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Die literarische Verarbeitung des Kirchenkampfes in Uwe Johnsons "Ingrid Babendererde"

Zwischenprüfungsarbeit 2004 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Uwe Johnson und die Junge Gemeinde

3. Verhaltensweise in Bezug zur Kirchenkampf-Thematik
3.1. Die Mitglieder der Jungen Gemeinde
3.2. Die Hauptpersonen Ingrid Babendererde, Klaus Niebuhr und Jürgen Petersen
3.3. Das Lehrerkollegium

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Folgenden befasse ich mich mit der literarischen Darstellung des Kirchenkampfes in Uwe Johnsons „Ingrid Babendererde“. Der Kirchenkampf in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) setzte im April 1952 ein und erreichte seinen Höhepunkt 1953 mit der Verfolgung der Jungen Gemeinde.[1] Dieses Ereignis bewegt Uwe Johnson dazu, verschiedene Fassungen von seinem Roman „Ingrid Babendererde“ zwischen den Jahren 1953 und 1956 zu schreiben. Seine vierte und letzte Fassung, die er in Leipzig beendet hat, erschien 1985 posthum im Suhrkamp Verlag.[2]

Ich möchte an exemplarischen Figuren zeigen, wie sich jedes Individuum – egal, ob es auf staatlicher Seite steht oder nicht – unter dem steigenden Druck des deutschen stalinistischen Systems verhält.[3]

Es handelt sich hierbei um keine Charakterisierung der Personen im Allgemeinen, sondern ausschließlich um die Verhaltensweise in Bezug auf den Kirchenkampf.

Mein Hauptaugenmerk liegt auf den drei Hauptpersonen Ingrid, Klaus und Jürgen. Bei meinen Untersuchungen beziehe ich mich hauptsächlich auf die Johnson-Forscher Arne Born, Carsten Gansel und Rainer Benjamin Hoppe.

2. Uwe Johnson und die Junge Gemeinde

Handelt es sich bei der Jungen Gemeinde um „die illegale Verbrecher-organisation“ bzw. um die „vom kapitalistischen Ausland bezahlte(n) Volksfeinde“? (S. 141). Aus heutiger Sicht kennen wir die Antwort und wissen, dass sich die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) das Feinbild Junge Gemeinde nur ausgewählt hat, um den kirchlichen Einfluss auf die heranwachsende Generation ausschließen zu können.[4] Doch hat sie dieses Ziel tatsächlich erreicht? Wie haben sich die Bürger damals mit diesem Ziel identifiziert und durch den Staat instrumentalisieren lassen? Diese Fragestellungen werde ich im weiteren Verlauf noch konkretisieren.

„Einen in irgendeiner Weise auch nur im entferntesten realistischen Hintergrund für diese Kampagne gab es nicht.“[5] Dieser Meinung ist auch Johnson gewesen, der als Mitglied der Jungen Gemeinde selbst Opfer jener Kampagne wurde. Statt eine politische Falschaussage gegen die Junge Gemeinde zu machen, belastete er die Freie Deutsche Jugend (FDJ) schwer und begründete seine Entscheidung in der Bekenntnisfreiheit.[6]

„Man hat kein anderes Material als seine eigenen Erfahrungen.“[7] Diese Aussage bestärkt Johnson, sein selbst Erlebtes in einem Roman nieder zu schreiben. Im Mittelpunkt steht an der Gustav Adolf-Oberschule „der Konflikt um die Junge Gemeinde, der Schüler- und Lehrerschaft spaltet, zur Rede Ingrids vor der Schülerversammlung führt und Jürgen zum Bruch mit SED und FDJ veranlaßt.“[8] Zuletzt endet der Konflikt zwischen der Schulleitung und den Abiturienten mit einer Niederlage der Schüler.[9]

In Paragraph 1 im Gesetz zur „Demokratisierung der deutschen Schule“ von 1946 ist das erklärte Erziehungsziel, die Schüler zu „selbständig denkenden und verantwortungsbewußt handelnden Menschen zu erziehen.“[10] Finden wir diesen Vorsatz auch im Erstlingsroman Johnsons wieder?

