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Sounding the Uprisings. Musik im Arabischen Frühling am Beispiel Ägypten

von Janine Wieslings (Autor)

Magisterarbeit 2016 78 Seiten

Kulturwissenschaften - Naher Osten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thematische Einführung und Methodik

3. Musik und Soziale Bewegungen
3.1. Theoretische Literatur
3.2. Soziale Bewegung
3.3. Bewegungskultur
3.4. Musik und ihre Bedeutung für Soziale Bewegungen
3.5. Musik und Emotion
3.6. Musik, Identität und Szenekultur
3.7. Musik und Ihr Sozialer Aspekt
3.8. Education, Recruitment, Mobilization and Spirit Maintenance
3.8.1. Spirit Maintenance
3.8.2. Education
3.8.3. Recruitment
3.8.4. Mobilization
3.9. Musik – Erfolgschancen und Grenzen
3.10. Reflexion und Zusammenfassung

4. Der Arabische Frühling - Ein Überblick

5. Fallbeispiel Ägypten
5.1. Historische Protestmusik
5.2. Musik und Zensur
5.2.1. Musikszene
5.2.2. Zensur und Staatliche Kontrolle
5.2.3. Auftrittsorte und Öffentliche Konzerte
5.2.4. Censors of Creativity-Studie
5.3. Musik im Arabischen Frühling
5.3.1. Kulturelle Revolution?
5.3.2. Rollen und Bedeutungen von Musik
5.3.3. Do It Yourself
5.3.4. Virtuelle Verbreitung
5.4. Musiker und Repertoire
5.4.1. Repertoire
5.4.2. Musiker
5.4.2.1. Ramy Essam
5.4.2.2. Eskenderella
5.4.2.3. Cairokee
5.4.3. Pro-Regime Musiker
5.4.4. Musikalische Rezeption im Ausland
5.4.5. Schlussbemerkung

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Ende des Jahres 2010 brachen in Tunesien heftige Unruhen aus, die sich innerhalb weniger Wochen auf Ägypten und andere Länder der MENA-Region[1]ausbreiteten. Eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit den autoritären Regimen ihrer Länder war Hauptgrund dafür, dass tausende Menschen in wochenlangen Protesten auf die Straße gingen. Übergreifend über die von Protesten betroffenen Länder der Region spielten Künstler verschiedenster Genres eine wesentliche Rolle dabei, diese Unzufriedenheit an die Öffentlichkeit zu tragen. Auch eine Vielzahl Musiker und Bands unterschiedlichster Stilrichtungen war in diesen Protestbewegungen involviert. Insbesondere aus Ägypten gibt es zahlreiche Beispiele von Musikern, die Lieder schrieben, in denen sie sich auf gesellschaftliche Probleme in Ägypten und Ereignisse um den Arabischen Frühling beziehen. Einige Musiker traten im Zuge der Proteste auf zentralen Plätzen wie dem Kairoer Tahrir-Platz auf, andere nutzten Onlineportale und soziale Netzwerke, um ihre Lieder zu verbreiten und erlangten auf diese Weise zum Teil internationale Bekanntheit. Die Situationen und Kontexte, in denen Musik im Arabischen Frühlings entstand und von Bedeutung war, sind jedoch noch außerordentlich vielfältiger, als die soeben genannten Beispiele.

Das Hauptaugenmerk dieser Magisterarbeit mit dem TitelSounding[2]the Uprisings – Musik im Arabischen Frühling am Beispiel Ägyptenwird auf der Auseinandersetzung mit den Fragestellungen liegen, welche Rollen Musik und Musiker im Zuge der Aufstände in der MENA-Region gespielt haben und welche musikalischen Ausdrucksformen die Menschen im Zuge der Ereignisse gewählt haben. Der Arabische Frühling als politisch-gesellschaftliches Ereignis an sich wird in seiner weitreichenden Komplexität jedoch nicht im Fokus meiner Arbeit stehen. Vielmehr werde ich mich darauf konzentrieren, Musik als integralem Teil der Protestbewegung und der Aufstände des Arabischen Frühlings untersuchen. Konzentrieren werde ich mich dabei auf rein auditive und weniger auf visuelle Aspekte von Musik, wie sie in ihrer Weiterverarbeitung in z.B. Musikvideos zu beobachten wären.

Einen regionalen Schwerpunkt lege ich in dieser Arbeit auf Ägypten, werde aber vereinzelt auch auf Beispiele aus Tunesien und Syrien zu sprechen kommen. Im Verlauf der vorliegenden Arbeit möchte ich verschiedene Musikern und Bands vorstellen, die kurz vor, während und auch nach den Aufständen Musik geschrieben und gespielt haben und werde mich dabei fast ausschließlich mit Musikern befassen, die die Protestbewegungen unterstützt haben. Ich möchte aber auch einen Blick auf Musiker werfen, die sich nicht eindeutig vom Regime distanziert haben.

Diese Magisterarbeit ist thematisch in fünf Abschnitte unterteilt, die ich im Folgenden kurz vorstellen möchte:

Im ersten Abschnitt möchte ich, nach einer Vorstellung der Arbeitsweise und Methodik, die ich für diese Arbeit angestrebt habe, in das Themenfeld meiner Arbeit einführen und erste eigene Überlegungen und Ansätze vorstellen.

Im zweiten Abschnitt möchte ich die beiden Grundlagenthemen beleuchten, die zum Verständnis dieser Arbeit von Bedeutung sind. Zum einen werde ich in diesem Abschnitt theoretische Ansätze zur Analyse von Musik in sozialen Bewegungen im Allgemeinen beleuchten und zum anderen auf die wichtigsten Aspekte des Arabischen Frühlings als historisches Ereignis und als Phänomen eingehen.

Der dritte Abschnitt leitet die Fallstudie zu Musik in Ägypten während des Arabischen Frühlings ein und dient der konkreten inhaltlichen Vorbereitung auf den vierten Teil zur Musik im Arabischen Frühling, der den Hauptteil der Arbeit bildet. In einem von zwei Kapiteln dieses Abschnitts werde ich einen kurzen Abriss der historischen ägyptischen Protestmusik geben und hierbei auch einzelne Persönlichkeiten der historischen Protestmusik vorstellen, die in direktem Zusammenhang mit der Musik stehen, die während des Arabischen Frühlings entstanden ist. In einem weiteren Kapitel dieses Abschnitts werde ich die Musikszene in Kairo untersuchen, die stellvertretend für die Situation von Musikern in Ägypten während der Amtszeit Präsident Hosni Mubaraks steht. Die Bedeutung von Zensur für die Musikszene in Ägypten werde ich anhand derCensors of Creativity-Studie von FREEMUSE & AFTE(2014) erörtern.

