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Clarens und der "Discours sur l’inégalité". Utopische Gesellschaft im Schein, Dystopie im Sein

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 26 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Discours und der Briefroman: eine Fragestellung, zwei Medien

III. Herausforderungen der Fragestellung dieser Arbeit

IV. Die Thematik des Eigentums

V. Die Thematik der inégalité
V.1 Formen der inégalité im Discours
V.2 Formen der inégalité in Clarens
V.3 Der Zugang zu alltäglichen Privilegien: Manifestation der inégalité
V.4 Inégalité psychologique
V.5 La fête – Feier des Scheins

VI. Die Thematik der liberté
VI.1 Strategien des Freiheitsentzugs
VI.2 Folgen des Freiheitsentzugs
VI.3 Die volière – Mise en abyme der Freiheitsthematik in Clarens

VII. Utopische Elemente in Clarens und scheinbare Lehren aus dem Discours

VIII. Clarens als Dystopie

IX. Fazit und Ausblick

Literaturliste

Clarens und der Discours sur l’inégalité: Utopische Gesellschaft im Schein, Dystopie im Sein

„Tout l’art du maitre est de cacher cette gêne sous le voile du plaisir ou de l’intérêt en sorte qu’ils pensent vouloir tout ce qu’on les oblige de faire.“

I. Einleitung

Interessanterweise könnte obenstehendes Zitat sowohl aus dem Discours sur l’inégalité als auch aus der Nouvelle Héloïse stammen. der Tat sind diese Worte aus dem Briefroman zitiert (Nouvelle Héloïse 68). Die Tatsache aber, dass das Zitat inhaltlich in beide Werke gehören könnte, passt sehr gut zum Thema dieser Arbeit:

Ziel dieser Hausarbeit ist es, Rousseaus Discours sur l’origine et les fondements de l‘inégalité parmi les hommes und seinen Briefroman Julie ou la Nouvelle Héloïse gemeinsam zu betrachten und unter politisch-philosophischen Gesichtspunkten aufeinander zu beziehen. Diese Arbeit wird analysieren, inwiefern die scheinbar ideale Gesellschaft Clarens als eine positive Antwort auf die im Discours sur l’inégalité diskutierten Problemfelder gelesen werden kann.

Meine These ist, dass das Gemeinwesen in Clarens nur oberflächlich, also im Schein, eine ideale, utopische Gesellschaft ist. Bei genauerer Betrachtung der Rhetorik und der in diesem Gemeinwesen angewandten Strategien, zeigt sich hingegen, dass Clarens im Sein eher dystopische Züge einer Zwangsgesellschaft trägt. Auf Starobinskis Oppositionspaar, den „Riss zwischen Schein und Sein“ (Starobinski Rousseau. Eine Welt von Widerständen 18) wird hier zurückgegriffen.

In einem ersten Schritt wird die Frage diskutiert, warum Rousseau ein und dieselbe Thematik, nämlich die Frage nach dem Menschen und seinem Platz in der Gesellschaft, in zwei so unterschiedlichen Textsorten wie dem philosophischen Diskurs und dem literarischen Briefroman bearbeitet.

Daran anschließend wird auf die zwei Hauptherausforderungen hingewiesen, die sich bei der Analyse der Fragestellung dieser Seminararbeit ergeben. Hier wird auf die Problematik der weitgehenden Monophonie in den Schilderungen über Clarens eingegangen, und auf die Tatsache, dass der Discours de l’inégalité[1] nur eine „Diagnose“ (Hülk 187) der Gesellschaft enthält, aber kein Alternativmodell diskutiert.

Um dann konkret die Frage zu beantworten, ob in Clarens die Probleme, auf die im Discours verwiesen wurde, gelöst wurden oder weiterhin existieren, werden die drei wichtigsten Gesichtspunkte: Eigentum, Gleichheit und Freiheit einzeln behandelt und gezeigt, dass in allen drei Aspekten nur illusionäre Lösungen in Clarens gefunden wurden. Die Thematik des Eigentums ist deshalb so wichtig, weil es sowohl im Discours als auch in Clarens, der Auslöser für die entstandenen Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen ist. Die Gleichheit ist einer der Werte, die in Clarens am meisten betont werden und am intensivsten nur im Schein existieren. Eine Analyse der fête, der Feier des Scheins, am Ende des Kapitels zur Gleichheit wird das beispielhaft zeigen. Wie wenig echte Freiheit in Clarens existiert, wird anschließend eine Analyse der volière-Szene, die eine Mise en abyme der Freiheitsthematik in Clarens darstellt, zeigen. Auch die Strategien zum Freiheitsentzug werden in diesem Kapitel untersucht.

