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'Kindheitsreflexion' in Georg Trakels Gedicht 'Kindheit' mit Augenmerk auf die `Seelenfarbe` Blau

Seminararbeit 2004 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung: Gedanken zum Begriff „Kindheit“

II Gedichtanalyse
1 Allgemeines
2 Formale Beschreibung
1.1.1.1.1.5 Interpretation
3 Strophe 1
3.1 Strophe 2
3.2 Strophe 3
3.3 Strophe 4
3.4 Strophe 5
4. Die Bedeutung der Farbe >Blau<..

III Schlussbetrachtung

IV Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gottlieb Moritz Saphir, der 1795 – 1858 lebte, befasst sich in dem oben genannten Zitat mit dem Thema „Kindheit“. Anhand verschiedener Naturbilder und mit der Metapher „Paradies“ beschreibt er die Kinderzeit sehr idyllisch und bringt sie so dem Leser emotional nahe. Da Saphir sie durchgehend positiv darstellt, bezeichnet er dagegen das Erwachsen – Werden und das Ende der Kindheit in diesem Aphorismus als den „Auszug aus dem verlorenen Paradies “.

Doch nicht alle Menschen können als Erwachsene auf eine positive Kindheit zurückblicken. So verband den Dichter Georg Trakl mit seinen Eltern immer ein emotional schwieriges Verhältnis, durch das er stets tief verunsichert wurde.[1] Seiner Mutter gegenüber empfand er eine „Hass – Liebe“, wie Paulsen beschreibt.[2]

Für ein sensitives Kind sind das tiefe Verunsicherungen, und man konnte daher auch von seiner späteren Dichtung sagen: <<Über allem aber>> tönte <<dunkel die Klage>> der Gastalt des Knaben: <<`Niemand liebte ihn`>>.

Paulsen zufolge war für Trakl das „erschütterndste Erlebnis seiner Jugend“ jedoch das „inzestuöse Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Grete“.[3]

Andererseits gibt es auch genauso positive Gegendarstellungen der Kindheit des Dichters. So beschreiben ein jüngerer Bruder und die ältere Schwester Trakl als „ein Kind [...] wie wir anderen auch, fröhlich, wild und gesund.“[4]

Nachdem nun festgestellt wurde, dass Trakl ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis zu seiner Kindheit hat, soll nun in der folgenden Analyse erörtert werden, wie das lyrische Ich des Traklschen Gedichts >Kindheit< diese erlebt, das heißt, wie das Verhältnis des lyrischen Ich zu seiner Kindheit beschrieben wird.

II Gedichtanalyse

1. Allgemeines

Georg Trakl, der 1887 als viertes von sechs Kindern in Salzburg geboren wird und dort seine Jugend verbringt, knüpft mit seinem Gedicht „Kindheit“, das Juni / Juli 1913 in der Zeitschrift „Der Brenner“ erscheint, an die Tradition des Expressionismus an.

In dieser Epoche steht nicht mehr die Außenwelt im Mittelpunkt, die im Impressionismus durch nuancierte Eindrücke wiedergegeben werden sollte, sondern die Innenwelt der Schriftsteller und deren künstlerischer Ausdruck.

So befasst sich Trakl in diesem Gedicht poetisch mit seiner Kindheit.[5] Es entstand im Rahmen des Zyklusses „Sebastian im Traum“, das seinem Spätwerk zuzuordnen ist ( ca. 20. Juni bis 13. Juli ).[6]

Die künstlerische Innenwelt wiedergebend, teilt das lyrische Werk keine äußere Handlung mit, sondern vermittelt dem Rezipienten lediglich durch die Verwendung des Begriffs >Kindheit< (I/1) in der ersten Strophe das Thema. Das Gedicht wirkt durch die „aneinandergereihten, strophischen Bildkomplexe“, wie Angelika Overath die Textstruktur beschreibt,[7] für den Leser zunächst hermetisch und schwer zugänglich. Des Weiteren gibt es eine Ansammlung von Naturbildern, deren Themenbereiche unter anderem Laub, Wasser, aber auch Elemente der Zivilisation wie alte Bauernhöfe und Friedhöfe beinhalten.

2. Formale Beschreibung

Das Gedicht besteht formal aus fünf Strophen, die jeweils eine ungleiche Verszahl aufweisen. Während die erste und die letzte Strophe vier Verse aufzeigen, umarmen diese die zweite, dritte und vierte Strophe, die aus jeweils drei Versen bestehen. Die Verslänge variiert stark, so schwankt die Silbenzahl von neun bis zu zwanzig. Beispielsweise besteht Vers drei in Strophe fünf aus zwanzig Silben, dagegen kann man in Strophe eins Vers vier nur elf und in Strophe drei nur neun Silben zählen.

