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Funktion, Bedeutung und Kritik von Wahlkampfdebatten im Kontext der amerikanischen Politik und Mediengesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stellung des Präsidenten im US-amerikanischen Präsidialsystem

3. Bedeutung, Funktion und Kritik von Wahlkampfdebatten in der mediatisierten amerikanischen Politikkultur
3.1 Politikperspektive: Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten in der jüngeren amerikanischen politischen Geschichte
3.2 Wählerperspektive: Debatten und ihr Einfluss auf den amerikanischen Wähler und seinen Wahlentscheid
3.3 Medienperspektive: Kritische Betrachtung amerikanischer Wahlkampfdebatten unter dem Blickwinkel der Medienlogik

4. Schlußbetrachtungen

Anhang

Quellenverzeichnis

Buch- und Zeitschriftenressourcen

Internetressourcen

Videoressourcen

„I know one thing about the position of the president. It’s the only position in our Constitution that’s filled by an individual who is given the responsibility to fight ... for all of the people.”[1]

- Al Gore

„In an election process in which citizens are regularly bombarded with banal media messages, debates are granted a special status in the hierarchy of campaign communication forms. The public accords greater credence to debates than to news coverage and candidate advertising.”[2]

- Diana Owen

1. Einleitung

Im amerikanischen Wahlkampf versinnbildlichen die im Fernsehen übertragenen Wahlkampf-debatten während der general election Wahlkampfphase wie kaum ein anderes Ereignis den medienwirksamen Wettstreit zwischen den Kandidaten. Interessierten Beobachtern der ameri-kanischen Politikszene werden deshalb nicht nur die Kontroversen um den Ausgang der letzten Wahl im Gedächtnis geblieben sein, sondern auch die Wahlkampfdebatten, die im Oktober 2000 zwischen George W. Bush und Al Gore in Szene gesetzt wurden.

Fernsehdebatten haben seit ihrem ersten Einsatz, der auf den Wahlkampf zwischen Nixon und Kennedy im Jahr 1960 zurückreicht, in der amerikanischen Politik immens an Bedeutung ge-wonnen. Präsidentschaftskandidaten konnten seither stets sicher sein, daß „anywhere between 60 ... and 90 percent of the population tun[e] in to at least part of a debate“[3]. Damit sind Fernsehdebatten heute als „institutions of the American electoral process”[4] kaum noch aus dem Wahlkampfgeschehen wegzudenken und werden alle vier Jahre von Politik, Wahlvolk und Medien gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlicher Grundmotivation, mit großer Spannung erwartet.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Wahlkampfdebatten unter Berücksichtigung der Eigen-arten des amerikanischen Präsidialsystems und der Medienlogik sowohl in ihrer geschicht-lichen Entwicklung darzustellen als auch Gründe für ihren stetigen Bedeutungsgewinn und damit verbundene Problemstellungen aufzuzeigen.

Im ersten Kapitel soll auf die wichtigsten Besonderheiten des präsidialen amerikanischen Regierungssystems eingegangen werden. Ein besonderer Blick wird auf die Stellung des US-Präsidenten in der amerikanischen Verfassung zu werfen sein, die, wie zu argumentieren sein wird, die Entstehung einer ausgeprägten Wahlkampfdebattenkultur in den USA begünstigte.

Im Hauptteil der Arbeit soll die Stellung von Wahlkampfdebatten in der von starkem Medieneinfluß geprägten amerikanischen Politikkultur analysiert werden. Bei dieser Betrach-tung soll zuerst die geschichtliche Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten für die Politik dargestellt werden. Im Anschluß wird auf den Einfluß von Debatten auf den Wähler und seinen Wahlentscheid einzugehen sein, um daraufhin Wahlkampfdebatten kritisch aus dem Blickwinkel von Medieninteressen und Medienlogik auszuleuchten.

Einige Schlußbemerkungen wollen die argumentativen Punkte der vorliegenden Arbeit zu-sammenführen und zugleich auch einen Blick in die Zukunft der amerikanischen Wahl-kampfdebattenkultur wagen.

2. Die Stellung des Präsidenten im US-amerikanischen Präsidialsystem

Die Gründerväter der Vereinigten Staaten gaben der US-Verfassung die Form einer Präsi-dialdemokratie. Dies sollte einschneidende Auswirkungen auf die Stellung der verschiedenen Verfassungsorgane und ihrem Verhältnis untereinander haben. Es ergaben sich speziell bei der Stellung des US-Präsidenten Besonderheiten, die sich von Position und Funktion eines Premierministers oder Kanzlers in Verfassungen europäischer Provenienz deutlich absetzen.

