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Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern mit Down-Syndrom. Morphologische und syntaktische Untersuchungen

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Morphologische und syntaktische Sprachentwicklung bei gesunden Kindern

3. Grammatikalische Defizite aufgrund kognitiver Beeinträchtigung?
3.1 Rezeptive Grammatik
3.2 Expressive Grammatik

4. Zusammenhang der grammatischen Leistungen im rezeptiven und produktiven Bereich

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dass es sich bei der sprachlichen Entwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom im Vergleich mit der „adaptiven Entwicklung (z.B. Perzeptionsleistungen wie Fixieren und Verfolgen von Gegenständen) [um] das Gebiet mit dem geringsten Fortschritt“[1] handelt, formulierte bereits der Wissenschaftler Werner Dittmann.

Bei den meisten Kindern, die eine geistige Behinderung aufweisen, herrschen auch Defizite in der Sprachentwicklung, die sowohl die rezeptive, als auch die expressive Sprache betreffen können, vor. Dies betrifft auch Kinder mit Down-Syndrom, deren Behinderung durch eine Trisomie 21, bei der das Chromosom Nr. 21 dreimal statt zweimal vorhanden ist, ausgelöst wird. Diese genetische, aber nicht erbliche Ursache, kommt bei etwa 95 % der betroffenen Kinder vor, wobei es noch weitere, seltenere „Subtypen“ gibt.[2]

Neben sensomotori sehen Einschränkungen, sowie dem verminderten Kurzzeitgedächtnis, zählen bei Kindern mit Down-Syndrom auch kognitive Beeinträchtigungen zu den Ursachen einer verzögerten Sprachentwicklung, welche einen wichtigen Aspekt dieser Arbeit darstellen. Obwohl vor allem die Sprachproduktion bei Kindern mit Down-Syndrom stark verzögert ist, besteht zwischen den Entwicklungsstörungen der Sprache und den sonstigen Entwicklungsbereichen kein direkter Zusammenhang.[3]

Der Spracherwerb bei Down-Syndrom-Kindern ist so verzögert, dass manche Kinder sogar bis ins Grundschulalter nur Einwortäußerungen produzieren. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass die Sprachentwicklungsstörungen, die Kinder mit Down-Syndrom betreffen, auf verschiedenen, sprachlichen Domänen zum Vorschein kommen.[4]

In der vorliegenden Arbeit geht es um die grammatikalischen Defizite in Bezug auf die morphologische, sowie syntaktische Domäne der Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom. Dabei steht die Frage, inwieweit diese genannten Defizite im expressiven auf den rezeptiven, also kognitiven, Entwicklungsbereich zurückzuführen sind und inwiefern die allgemeinen kognitiven Beeinträchtigungen dafür eine Ursache sein können, im Mittelpunkt und soll im Laufe dieser Arbeit untersucht werden. Dabei werden die Forschungsergebnisse mehrerer Studien miteinander verglichen, um die Fragestellung im Anschluss beantworten zu können.

Um optimale Voraussetzungen für eine gelungene Untersuchung zu schaffen, wird im ersten Schritt zunächst auf die morphologische und syntaktische Sprachentwicklung bei gesunden Kindern eingegangen, um diese im Nachhinein mit der von Down- Syndrom-Kindem vergleichen und dem Leser einen allgemeinen Überblick über diesen Bereich der Sprachentwicklung geben zu können.

Im weiteren Verlauf der Arbeit kommt es dann zu der spezifischen Untersuchung der Defizite in der Sprachentwicklung von Down-Syndrom-Kindern, wobei hauptsächlich auf die morphologische und syntaktische Ebene der Sprachentwicklung eingegangen wird. Diese wird dann in den anschließenden Unterkapiteln thematisiert, wenn es sowohl um die rezeptive, als auch um die expressive Grammatikentwicklung beim Down-Syndrom geht. Dabei wird die Entwicklung der Morphologie und Syntax unter dem Begriff der Grammatik zusammengefasst.

Um die Arbeit abzuschließen werden die gewonnenen Erkenntnisse über das Verhältnis von Störungen der Sprachentwicklung auf rezeptiver, sowie expressiver grammatischer Ebene und die Beeinträchtigung der Kognition auf ihren möglichen Zusammenhang hin überprüft und die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst.

