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Friedrich Nietzsches Geschichtsbild in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nietzsches Sicht auf den Historismus seiner Zeit
2.1. Einflüsse des Historismus auf Erziehung und Bildung
2.2. Folgen für den Menschen
2.3. Folgen für die deutsche Kultur

3. Nietzsches Ansatz zum Nutzbarmachen der Historie für Leben und Kultur

4. Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Nietzsche veröffentlichte zwischen 1873 und 1876 die Unzeitgemäßen Betrachtungen, vier Schriften, deren Inhalt sich jeweils kritisch gegen seine eigene Zeit und die eingesetzten Wandlungen innerhalb der deutschen Kultur wandte. Die Unzeitgemäßen Betrachtungen sind allesamt auch vor Nietzsches biographischem Hintergrund zu beurteilen, so befand er sich seit 1872 in wissenschaftlicher Isolation als Altphilologe: Die Geburt der Tragödie – ursprünglich ein philologische Arbeit – musste Nietzsche klarer Kritik ausgesetzt sehen. Außerdem litt er zum Zeitpunkt der Abfassung der Unzeitgemäßen Betrachtungen bereits unter stärkeren gesundheitlichen Problemen.[1]

Die erste Unzeitgemäße Betrachtung trug den Titel David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller. Sie richtet sich gegen den Fortschrittsglauben und ist eine konkrete Reaktion auf die Neufassung des Jugendwerks David Friedrich Strauß’, in welchem sich der Ex-Theologe zum Optimisten mit bejahender Haltung gegenüber der Wissenschaft seiner Zeit und damit einem „neuen Glauben“ bekannte, nachdem er in der Urfassung destruktive Kritik am Christentum geübt hatte.[2]

Die dritte Unzeitgemäße Betrachtung, Schopenhauer als Erzieher, zeigt eine Wertschätzung für Schopenhauers Persönlichkeit, die sich durch „Ehrlichkeit, Heiterkeit und Beständigkeit“ auszeichne und das Elend der Welt erkannt, sich dabei aber selbst gefunden habe. Es spreche die Hoffnung Nietzsches aus dem Traktat, dass der Pessimist beim Suchen der Unwahrheit und der Lüge doch noch auf den „rettenden Grund positiver Lebenserfahrung stoße“.[3]

Die vierte Unzeitgemäße Betrachtung trägt den Titel Richard Wagner in Bayreuth. Obwohl das Verhältnis sich in den Jahren bis zur Veröffentlichung stark verändert und eine Abkehr Nietzsches von der Person Richard Wagner stattgefunden hatte, trägt die Arbeit Wertschätzung für die Wagnersche Kunst nach außen. Auf der anderen Seite skizziere sie ein psychisch treffendes Bild und hebe letztlich sogar sprachliche Unzulänglichkeiten bei Wagner hervor. Außerdem beinhalte die Schrift wieder Kritik am pervertierten Zustand der Kultur.[4]

Die zweite Unzeitgemäße Betrachtung schließlich soll Thema dieser Hausarbeit sein. Ihr Titel Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben[5] sagt über das ihr zugrunde liegende Motiv schon einiges aus. Sie steht im engen Zusammenhang zu Nietzsches vorherigen Bildungsvorträgen Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten und zur Geburt der Tragödie, die sich ebenso wie die zweite Unzeitgemäße Betrachtung auf seinen Überdruss an der von Wissenschaft und Geschichtsphilosophie geprägten Geschichtskultur beziehen.[6] Es stellt sich die Frage, wodurch die zeitgenössische Wissenschaftskultur Nietzsche nach geprägt ist. In engem Zusammenhang dazu stehen natürlich Bildung und Erziehung. Wie wirkt sich der Historismus auf diese aus? Zu welchen Wechselwirkungen führt es in Hinblick auf den Menschen und die deutsche Kultur? Nietzsche bietet einige Lösungsvorschläge für die im Zusammenhang mit dem zeitgenössischen Historismus stehenden Probleme an. Es soll versucht werden, die Probleme sowie seine Lösungsvorschläge darzustellen und kritisch zu beleuchten. Im ersten Teil der Arbeit werde ich daher Nietzsches Haltung zum Historismus und im zweiten Teil seine Meinung zur möglichen Lösung der Probleme charakterisieren.