Abschließend soll gezeigt werden, wie durch das Aufgreifen von Schlüsselbegriffe aus dem Discours, wie zum Beispiel „l’âge d’or“ oder „la simplicité“, in Clarens der Eindruck entsteht, hier würden Lehren aus dem Discours gezogen und im Positiven umgesetzt. Dadurch gewinnt Clarens den Schein einer Utopie. Im achten Kapitel wird dann aber schließlich die Klassifizierung von Clarens als Anti-Utopie vorgenommen und gezeigt, dass der utopische Anschein Clarens‘ folglich nur ein „extérieur trompeur“ (Discours 268) ist.

II. Der Discours und der Briefroman: eine Fragestellung, zwei Medien

Der Discours sur l’inégalité und die Nouvelle Héloïse befassen sich beide inhaltlich mit derselben Thematik, nämlich mit der Gesellschaftsanalyse und der Suche eines guten und ‚natürlichen‘ Miteinanders der Menschen. Während diese Thematik beim Discours ausschließlich behandelt wird, scheint es in der Nouvelle Héloïse so, als spiele diese Fragestellung nur am Rande, neben der großen Liebesthematik, eine Rolle[2]. Tatsächlich ist aber auch die Nouvelle Héloïse auf fast allen Ebenen politisch aufgeladen.

Es ist nun interessant zu analysieren, warum Rousseau das gleiche Thema des idealen Miteinanders von Menschen in so unterschiedlichen Genres wie dem Briefroman und dem Diskurs diskutiert.

Der Discours sur l’inégalité ist schon sowohl aufgrund der Form des Diskurs als auch aufgrund seines philosophischen Inhalts ein eher exklusiver Text. Diese Exklusivität wird noch durch die Art und Weise verstärkt, wie Rousseau mit dieser Form des Diskurs umgeht. Hier ist zum einen seine Rhetorik mit den „discours dans le Discours“ (Meier) zu nennen. Die politische Situation erforderte von den Schriftstellern sowohl eine Selbstzensur als auch eine Technik des indirekten, mittelbaren Schreibens (z.B. Kritik in Form von übertriebenem Lob; förmliche Bekenntnisse ohne wahre Bedeutung) als „Kriegslist“ und „Schutz“ (Meier XXVIII). Auch die Anwendung eines „exoterisch-esoterischen Doppelgesicht[s]“ (XXIII) spielt in diesem Kontext eine Rolle. Damit ist gemeint, dass Rousseau ganz bewusst eine „Adressatenunterscheidung“ (Meier) vorgenommen hat. Während seine „exoterische“ Schreibweise für die Allgemeinheit verständlich war, war die „esoterische“ Schreibweise auf eine Elite geistig Eingeweihter und Intellektueller ausgerichtet. Rousseau sagte selbst: „Oft wird die Mehrzahl meiner Leser meine Reden (discours) schlecht verbunden […] gefunden haben müssen, da sie den Stamm nicht wahrnahmen, dessen Zweige ich ihnen nur zeigte. Aber es war genug für jene, die zu verstehen wissen, und zu den anderen habe ich niemals sprechen wollen“ (Rousseau Observations sur la réponse qui a été faite a son Discours zitiert nach Meier XXIV). Die Konsequenz war, dass der Discours „ne trouva dans toute l’Europe que peu de lecteurs qui l’entendissent, et aucun de ceux-là qui voulut en parler“ (Confessions Livre VIII).