2. Morphologische und syntaktische Sprachentwicklung bei gesunden Kindern

Während die Entwicklung der Sprachwahmehmung bereits im Säuglingsalter beginnt, da schon die Säuglinge phonematische Unterschiede der Sprachlaute, die auf die Stimmeinsatzzeit beruhen, aufnehmen, beginnt die allgemeine Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr, wobei individuelle Unterschiede in der Schnelligkeit des Spracherwerbs möglich sind. Am Ende des vierten Lebensjahres haben die meisten Kinder das Wesentliche ihrer Muttersprache erworben. Monika Rothweiler hält zu diesen Aspekten fest, dass das sprachliche Lexikon allerdings noch über viele Jahre hinweg ausgebaut wird, so dass der Spracherwerb lebenslang andauert, da auch Erwachsene ihr sprachliches System im Laufe der Jahre erweitern.[5]

Für den Spracherwerb ist eine normale Schluck- und Saugfunktion der Kinder eine wesentliche Voraussetzung, die bei Down-Syndrom-Kindern aufgrund der Behinderung gestört sein kann. Auch die Funktionen der Sinne, besonders die des Hörens, sowie das „Intelligenzprofil“ sind für den normalen Spracherwerb beziehungsweise die normale Sprachentwicklung ausschlaggebend. Laut Gerhard Böhme kommen die bereits erwähnten Unterschiede in der Schnelligkeit der Sprachentwicklung aufgrund der „komplexen Wechselbeziehungen zwischen inneren und äußeren Faktoren“ zustande, was ebenfalls ein wichtiger Aspekt in der Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom ist.[6]

Diese These lässt sich durch das folgende Zitat des Autors untermauern, in dem er auf die sprachliche Entwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom hinweist:

Die sprachliche Entwicklung muss immer im Zusammenhang mit den motorischen Koordinationsstörungen (Kriechen, Sitzen, Greifen, Kauen), Entwicklung der Wahrnehmung und des Auffassungsvermögens sowie der Sozialentwicklung gesehen werden.[7]

Während das Kind zwischen dem 12. bis 18. Lebensmonat, in denen die Vorstufen der Sprachentwicklung beginnen, und dem vierten Lebensjahr, in dem die Sprachentwicklung bis auf den Wortschatzerwerb zum größten Teil abgeschlossen ist, die Entwicklungsstufen des Schreiens, der Lallperiode, sowie das beginnende Sprachverständnis, nach und nach durchlebt, kommt es etwa am Ende des ersten Lebensjahres zum Übergang vom Vorsprachenstadium zum ersten Worterwerb und dem Entwicklungsbeginn der Syntax, auf die im Folgenden näher eingegangen wird. Dabei wird die Artikulationsmotorik, die zuvor ein reflexartiger Mechanismus im Stammhim war, vom Großhirn abhängig.[8]

Böhme hält außerdem fest, dass bei sich normal entwickelnden Kindern ab dem ersten Lebensjahr die ersten Einwortsätze gebildet werden, die auf das erworbene Sprachverständnis und die zuvor durchlebten Phasen aufbauen. Ab dem zweiten Lebensjahr kommt es dann zu den ersten syntaktisch gebildeten Strukturen, indem Mehrwortsätzen gebildet werden, die allerdings vom „Entwicklungsstammeln“ und dem „physiologischen Dysgrammatismus“ geprägt sein können, welche sich im Laufe der nächsten zwei Jahre jedoch aufheben.[9]

Ein Beispiel für zunächst gebildete Zweiwortäußerungen, auf die sich später das gesamte grammatische Regelwerk aufbauen, findet sich im Folgenden:

(1) Mama da, Puppe da, Ball da - nicht Mama, nicht Puppe, nicht Ball.[10]

Ab diesem Zeitpunkt beginnt also die Satzentwicklung, in der der Wortschatz des Kindes sehr schnell erweitert wird. Diese dauert, dem Autor zufolge, bis zum Ende des fünften Lebensjahres an, in dem das normal entwickelte Kind dann einfache syntaktische Strukturen grammatikalisch richtig auszudrücken pflegt und die Verbindung von kognitiver und kommunikativer Funktion von Sprache vollständig vorhanden ist.[11] [12]