Im vierten Abschnitt werde ich unterschiedliche Texte von Wissenschaftlern besprechen, die sich mit Musik im Arabischen Frühling in Ägypten befasst haben und hierbei auf einzelne Aspekte aus vorangegangenen Kapiteln Bezug nehmen. Des Weiteren werde ich beispielhaft einige Musiker und Bands sowie ihre musikalischen Aktivitäten im Rahmen der Aufstände in Ägypten vorstellen und hierbei auch auf Liedtexte und Musikbeispiele eingehen.

Im fünften und letzten Abschnitt werde ich in einer Schlussdiskussion auf die Konsequenzen des Arabischen Frühlings für die Musikszene Ägyptens und die Zeit nach den Aufständen eingehen.

An dieser Stelle möchte ich bereits darauf hinweisen, dass ich mich insgesamt an deutsch- und englischsprachige Literatur und Übersetzungen von Liedtexten gehalten habe, da ich selbst kein Arabisch spreche.

2. Thematische Einführung und Methodik

Der Titel dieser MagisterarbeitSounding[3]the Uprisingsbedeutet frei übersetzt „den Aufständen einen Klang gebend“. Ich habe diesen Titel gewählt, da er für mich die zentralen Fragen dieser Arbeit zusammenfasst: in welcher klanglichen, musikalischen Form wurden die Anliegen, Gedanken und Emotionen der Aufstände des Arabischen Frühlings wiedergegeben und welche musikalischen Ausdrucksweisen haben die Menschen für sie gefunden?

Mein Interesse am Thema dieser Arbeit hat eine lange Vorgeschichte, die ich hier nur kurz zusammenfassen will. Im Abitur unterrichtete meine Geschichtslehrerin islamische Geschichte, und mein ganzes Studium über haben mich, u.a auch wegen dieses Hintergrundes, immer wieder Seminare zu Regionalbeispielen aus dem Nahen-/Mittleren Osten angezogen, insbesondere zu Musikthemen. Dies wiederum hat seine Wurzeln darin, dass ich aus einer Musikerfamilie stamme. 2008 bin ich schließlich selbst nach Syrien gereist; und als ein paar Jahre später die Aufstände ausbrachen und Freunde in Syrien von der aktuellen Musik erzählten, war erste Neugier am Thema geweckt. Als ich Videos des ägyptischen Musikers Ramy Essam zu sehen bekam, in denen er auf dem Kairoer Tahrir-Platz vor tausenden Menschen mit dem LiedIrhal(dt. Verschwinde!) auftrat, und mit welcher Inbrunst die protestierende Menge mitsang, da war ich von der Kraft, die dieses Lied und dieser Musiker auf die Menschen auszuüben schienen, überwältigt und zugleich fasziniert. Dies war der Moment, in dem ich mich zu fragen begann, was ist es an Musik, dass sie im Stande ist, Menschen so emotional reagieren zu lassen, und was hat sie an sich, dass sie vermag, Menschen auf diese überwältigende Art zu vereinen? Aus dieser Fragestellung heraus entstanden wiederum weitere Fragen: Welche Rolle hat Musik, möglicherweise auch gerade aufgrund ihrer vereinenden Fähigkeit, im Arabischen Frühling gespielt? Wie hat Musik die Proteste beeinflusst, und wie wiederum die Protestbewegung die Musik? Diesen Fragestellungen und weiteren, die an diese anknüpfen, werde ich im Verlauf dieser Arbeit auf den Grund gehen.

An all den Musikern, die im Arabischen Frühling aktiv waren, ganz gleich welchen Genres, fasziniert mich insbesondere die Unerschrockenheit, die Solidarität und die Kreativität, die sie durch ihre Musik und ihr Musikmachen in diesem Protestkontext zum Ausdruck gebracht haben. Die Hintergründe und die Motivationen dieser Musiker zu hinterfragen, war daher weiterer Gegenstand meiner Recherche.

Die vorliegende Magisterarbeit habe ich auf Basis von Printliteratur- und Internetquellen-Recherche erstellt. Eine empirische Forschung liegt ihr nicht zugrunde. Ich habe jedoch Interview-Material und Informationen aus verschiedenen Dokumentarfilmen verwendet.

Das Phänomen Musik im Arabischen Frühling ist bisher akademisch noch kaum ausführlich bearbeitet worden, was möglicherweise nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Geschehnisse erst wenige Jahre zurückliegen. Die wenigen akademischen Aufsätze, die bereits existieren, stammen von Wissenschaftlern in den USA und sind daher in englischer Sprache gehalten. An akademischen Schriften zum Thema habe ich verschiedene Abschlussarbeiten gefunden, darunter sehr spezifische zu Hip Hop in Tunesien und Ägypten im Kontext des Arabischen Frühlings. Hierbei handelt es sich um die Masterarbeiten von Nicholas Rocco Mangialardi zuEgyptian Hip Hop and the January 25th Revolutionund von Tilia Korpe zuArtivism in Tunis-Music and Art as tools of creative resistance & the cultural re:mixing of a revolution,sowie Hannah Schmidls MasterarbeitThe 2011 Egyptian Revolution and Social Change: Examining Collective Actions towardsTransformations in Public Space, in der sie sich u.a. auch mit musikalischem Ausdruck beschäftigt. Des Weiteren existiert eine Masterarbeit von Mohammad Magout zuHeavy Metal in Syria,in der es um die Heavy Metal Szene in Syrien bis kurz vor dem Ausbruch der Aufstände des Arabischen Frühlings geht. Ich werde nicht aus allen diesen Arbeiten zitieren, halte es jedoch für wichtig die Existenz dieser Arbeiten zu erwähnen.

Bisher sind, meiner Kenntnis nach, noch keine umfassenden Bücher zu Musik im Arabischen Frühling veröffentlicht worden. Hiervon einmal abgesehen, kann von einem Mangel an Material kaum die Rede sein. Die Entscheidung für eine Schwerpunktsetzung auf Ägypten in dieser Arbeit fiel letztendlich aufgrund der Menge an Ägypten-spezifischem Material, die ich während meiner Recherche zu Musik im Arabischen Frühling gefunden habe. Ich bin auf eine Fülle an Veröffentlichungen verschiedenster Art gestoßen; das meiste Material zu Kunst im Allgemeinen und im Speziellen zu Musik in dem von mir gewählten Beispielland Ägypten habe ich aus Internetquellen wie z.B. Artikeln in Online-Zeitungen und -Zeitschriften, Homepages von Projektgruppen, Blogs, Facebook-Gruppen, ebenso Filmmaterial in Form von Dokumentarfilmen und Amateuraufnahmen von Live-Auftritten, die ich entweder von Regisseuren zur Verfügung gestellt bekam oder auf Youtube gefunden habe. Des weiteren habe ich mein eigenes soziales Netzwerk aktiviert und mit Freunden aus den betroffenen Ländern das Thema diskutiert. Diese boten mir auch die Vermittlung von Interviewpartnern aus Ägypten an. Ich entschied mich jedoch, in Anbetracht der Menge an bereits vorhandenem Material, gegen eine empirische Forschung. Eine große Hilfe waren mir die Wissenschaftler Mark LeVine, Thomas Burkhalter, Michael Frishkopf und Ted Swedenburg, die mir Einblicke in ihre eigenen Forschungsarbeiten gewährten und Material in Form von Literaturlisten, Seminar-Lehrplänen, Aufsätzen und teils unveröffentlichten Manuskripten zur Verfügung stellten.