Meier zeigt, dass Rousseau drei Jahre nach dem Erscheinen des Discours seine Herangehensweise geändert hat, denn er sagte, dass es ihm „nicht mehr darum [ginge], zur kleinen Zahl, sondern zur Öffentlichkeit zu sprechen“ (Lettre à d’Alembert zitiert in Meier XXIV). Das scheint in gewisser Weise eine Antwort auf das erkannte Problem der mangelnden Leserschaft und des mangelnden Verständnisses zu sein. Die Nouvelle Héloïse kann in diesem Zusammenhang durchaus als die Umsetzung dieser Antwort gesehen werden. Die Romanform bietet für Rousseau im Gegensatz zum Discours neue Möglichkeiten, seine politischen und philosophischen Ideen einer breiteren Masse zugänglich zu machen[3]. Zugänglich auf zweierlei Ebenen: erstens wählt eine größere Menge an Lesern Romane statt philosophische Schriften als Lektüreform. Die Zielgruppe[4], die sich mit seinem Text befasst, wird also vergrößert. Zweitens sind seine Ideen intellektuell, also auf der Verständnisebene leichter zugänglich durch die Romanform. Leichter zugänglich wird die Thematik der Frage nach dem Menschen unter anderem dadurch, dass der Leser sich im Roman bis zu einem bestimmten Punkt mit den Figuren der Handlung identifizieren kann und sich damit in die Problematik hineinversetzen kann. Rousseau hat erkannt, dass „quand [il] a[]tâché de parler aux hommes on ne [l]’a point entendu“ und dass „pour rendre utile ce qu’on veut dire, il faut d’abord se faire écouter de ceux qui doivent en faire usage“ (NH Préface de la Nouvelle Héloïse ou Entretien sur les Romans 400-401 eigene Hervorhebung). Rousseau hat seinen Discours sur l’inégalité als das seiner Werke bezeichnet, in dem „seine Prinzipien ‚mit der größten Kühnheit, um nicht zu sagen Verwegenheit zu erkennen gegeben sind‘“ (Confessions IX zitiert nach Meier XLVII). Weil seine Prinzipien im Discours z war am deutlichsten gesendet, aber nicht empfangen worden sind, muss das Medium gewechselt werden, er muss also „change[r] de moyen, mais non pas d’objet“ (NH Préface de la Nouvelle Héloïse ou Entretien sur les Romans 401).

Durch den Wechsel des Mediums hat Rousseau also eine Demokratisierung seiner Ideen oder zumindest eine Demokratisierung des Zugangs zu seinen Ideen vollzogen. Reisewitz interpretiert das auch als Rousseaus „Versuch einer literarisch-ästhetischen Antwort auf seine philosophische Problemstellung, wie sie sich in den Discours darstellt“ (193).

Neben dem Aspekt der Demokratisierung durch Zielgruppenöffnung bietet die Romanform nämlich auch die Möglichkeit, „nicht mehr nur nach theoretischen Lösungskonzepten zu suchen, sondern solche als Experimente im Roman ‚auszuprobieren‘“ (32). Ein „testing ground for Rousseau’s ideas“ (Jones 44) kann der Roman unter anderem dadurch werden, dass verschiedene zwischenmenschliche Situationen in den unterschiedlichen Charakterkonstellationen als konkrete Beispiele durchgespielt werden können. Der Text wird zu einem „roman de démonstration“ (Mornet 193).

Die zeitgenössische Rezeption hat gezeigt, dass der Roman vor allem emotional[5] aufgenommen wurde (Reisewitz 201). Laut Reisewitz zeigt das, dass durch den Roman jetzt eine neue Erkenntnisform, nämlich die Emotion, ermöglicht wird (202) und folglich „die Philosophie als legitime Diskursform für die Frage nach dem Menschen von der Literatur abgelöst wird“ (2). In letzterem Punkt geht sie, wie ich finde, zu weit. Die Literatur löst die Philosophie sicher nicht ab, aber sie kann, je nach Zielgruppe, als alternativer Vermittlungs- und Erkenntniskanal, eingesetzt werden. Die Kombination der beiden Textsorten bewirkt das Folgende: „Pouvoir de la fiction et pourvoir critique se renfor[cent] mutuellement dans un équilibre exceptionnel“ (Mall 59).