Des Weiteren heisst es in der Verfassung der DDR vom 7.10.1949 in Paragraph 41, Absatz 1, Satz 2, dass die freie Religionsausübung unter dem Schutz des Staates steht.[11] Im Folgenden werde ich untersuchen, was für Auswirkungen dieser Paragraph auf die Gustav Adolf-Oberschule hat. Außerdem möchte ich Antworten auf die zuvor entwickelten Fragen in diesem Kirchenkampf geben. Dieser Kirchenkampf, bei dem die Moral eines Einzelnen im Vordergrund steht, bildet den Hintergrund des Romans.

3. Verhaltensweise in Bezug zur Kirchenkampf-Thematik

3.1. Die Mitglieder der Jungen Gemeinde

Die Mitglieder der Jungen Gemeinde Peter Beetz, Brigitt und Marianne Stuht werden von Johnson aus einer objektiven Perspektive beschrieben. Somit werden dem Leser die Mitglieder nur von außen präsentiert; sie werden distanziert wahrgenommen, und der Leser kennt ihre persönlichen Gedanken nicht. Als Beispiel dient die Textstelle, in der Johnson über die Folgen des Schulverweises für Brigitt und Peter Beetz berichtet (vgl. S. 213).

Eine Ausnahme bildet hier Elisabeth Rehfelde; ihre Gefühle werden dem Leser an mehreren Textstellen aus personaler Sicht geschildert.[12] Es ist jene Schülerin, die diesen Konflikt auslöst, indem sie ihr FDJ-Mitgliedsbuch Dieter Seevken vor die Füße wirft. In diesem Moment handelt sie aus eigener Überzeugung und verteidigt die Junge Gemeinde. Sie widersetzt sich dem System mit den Worten, dass sie es nicht glaube, dass die Junge Gemeinde für Spionagetätigkeiten in der DDR stehe, und nennt die demokratische Presse eine Lügnerin (vgl. S. 53). Mit diesen Worten der inneren Überzeugung, die durch ihr aktives Handeln unterstützt werden, nimmt sie jegliche Konsequenzen, die im weiteren Verlauf auf sie zukommen, bewusst in Kauf.

Mutig verhält sich auch Peter Beetz, der in der Gegenrede bei der Schulversammlung in der Aula fragt, „warum die Regierung der Arbeiter und Bauern die Verfassung der Republik demokratisch brechen wolle“, und der die Regierung des „behördlich verschärften Klassenkampfes“ bezichtigt (vgl. S. 142/143). Der Schüler Beetz benutzt die Argumentationsweise Johnsons, der sich auf die DDR-Verfassung und ihre Garantie auf Bekenntnisfreiheit beruft.[13] Beetz ist von seinem Recht überzeugt. Dass ihn die weiteren Reaktionen auf seine Rede nicht berühren, wird dadurch erkennbar, dass er mit seiner Freundin Brigitt im direkten Anschluss an seinen Vortrag die Aula verlässt und zum Schwimmen geht (vgl. S. 144).

Nach Bohn demonstriert Brigitt wortlos und auf ihre Weise für die Rechte der Jungen Gemeinde: „Sie hat keinen Wimpel an ihrem Fahrrad, und zwar weder den der FDJ noch den der `Jungen Gemeinde´ ...“[14]

Zusammenfassend kann man festhalten, dass sämtliche Mitglieder der Jungen Gemeinde - jeder für sich als Individuum - aus ihrer inneren Überzeugung handeln und unter enormen Druck des Regimes öffentlich, sei es mit Gesten, Taten oder Worten, zu ihrer Meinung stehen.