Zu allgemeinen Theorien über Protestmusik und Musik in sozialen Bewegungen existieren einige Monographien, wenn auch nicht sehr viele. Für das KapitelMusik in sozialen Bewegungenhabe ich mich u.a. mit den in der einschlägigen Literatur vielfach zitierten US-amerikanischen Autoren Rob Rosenthal und Ron Eyermann beschäftigt, die ihre theoretischen Ausführungen durch praktische Beispiele aus den USA ergänzen. Auf einzelne Aspekte ihrer Theorien werde ich im genannten Kapitel dieser Arbeit näher eingehen, während ich mich mit den US-amerikanischen Beispielen nicht ausführlicher befassen werde.

Informationsmaterial und Literatur zu Musik im Arabischen Frühling ist, wie bereits erwähnt, insbesondere im Internet sehr umfangreich vorhanden. Bis heute kommen stetig neue Artikel über Solomusiker und Bands hinzu, die sich mit dem Thema befassten oder noch befassen, ebenso wie allgemeinere Artikel zur Situation der Künstler in Ägypten vor, während und nach den Aufständen. Zu tunesischen Künstlern gibt es ähnlich viel Material im Internet, mit dem ich mich aber im Rahmen dieser Arbeit weniger beschäftigen werde.

Insbesondere in Onlineartikeln wurde, und wird auch heute noch, immer wieder von Musikern berichtet, die zu Symbolfiguren, Ikonen und Volkshelden wurden, vonHymnenschreibernund vomSoundtrack der ägyptischen Revolution, vom hoffnungsvollen, unerschrockenen Engagement vieler Musiker und Kulturschaffender allgemein, und schließlich, in neueren Artikeln, von der Ernüchterung und vom Abflachen einer außergewöhnlichen Dynamik in der ägyptischen Musikszene.

Wozu ich leider kaum Informationen gefunden habe, ist, speziell zur Publikumsrezeption der Musik im Arabischen Frühling. Ich hatte gehofft Information dazu zu finden, welche Bedeutung Aktivisten und Protestierende der Musik im Arabischen Frühling für sich selbst und für die Gesellschaft und für die Zukunft ihres Landes zuschreiben. Für die Beantwortung dieser Fragestellungen wäre eine Feldforschung vor Ort sicher aufschlussreich gewesen, da ich keine ausführlicheren Informationen zu Publikumsstimmen gefunden habe.

Welche Bedeutung und welche Fähigkeiten Wissenschaftler und Musiker selbst der Musik zuschreiben im Zusammenhang mit den Aufständen in Ägypten, werde ich, anhand des vorhandenen Materials, dafür umso klarer versuchen zu beschreiben.

Viel Literatur zur Musik im Arabischen Frühling konzentriert sich auf die kontra-Regime Protestmusik, die in der Tat in der Überzahl geschrieben wurde, lässt aber die ebenfalls existente pro-Regime Musik größtenteils außen vor. Der Großteil der Berichterstattungen und Untersuchungen nimmt, meiner Empfindung nach, eine wenig kritische Haltung an. Fast alle Autoren, insbesondere die, die zwischen 2010 und 2012 zum Thema Kunst bzw. Musik im Arabischen Frühling in Ägypten geschrieben haben, neigen dazu, sich von der begeisternden Aufbruchstimmung der ersten Tage der Aufstände anstecken zu lassen und im „Geist der Protestierenden“ eine Anti-Regime-Haltung einzunehmen. Sie stellen, meiner Meinung nach, zu wenig in Frage von welcher Dauer und Tiefe die angestoßenen Veränderungen in der Gesellschaft im Allgemeinen und für die Künstler im Speziellen sein können. Wenig hinterfragt wird von ihnen ebenfalls, welche Ergebnisse Protestmusik in solch einer sozialen Bewegung überhaupt erzielen und was sie speziell in der ägyptischen Gesellschaft auf lange Sicht tatsächlich verändern und bewirken kann. Es mangelt an Literatur, die diese Thematik rund um die Beeinflussung der Aufstände des Arabischen Frühlings durch die Musik und umgekehrt, mit einem unvoreingenommeneren, breiter gefassten, kritischeren Blick untersucht.

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, ist das Ziel dieser Arbeit, einen Überblick darüber zu geben, an welcher Stelle, an welchen Orten und in welchem Rahmen und Kontext der Aufstände Musik und Musiker eine Rolle gespielt haben und welche Formen des musikalischen Ausdrucks gewählt wurden. Welche Funktionen Musiker übernommen haben und von welcher Bedeutung ihr künstlerisches Engagement für die Aufstände in Ägypten war, und ob sie Einfluss auf die weiteren Entwicklungen des Landes haben könnten, möchte ich ebenfalls untersuchen.

Bevor ich zum Hauptteil der Arbeit übergehe, möchte ich noch einige Punkte erwähnen, die vorab der Klarstellung bedürfen.

Da ich, aus Sicht eines Lesers ohne thematisches Vorwissen zum Thema dieser Arbeit, die Gefahr einer eindimensionalen Betrachtungsweise sehe, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass Musik und Musiker nicht nur für die Dynamik der Protestbewegung des Arabischen Frühlings eine Rolle gespielt haben. Die Bezüge von Musik und Musikern zu den vielfältigen Einzelfaktoren der Protestbewegung sind äußerst komplex. Von fast jedem erdenklichen Stichwort im Zusammenhang mit den Aufständen gibt es einen Bezug hin zur Musik. Politik, Machtmissbrauch, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit, Armut, Korruption, Ausdrucks- und Meinungsfreiheit, Zensur, (Neue)Medien, Protestaktivitäten, gesellschaftlicher Wandel... Zu jedem einzelnen dieser Stichworte und manchen mehr, gibt es einen Bezug zu Musik, die vor, während und nach dem Arabischen Frühling entstanden ist. Ich werde im Rahmen dieser Arbeit versuchen, die wichtigsten Zusammenhänge darzustellen.

Abschließend möchte ich an dieser Stelle hervorheben, dass mir durchaus bewusst ist, dass der Arabische Frühling als Begriff ein problematischer ist und aufgrund dessen auch in verschiedenerlei Hinsicht kritisiert wurde. In Ermangelung eines zufriedenstellenderen Begriffs werde ich ihn im Rahmen dieser Arbeit dennoch weiterhin verwenden. Auf die Begriffsproblematik werde ich im KapitelDer Arabische Frühling-Ein Überblicknoch genauer eingehen.