2. Nietzsches Sicht auf den Historismus seiner Zeit

2.1. Einflüsse des Historismus auf Erziehung und Bildung

Nietzsches zweite Unzeitgemäße Betrachtung (Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben)[7] stellt eine umfassende Kritik an der Populärwissenschaft - speziell am Historismus seiner Zeit - dar. Hierbei bezieht sich Nietzsche zum einen auf die positivistische Geschichtswissenschaft, zum anderen übt er konkrete Kritik an der Geschichtsphilosophie Hegels und Hartmanns und deren Fortschrittsgedanken.[8]

Diese Abneigung an der Wissenschaftskultur macht Nietzsche auch im den Unzeitgemäßen Betrachtungen vorangegangenen Werk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik deutlich. Die griechische Tragödie sei am Aufkeimen der Aufklärungsphilosophie und ihres kritischen Geistes – speziell durch Sokrates – und damit einhergehend an deren wissenschaftlicher, rationaler (sokratischer) Fragestellung zugrunde gegangen. Diese habe dazu geführt, dass der Gegensatz von Dionysischem[9], der Motor aller schöpferischen Prozesse, und Apollinischem[10] in der Tragödie abgelöst worden sei vom Gegensatz des Sokratischen und des Dionysischen. Das Apollinisch-Dionysische trete aus der künstlerischen Erfahrung, jedoch ohne Vermittlung des menschlichen Künstlers zutage, sei also eine irrationale Macht. Das Gegensatzpaar trete deshalb in der griechischen Tragödie auf, weil diese sich aus dem rituellen Chortanz des Dionysoskultes entwickelt habe. Das Dionysische, welches im Gegensatz zum Apollinischen nicht körperlich fassbar sei, verkörpere sich in der griechischen Tragödie daher in diesem, sodass beide miteinander verschmelzen würden.[11] Nietzsche begründet also, die Tragödie sei durch die Zerstörung ihres dionysischen, irrationalen Ursprungs – durch das Sokratische, welches keine Irrationalität mehr zulässt – zerstört worden.

Der wissenschaftlich geprägten Gegenwart schreibt Nietzsche mehrerlei bedenkliche Wirkungen auf die Erziehung und die Bildung zu. So beschreibt er den Historismus z.B. als „historische Krankheit“, „historisches Fieber“, „Unverdaulichkeit des Lebens“ oder als „Verdorren“.[12]

Mittels derartiger Projektionen auf die Gesundheit schließt Nietzsche die Historie von seinem Horizont von Bildung aus und behauptet, das „Leiden an Historie“ führe zu einer geschwächten Persönlichkeit und hindere diese am „Reifwerden“.[13]

Der Historismus führe dazu, dass die Bildung gar keine eigentliche Bildung mehr sei, sondern lediglich Wissen um Bildung.[14] Die Erziehung ziele darauf ab, aus den zu Erziehenden „wandelnde Enzyklopädien“ zu machen. Äußerlich bleibe es bei Barbarei.[15]

Geschehenes oder sogar gegenwärtig noch Geschehendes werde sofort historisiert und würde so „historisch zart verflüchtigt“ abklingen, auch Werke eines Autors z.B. würden - wo möglich - sofort nach Gesichtspunkten der Entwicklung dieses Autors bezogen auf seine anderen Arbeiten analysiert, was dazu führe, dass der so historisch gebildete Kritiker durch seine Kritik keine Wirkung mehr auf Leben und Handeln erreiche.[16] Das „Sezieren“ bzw. Historisieren der Taten wirke gleichermaßen lähmend auf deren weitere Wirkung.[17]

