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Die Auswirkung des Kohärenzgefühls auf das Stressempfinden bei Studierenden. Coping als Moderatorvariable

Bachelorarbeit 2016 79 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Tabellenverzeichnis

IV Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das Kohärenzgefühl
2.1.1 Das Modell der Salutogenese
2.1.2 Die Differenzierung der Salutogenese zur Pathogenese
2.1.3 Begriffsbestimmung und Definition des Kohärenzgefühls
2.2 Stress
2.2.1 Begriffsbestimmung und Definition von Stress
2.2.2 Das Transaktionale Stressmodell nach Lazarus
2.3 Coping – der Umgang mit Stress
2.3.1 Begriffsbestimmung und Definition von Coping
2.3.2 Arten von Coping
2.3.3 Coping-Strategien
2.4 Theoretische Grundlagen der Moderatorvariable
2.4.1 Arten von Variablen
2.4.2 Mediation
2.4.3 Moderation
2.5 Bisherige Forschung
2.6 Forschungsfragen und Hypothesen

3 Methodik
3.1 Durchführung der Datenerhebung
3.2 Stichprobe
3.3 Erhebungsinstrumente
3.3.1 Fragebogen zur Lebensorientierung (SOC-29)
3.3.2 Das Stress- und Coping-Inventar (SCI)
3.4 Untersuchungsdesign
3.5 Datenanalyse
3.5.1 Testung der ersten Hypothese
3.5.2 Testung der zweiten Hypothese
3.5.3 Testung der dritten Hypothese

4 Ergebnisse
4.1 Deskriptive Statistiken
4.2 Beantwortung der Forschungshypothesen
4.2.1 Ergebnisse der ersten Hypothese
4.2.2 Ergebnisse der zweiten Hypothese
4.2.3 Ergebnisse der dritten Hypothese
4.2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

5 Diskussion
5.1 Interpretation und Diskussion der Ergebnisse
5.2 Limitationen der Studie
5.3 Fazit und Ausblick

V Literaturverzeichnis

VI Anhangsverzeichnis

Zusammenfassung

Diese Querschnittsstudie untersucht den Zusammenhang zwischen Kohärenzgefühl, Stressempfinden und Coping bei Studierenden. Die Stichprobe basiert auf einer ein-maligen Befragung und besteht aus 443 Studierenden im Alter von 18-33 Jahren. Die Rekrutierung erfolgte ausschließlich online über das soziale Netzwerk Facebook. Für die Datenerhebung werden zwei validierte Messinstrumente verwendet: der Fragebogen zur Lebensorientierung von Antonovsky (1987) und das Stress- und Coping-Inventar von Satow (2012). Sie erheben das Kohärenzgefühl, das aktuelle Stressempfinden und verwendete Coping-Strategien (Positives Denken, Aktive Stressbewältigung, Soziale Unterstützung, Halt im Glauben und Alkohol- und Zigarettenkonsum). Die empirische Forschung dieser Arbeit basiert auf der Grundannahme, dass ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl zu geringem Stressempfinden führt und einzelne Coping-Strategien diesen Zusammenhang moderieren. Darüber hinaus wird angenommen, dass insbesondere die Stressbewältigung durch Alkohol und Zigaretten den größten Einfluss auf das Stressempfinden bei Studierenden hat. Für die Prüfung der Hypothesen werden eine Korrelation, eine Moderatoranalyse und eine multiple Regression durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass das Kohärenzgefühl stark negativ mit Stressempfinden zusammenhängt, sich keine der erhobenen Coping-Strategien signifikant auf den Zusammenhang zwischen dem Kohärenzgefühl und dem Stressempfinden auswirkt und Coping durch soziale Unterstützung von allen Coping-Strategien am besten zur Vorhersage des Stressempfindens geeignet ist. Aus den Ergebnissen lässt sich ableiten, dass ein hohes Kohärenzgefühl bei Studierenden für eine gering empfundene Stressbelastung ent-scheidend ist.