3. Musik und Soziale Bewegungen

In diesem Kapitel möchte ich mich einer theoretischen Betrachtung der Beziehung zwischen Musik und sozialen Bewegungen widmen.

Bedeutung, Funktion und Gebrauch von Musik in sozialen Bewegungen sind äußerst komplex und daher werde ich mich im Folgenden nur auf die Beschreibung einiger Möglichkeiten derselben beschränken. In erster Linie möchte ich im Folgenden untersuchen, wie Musik eine soziale Bewegung beeinflusst, aber auch die umgekehrte Perspektive werde ich betrachten.

3.1. Theoretische Literatur

Soziale Bewegungen wurden bisher in umfassendem Maße erforscht und beschrieben, wie sie entstehen, wie sie agieren und welche Auswirkung sie auf die Gesellschaft haben können; konkret die Verbindung zwischen Musik und sozialen Bewegungen und die ihr zugrunde liegende theoretische Basis ist, meiner bisherigen Erkenntnis nach, allerdings noch nicht sehr ausführlich behandelt worden, während es dagegen etwas allgemeiner zu Kunst und sozialen Bewegungen mehr Literatur gibt. Ich habe während meiner Recherche einige Aufsätze, aber nur wenige Monographien gefunden, die sich mit den Zusammenhängen von Social Movement Theory und Musik befassen. Mit der folgenden Literatur werde ich mich im Verlauf dieses Kapitels schwerpunktmäßig auseinandersetzen:Playing for Change.Music and musicians in the service of social movementsvon Rob Rosenthal und Richard Flacks(2012),Serving the movement. The role(s) of musicvon Rob Rosenthal(2001), Music and social movements. Mobilizing traditions in the twentieth centuryvon Ron Eyermann und Andrew Jamison(1998), undReds, Whites, and Blues: Social Movements, Folk Music, and Race in the United Statesvon William G. Roy(2013).[4]Die meisten der soeben genannten Autoren sind Soziologen und stellen ihre Theorien zum Zusammenhang von Musik und sozialen Bewegungen vor und konzentrieren sich auf Beispiele von Musik in sozialen Bewegungen aus der amerikanischen Geschichte, wie z.B. aus der Civil Rights Movement oder solchen aus der sog. 68er-Bewegung. Auf ihre Beispiele werde ich im Zuge meiner Ausführungen im Einzelnen jedoch nicht weiter eingehen, sondern meinen Fokus auf ihre theoretischen Ausführungen setzen. Im weiteren Verlauf dieser Abschlussarbeit werde ich diese auf mein gewähltes Beispiel Musik im Arabischen Frühling anzuwenden versuchen.

3.2. Soziale Bewegung

Grundlegend für meine Argumentation in diesem Kapitel ist die Definition dessen, was als eine soziale Bewegung bezeichnet werden kann. Die Definitionen, die ich gefunden habe, empfinde ich vielfach als nicht zufriedenstellend, da sie den Begriff nicht allgemein genug fassen. Ich gehe noch am ehesten mit Rosenthal und Flacks(2012:5-7) konform, nach deren Definition eine soziale Bewegung dann entsteht, wenn eine größere Gruppe von Menschen aus ihrer Alltagsroutine heraustritt und sich, mit außerordentlich viel Zeit und Energie, einem gemeinsamen Ziel widmet, über das sie sich als zusammengehörig definiert. Ein solches Ziel steht in diesem Fall oft in Zusammenhang mit Unzufriedenheit mit sozialen oder politischen Zuständen. Aktivisten sozialer Bewegungen fordern in vielen Fällen langjährig etablierte Autoritäten heraus, und ihre Aktionen richten sich gegen von ihnen als inakzeptabel empfundene Konventionen einer Gesellschaft. Sie präsentieren auf oft kreative Art und Weise Gegenentwürfe zu aktuellen gesellschaftlichen Strukturen und Zuständen und möchten diese, auch gegen Widerstand seitens einer etablierten Regierung oder einer anderen Autorität, durchsetzen. Aktivisten nehmen bei der Durchsetzung ihrer Ziele teils erhebliche Risiken auf sich, so z.B. bei öffentlichen Demonstrationen und Aufständen, oder aber auch durch das Singen von Liedern mit Texten, die Kritik an den Autoritäten beinhalten. Viele soziale Bewegungen gehen gewaltfrei vonstatten, während es gerade in Protestbewegungen auch zu gewaltsamen Ausschreitungen kommen kann.

Wie oben bereits erwähnt, bin ich mit vielen Versuchen soziale Bewegungen zu definieren nicht vollkommen zufrieden, da sie den Begriff nicht allgemein genug betrachten und sich daher für mich so lesen, als seien soziale Bewegung und Protestbewegung ein und dasselbe, was in obiger Definition von Rosenthal und Flacks ebenfalls anklingt. Bei einer sozialen Bewegung handelt es sich in meinem Verständnis um einen allgemeinen Überbegriff, während Protestbewegung eine Unterkategorie dessen ist, eine Form der sozialen Bewegung, die sich explizit gegen etwas wendet und dahingehend ein konkretes Ziel verfolgt, während eine soziale Bewegung solch ein Ziel haben kann, aber nicht muss und dieses auch nicht unbedingt mit derselben Vehemenz verfolgt.

Aufkommen und Erfolg einer sozialen Bewegung hängen stark davon ab, welchen Rahmen die Akteure fähig sind ihr zu geben, über den schließlich einzelne Geschehnisse von potenziellen Aktivisten und der weiteren Bevölkerung eines Landes verstanden und kontextualisiert werden können. Bei der Schaffung eines solchen Rahmens spielen auch und gerade die Ausdrucksformen eine Rolle, die sie für ihre Inhalte wählen(Rosenthal und Flacks 2012:7).

3.3. Bewegungskultur

Die Schaffung einer lebendigen Bewegungspraxis und -kultur und das damit verbundene Initiieren von Ritualen, die Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl bestärken und die Botschaft der Bewegung immer wieder ins Bewusstsein der Mitglieder rufen, sind Grundlage für die Bildung einer Bewegungsidentität und wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen sozialen Bewegung. Zu solcherlei Ritualen gehören u.a. auch Massenereignisse,wie Besprechungen, Versammlungen oder Demonstrationen.