3.2. Die Hauptpersonen Ingrid Babendererde, Klaus Niebuhr und Jürgen Petersen

Alle drei Figuren stehen der Jungen Gemeinde distanziert gegenüber. Empört sind sie jedoch über die staatlich-schulische Kampagne, die gegen deren Mitglieder durchgeführt wird.[15] Jeder der drei Hauptpersonen versucht auf seine eigene Art und nach seinem Gefühl von Gerechtigkeit, die Mitglieder der Jungen Gemeinde zu verstehen und zu verteidigen. Ebenso ist jeder von seiner Herkunft und von seiner politischen Meinung geprägt. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass Ingrid, Klaus und Jürgen sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit der Thematik des Kirchenkampfes auseinandersetzen.

In ihrer Mutter Katina hat Ingrid eine starke Persönlichkeit, die nach ihren Gefühlen und ihrer inneren Überzeugung handelt. Sie ist es, die mit den politischen Entwicklungen an der Schule nicht einverstanden ist und ihren Beruf als Lehrerin aufgibt, da sie sich nicht mehr mit den an der Schule staatlich verordneten Richtlinien identifizieren kann (vgl. S. 56/57). Diese Erziehung und das Vorleben der Mutter haben Ingrid geprägt. So weigert sich auch Ingrid, die zwar grundsätzlich den Sozialismus bejaht, aber dennoch nicht bereit ist, die Erwartung der Partei zu erfüllen und Mitglieder der kirchlichen Gruppe zu diffamieren.[16]

[...]


[1] Vgl. Paasch-Beeck, Rainer: Konfirmation in Güstrow. In: Fries, Ulrich; Helbig, Holger (Hrsg.); Johnson Jahrbuch, Band 5. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag. Göttingen 1998. S. 54.

[2] Vgl. Unseld, Siegfried: Nachwort. In: Johnson, Uwe: Ingrid Babendererde. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1985. S. 251, 262.

[3] Vgl. Hoppe, Rainer Benjamin: „Mangelhaft!“. In: Fries, Ulrich; Helbig, Holger (Hrsg.). Johnson Jahrbuch, Band 1. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag. Göttingen 1994. S. 195.

4 Vgl. Kaufmann, Christoph: Agenten mit dem Kugelkreuz. Evangelische Verlagsanstalt. Leipzig 1995. S. 52.

[5] Kaufmann: Agenten mit dem Kugelkreuz. A.a.O., S. 51.

[6] Vgl. Windfuhr, Manfred: Erinnerung und Avantgarde. Universitätsverlag Winter. Heidelberg 2003. S. 41.

[7] Interview mit Phillys Meras. Zit. Nach: Baumgart, Reinhard (Hrsg.). Über Uwe Johnson. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1970. S. 169.

[8] Born, Arne: Wie Uwe Johnson erzählte. Revonnah Verlag. Hannover 1997. S. 18.

[9] Vgl. Windfuhr: Erinnerung und Avantgarde. A.a.O., S. 54.

[10] Uhlig, Gottfried: Dokumente zur Geschichte des Schulwesens der Deutschen Demokratischen Republik, Teil 1: 1945-1955. Berlin 1970. S. 280.

11 Vgl. Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Artikel 41, Absatz 1. Berlin 1949.

[12] Vgl. Born: Wie Uwe Johnson erzählte. a.a.O., S. 35.

[13] Vgl. Windfuhr: Erinnerung und Avantgarde. A.a.O., S. 59, 60.

[14] Bohn, Volker: In der anständigsten Art, die sich dafür denken läßt, Uwe Johnsons Erstlingsroman „Ingrid Babendererde“. In: Riedel, Nicolai (Hrsg.). Uwe Johnsons Frühwerk. Bouvier Verlag Herbert Grundmann. Bonn 1987. S. 209.

15 Vgl. Mecklenburg, Norbert: Die Erzählkunst Uwe Johnsons. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1997. S. 161.

[16] Vgl. Hofmann, Michael: Uwe Johnson. Philipp Reclam jun. Verlag. Stuttgart 2001. S. 43.

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638358361
ISBN (Buch)
9783638776752
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36109
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Verarbeitung Kirchenkampfes Johnsons Ingrid Babendererde Proseminar

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