Den Standpunkt, den der gelehrte Deutsche einnimmt, sobald er sich derart geschichtswissenschaftlich betätigt, nennt Nietzsche historisch, seine Kritik wendet sich jedoch nicht direkt gegen diesen Standpunkt, sondern gegen das Übermaß historischer Denkweise, die nur das Vergangene, nicht aber das Gegenwärtige oder die Zukunft bemerkt. Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung verstehe alles Existierende als geschichtlich, ohne Bestand und somit als vergänglich.[18]

Nietzsche unterstellt dem Historismus Ungenauigkeit. Es bestehe eine Differenz zwischen den „Obertönen“ - dem, was der Historiker vernimmt- und dem „originalen geschichtlichen Hauptton“ - also dem tatsächlich Geschehenen.[19] Um dies zu untermauern, führt Nietzsche außerdem die gleichlautende Meinung Grillparzers an. Demnach nehme der Historiker z.B. an, dass etwas „zufällig“ geschehe, obwohl es für das Geschehen 1000 kleine Ursachen gebe. Die historische Arbeit werde an die „zeitgemäße Trivialität“ angepasst und die Vergangenheit gleichsam „übersponnen und gebändigt“.[20] Diese Ungenauigkeit wiederum behindert somit die Wirkung der Historie auf das Leben sowie den wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität, der sich vielmehr in „objektiv sich gebärdender Gleichgültigkeit“ widerspiegele.[21]

[...]


[1] Vgl. Frenzel, Ivo, Nietzsche, Reinbek 1966, S. 64.

[2] Vgl. Frenzel 1966, S. 65 – 66.

[3] Vgl. Frenzel 1966, S. 69.

[4] Vgl. Frenzel 1966, S. 70 – 73.

[5] Nietzsche, Friedrich, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Stuttgart 2003.

[6] Vgl. Heinßen, Johannes, Historismus und Kulturkritik. Studien zur deutschen Geschichtskultur im späten 19. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 195), Göttingen 2003, S. 510.

[7] Von dieser Stelle an zitiert als: Nietzsche 2003.

[8] Genaueres zur Kritik an Hegel und Hartmann an späterer Stelle.

[9] Dionysos= griechischer Weingott. Dionysisch ist das rausch- und triebhafte, z.B. durch Alkohol, aber auch beispielsweise durch Religion Hervorgerufene. Im Dionysischen finde die Versöhnung zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur statt, das „tanzende Emporfliegen in die Lüfte“, welches sich unter den Schauern des Rausches offenbare. Vgl. Frenzel 1966, S. 50 – 51.

[10] Apollinisch ist das zur Traumwelt gehörige: die schönen Erscheinungen, die Verkörperung der Schönheit. Es trete in der griechischen Tragödie auf, und zwar sei in diesen apollinischen Formen das Dionysische gebunden. Vgl. Frenzel 1966, S. 53.

[11] Vgl. Frenzel 1966, S. 48 – 52.

[12] Vgl. Heinßen, Johannes, Historismus und Kulturkritik. Studien zur deutschen Geschichtskultur im späten 19. Jahrhundert, Göttingen 2003, S. 513.

[13] Vgl. Heinßen 2003, S. 516. Zur Wirkung des Historismus auf die Persönlichkeit ausführlich im folgenden Kapitel.

[14] Vgl. Nietzsche 2003, S. 37.

[15] Vgl. Nietzsche 2003, S. 38.

[16] Vgl. Nietzsche 2003, S. 45 – 51.

[17] Vgl. Nietzsche 2003, S. 77.

[18] Vgl. Hübner, Kurt, Vom theoretischen Nachteil und praktischen Nutzen der Historie. Unzeitgemäßes über Nietzsches unzeitgemäße Betrachtungen, in: Borchmeyer, Dieter (Hg.), Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Frankfurt/Main 1996, S. 28.

[19] Vgl. Nietzsche 2003, S. 56.

[20] Vgl. Nietzsche 2003, S. 59.

[21] Vgl. Nietzsche 2003, S. 62.

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638359399
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36271
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
2+
Schlagworte
Friedrich Nietzsches Geschichtsbild Unzeitgemäßen Betrachtung Europäische Kulturkritik Russlandbild Jahrhundertwende

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