Hier sind Bezüge herstellbar zu Viktor Turners(1969)Begriff vonCommunitas.„Die Erfahrung von Communitas hat eine wesentliche Funktion in der Protestpraxis vieler sozialer Bewegungen. Communitas ist eine ‚time out of time‛ jenseits vom Alltagstrott, ein Übergangsraum, in dem sich Menschen verändern, neue Gesellschaftsformen ausprobiert werden und politische Subjektivitäten entstehen.“(Ohne Verfasser 2015)

Soziale Bewegungen sind nicht nur Teil einer Kultur, sie schaffen im Raum ihrer Gemeinschaft auch eine dezidiert eigene mit ihren ganz eigenen Ritualen. „[...]Richard Schechner(1993)bespricht das Ritual als eine Form von Widerstand und Rebellion, das neue Ideen und Praktiken etablieren soll [...]. Im Bezug auf soziale Bewegungen ist seine Analyse von ‚Liminalität‛ besonders wichtig. Der Begriff stammt von Viktor Turner (1969) und bezieht sich auf Übergangsstadien oder -phasen zwischen zwei geordneten Strukturen, in denen sich die Akteure in ritualisierter Performanz ‚verlieren‛. Solche Phasen können selbst mehr oder weniger geordnet oder strukturiert sein, so wie[...] die eher spontanen Massendemonstrationen sozialer Bewegungen.“(Eyerman und Jamison 1998:37)[5]

Dies ist der Punkt, an dem Musik ins Spiel kommt. Musik kann Ausdrucksvehikel einer Bewegungskultur sein, wenn bspw. Musikstücke von Mitgliedern geschrieben werden, die Inhalte oder Ereignisse einer Bewegung beschreiben. Und sie kann Bestandteil ihrer Rituale sein, die ihr Struktur und Form geben, wie etwa durch das Singen einer Hymne zu einem spezifischen sich wiederholenden Anlass. So kann Musik gleichzeitig sowohl als Produkt und als Bestandteil einer Bewegungskultur gesehen werden.

3.4. Musik und ihre Bedeutung für Soziale Bewegungen

Eine zentrale Frage die es zu stellen gilt, bevor ich auf weitere Funktionen von Musik eingehen kann, ist die, ob und in wieweit Musik für soziale Bewegungen tatsächlich von maßgebender Bedeutung sein kann.

Die Frage nach dem „Ob überhaupt“, ist leicht zu beantworten, schaut man sich die vielen Beispiele von Musikern aus der ganzen Welt an, wie z.B. Bob Marley, Mahalia Jackson, Fela Kuti, Bob Dylan oder John Lennon, die in der Vergangenheit aktiver Bestandteil von Bewegungen waren und bis heute großen Bekanntheitsgrad genießen. Der Fakt, dass diese Musiker bis heute bekannt sind, ist bereits ein erster Hinweis auf die Antwort zu der Frage inwieweit Musiker für soziale Bewegungen von Bedeutung sein können. Sicherlich ist es möglich ihre anhaltende Bedeutung auf ihren Einfluss zurück zu führen, wobei sich hieraus jedoch kein zwingender Schluss ergibt.

In dieser Arbeit gehe ich daher von der Annahme aus, dass Musik von essentieller Wichtigkeit für Aufkommen, Fortentwicklung und Erfolg einer sozialen Bewegung sein kann. Viele Bewegungen haben ihre eigenen Lieder und symbolischen Hymnen, manche Bewegung entwickelte sich aus einer Musikszene heraus, dessen Mitglieder eine soziale oder politische Botschaft verbreiten wollten. Die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung(We Shall Overcome,interpretiert von Pete Seeger), die südafrikanische Anti-Apartheidsbewegung(Bring Back Nelson Mandelavon Hugh Masekela)oder der Fall des Eisernen Vorhangs(Wind of Changevon den Skorpions), all diese Ereignisse brachten Musik hervor, die bis heute noch einen überregionalen bis weltweiten Bekanntheitsgrad genießt.

Wie weitreichend die Bedeutung von Musik für soziale Bewegungen sein kann, ist nicht eindeutig und nur exemplarisch zu beantworten, da Intensität und Umfang ihrer Bedeutung von Beispiel zu Beispiel stark variieren. Letztendlich ist sie auch abhängig von den unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen der Berichterstatter und Akteure der einzelnen Bewegungen, wie z.B. Wissenschaftlern, Journalisten und Aktivisten, und davon wie Musiker sich selbst in einer Bewegung verorten.

Ich möchte weitergehen und die Frage in den Raum stellen, ob Musik möglicherweise sogar die Fähigkeit besitzt, eine Gesellschaft nachhaltig zu verändern und wenn ja, wie umfassend? Diese Frage wird mich durch die ganze Arbeit begleiten und so möchte ich sie zunächst einmal im Raum stehen lassen.

Fest steht für mich bis hierher schon einmal, dass Musik offensichtlich Einfluss auf die Mitglieder einer Bewegung und dadurch auf das Erreichen ihrer Ziele hat.

3.5. Musik und Emotion

Ich möchte argumentieren, dass Musik zu einem großen Teil aufgrund ihrer emotionalen Komponente die Fähigkeit besitzt, Einfluss auf soziale Bewegungen auszuüben. „Music speaks to the emotions better than pictures or words. It stirs people up.“ behauptet Charles Dobson(2001:3) und deutet damit an, worauf ich hinaus möchte. Musik hat, ich meine genau wie Dobson, sogar stärker als Bilder oder Schrift, die Fähigkeit, direkten Zugang zu den Emotionen von Menschen zu finden und sie zu berühren. Allein das kollektive Erlebnis eines Konzertes etwa oder des gemeinsamen Singens, kann ein Gefühl der Gruppen-zusammengehörigkeit erzeugen. Und so kann Musik auch zur Stärkung einer Gemeinschaft beitragen. Aus dem dem gemeinsamen Erlebnis erwachsenen Gefühl entsteht, meiner Meinung nach, auch die Kraft, die Mitglieder einer Bewegung zu der Überzeugung bringen kann, bisher scheinbar unmögliche Veränderungen herbeiführen zu können. Solch eine Krafterfüllung würde Emile Durkheim(1965) wohl als „collective effervescence“ bezeichnen.

Musik kann auf vielfältige Weise, über ihre Melodie, ihren Rhythmus und ihren Text, Ausdruck für Emotionen finden, so auch für die von Musikern und Aktivisten einer Protestbewegung. Hoffnung auf Veränderung, Wut und Hilflosigkeit lässt sich mit unterschiedlichster Protestkunst ausdrücken, allerdings hat wohl jede Kunstform ihre Besonderheiten, wie sie ihre Botschaft zu übermitteln vermag. Ich behaupte, dass Musik durch ihre stark emotionale Komponente Botschaften besonders effektiv überbringen kann. Ganz besonders Musik kann, wie ich glaube, durch ihre Fähigkeit direkten Zugang zu Emotionen finden, nicht nur Gefühlsleben, Gedanken und Verhalten von Mitgliedern einer Bewegung beeinflussen, es steht auch in direkter Verbindung zum Prozess ihrer Identitätsfindung.