Schlagwörter:

Kohärenzgefühl, Salutogenese, Stress, Coping, Moderatoranalyse

Abstract

This cross-sectional study investigates the relation between the sense of coherence, stress and coping among students. A total sample of 443 students participated in this study. The students were between 18 and 33 years old and have been recruited online through the social network Facebook. The study was conducted using two validated instruments: Antonovsky’s Sense of Coherence Scale (1987) and Satow’s Stress-and Coping-Inventory (2012). They measure the sense of coherence, stress and coping-strategies (positive thinking, preventive coping, social support, religious faith and alcohol and cigarettes). This empirical research is based on the main assumption that a strong sense of coherence leads to little perceived stress and coping-strategies moderate this relation. Furthermore, it is assumed, that coping with stress by drinking alcohol and smoking cigarettes has the biggest influence on students’ stress level. For testing the hypothesis, a correlation, a moderator analysis and a multiple regression analysis has been performed. The results show a strong negative correlation between the sense of coherence and stress. None of the measured coping strategies influence this relation and coping with social support predicts stress the best. Based on the results of this study, it seems that a strong sense of coherence is important when it comes to stress among students.

Keywords:

sense of coherence, salutogenic model, stress, coping, moderation analysis

II Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum nach Antonovsky, 1979 (eigene Darstellung)

Abb. 2: Zusammensetzung des Kohärenzgefühls (eigene Darstellung)

Abb. 4: Transaktionales Stressmodell nach Lazarus & Folkman, 1984

Abb. 5: Vereinfachtes Modell einer Mediation (eigene Darstellung)

Abb. 6: Vereinfachtes Modell einer Moderation (eigene Darstellung)

Abb. 7: Der Einfluss des Kohärenzgefühls auf das Stressempfinden unter Berücksichtigung der Drittvariable Coping (eigene Darstellung)

Abb. B.1: Streudiagramm der Variablen Kohärenzgefühl und Stressempfinden.

Abb. B.2: Moderatoranalyse mit SPSS-Makro modprobe.sps mit Stressempfinden als abhängige Variable, Kohärenzgefühl als unabhängige Variable und Coping (Positives Denken) als Moderator

Abb. B.3: Moderatoranalyse mit SPSS-Makro modprobe.sps mit Stressempfinden als abhängige Variable, Kohärenzgefühl als unabhängige Variable und Coping (Aktive Stressbewältigung) als Moderator

Abb. B.4: Moderatoranalyse mit SPSS-Makro modprobe.sps mit Stressempfinden als abhängige Variable, Kohärenzgefühl als unabhängige Variable und Coping (Soziale Unterstützung) als Moderator

Abb. B.5: Moderatoranalyse mit SPSS-Makro modprobe.sps mit Stressempfinden als abhängige Variable, Kohärenzgefühl als unabhängige Variable und Coping (Religion) als Moderator

Abb. B.6: Moderatoranalyse mit SPSS-Makro modprobe.sps mit Stressempfinden als abhängige Variable, Kohärenzgefühl als unabhängige Variable und Coping (Alkohol) als Moderator

III Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der Variablen

Tab. 2: Reliabilitäten der Hauptkonstrukte

Tab. 3: Bivariate Korrelationen der Hauptkonstrukte nach Pearson

Tab. 4: Korrelation zwischen Kohärenzgefühl und Stress

Tab. 5: Stressempfinden erklärt durch Kohärenzgefühl, Coping (Positives Denken) und Interaktion zwischen Kohärenzgefühl und Coping (Positives Denken)

Tab. 6: Stressempfinden erklärt durch Kohärenzgefühl, Coping (Aktive Stressbewältigung) und Interaktion zwischen Kohärenzgefühl und Coping (Aktive Stressbewältigung)

Tab. 7: Stressempfinden erklärt durch Kohärenzgefühl, Coping (Soziale Unterstützung) und Interaktion zwischen Kohärenzgefühl und Coping (Soziale Unterstützung)