Der amerikanische Präsident wird in Volkswahl über ein Wahlmännergremium von den Bürgern auf vier Jahre gewählt und kann sein Amt nach möglicher einmaliger Wiederwahl maximal für acht Jahre ausüben. Die Direktwahl verleiht ihm nicht nur ein einmaliges und außergewöhnlich hohes Maß an Legitimation in seiner Repräsentanz des Volkswillens, son-dern zugleich auch eine starke Bindung und Verantwortung gegenüber dem Wahlvolk.

In Amerika gilt der Präsident als nationales Identitätssymbol und zentrale Führerfigur. Er wird als Symbol nationaler Einheit inmitten vielfältigster ethnischer und geographischer Verschiedenheit verehrt. Das Volk erwartet, daß der Präsident „die Nation, ihr Denken und Fühlen, überzeugend zu repräsentieren, die kollektive Seele der Nation anzusprechen und die Bürger zusammenzubinden [vermag]“[5]. In der jüngeren amerikanischen Geschichte ver-mochte dies Ronald Reagan während seiner Präsidentschaft in den 80er Jahren wohl mehr als jeder andere Präsident zu tun, unter anderem mit seiner emotionalisierenden und allego-riereichen Bezugnahme auf Amerika als „shining city upon a hill“[6].

Hollywood hat die zentrale Stellung des Präsidenten in der amerikanischen Psyche in zahlreichen Filmen anschaulich fiktionalisiert. Es sei zur Illustration u.a. an die Verkörperung des US-Präsidenten durch Michael Douglas in dem Film „The American President“, Harri-son Ford in „Air Force One“ und Bill Pullmann in „Independence Day“ erinnert.

Die Aufgaben des amerikanischen Präsidenten sind vielfältiger Art. Er verkörpert Staats-oberhaupt und Regierungschef in einem, er steht dem ausgedehnten Verwaltungsapparat der Bundesbürokratie vor, ist zudem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, oberster US-Diplomat und gilt inoffiziell auch als Chef seiner Partei.

Das in der amerikanischen Verfassung stark ausgeprägte System von checks and balances sorgt dafür, daß „die klassischen Gewalten Präsident und Kongreß zwar institutionell strikt voneinander getrennt [sind], aber für die Durchsetzung ihrer politischen Vorstellungen in hohem Maße aufeinander angewiesen und ineinander verschränkt [sind][7]. Eine institutionelle Schwäche des Präsidenten zeigt sich beispielsweise in der Zustimmungspflicht des Kongres-ses zu Personalentscheidungen, außenpolitischen Vertragsschlüssen und Budgetvorschlägen des Präsidenten. Seine Funktion als indirekter Gesetzgeber hängt oft von seiner Gunst im Kongress ab, wobei sich der Präsident in seiner agenda setting Funktion oft in einer „strategy of going public“[8] direkt ans Volk wendet, um Druck auf den Kongreß auszuüben.

Erfolg oder Mißerfolg einer Präsidentschaft hängen somit jedoch nicht nur von den ver-fassungsmäßigen Gegebenheiten, sondern in nicht unerheblichem Maße auch „von der Person des Amtsinhabers, vom Grad der Zustimmung oder Ablehnung, die er in der Nation findet [ab]“[9], eine Tatsache, die, vorgreifend auf die Rolle, die der zukünftige Präsident auszuüben haben wird, auch im Wahlkampf ganz unbewußt zum Thema wird. Nicht zuletzt wollen die Wähler einen Kandidaten ins Weiße Haus entsenden, „[who is] in touch with the people“[10] und der durch die Kraft seines Charismas, seiner Erfahrung, Kompetenz und Über-zeugungskraft in Washington politisch etwas bewegen kann. Popkin bemerkt in diesem Zusammenhang, daß „[v]oters care about the competence of the candidate, not just the can-didate’s issue positions, because ... they care about what the candidate can deliver from go-vernment”[11].

Die starke Stellung des Präsidenten kontrastiert deutlich mit der der Parteien, denen im präsi-dialen US-Regierungssystem eine funktionsschwache Rolle zukommt. Die Parteien fungieren überwiegend als Wahlkampfmaschinen, die bei der finanziellen Ausstattung der Kandidaten helfen und oft nur auf den party conventions, als Höhepunkt derer mit viel Showbeilage die jeweiligen Kandidaten für die Präsidentenwahl offiziell gekürt werden, offen zu Tage treten.