Auch weil die Nouvelle Héloïse und der Discours zusammengenommen so viele Zielgruppen umfassen, ist es besonders spannend, diese beiden Werke gemeinsam zu betrachten.

III. Herausforderungen der Fragestellung dieser Arbeit

Bevor nun konkret in die Fragestellung dieser Arbeit eingegangen wird, soll hier kurz auf die Herausforderungen dieser Arbeit eingegangen werden. Die folgenden beiden Schwierigkeiten müssen bei der Beantwortung der Fragestellung beachtet werden:

Erstens die Problematik der objektiven Informationsbeschaffung über Clarens und zweitens die Natur des Discours, der mehr eine Diagnose der Problemen der Zivilisation und weniger konkrete Modellvorschläge für bessere Formen der Gesellschaft liefert.

Der erstgenannte Aspekt stellt die größere Herausforderung dar. Es liegt in der Natur des Briefromans, dass es auch in der Nouvelle Héloïse keinen vermittelnden, zuverlässigen‚ objektiven‘ Erzähler gibt. Alle Informationen über das Romangeschehen und folglich auch über die Gesellschaft in Clarens, die dem Leser zur Verfügung stehen, stammen von den Protagonisten. Der Leser erhält die Schilderungen über Clarens also in mittelbarer statt unmittelbarer Form. Mittelbar ist die Schilderung, weil sie nicht neutral, sondern subjektiviert wird: Die Art und Weise, wie die Protagonisten das Gemeinwesen in Clarens subjektiv erfahren wirkt als Filter und der Leser bekommt schließlich nur die gefilterten Informationen. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, weil der größte Teil der Beschreibungen Clarens‘ (im vierten und fünften Teil der Nouvelle Héloïse) fast ausschließlich von Saint-Preux stammen. Dieser beschreibt seine Erfahrungen dort seinem Freund Milord Édouard. Aus mehreren Gründen ist das für die Analyse von Clarens problematisch.

Erstens stammen so fast alle Schilderungen aus nur einer Perspektive, von nur einer Quelle. Zweitens, ist die emotionale Ausgangssituation Saint-Preux‘ zu beachten. Wie dem Leser bekannt ist, hegt Saint-Preux nach wie vor verliebte Gefühle für Julie. Daraus folgt, dass er nicht als neutraler Beobachter und ‚Reporter‘ von Clarens gelesen werden kann, schließlich ist Clarens in großen Teilen das Produkt von Julies Gestaltung. Saint-Preux Schilderungen von dem, was der in Clarens miterlebt, sind deshalb weitestgehend von Begeisterung und Bewunderung dieser Welt geprägt. Weil er Julie nach wie vor als „bienfaisante fée“ (NH 236), als „âme angélique“, deren „motif est toujours louable et honnête “ (164-165) ansieht, gibt es auch über Clarens wenig bis keine kritischen Stellungnahmen[6].

In diesem Kontext muss neben der emotionalen Ausgangslage Saint-Preux‘ auch dessen Position in der Gesellschaft von Clarens betrachtet werden. Saint-Preux gehört zur „elitären Gruppe“ (Reisewitz 142) um Julie herum und ist somit im Vergleich zu den Angestellten Teil der ‚maîtres‘. Als fast einziger Sender der Informationen über das Gemeinwesen, betrachtet er Clarens also von dem oberen Teil der Hierarchie und somit aus einer, wie noch gezeigt wird, privilegierteren Position. Bei der Analyse von Clarens muss auch aufgrund dieser Privilegien die Möglichkeit einer mangelnden Kritikfähigkeit von Saint-Preux beachtet werden.

Verstärkt wird dieser komplexe Aspekt auch noch dadurch, dass weder die Antworten von Milord Édouard an Saint-Preux, noch eine andere Instanz diesen zum kritischen und nachhaltigen Überdenken der Gemeinschaft in Clarens anregen.

Aus dem oben ausgeführten folgt, dass der Leser seine Vorteilsposition, die er normalerweise im Briefroman hat, verliert. Es ist die Polyphonie des Briefromans, die dem Leser generell diese Vorteilsposition garantiert. Diese ist aber in dem Abschnitt über die Schilderungen von Clarens eher durch eine monophonische Form ersetzt. Bei einer Analyse von Clarens muss der Leser also einen Mehraufwand leisten. Er muss erkennen, dass die Informationen, die er erhält einseitig (wenn auch unbewusst) von Saint-Preux gefiltert sind, und muss das kritische Hinterfragen dessen, was in Clarens geschieht, selbst leisten.

