrheit. Er sagt was er als wahr weiß.

(...) Übereinstimmung zwischen Glauben und Wahrheit."[2]

Jetzt sind wir an einen Punkt gekommen, bei dem parrhesia nicht mehr in unseren Erkenntnisrahmen zu passen scheint, denn

für die alten Griechen fand die Übereinstimmung von Glauben und Wahrheit auf verbaler Ebene, im Ausüben der parrhesia statt.

In unserer modernen Anschauung findet diese Übereinstimmung auf mentaler Ebene statt. Denn der moderne Mensch ist, anders als der Mensch der Antike, geprägt durch den Rationalismus. Der wiederum sieht etwas solange als unwahr an, bis dessen Wahrheit stichhaltig und unwiderlegbar bewiesen oder erfahren ist.[3]

Wie aber kann, oder konnte man Wahrheit erlangen?

Im antiken Griechenland war das Erlangen von Wahrheit, oder "die-Wahrheit-haben" gewährleistet durch bestimmte moralische Qualitäten. Besitzt ein parrhesiastes diese moralischen Qualitäten, die erforderlich sind die Wahrheit zu kennen, und um eine solche Wahrheit anderen zu übermitteln, dann ist das der Beweis dafür, das er Zugang zur Wahrheit hat - und umgekehrt.

Einen Beweis für die Aufrichtigkeit des Sprechers war sein Mut,

denn die Tatsache, daß er etwas anderes sagt, als die Mehrheit,

sich also vielleicht in Gefahr begibt, wurde als deutlicher Beweis, das er parrhesiastes ist anerkannt.

Foucault wirft in seinem Buch an dieser Stelle (S.14), nun zwei Fragen auf .

Erstens "wie (...) wir wissen können ob ein einzelnes Individuum wirklich ein Wahrheitssprecher ist?", und zweitens " (...), wie kommt es, daß der angebliche parrhesiastes sicher sein kann (...), was er glaubt, [wäre] tatsächlich die Wahrheit?".

In der antiken, griechischen und auch römischen Gesellschaft wurde die erstere der beiden Fragen von Gelehrten und Philosophen ausführlich diskutiert.

Die zweite Frage ist ein ganz spezifisch moderne Frage, und war in der Antike völlig unbekannt.

2.2 Parrhesia und Gefahr, Kritik und Pflicht

Wie im vorangegangenen Kapitel erläutert wurde, war ein Beweis, daß jemand parrhesia gebrauchte sein Mut. Allein die Tatsache der eventuell resultierenden Gefahr für den parrhesiastes genügte aus.

Aber wie wurde diese Gefahr verstanden?

Ein parrhesiastes erhält nur Anerkennung, wenn er beim Sprechen der Wahrheit ein Risiko oder eine Gefahr eingeht.

Dabei spielt es keine Rolle ob dieses Risiko oder diese Gefahr den parrhesiastes politisch, gesellschaftlich treffen oder vielleicht sogar seine Gesundheit oder sein Leben gefährden könnte.

Der aufrechte parrhesiastes sieht sich in erster Linie als ein Wahrheitsverkünder an, nicht als ein Lebewesen, welches möglicherweise unehrlich zu sich selbst ist.

Anhand der vorausgegangenen Betrachtungen erkennen wir eins: parrhesia ist auch gleichzeitig, obgleich es Risiken oder Gefahren birgt, eine Kritik. Am parrhesiastes selbst oder den Gesprächspartner/n. Beim Gebrauch von parrhesia entsteht also immer die Gefahr durch das was der parrhesiastes sagt, sich selbst oder seinen Gesprächspartner zu beleidigen, zu verärgern oder zu verletzten. Diesen Umstand beschreibt Foucault desweiteren in seinem Buch, als das "parrhesiastische Spiel", welches er so ausdrückt:

"Man sieht also, die Funktion der parrhesia ist es nicht, jemand anderem die Wahrheit darzutun, sondern sie hat die Funktion von Kritik: Kritik am Gesprächspartner oder am Sprecher selbst. 'Das tust du und das denkst du; aber das solltest du nicht tun oder nicht denken.' 'Du verhältst dich auf diese Art und Weise, aber jene ist die Art und Weise, auf die du dich verhalten solltest.' 'Das habe ich getan, und ich hatte Unrecht es zu tun.' Parrhesia ist eine Form von Kritik, entweder einem anderen oder sich selbst gegenüber (...)

Der parrhesiastes ist immer weniger mächtig als derjenige, mit dem oder mit der er spricht. Die parrhesia kommt gleichsam von 'unten' und ist nach 'oben' gerichtet."[4]

Hinzu kommt aber, daß in der Antike nur der parrhesia gebrauchen, konnte, der seine Genealogie kannte, also um seinen Status Bescheid wußte. Das waren natürlich zuallererst die männlichen Bürger. Von vornherein ausgeschlossen waren Frauen und natürlich die Sklaven.

Der letzte Punkt in unseren Betrachtungen ist der Punkt der Pflicht und parrhesia. Bei dem Gebrauch von parrhesia, wird es als Pflicht angesehen, die Wahrheit zu sagen. Trotz der drohenden Risiken, die seine Wahrheit beinhalten könnte, will der parrhesiastes andere Menschen oder sich selbst verbessern oder ihnen helfen.

Der parrhesiastes könnte jedoch auch schweigen, "Niemand zwingt ihn zu sprechen, aber er fühlt, daß es seine Pflicht ist, es zu tun."[5]

Somit ist auch der Begriff der Freiheit fest mit dem Begriff parrhesia verbunden.

2.3 Die zusammenfassende Bedeutung

Eine zusammenfassende Bedeutung der vorangegangen Kapitel gibt Foucault selber am besten:

"Bei parrhesia gebraucht der Sprecher seine Freiheit und wählt Offenheit anstelle von Überredung, die Wahrheit anstelle von Falschheit oder Schweigen, das Risiko des Todes anstelle von Leben und Sicherheit, die Kritik anstelle von Schmeichelei, und die moralische Pflicht anstelle von Eigennutz und moralischer Gleichgültigkeit."[6]

Das ist die bestformulierteste Konzeption von parrhesia in ihrem positiven Sinn, die wir uns so merken sollten.

[...]


[1] Foucault, Michel: Diskurs und Wahrheit: Berlin 1996, S.11

[2] Foucault, Michel: Diskurs und Wahrheit: Berlin 1996, S.12

[3] vgl. Literatur von Descartes

[4] Foucault, Michel: Diskurs und Wahrheit: Berlin 1996, S.16-17

[5] Foucault, Michel: Diskurs und Wahrheit: Berlin 1996, S.18

[6] Foucault, Michel: Diskurs und Wahrheit: Berlin 1996, S.19

Details

Seiten
32
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638122474
ISBN (Buch)
9783638638265
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3637
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Politikwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Foucault Diskurs Wahrheit

Autor

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Titel: Foucault: Diskurs und Wahrheit