Tab. 8: Stressempfinden erklärt durch Kohärenzgefühl, Coping (Religion) und Interaktion zwischen Kohärenzgefühl und Coping (Religion)

Tab. 9: Stressempfinden erklärt durch Kohärenzgefühl, Coping (Alkohol) und Interaktion zwischen Kohärenzgefühl und Coping (Alkohol)

Tab. 10: Hierarchische multiple Regressionsanalyse zur Vorhersage von Stressempfinden durch Coping-Strategien (Soziale Unterstützung, Positives Denken, Alkohol)

Tab. B.1: Statistische Kennzahlen der untersuchten Variablen

Tab. B.2: t-Test für unabhängige Stichproben hinsichtlich des Geschlechts

Tab. B.3: t-Test für unabhängige Stichproben hinsichtlich des Unityps

IV Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Jeder fünfte Student hat psychische Probleme“ (WirtschaftsWoche, 2015). Schlagzeilen über universitätsbedingten Stress tauchen in den letzten Jahren immer wieder in den Nachrichten auf. Der jährlich herausgegebene Stressreport der Techniker Krankenkasse (2013) bestätigt das Bild des gestressten Studenten. So geht hervor, dass sich 40 Prozent der Studierenden häufig bis sehr häufig gestresst fühlen. Dies hat unterschiedliche Gründe: Seit Einführung der Hochschulreform Bologna 2009 kämpfen Studierende mit stetig wachsenden Anforderungen und sind deutlich erhöhtem Leistungsdruck ausgesetzt (Gusy, Lohmann & Drewes, 2010). Im Informationszeitalter der Digitalisierung und Vernetzung gehören zusätzlich erhöhter Zeitdruck, Informations- und Reizüberflutung, permanente Erreichbarkeit und tägliche Aktivität in sozialen Netzwerken zum Alltag vieler Studierenden. Gesundheitsschädigende Stressfolgen bei Studierenden sind insbesondere Nervosität/Unruhe, Burn-Out, Kopfschmerzen, Schlafstörung, Panikattacken und depressive Phasen (Techniker Krankenkasse, 2012). Somit ist das Thema Stress bei Studierenden ein allgegenwärtiges und hochaktuelles Problem.

Zum heutigen Standpunkt der Wissenschaft ist bewiesen, dass sich Stress nicht zwangsläufig gesundheitsschädigend auswirkt. Entscheidend ist der Umgang mit Stress, das sogenannte Coping. Die Arten des Copings sind individuell. Dementsprechend kann Stress als mehr oder weniger belastend empfunden werden, oder sogar antreibend sein (Lazarus & Folkman, 1984). Bei den bereits genannten alltäglichen Belastungen, denen Studierende ausgesetzt sind, können diese also unter gleichen Anforderungen unterschiedlichen Stress empfinden. An dieser Stelle kommt die Frage auf, wieso es manchen Studierenden – trotz gleicher externer Einflüsse und Umweltbedingungen – augenscheinlich leichter fällt, ihr Studium erfolgreich zu absolvieren, als anderen. Ist die innere Haltung gegenüber dem Leben und seinen Herausforderungen entscheidend? Um dieser Frage nachzugehen wird das Konzept des Kohärenzgefühls nach Antonovsky (1979) mit in die Forschung dieser Arbeit einbezogen.

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, worin sich häufiger gestresste Studierende von seltener gestressten Studierenden unterscheiden. Somit ist die Erforschung von Stress bei Studierenden weiterhin von großem wissenschaftlichen Interesse. Auch ist weiterhin unklar, welche gesundheitlichen Konsequenzen durch Stress zukünftig bei Studierenden resultieren. Da sich permanenter Stress gesundheitsschädigend auswirken kann, ist es deshalb besonders erstrebenswert, zu untersuchen, wie sich dieser bei Studierenden im Vorfeld vermeiden lässt, um keine negativen Folgen zu tragen.