Abgesehen von der Beschaffenheit der Informationen über Clarens stellt auch der Inhalt des Discours sur l’inégalité eine Herausforderung für unsere Fragestellung dar. Der Discours ist eine Diagnose der Laster der Zivilisation und zeichnet sich dadurch aus, dass er eine hypothetische und diachrone Analyse[7] darüber anstellt, wie der Mensch sich vom Naturzustand als Ausgangszustand hin zum Aufkommen und Festigen der Gesellschaft entwickelt hat. Im Discours sur l’inégalite verweist Rousseau auf die vielseitigen Probleme des menschlichen Miteinanders und seines Verhältnisses zur Natur, er gibt aber keine konkreten Lösungsvorschläge[8]. Er schlägt also auch kein Modell für ein vorteilhafteres Gesellschaftssystem vor[9], mit dem man das Modell der Gesellschaft in Clarens vergleichen könnte. Diese Arbeit wird deshalb eine Analyse des Gemeinschaftsmodells von Clarens leisten und dabei immer wieder diskutieren, inwiefern dort die Probleme, die im Discours thematisiert werden, gelöst sind oder weiterbestehen. Im Folgenden wird nun auf konkrete Aspekte und Situationen aus dem Roman und dem Discours eingegangen und diese werden miteinander in Beziehung gesetzt.

IV. Die Thematik des Eigentums

Zunächst soll hier die Thematik des Eigentums behandelt werden. Dieses spielt eine besonders entscheidende Rolle bei unserer Analyse, denn es ist die Entstehung des Eigentums, die Rousseau verantwortlich macht für die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und deren Laster. So führt er im Discours aus, dass „le premier qui ayant enclos un terrain, s’avisa de dire, ceci est à moi, et trouva des gens assés simples pour le croire fut le vrai fondateur de la société civile“ (172). Es ist ein „performativer Sprechakt“ (Hülk 188), des „premier occupant“ (Rousseau Lettres Philosophiques 766) und die Unaufmerksamkeit der Schwächeren, welche vergessen hatten, „que les fruits sont à tous, et que la Terre n’est à personne“ (Discours 172), die „fixèrent pour jamais la loi de la propriété et de l’inégalité“ (218). Aus diesem Aneignungsakt folgt auch, dass das Eigentum nach wie vor nur „que de convention et d’institution humaine“ (240) ist. Um ihr angeeignetes Eigentum nachhaltig zu schützen, schlagen die Besitzenden den Besitzlosen einen Vertrag vor, der die Eigentumsverhältnisse festlegt und die Gründung der Zivilisation dokumentiert. Dieser Vertrag, „den die Reichen im Zweiten Diskurs den Armen vorschlagen, hat deren Unterwerfung zum Ziel“ (Mensching 76).

Auch in Clarens spielt der Besitz eine fast alles entscheidende Rolle. Es ist in erster Linie Julies und Wolmars Position als Eigentümer, die es ihnen ermöglicht, die „Träger der Ordnungsstrukturen“ (Reisewitz 177) in Clarens zu sein. Interessant ist, dass in der Nouvelle Héloïse ganz anders als im Discours explizit betont wird, dass das Eigentum der ‚maîtres‘ „un bien médiocre, aussi sagement conservé qu’il fut honnêtement acquis“ (NH 182) ist. Auch diese Aussage stammt aber von St-Preux und ist deshalb nicht als objektive Wahrheit zu lesen.

Die Wichtigkeit des Besitzes in Clarens spiegelt sich auch auf sprachlicher Ebene wider. Hier findet sich besonders in den ersten Beschreibungen des Gemeinwesens eine Anhäufung von Possessivbegleitern: „ leur demeure, […] leur usage“ (55, eigene Hervorhebungen); „ leurs terres, […] leurs soins, […] leurs occupations, leurs biens et leurs plaisirs“; „ leur terre“ (56). Auch für die Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen werden wiederholt Possessivbegleiter oder wie im folgenden Beispiel Possessivpronomen herangezogen: „l’avantage d’ avoir une femme comme la mienne “ (128). Besonders die Possessivpronomen sind hier interessant, denn sie sind „de forme accentuée“ (Denis et Sancier-Chateau 433) und betonen folglich den Status des Besitzverhältnisses.