Die Schwäche des amerikanischen Parteiensystems hat zur Folge gehabt, daß die Kandidaten in der Wahlkampfführung weitgehend auf sich allein gestellt sind und einen stark personali-sierten und privatisierten Wahlkampf führen müssen, der weit über europäische Verhältnisse hinausgeht. Auch Wahlkampfstrategien ganz anderer Art sind zur Notwendigkeit geworden, u.a. wird heutzutage eine hohe Medienkompetenz vorausgesetzt, da nur sie es in einer von den Medien geprägten Gesellschaft den Kandidaten ermöglicht, ihre Botschaft erfolgreich ans Wahlvolk zu bringen. Die Benutzung von Wahlkampfdebatten als Mittel politischer Kom-munikation in einer solchen Umwelt spielt eine entscheidende Rolle, wie noch im einzelnen aufzuzeigen sein wird. Im folgenden Hauptteil der Arbeit soll es deshalb um die Bedeutung von Debatten für Politik, Wählerschaft und Medien gehen.

3. Bedeutung, Funktion und Kritik von Wahlkampfdebatten in der mediatisierten amerikanischen Politikkultur

3.1 Politikperspektive: Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampfdebatten in der jüngeren amerikanischen politischen Geschichte

Im Fernsehen übertragene Wahlkampfdebatten gehören, mit zeitweiliger Unterbrechung, seit mehr als 40 Jahren zum politischen Prozeß der USA und sind eng mit der Verbreitung des Fernsehens in der amerikanischen Gesellschaft verbunden, die in den 50er Jahren stattfand. Man kann jedoch argumentieren, daß die Entwicklung der Bedeutung von Wahlkampf-debatten bereits sehr viel früher von President Franklin D. Roosevelt vorgezeichnet wurde, dessen „informal radio ´fireside chats´ in the 1930s established new means of communication between politicians and public”[12]. Was das Radio zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu leisten vermochte, sollte vom Fernsehen leicht übertroffen werden. Das Medium Fernsehen, in den 50er Jahren noch von vielen nicht als wirksames Mittel politischer Kommunikation ernst genommen, sollte sich schon bald als mächtiges politisches Instrument herausstellen.

Der Siegeszug des Fernsehens als bedeutendstem politischen Kommunikationsmedium be-gann 1960, als zum ersten Mal eine Wahlkampfdebatte im Fernsehen übertragen wurde. „[T]elevision”, merkt der Pulitzer-prämierte Journalist Theodore White an, „was ready to set the stage of modern politics“[13]. Die am 26. September 1960 in Chicago, Illinois abgehaltene etwa einstündigen Debatte zwischen Vizepräsident Richard M. Nixon und Senator John F. Kennedy, die als Beginn der Great Debate s Serie in die Geschichte eingehen sollte, wurde von CBS live übertragen und von fast 70 Millionen Amerikanern gebannt im Fernsehen verfolgt. Kennedys jugendlicher Charme sollte in der Folge seines Fernsehauftritts seiner Kampagne weiteren Schwung verleihen und zu seinem knappen Sieg über Nixon beitragen. Politische Analysten waren sich einig, daß es der Fernsehaspekt in den insgesamt vier im 1960er Wahlkampf durchgeführten Debatten war, der die Entscheidung gebracht hat. White bemerkt hierzu: „It was the picture image [in the debates] that had done it”[14]. Die Art und Weise, wie im Amerika des sich abzeichneten „entertainment-driven electronic media age“[15] Wahlkämpfe abgehalten werden sollten, würde sich für immer ändern.

Gleichwohl begegneten Kandidaten in den folgenden Jahren Debatten zunächst mit Vorsicht, da sie sich ihrer Eigenschaft als „make-or-break events“[16] bewußt waren, deren Ausgang von keiner der beiden Seiten mit Sicherheit vorausgesagt werden konnte. Sie wagten sich nur der Debattenoption zu bedienen, falls „each [side] felt ... that the confrontation would be in his self-interest“[17]. Im Wahlkampf 1976 traf das 16 Jahre nach der Great Debate Serie erstmals wieder zu, womit im Fernsehen übertragene Debatten wieder auf die politische Bühne zurückfanden. Die Debattenserie zwischen Gouverneur Jimmy Carter und Präsident Gerald Ford wurde von jeweils über 60 Millionen Menschen am Fernsehschirm verfolgt.