Das Gedicht ist reimlos und durch das unregelmäßige Versmaß kann man von freien Rhythmen sprechen.

3. Interpretation

3.1 Strophe 1

Mit der Allegorie des Holunderbusches beginnt das Gedicht Trakls in scheinbarer Harmonie: >Voll Früchten der Hollunder< (I/1). Sie ruft in den Menschen sofort die bildhafte Vorstellung an seine Früchte hervor, die im Spätsommer, Anfang Herbst dunkelblau den Busch schwer beladen. Diese Fülle wird klanglich auch von der Alliteration des Syntagmas >voll Früchten< (I/1) bestätigt und intensiviert. Ebenso intensivierend wirkt die Inversion der Ellipse, die damit zuerst diese Klanglichkeit in den Vordergrund stellt. Formal gesehen stellt das Syntagma >voll Früchten der Hollunder< (I/1) keinen grammatikalisch vollständigen Satz dar, sondern es handelt sich um eine Nominalbildung ohne Prädikat, die als Verbalellipse bezeichnet wird. Horst J. Frank zu Folge[8] „tritt an die Stelle der syntaktisch abgeschlossenen Aussage (...) die bloße, Assoziationen weckende Nennung. (...) die gleichsam impressionistische Eindrücke reihen (...).“

Dieser erste Vers vermittelt dem Leser einen impressionistischen Eindruck einer Grünanlage, in der eben dieser Holunderbusch angepflanzt ist, wobei das Gebüsch als pars pro toto für den Garten zu verstehen ist.

Da schon in anderen Gedichten die Jahreszeiten in der Lyrik symbolisch für die verschiedenen Lebensphasen des Menschen zu verstehen sind,[9] kann man davon ausgehen, dass das herbstliche Bild des Früchte tragenden Holunderbuschs für einen Menschen steht, der seinen Zenit des Lebens - vielleicht gerade - überschritten hat.

Durch ein Semikolon als harte Fügung formal abgetrennt, wird beschrieben, wie der abstrakte Begriff >Kindheit< (I/1) >ruhig in einer blauen Höhle wohnte< (I/1f), wobei das Lexem >Kindheit< (I/1) mit Hilfe des Verbs >wohnen< (I/1) personifiziert wird. Diese Personifikation an Stelle der Beschreibung eines Kindes, das >wohnte<, hebt die Besonderheit der Metapher hervor und verweist, da der Begriff zum ersten Mal im Gedicht vorkommt, auf den Titel: >Kindheit<. Dies wirkt also emphatisch. Dieses Gedankenbild wird im Imperfekt dargestellt, was auf etwas Gewesenes verweist, das heißt das >Wohnen< muss in der Vergangenheit stattgefunden haben. Ein glattes Enjambement trennt die Syntagmen >ruhig wohnte die Kindheit< (I/1) und >in blauer Höhle< (I/2) voneinander. Auf diese Weise soll die Bedeutungsschwere des zweiten Syntagmas hervorgehoben werden, da dieses nun am Anfang des zweiten Verses isoliert vom ersten Satzteil betont wird. Die >blaue Höhle< (I/2) wirkt auch auf das lyrische Ich, das hier nicht explizit genannt wird, beruhigend, wie das Adverb >ruhig< (I/1) im ersten Vers andeutet. Thematisch und von der Konstruktion des Satzbaus passt das Bild der Fülle, >voll Früchten der Hollunder< (I/1), vom Beginn des ersten Verses zu dem Adverb >ruhig<. Beide Allegorien vermitteln dem Rezipienten ein Wohlgefühl, ein Gefühl der Geborgenheit des lyrischen Ich in der genannten >blauen Höhle< (I/2). Sie ruft Assoziationen eines beschützenden Schoßes hervor, so wie der Mutterleib den Säugling schützt vor den Anfeindungen des Lebens, die sich außerhalb diesen abspielen. Dieser Mensch erinnert sich folglich zurück an seine Kindheit, was durch das Imperfekt des Syntagmas >ruhig wohnte die Kindheit< (I/1) zu erkennen gegeben wird.

Im ersten Vers wird nun schon zum zweiten Mal das Abstraktum >Kindheit< (I/1) angesprochen; zum ersten Mal wurde es im Titel aufgezeigt.

Landschafts- oder Naturbilder werden demnach mit Seelischem verschränkt.