Rousseau betont dennoch, dass seine „idées ne sont pas dirigées d’une manière générale contre le droit de propriété, […] mais tendent seulement à condamner la propriété entendue […] comme privilège“ (Lettres Philosophiques 767). Sowohl in Clarens als auch im Discours hat das Eigentum aber zu Vorrechten geführt. Es sind auch die Besitztümer, die schließlich Herrschaftsverhältnisse begründen, denn: „comment viendra [l’homme] jamais à bout de s’en faire obéir et quelles pourront être les chaines de la dépendance parmi les hommes qui ne possédent rien?“ (Discours 164). Rousseau erklärt das Aufkommen der Herrschaftsverhältnisse wie folgt: „Les surnumeraires que la foiblesse ou l’indolence avoient empêchés d’acquerir [des heritages] à leur tour, devenus pauvres sans avoir rien perdu, furent obligés de recevoir ou de ravir leur subsistance de la main des riches, et de là commencérent à naître […] la domination et la servitude, ou la violence et les rapines“ (210, eigene Hervorhebung).

Zwar ist in Clarens in keinster Weise die Rede von „violence“ oder „rapines“, dennoch ergeben sich aus dem Eigentum eindeutige Herrschaftsverhältnisse. Schon zu Beginn der Schilderungen über Clarens, in der Lettre X des vierten Teils, zeigt sich das auch auf der semantischen Ebene. Dort findet man gleich in den ersten Sätzen eine Isotopie der Herrschaft mit folgenden Begriffen: régner, l’ordre, la paix, (54, wiederholt auf Seite 134) und les maîtres. Das Verb régner ist hier besonders spannend. Es hat nämlich zwei Bedeutungsebenen. Laut dem Petit Robert hat das Verb régner zwar den „sens affaibli“ von „exister“ und „s’être établi“ und es ist auch diese explizite Bedeutung, die das Wort auf Seite 54 oberflächlich hat. Trotz allem schwingt die zweite, implizite Bedeutungsebene hier bewusst mit, und für den aufmerksamen Leser ergibt sich durch die Hauptbedeutung von régner („excercer un pouvoir“, „avoir une influence prédominante“) die Isotopie der Herrschaft. Die explizite Bedeutung des Verbes kann in diesem Kontext als der Schein gelesen werden, die implizite Bedeutung und die Isotopie der Herrschaft als das Sein.

Wie stark die Identifizierung mit den Rollen als Beherrschte und Herrschende ist, zeigt sich daran, dass von Julie und Wolmar außerordentlich häufig als ‚les maîtres‘ gesprochen, und nur selten mit ihren eigenen Namen benannt werden. Auch die domestiques und ouvriers scheinen bis auf einige Ausnahmen keiner eigenen Namen zu bedürfen, so stark sind sich schon durch ihre Rolle in den Herrschaftsverhältnissen charakterisiert.

Diese Herrschaftsverhältnisse erzeugen Unterlegenheits- und Überlegenheitsgefühle und somit die Ungleichheit.

V. Die Thematik der inégalité

Im Folgenden wird nun diese Ungleichheit behandelt und analysiert, warum Clarens eine Gesellschaft von Gleichheit im Schein und Ungleichheit im Sein ist. Die Gleichheit ist im Discours wie in der Nouvelle Héloïse einer der Schlüsselwerte. Der Discours zeigt wie das Gemeinwesen die Ungleichheiten zwischen den Menschen aktiviert und fördert und auch in Clarens gibt es die Gleichheit nur in der Illusion der Menschen. In einem ersten Schritt werden hier nun die Formen der Ungleichheit im Discours vorgestellt, bevor dann die Formen der Ungleichheit in Clarens analysiert werden.