Die Debatten im Wahlkampf 1976 kennzeichneten den Ursprung zweier Elemente, die bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit bewahrt haben. Zum einen zeigten sich bereits damals erste schwache Ansätze, die Wähler stärker in den Wahlkampfdebattenprozeß einzubinden darin, daß zum ersten Mal eine Zuhörerschaft den Verlauf der Debatten im Studio verfolgen konnte, obgleich das Publikum nicht in den Fernsehaufnahmen gezeigt werden durfte. Die Frage, wie die Wähler in die Debatten am besten involviert werden könnten, beschäftigt auch heute noch die Wahlkampfforschung. Zum zweiten wurde durch die Intensität der Vorbereitung der beiden Kandidaten auf das Zusammentreffen mit dem Gegenkandidaten deutlich, wie sehr insbesondere durch die im Fernsehen ausgestrahlten Wahlkampfdebatten „für die Politik ein massiver Inszenierungsdruck“[18] im Entstehen begriffen war. Zu welchen Mitteln Politiker durch diese Umstände greifen würden, zeigt u.a. die Art, wie Präsident Ford im Vorfeld auf die Debattenserie mit Jimmy Carter 1976 von seinen Wahlkampfberatern vorbereitet wurde:

„[L]eaving nothing to chance, [they] built ... a mock-up of the actual set to be used [for the debate with Carter in Philadelphia] ... [and] a television set was placed on Carter’s lectern and old tapes of Carter answering questions ... were run off over closed-circuit TV so that Ford could familiarize himself with Carter’s style”[19].

Zudem wuchs rasch die Bedeutung der Umfrageforschung im allgemeinen und von sogenannten focus groups im Besonderen. Bei den letzteren handelt es sich um nach genau kalkulierten demographischen Gesichtspunkten zusammengesetzte Gruppen von Menschen, aus deren Befragungsergebnissen man sich u.a. Rückschlüsse auf die öffentliche Meinung zu aktuellen politischen Themen und zu Erscheinungsbild und Glaubwürdigkeit einzelner Politiker sowie der Politik insgesamt erhofft.

In der jüngeren Zeit, in der Wahlkämpfe in Amerika immer teuerer geworden sind, ist ebenfalls von einem starken Anwachsen der Bedeutung von Debatten für die Politik in finanzieller Hinsicht auszugehen. Auf diesen Aspekt weißt Arterton hin, wenn er feststellt, daß „debates offer campaigners unparalleled opportunities for free media exposure to a huge audience“[20]. Dem kann noch hinzugefügt werden, daß es sich hierbei um free media zur prime time und während der entscheidenden letzten Wochen vor der Wahl Anfang November handelt, was ihre Attraktivität für die Kandidaten noch weiter erhöht hat. Darüber hinaus sollte ebenfalls vermerkt werden, dass es vereinzelt sogar Vorschläge und Bestrebungen gegeben hat, die Teilnahme von Kandidaten an Fernsehdebatten zur Bedingung für die Ver-gabe von staatlichen Wahlkampfmitteln zu machen.

Die Debatten zwischen 1980 und 1992 folgten weitgehend den bereits etablierten und bekann-ten Schemen. Besonders bei der Kandidatenkonstallation im Wahlkampf 1988 fiel auf, wie im Fernsehzeitalter image ein Übergewicht über Inhalt erlangt hatte. Der gegen George Bush angetretene Michael Dukakis kam besonders in den Wahlkampfdebatten als ausgesprochen gefühlskalt herüber. Merklich unemotional bejahte er die ihm gleich zu Beginn der ersten Debatte gestellte Frage eines Journalisten, ob er auch dann für die Abschaffung der Todesstrafe eintreten würde, wenn seine eigene Frau einem Vergewaltungsverbrechen zum Opfer fallen würde. Solche und ähnliche Verhaltensweisen insbesondere während der medienwirksamen Debatten dürften Dukakis im Besonderen bei den weiblichen Wählern ein erhebliches Stimmenkontinent gekostet haben.

In der general election Phase im 1992er Wahlkampf, in der ebenfalls drei Debatten durchgeführt wurden, kam es in der zweiten Debatte zu einem Zusammentreffen von Präsident George Bush, Gouverneur Bill Clinton und dem texanische Milliardär Ross Perot in Richmond, Virgina. In dieser Debatte war es einem aus 209 noch unentschiedenen Wählern aus der Region zusammengesetzten Studiopublikum erstmals möglich, frei gewählte Fragen direkt an die Kandidaten zu richten. Dieser Umstand und in gleichem Maße auch die Tatsache, daß mit Ross Perot wieder ein unabhängiger Kandidat das traditionelle Zweige-spann eines Demokratischen und eines Republikanischen Kandidatenduos auflockerte, sorgte für eine Debatte, die als auffallend issue -orientiert bezeichnet werden konnte.