Auf das Farbwort >Blau< und seine besondere Bedeutung bei Trakl und im Expressionismus wird zu einem späteren Zeitpunkt der Analyse eingegangen werden.

Zum Imperfekt des ersten Verses passt auch die Naturbeschreibung >über vergangenen Pfad< (I/2) des zweiten Verses, denn auch hier deutet das Attribut >vergangenen< (I/2) auf etwas Zurückliegendes, Gewesenes hin. Sie wird durch eine harte Fügung von der Höhlenimpression getrennt. Dies geschieht, da zwar die Metapher des Pfades in Hinsicht auf den Bildbereich den selben wie die Höhle – also den der Natur - aufweist, aber einen separaten Eindruck darstellt.

Vers drei stellt einen krassen Übergang von Vers zwei zu vier dar, weil er jedoch durch Kommata von den anderen Versen separiert wird, ist er als lokativer Nebensatz anzusehen. Dies bedeutet, man zieht inhaltlich den Vers zwei und Vers vier der ersten Strophe zusammen und fasst Vers drei als Sperrung auf.

Man erhält demnach: >Über vergangenen Pfad sinnt das stille Geäst< (I/2 und I/4). Wiederum begegnet dem Leser eine Personifikation, diesmal in Form des >sinnenden Geästs< (I/4), was den Leser wahrscheinlich auch hier verwundet, denn man wird Ästen oder Zweigen nicht die Fähigkeit des >Sinnierens> zuordnen. Sinnieren bedeutet nämlich über etwas nachdenken oder sich erinnern, was ausschließlich eine menschliche Tätigkeit ist. Wenn man davon ausgeht, dass auch hier, wie schon in den ersten beiden Versen, die Natur die Darstellung des Seelenlebens des lyrischen Ich übernähme, wäre es wohl gestattet, dem Geäst die Berechtigung für das >Sinnieren< zuzugestehen. Demnach würde das lyrische Ich >über den vergangenen Pfad< (I/2) >sinnieren<. Es würde sich auch hier eine Verschränkung der Seelenempfindungen mit der Natur ergeben. Der >Pfad< (I/2), über den das >stille Geäst sinnt<, könnte man als Lebensweg sehen, der schon begangen wurde bzw. ausgetreten und damit vergangen ist. Dieser liegt schon beschritten hinter dem lyrischen Ich, das die Jugendzeit schon längst überschritten hat. Die Präposition >über< (I/2) könnte man in zweierlei Hinsicht verstehen. Einmal als Antwort auf die Frage „worüber sinnen?“. Hier wäre die Antwort >über den vergangenen Pfad< richtig. Der schon begangene und zu Ende geführte Weg aus der Kindheit wird ins Licht gerückt und bedacht, vielleicht sogar neu überdacht und resümiert.

[...]


[1] Vgl. Paulsen, Wolfgang: Deutsche Literatur des Expressionisus. 2. überarbeitete Auflage Berlin: Weidler 1998,

hier S. 112.

[2] Ebd. S. 112.

[3] Ebd. S. 116.

[4] Ebd. S. 116.

[5] Vgl. Trakl, Georg: Sämtliche Werke und Briefwechsel. Dichtungen Sommer 1913 bis Herbst 1913. Hg. v. Eberhard Sauermann. Innsbruck 1948. Künftig beziehen sich sämtliche Zitate, die das Gedicht betreffen, auf diese Ausgabe. Zum besseren Verständnis steht es auch auf Seite 2 der Hausarbeit und hat eine fortlaufende Nummerierung.

[6] Vgl. Overath, Angelika: Trakls blaue Kindheit. Altmodische Lektüre eines modernen Gedichts. In: Akzente 34.

Jahrgang (1987). S. 77 – 95, hier S. 77.

[7] Ebd. S. 78.

[8] Vgl. Frank, Horst Joachim: Wie interpretiere ich ein Gedicht? Eine methodische Anleitung. 5. Auflage Tübingen: Francke 2000 (= Uni-Taschenbücher; 1639 ) S.61.

[9] Vgl. Hölderlin, Friedrich: Hälfte des Lebens. In: Begegnungen ( 7 ). Lesebuch für Gymnasien. Hg. v. Harald

Caspers et altera. 3. Auflage 1971. Heramnn Schroedel Hannover. S. 164.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638359573
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36291
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Kindheitsreflexion Georg Trakels Gedicht Kindheit Augenmerk Blau Proseminar

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Titel: 'Kindheitsreflexion' in Georg Trakels Gedicht 'Kindheit' mit Augenmerk auf die `Seelenfarbe` Blau