V.1 Formen der inégalité im Discours

Gleich auf der ersten Seite seines Discours unterscheidet Rousseau zwischen zwei Formen der Ungleichheit:

„[Il y a] deux sortes d’inégalité; l’une que j’appelle naturelle ou Phisique, parce qu’elle est établie par la Nature, et qui consiste dans la différence des âges, de la santé, des forces du Corps et des qualités de l’Esprit, ou de l’Ame ; L’autre qu’on peut appeler inégalité morale, ou politique, parce qu’elle dépend d’une sorte de convention et qu’elle est établie ou du moins autorisée par le consentement des Hommes. Celle-ci consiste dans les differens Privileges, dont quelques-uns jouissent, ou préjudice des autres, comme d’être plus riches, plus honorés, plus Puissants qu’eux, ou même de s’en faire obéir.“ (66 eigene Hervorhebungen)

Beide Ungleichheiten sind im Naturzustand deaktiviert. Die inégalité naturelle kann keine Konsequenzen haben, weil die Menschen im Naturzustand solitär sind. Die Menschen sind in diesem Zustand zwar ungleich stark, aber diese Eigenschaften können nicht nachhaltig weiter gegeben werden, nicht einmal an die Kinder, weil es kein gemeinschaftliches Leben gibt: „l’Inégalité est à peine sensible dans l‘état de Nature“ (166). Durch die Gemeinschaftsbildung aber wird sich der Mensch darüber bewusst, dass er ungleich ist und die inégalité wird aktiviert[10] und kann weitergegeben[11] werden. Erst dadurch, dass die Menschen beginnen, auf einem Raum zu leben, gewinnt die natürliche Ungleichheit an Bedeutung. Die Menschen beginnen jetzt sich selbst wahrzunehmen und zu vergleichen, und die „sentiments de préférence“ (Discours) entstehen. Die natürlichen Ungleichheiten werden ökonomisch (durch das Entstehen des Eigentums) und sozial materialisiert und so zu nachhaltigen Machtstrukturen (Meier). Die inégalité politique et morale ist entstanden. Ulrich Allers fasst dieses Phänomen gut zusammen: „the state represents the codification of inequality“ (112). Wichtig ist, dass, wie Rousseau in dem obigen Zitat schon angedeutet hat, „l’inégalité morale [n‘]existe [que] dans la mesure où elle est reconnue par les autres. Elle existe seulement dans l’opinion des autres“ (75).

V.2 Formen der inégalité in Clarens

Auch in der scheinbaren Idylle Clarens ist die inégalité aktiviert und stark ausgeprägt. Im Unterschied zu den im Discours geschilderten Gesellschaften, wird hier aber regelmäßig betont, dass „tout le monde est égal“ (NH 237) und somit versucht, den Schein einer Gleichheit herzustellen.

Wichtig ist in der Zivilisation vor allem die „inégalité morale et politique“ (Discours 66). Auch in Clarens wird diese vererbt. Die Kinder der „maîtres“ werden auch in Zukunft Eigentümer und Herrscher sein und die Kinder der „domestiques“ bleiben Arbeiter. Dieser Vererbungsprozess beruht einzig und allein auf Konvention und dem Glauben, dass „[ils] connaisse[nt] de bonne heure en quel rang [les] a placé la providence“ (NH 198). Ohne die Gesellschaft gäbe es „keine wesensnotwendig Verbindung von natürlicher und politscher Ungleichheit“ (Maier 64).

Auf den ersten Blick sichtbar ist die inégalité politique et morale in Clarens durch die Arbeits- und Rollenteilung. Sie beruht auf Eigentumsunterschieden und kann deshalb auch als inégalité matérielle verstanden werden. Die Gesellschaftsmitglieder werden wie in einem „patriarchalisch konzipierten Feudalsystem“ (Meier 36) eingeteilt in die Arbeiter und die Herren. Diese Einteilung wird von keinem der Akteure hinterfragt. Sie resultiert in einer hierarchischen Gliederung, welche Überlegenheit und Unterlegenheit impliziert. Bildlich wird das ausgedrückt durch das Verb „descendre“[12].