Der Autor Manfred Grohnfeldt widmet sich dem Thema Störungen der Sprachentwicklung und greift dabei in seiner Arbeit ebenfalls die Entwicklung der Sprache bei sich normal entwickelnden Kindern auf, indem er auch die Ebenen der Morphologie- und Syntaxentwicklung nicht außer Acht lässt. Grohnfeldt geht, im Gegensatz zu Böhme, davon aus, dass es sich bei Einwortäußerungen noch nicht um Sätze handelt, wobei er die darauffolgenden Mehrwortäußerungen, neben der Erweiterung des Wortschatzes, auf den Ausbau des phonologischen und semantischen Systems zurückführt und diese als Beginn der syntaktischen Prozesse kennzeichnet. Auch die ersten morphologischen Prozesse werden, laut Grohnfeldt, in diesem Zusammenhang erworben, da die gebrauchten Wörter aufgrund der Deklinationen und Konjugationen, die das Kind zu diesem Zeitpunkt für manche Ausdrücke zu lernen beginnt, einer „Formveränderung“ unterliegen. An dieser Stelle betont der Autor, dass „die Syntax bei Zweijährigen weiterentwiekelt zu sein scheint als die morphologischen Fähigkeiten“, da es nach dem zweiten Lebensjahr zur Bildung von komplexeren Satztypen, wie zum Beispiel Frage- oder Negationssätze, allerdings erst circa sechs Monate später zum „richtigen Gebrauch der Flexion“ kommt.[13]

Diese Feststellung setzt sich der Aussage Böhmes, dass das Kind erst ab dem fünften Lebensjahr im Stande sei, die ersten syntaktischen Strukturen grammatikalisch richtig auszudrücken, entgegen. Dies könnte einerseits mit dem Punkt, dass es bei gesunden Kindern Schnelligkeitsunterschiede in der Entwicklung der Sprache geben kann, oder mit der Tatsache, dass der Forschungsstand erweitert wurde, erklärt werden. Wichtig dabei festzuhalten ist, dass die verschiedenen Altersgrenzen in den sprachlichen Entwicklungsphasen der Kinder umstritten sind.[14]

Grohnfeldt hebt besonders hervor, dass das Kind „zu jedem Zeitpunkt eine eigenständige Systematik“ innerhalb seiner Grammatikkenntnisse aufzeigt, was der Autor damit belegt, dass durch Transformationsregeln Fehler selbst korrigiert und die oberflächliche von der Tiefenstruktur eines Satzes vom Kind unterschieden werden kann.

[...]


[1] Dittmann, Werner 1982: Intelligenz beim Down-Syndrom. Forschungsstand zur Problematik der Intelligenz-Leistungen beim Down-Syndrom. Heidelberg: G. Schindele Verlag. S. 134. (künftig zitiert als Dittmann 1982)

[2] Vgl. Grimm, Hannelore 2003: Störungen der Sprachentwicklung. 2., überarb. Auflage. Göttingen: Hogrefe. S. 83. (künftig zitiert als Grimm 2003)

[3] Vgl· Dittmann, Werner (Hrsg.) 1992: Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom. Aspekte ihres Lebens. Bad Heilbrunn/Obb.: Julius Klinkhardt Verlag. S. 82. (künftig zitiert als Dittmann 1992)

[4] Vgl. Dietrich, Rainer 2007: Psycholinguistik. 2. Auflage. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler. S. 291.

[5] Vgl. Rothweiler, Monika 2002: Spracherwerb. In: Einführung in die germanistische Linguistik. Hg. von Jörg Meibauer. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler. S. 251-259. (künftig zitiert als Rothweiler 2002)

[6] Bölune, Gerhard 1974: Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag. S. 164. (künftig zitiert als Bölune 1974)

[7] Bölune 1974, S. 313.

[8] Vgl. Bolline 1974, S. 166.

[9] Ebenda, S. 167.

[10] Kegel, Gerd. Entwicklung von Sprache und Kognition. Download Datum: 20.11.2016. littp://www.psycliolmguistik.uni-muenclien.de/publ/entw_spracli_kogn.litml. (künftig zitiert als Kegel 2016)

[11] Vgl. Böhme 1974, S. 166.

[12] Vgl Kegel 2016.

[13] Grohnfeldt Manfred 1982: Störungen der Sprachentwicklung. Berlin: Carl Marhold Verlag. S. 44f. (künftig zitiert als Grohnfeldt 1982)

[14] Vgl. Rothweiler 2002.

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668441866
ISBN (Buch)
9783668441873
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359330
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
Schlagworte
Down-Syndrom Trisomie 21 Sprachentwicklung Kognition Linguistik Klinische Linguistik Psycholinguistik Grammatik Expressiv Rezeptiv Morphologie Syntax

Autor

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Titel: Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern mit Down-Syndrom. Morphologische und syntaktische Untersuchungen