3.6. Musik, Identität und Szenekultur

Musik kann nicht nur, wie soeben besprochen, ein kurzfristiges Gefühl von Zusammengehörigkeit hervorrufen und die Identitätsfindung eines Individuums beeinflussen, sie kann zum Zentrum der Identitätsbildung sich entwickelnder Gemeinschaften werden. Die Verbundenheit mit einer Band oder einem Musiker geht, in gewisser Hinsicht, automatisch einher mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Form der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, zu dem was man für gewöhnlich eine Fan-Gemeinschaft nennt. Diese Fan-Gemeinschaft definiert sich jedoch nicht allein über den gemeinsamen Musikgeschmack, sondern über eine Szene(Rosenthal und Flacks 2012:94), deren Bestandteil sie ist. Ich möchte spezifizieren, sie definiert sich über eine Szenekultur, die insbesondere durch Verhalten, Auftreten und Ansichten der ihr angehörigen Musiker in einer Art Vorbildfunktion geprägt und konstruiert wird, u.a. auf der Basis dieser Vorbildfunktion, Szene-spezifische Regelwerke, Rituale und Bedeutungs-zuweisungen. Auch eine Szene, begründet durch den Musik- und Life Style einer oder mehrerer bestimmter Musiker, mit dem sich eine Gruppe identifiziert und diesen verinnerlicht, kann demnach zum Ausgangs- und Mittelpunkt und zu einem Vehikel einer Bewegungskultur, ergo selbst auch zu einer sozialen Bewegung werden.

Musik und Musicking[6]insgesamt reflektieren und drücken daher Identität nicht nur aus, sie können auch Bestandteil ihrer Konstruktion sein. Sie beeinflussen die Determinierung des Soziallebens einer Person und helfen dadurch die „Identität an ihren Platz zu zementieren“. Es kann soweit gehen, dass eine bestimmte Musikrichtung repräsentativ für eine gesamte Lebensanschauung steht. „Identität kann daher zum Teil durch die Musik verstanden werden, und Musik zum Teil durch die Identität, mit der sie verbunden ist.“(Rosenthal und Flacks 2012:95)

3.7. Musik und Ihr Sozialer Aspekt

William G. Roy(2010b:2) bestätigt meine Annahme, dass Musik ein einflussreicher Faktor in sozialen Bewegungen sein kann und richtet den Fokus auf den Aspekt von Musik als etwas zutiefst Sozialem. Diesen habe ich schon weiter oben angedeutet, als es um das kollektive Erleben von musikalischen Ereignissen ging. Roy ist der Überzeugung, dass „Musik eine soziale Beziehung ist“. Er stellt die These auf, „dass der Einfluss von Musik auf die Aktivitäten und Ergebnisse sozialer Bewegungen weniger von der Bedeutung der Lyrik oder der akustischen Qualität einer Aufführung abhängt, als von den sozialen Beziehungen, die in ihr verwurzelt sind. Dies impliziert, dass Musik etwas fundamental Soziales ist.“ Er betont, dass Untersuchungen, die ihren Fokus auf Bedeutung von Text und akustische Qualität legen, die „profund soziologische Dimension“[7]davon vernachlässigen, wie Musik in sozialer Interaktion funktioniert.

Roy(2010a:86) argumentiert am Beispiel derCivil Rights-Bewegung in den USA, dass Musik weniger durch sich selbst, als mehr durch die soziale Beziehung, in der sie gemacht wurde, zu ihrer einflussreichen Rolle kam und dass es in seinem Beispiel bzgl. Musik weniger darum ging, dass Künstler für ein Publikum sangen als darum, dass die Musik Bestandteil einer gemeinschaftlichen Aktion war.

Ich möchte anfügen, dass Musik schon allein deshalb etwas Soziales ist, weil sie nicht aus sich selber heraus entsteht oder einfach nur für sich allein existiert, sondern vom sozialen Lebewesen Mensch erschaffen, und, in der Überzahl der Fälle, in einem sozialen menschlichen Miteinander praktiziert wird. Das Soziale ist also überhaupt Teil der Natur von Musik.

Bis zu diesem Punkt habe ich bereits verschiedenste Fragen zu klären versucht: u.a. die Frage danach, ob Musik eine in sich selbst begründete Kraft, im Sinne des englischen Wortespower,hat und wenn ja, woher sie diese bezieht, die Frage danach, ob sie so etwas wie einesocial force, eine soziale Kraft besitzt, und die Frage danach, ob sie die Fähigkeit besitzt zu Menschen zu sprechen und sie dadurch zu beeinflussen. Letzterer möchte ich im nächsten Abschnitt noch weiter nachgehen.[8]

3.8. Education, Recruitment, Mobilization and Spirit Maintenance

Eine Bedeutung für eine Gemeinschaft wie die einer sozialen Bewegung bekommt Musik u.a. durch die Rollen, die sie in ihr übernimmt oder auch zugewiesen bekommt. Ich halte mich im Folgenden an einen Versuch von Rosenthal(2001), die Rollen von Musik im Dienste sozialer Bewegungen auf struktur-funktionalistische Weise zu ordnen.

Rosenthal führt vier verschiedene potenzielle Rollen von Musik in sozialen Bewegungen an, die er über die Erfüllung von Bedürfnissen einer Bewegung klassifiziert; die Neuwerbung von Mitgliedern, welche er in die aufeinander aufbauenden Stufeneducate, recruitundmobilizeunterteilt, und diespirit maintenanceder bereits beigetretenen Mitglieder.

3.8.1. Spirit Maintenance

Alle Autoren der allgemeinen Literatur zu Musik in sozialen Beziehungen seien sich darüber einig, bemerkt Rosenthal(2001:11), dass die Funktion des Aktes des gemeinsamen Musizierens in derspirit maintenanceliege,in der Anhebung der Stimmung und Festigung der Moral derer, die bereits Mitglied einer Bewegung sind.

Über diespirit maintenancehinaus, kann Musik Mitgliedern einer Bewegung als Ausdrucksmittel der grundlegenden Vereinbarungen dienen, die sie zusammenhält, und die z.B. in Form einer Rede oder einer Debatte möglicherweise schwieriger zu übermitteln wären [als mit einem Lied, über dessen sympathische Melodie ein Zuhörer eventuell emotional leichteren Zugang zum Inhalt der Grundidee einer Bewegung findet]. Sie kann aber auch dazu dienen, auf indirektere Weise als durch eine Ansprache o.ä., Kritik an internen Gegebenheiten zu üben(Rosenthal 2001:12).

Auch an dieser Stelle sei die Funktion von Musik im Rahmen von Ritualen noch einmal erwähnt, das Gefühl zu bestärken eine Einheit sein zu können, ihren Mitgliedern Struktur und Halt zu geben, das Netzwerk einer Bewegung zusammen zu halten, die Solidarität aufrecht zu erhalten, um als Gemeinschaft stark genug zu sein und jegliche Hürden überwinden zu können.

3.8.2.