Die general election Debatten zwischen Bob Dole und Amtsinhaber Bill Clinton im Wahlkampf 1996 erlebten einen Rückgang bei den Zuschauerzahlen, was aber eher auf das weitgehende Fehlen von Spannung und Kontroversen im Wahlkampf als auf nachlassendes Interesse der Wähler an Debatten insgesamt, zurückgeführt wurde.

Seit 1960 haben sich bezüglich der Umstände, unter denen Debatten ausgetragen wurden, einige Veränderungen ergeben. Verschiedene Debattenformate haben Anwendung gefunden, wobei der Debattenstil insgesamt informeller geworden ist (Vgl. dazu Abbildungen 1, 2, 3 und 4 im Anhang). Kandidaten haben sich in den letzten Jahrzehnten entweder an einem Rednerpult, sitzend und in einer von einem Moderator dominierten Talk Show-ähnlichen Umgebung oder in einer durch einen Moderator geleiteten mehr oder weniger direkten Konversation mit dem Publikum den Zuhörern im Studio und vor dem Bilschirm gegenübergefunden. Die Quelle der an die Kandidaten gerichteten Fragen ist entweder eine Gruppe von Journalisten, ein Moderator oder das Studiopublikum selbst gewesen. Auch die Organisation der Wahlkampfdebatten hat in den letzten Jahrzehnten Änderungen erfahren. Zwischen 1976 bis einschließlich der ersten Debatte 1988 organisierte die League of Women Voters als unabhängige Institution diese Ereignisse. Seit 1988 hat eine Commission on Presidential Debates, der Mitglieder aus beiden großen Parteien zu gleichen Teilen ange-hören, diese Funktion übernommen. Beide Organisationen stellten ihre eigenen Kriterien auf, die unabhängige Kandidaten für die Teilnahme an den Debattenereignissen erfüllen müssen.

In den letzten zehn Jahren konnte ein Phänomen beobachtet werden, daß Wahlkampfdebatten in Zukunft verstärkte Konkurrenz bereiten könnte, ohne daß jedoch zu befürchten wäre, daß ihre Bedeutung ernsthaft in Frage gestellt werden könnte. Es handelt sich hierbei um das Bestreben der Kandidaten, vermehrt Talk Shows und talk radio zu frequentieren, die sich beide in Amerika großer Popularität erfreuen. Ross Perot zum Beispiel „virtually monopolised Larry King’s talk show programme on CNN ... [in the 1992 campaign] ... [turning his programme] into a near mandatory pit-stop for politicians”[21]. Im Wahlkampf 2000 war gleichermaßen zu beobachten, daß „Bush und Gore ... keine Talkshow [bei David Letterman, Jay Leno, etc.] ausgelassen [haben]“[22], weil ihren Wahlkampfberatern bewußt war, dass auf diese Weise Millionen von politisch sonst nur mäßig interessierten Wählern erreicht werden konnten. Der Korrespondent Günther äußerte in einem Artikel zum Wahlkampf 2000 die Vermutung, daß nun in solchen sogenannten soft media Formaten, und nicht mehr in Fernsehdebatten, die „Musik in der Spaßgesellschaft“[23] spiele. Dieses Bild muß jedoch relativiert werden. Es lassen sich keine Anzeichen dafür erkennen, daß auch nur einigermaßen gebildete und politisch informierte Wähler die in Talk Shows betriebene oberflächliche Banalität bei der Weitergabe politischer Informationen dem issue -bezogenen Inhalt von Wahldebatten vorziehen würden.

[...]


[1] Video-Ausschnitt 2, 3:26.

[2] Owen, S. 139.

[3] Owen, S. 139.

[4] ibid, S. 136.

[5] Wasser (1996), S. 112.

[6] PBS NewsHour, “Debates and Campaigns”, “1980”.

[7] Wasser (1996), S. 108.

[8] Kerbel, S. 108.

[9] Wasser (1996), S. 108.

[10] Just et al., S. 137.

[11] Popkin, S. 61.

[12] Martin, S. 1 (auf printout).

[13] White (1983), S. 165.

[14] White (1964), S. 290.

[15] Martin, S. 1.

[16] Bibby, S. 299.

[17] Germond et al., S. 191.

[18] Meyer, S. 59.

[19] Germond et al., S. 193f.

[20] Arterton, S. 170.

[21] Martin, S. 2 (auf printout).

[22] Günther, S. 3.

[23] ibid, S. 3.

Details

Seiten
26
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638358095
Dateigröße
895 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36071
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Politische Wissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Funktion Bedeutung Kritik Wahlkampfdebatten Kontext Politik Mediengesellschaft Politischer Prozess

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