Das Überlegenheitsgefühl der maîtres gegenüber den Angestellten zeigt sich auch auf semantischer Ebene. Ein Beispiel bietet folgendes Zitat: „Le déjeuner est le repas des amis; les valets en sont exclus, les importuns ne s’y montrent point“ (NH 106-107). Die Nebeneinanderstellung der valets mit dem negativ besetzten Begriff „importun“ wirkt wie eine Gleichsetzung der Arbeiter mit den Eigenschaften eines „importun“ und ist somit eine herablassende Charakterisierung[13].

[...]


[1] Ab hier nur noch Discours.

[2] Die Tatsache, dass es so scheint, als würde die politische Frage nach der idealen Form des Miteinanders in der Nouvelle Héloïse nur beiläufig behandelt werden, wird auch bei James Jones angesprochen: „ La Nouvelle Héloïse appears at a casual reading to be a love story, but on a closer analysis it reveals one of the most important and original variants of the 18th century topos of utopia“ (28).

[3] Nicht nur Daniel Mornet berichtet von dem „succès prodigieux“ der Nouvelle Héloïse: „Dès la mise en vente, on se dispute les volumes, on passe les nuits blanches à les lire“ (311).

[4] Mornet bestätigt das: „Les beautés de la Nouvelle Héloïse n’étaient pas des beautés philosophiques, elles étaient faites pour plaire à ceux qui ne voyaient pas dans l’Encyclopédie le dernier mot de la sagesse humaine“ (311).

[5] „C’est bien en effet pour le plaisir de l’émotion et du bouleversement que ceux qui n’étaient pas gens de lettres ont lu la Nouvelle Héloïse“ (Mornet 313).

[6] Eine der wenigen Ausnahmen ist zum Beispiel folgende Äußerung: „Je n’osai dire encore ce que pensais de la volière ; mais cette idée avait quelque chose qui me déplaisait“ (NH 92). Aber auch solche Kritik hält nie lang an und Saint-Preux nimmt sie meist nach Gesprächen mit Julie oder Wolmar schnell wieder zurück oder schränkt sie ein.

[7] Die Nouvelle Héloïse lässt sich hingegen durch eine synchrone Struktur charakterisieren (Reisewitz 35).

[8] Dass er hier noch keine Lösungen vorschlägt, lässt sich damit erklären, dass Rousseau an diesem Punkt die Priorität anders setzt, nämlich darauf, „de bien connoître un état qui n’existe plus [notamment l’état de Nature], qui n’a peut-être point existé, qui probablement n’existera jamais et dont il est pourtant necessaire d’avoir des Notions justes pour bien juger de notre état présent“ (Discours 46-48 eigene Hervorhebung). Es geht also vorerst um das Messen und Erkennen der Missstände. Für die Fragestellung dieser Seminararbeit hilft dieser Ansatz ‘pour bien juger‘ de l’état de Clarens.

[9] Die Ausnahme stellt hier die kurze Erwähnung der Republik Genf in der „Dédicace“ des Discours dar, von der er schreibt, dass sie von allen Völkern „les plus grand avantages [de la société humaine]“ besitzt und „en a[] le mieux prévenu les abus“ (Discours 10).

[10] Jetzt wird auch die „perfectibilité“ dynamisiert und die „amour propre“ wird wichtiger als die „amour de soi“.

[11] Jetzt werden die Ungleichheiten auch vererbt und folgendes kann geschehen: „[ceux] qui ont prononcé que l’enfant d’une Esclave naîtroit Esclave, ont décidé en d’autres termes qu’un homme ne naîtroit pas homme“ (240).

[12] „[Julie] et son mari pouvaient descendre à leurs domestiques“ (74 eigene Hervorhebungen).

[13] Auch die herablassenden Beschreibungen der Arbeiter als „rustauds“ und „[d’un] air gauche“ (237) an späterer Stelle drücken ein Bewusstsein für deren Ungleichheit und das Überlegenheitsgefühl der maîtres aus.

Details

Seiten
26
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668439870
ISBN (Buch)
9783668439887
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359365
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Schlagworte
clarens discours utopische gesellschaft schein dystopie sein

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Titel: Clarens und der "Discours sur l’inégalité". Utopische Gesellschaft im Schein, Dystopie im Sein