3.8.3. Education

Neben der Bestärkung des Zusammenhalts einer Gruppe ist schwieriger nachzuweisen, inwiefern Musik dazu fähig ist Überzeugungsarbeit zu leisten, Vorstellungen von Menschen zu beeinflussen und zu verändern, dahingehend dass sie von sich aus Teil einer Bewegung werden(Rosenthal 2001:12). Bisweilen gilt es, hierbei Menschen von einer Sache zu überzeugen, die vollkommen jenseits ihrer bisherigen Vorstellungskraft und Lebenswelt lag. Dies ist die Rolle von Musik, die Rosenthal miteducationbezeichnet. Eine direkte Übersetzung des Wortes inBildungsarbeitist, meiner Meinung nach, nicht ausreichend, um zu beschreiben, was er versucht auszudrücken. Da eine der Hauptbestrebungen einer sozialen Bewegung ist, neue Mitglieder zu werben, ist es viel mehr Überzeugungsarbeit, die wiederum weitere verschiedene Unterpunkte besitzt: das Näherbringen von neuen, bis dato möglicherweise völlig unbekannten Informationen und Fakten, oder eine neue Sichtweise auf bekannte Fakten oder den Hinweis auf den bis dahin nicht hergestellten Zusammenhang von verschiedenen Faktoren, zu präsentieren, und die jeweilige Person vom Mehrwert der präsentierten Herangehensweise zu überzeugen. Ich möchte sagen, dass Musik, nicht nur im Kontext einer Bewegung, zur Erweiterung des Bewusstseins beitragen kann. Rosenthal(2001:13) sagt dahingehend, dass insbesondere Lieder die Fähigkeit besäßen Ideen und Ereignisse in Zusammenhang zu setzen, die ein Zuhörer möglicherweise sonst nicht miteinander in Verbindung gebracht hätte. Darüber hinaus befähige Musik im Allgemeinen den Zuhörer dazu Fakten leichter einzuordnen und schließlich auch in seiner Identität zu verankern. Rosenthal formuliert dies folgendermaßen:

„[...]music(including lyrics, musical styles, the images artists projected, and so forth) often crystallizes ideas that are floating around but have not yet coalesced into a coherent ideology for the individual, or that need an outside voice of authority to bring them to consciousness and self-acceptance.“(Rosenthal 2001:18)

In der Überzeugungsarbeit spielen, wie bereits erwähnt, nicht nur die Inhalte eines Liedes eine Rolle, sondern die Art wie und der Ort an dem die Musik konsumiert wird. Die Verbreitung von Musik über Massenmedien, insbesondere heutzutage über das Internet in sozialen Netzwerken wie Facebook und Video-Plattformen wie Youtube können dazu beitragen, jene Überzeugungsarbeit zu leisten.

3.8.4. Recruitment

Vonrecruitmentist die Rede, wenn eine Person sich über das intellektuelle Bewusstsein oder eine emotionale Sympathie hinaus einer sozialen Bewegung tatsächlich anschließt und sich mit ihr identifiziert. Das potenzielle Mitglied überschreitet an dieser Stelle eine Grenze hin zu einer Identität als Unterstützer einer Bewegung. In diesem Zusammenhang spielen nicht nur die Komponenten eines Musikstückes selbst[Text, Melodie, Rhythmus etc.] eine Rolle, sondern auch die Geschehnisse um es herum. Auch das Netzwerken[,ob online oder im realen Leben,] spielt für die Rekrutierung von Einzelpersonen und ganzen Gruppen eine große Rolle, da bereits existente Netzwerke die Basis für alle sozialen Bewegungen bilden(Rosenthal 2001:13).

Dass Musik auch bei der Rekrutierung eine Rolle spielt, dem möchte ich unbedingt beipflichten, da sich um Musiker und Bands herum, auch meiner eigenen Erfahrung nach, riesige Netzwerke bilden können, die den bereits diskutierten Begriff von Musikszene bzw. Szenekultur mitunter sogar sprengen können. Aufgrund der Vorbildfunktion schätze ich die Wahrscheinlichkeit höher ein, dass sich Fans ebenfalls mit einer Bewegung identifizieren und in ihr engagieren, wenn Musiker als Vorbild vorausgehen. Auch Sympathisanten einer Szene, die sich möglicherweise nur mit einzelnen Aspekten identifizieren können und daher zum erweiterten Netzwerk, aber nicht zum engeren Kreis einer Szenekultur gehören, sind demnach leichter für eine Bewegung zu rekrutieren, als jemand, der noch gar keine Berührungspunkte mit einer solchen engagierten Band hatte (Rosenthal 2001:17). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass manche Bands durch ihre Musik und ihr gesamtes Auftreten ein Gefühl vermitteln können, das Menschen daran glauben lässt, dass es eine Alternative dazu gibt, althergebrachten Regeln zu folgen, und dass Alternativen tatsächlich eine reelle Chance auf Erfolg haben könnten.

3.8.5. Mobilization

Der Akt des gemeinsamen Musizierens ist als Beispiel, meiner Meinung nach, irgendwo zwischenrecruitmentund Rosenthals nächstem Schrittmobilizationanzusiedeln. Einerseits kann man durch das miteinander Musizieren mit bisher unbekannten Ideen und Vorstellungen in Berührung kommen, andererseits kann man aber auch einen Schritt weiter gehen und das Musizieren als bewusste Aktion einer Bewegung sehen. Rosenthal(2001:14) sagt hierzu, dass Singen an sich das Rekrutieren von Bewegungsmitgliedern dadurch potentiell zu unterstützen vermag, dass es Anlass und Möglichkeit dazu geben kann, Dinge zu äußern, die sich jemand ohne diesen Anlass und den musikalischen Rahmen sonst nicht trauen würde auszudrücken. Insbesondere Lieder geben eine Plattform und schaffen einen geschützten Raum, in dem man Worte äußern kann, die man sonst aus Angst nicht ausgesprochen hätte. Mit „Oh you don't scare me, I'm sticking to the union“, findet Rosenthal(2001:14) eine Verbalisierung, die es prägnant auf den Punkt bringt. Meinem Empfinden nach, kann es auch schon allein die Mitgliedschaft in einer sozialen Bewegung an sich sein, die den Schutzraum darstellt, der solcherlei Äußerungen erleichtert bzw. dazu ermutigen kann, ein solches Lied zu singen, das man möglicherweise sonst nicht gesungen hätte.

Die Beziehung zwischen der Bewegung und dem (intellektuellen) Bewusstsein eines (potenziellen)Aktivisten, nennen Eyerman & Jamison(1998)cognitive praxis.Sollte eine Veränderung dieses Bewusstseins stattgefunden haben und die Übernahme und Identifizierung mit der Idee oder sogar, wenn vorhanden, der Ideologie einer sozialen Bewegung dazu führen, an konkreten Aktionen der Bewegung teilzunehmen, so ist, nach Rosenthal, vonmobilizingdie Rede(Rosenthal 2001).

3.9. Musik – Erfolgschancen und Grenzen

Die Grenzen dessen, was Musik für eine Bewegung leisten kann, liegen meiner Meinung nach in dem, was einen Großteil ihrer Fähigkeiten ausmacht, nämlich Botschaften auf eine emotionale Art und Weise zu vermitteln, oder noch einmal anderes gesagt, emotionale Botschaften zu vermitteln. Ich denke, es ist fraglich, ob Musik und Musizieren als solche an Zuständen und Tatsachen etwas ändern können, wohl aber kann sie auf emotionaler und kognitiver Ebene sicherlich manches verändern.

Ob Musik eine Bewegung tatsächlich erfolgreich unterstützt hat, ist nicht allein an der Intention des Künstlers zu messen, sondern daran ob das Publikum seine Botschaft verstanden, verinnerlicht und umgesetzt hat(Rosenthal 2001:15). Der syrische Dichter Mamduh Adwan sagt passend hierzu: „No poem, no piece of music can overthrow a dictator. But, it can resist the normalization of oppression.[…] Artists must create works that will help others to understand what is going on and why and what is the possible outcome.“(Cooke 2007:91)

Musik allein mag möglicherweise nicht fähig sein, einen ungeliebten Machthaber zu stürzen, aber sie kann eine Form des gewaltfreien aktiven Widerstandes sein, indem sie durch z.B. chiffrierte und bildhaft umschreibende Liedtexte einer breiteren Öffentlichkeit Botschaften kommuniziert, die anderweitig staatlich zensiert oder verboten würden. Sie vermag Menschen zu verbinden, zu stärken und auf einzigartige Weise ihren Horizont zu erweitern. Sie vermag den Geist einer Bewegung, über ihre tatsächlich aktive Phase hinaus, am Leben zu erhalten und somit auch zukünftige Generationen mit beeinflussen und auf ihre Weltanschauung einwirken.

Der mögliche Erfolg von Musik in sozialen Bewegungen ist in meinen Augen in der Erfüllung ihrer Hauptaufgabe zu suchen: durch ihre sozialen Fähigkeiten und die Fähigkeit schnellen Zugang zu Emotionen zu finden, etwas Grundlegendes in den Köpfen und den Herzen der Menschen einer Gemeinschaft oder sogar einer breiteren gesellschaftlichen Masse zu verändern; grundlegend dafür, ihr Verhalten dahingehend zu verändern das aktuelle gesellschaftliche Miteinander und die in der Bewegung geäußerten Missstände zu verbessern. Ein umfassender Erfolg würde, meiner Auffassung nach, erst dann tatsächlich wahrnehmbar, würde eine Veränderung nicht nur im Schutzraum einer sozialen Bewegung für nötig und möglich erachtet, sondern von der breiteren Masse über- und angenommen und somit ein Schritt hin zu einer umfassenderen gesellschaftlichen Veränderung getan.

3.10. Reflexion und Zusammenfassung

Beim Lesen der allgemeinen, theoretischen Literatur zu Musik in sozialen Bewegungen habe ich generell den Eindruck gewonnen, dass die Autoren versuchen, den reinen Unterhaltungswert von Musik von seiner ernsthaften Rolle abzutrennen, als ob sie sagen wollten, dass der reine Unterhaltungswert von Musik in einer sozialen Bewegung eine untergeordnetere Rolle spiele. Meiner Meinung nach gibt es, über ihre Aufgabe hinaus, etwa eine Botschaft zu übermitteln oder eine Gemeinschaft zu stärken, durchaus die Möglichkeit, sich von z.B. Protestmusik einfach nur unterhalten zu fühlen, und das unabhängig von ihren einschlägigen Inhalten, oder gerade im Zusammenhang mit ihrer Rolle in einer sozialen Bewegung; ein Teil von Bewegungskultur ist schließlich auch das zusammenAbhängenoderSocializen, zu dem Musikhören und -machen zu reinen Unterhaltungszwecken oft dazugehört. Ich finde, die Musik, die zu solchen Anlässen gespielt wird, muss sich inhaltlich nicht einmal unbedingt auf die Bewegung beziehen. Es geht primär um den Sinn, den sie dabei erfüllt. Musik, die in diesem Kontext zu reinen Unterhaltungszwecken produziert oder konsumiert wird, erfüllt ebenfalls die Aufgabe der Stärkung von Gruppenzusammenhalt und -zugehörigkeit.

Vermisst habe ich in der theoretischen Literatur auch ein ausführlicheres Eingehen auf die Tatsache, dass eine Trennlinie zwischen Musiker und Publikum gerade im Kontext von sozialen Bewegungen nicht leicht zu ziehen und konsequent zu halten ist, da sie im Rahmen von bewegungsspezifischen Aktionen oft verschwimmt, z.B. beim gemeinsamen Musikmachen ohne Konzert-Charakter und daher ohne räumliche Trennung durch Bühne und Publikumsraum, oder wenn Gesänge spontan mitten in der Masse während einer Demonstration angestimmt werden, und erst recht, wenn ein Lied zunächst nur von einer kleineren Gruppe gesungen wird und darauf nach und nach alle Menschen drumherum mit einstimmen.

Interessant für mich festzustellen war auch, dass die wenige allgemeine Literatur zu Musik in sozialen Bewegungen sich zwar mit Musik als Advokat für eine wie auch immer geartete Opposition beschäftigt; sie erwähnt allerdings kaum die Möglichkeit, dass Musik auch eine soziale Bewegung torpedieren kann, wenn sie von z.B. einer etablierten Position oder einer Gegenbewegung als Propaganda für ihre eigenen Zwecke benutzt wird oder diese Musiker der Opposition für sich einkauft und ihr Insider-Wissen für sich im wahrsten Sinne instrumentalisiert. Das Zentrum des Interesses liegt, meinem bisherigen Erkenntnisstand nach, in der Analyse von Musik im Dienste sozialer Bewegungen und vernachlässigt eine genauere Betrachtung dessen, wie Musik einer Bewegung Schaden zufügen kann.

[...]


[1]MENA = Middle East and North Africa

[2]Das WortSoundinghabe ich dem Titel „Roundtable: Sounding North Africa and the Middle East“(Shannon 2012)entlehnt.

[3]Das WortSoundinghabe ich dem Titel „Roundtable: Sounding North Africa and the Middle East“(Shannon 2012)entlehnt.

[4]Es existiert zum selben Thema noch eine Monographie von Ray Pratt:Rhythm and resistance. Explorations in the political uses of popular music(1990),die in dieser Arbeit jedoch keine Verwendung findet.

[5]Eigene Übersetzung

[6]Der Begriff „Musicking“ wurde von Christopher Small geprägt und umfasst alle musikalischen Aktivitäten vom Komponieren, über die Aufführungspraxis bis hin zum Konsumieren von Musik als Zuhörer. (Christopher Small 1998)

[7]Eigene Übersetzungen

[8]Englische Begriffe wiepowerodersocial forcekönnen des Öfteren bestimmte Inhalte besser transportieren, als ihr deutsches Pendant. Wenn ich diese englischen Begriffe verwende, handelt es sich daher um kein wissentlich verwendetes Zitat.

Autor

  • Janine Wieslings (Autor)

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Titel: Sounding the Uprisings. Musik im Arabischen Frühling am Beispiel Ägypten