Aus der bisherigen Darstellung ergeben sich hinsichtlich der zu betrachtenden Thematik folgende Forschungsfragen: Ist eine innere Haltung entscheidend dafür, wie sehr sich Studierende gestresst fühlen? Wie hoch ist das Kohärenzgefühl bei Studierenden und welchen Einfluss hat es auf ihr Stressempfinden? Wie sehr wird der studentische Alltag von Stress beeinflusst und was sind die Ursachen? Welche Bewältigungsstrategien nutzen Studierende, um mit Stress umzugehen?

Zur Beantwortung dieser Forschungsfragen wird in der vorliegenden Arbeit das Kohärenzgefühl und seine Auswirkung auf das Stressempfinden bei Studierenden untersucht. Zudem wird Coping als Drittvariable betrachtet und untersucht, inwieweit sich diese auf die Beziehung zwischen dem Kohärenzgefühl und dem Stressempfinden auswirkt. In die Untersuchung werden ausschließlich Studierende einbezogen, um den Erkenntnisgewinn aus dieser Forschung auf diese spezielle Gruppe beziehen zu können. Ziel der Untersuchung ist es, herauszufinden welchen Einfluss das Kohärenzgefühl bei Studierenden auf Stress und den Umgang mit diesem hat. Im Kern steht also die Frage, ob eine innere Grundeinstellung bei Studierenden dafür verantwortlich ist, durch Stress positiv gefordert zu werden und daran zu wachsen, oder sich dadurch negativ beeinflussen und beeinträchtigen zu lassen. Somit könnten durch diese Arbeit Grundlagenerkenntnisse gewonnen werden und möglicherweise Handlungsempfehlungen für Studierende entwickelt werden, um der Problematik Stress vorzubeugen.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in fünf Teile. Im Anschluss an die Einleitung folgen im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit. Diese dienen als Grundlage für die Forschungsfragen und zur Herleitung der zu überprüfenden Hypothesen dieser empirischen Forschung. Es wird ein Einblick in den bisherigen Forschungsstand gegeben, um daraus die zu untersuchenden Forschungshypothesen abzuleiten. Der dritte Teil befasst sich mit der Methodik. Dieser beschreibt die Durchführung der empirischen Forschung und geht dabei auf die Stichprobe, die verwendeten Erhebungsinstrumente, das Untersuchungsdesign und das statistische Vorgehen ein. Im vierten Teil werden die Ergebnisse der empirischen Forschung dargestellt. Hierbei werden neben deskriptiven Statistiken auch die Ergebnisse der Hypothesentestungen beschrieben. Die Arbeit endet mit der Diskussion. Diese beinhaltet eine Beschreibung der Grenzen der Untersuchung, eine Interpretation der Forschungsergebnisse sowie ein Fazit, aus dem sich ein Forschungsausblick für zukünftige Untersuchungen ableitet.

Im Folgenden werden nun zunächst die theoretischen Grundlagen betrachtet, die zum Verständnis und zur Durchführung der empirischen Forschung notwendig sind.

2 Theoretische Grundlagen

Die theoretischen Grundlagen der vorliegenden Arbeit sind Gegenstand der Gesundheitsforschung und für die empirische Untersuchung dieser Arbeit von zentraler Bedeutung. Diese Grundlagen gliedern sich in insgesamt sechs Teile und geben einen Überblick über die zu behandelnde Thematik. Dabei orientiert sich die Gliederung am Titel der Arbeit. Der erste Teil befasst sich mit dem Kohärenzgefühl (vgl. 2.1). Neben der Definition wird auch die Salutogenese als übergeordnetes Modell erklärt und eine Differenzierung zur Pathogenese vorgenommen. Im zweiten Teil wird der Faktor Stress thematisiert, wobei der Fokus insbesondere auf seine Begriffsbestimmung und Entstehung gelegt wird (vgl.2.2). Hierbei wird das Transaktionale Stressmodell nach Lazarus (1966) abgebildet und erklärt. Der dritte Teil beschreibt Coping, den Umgang mit Stress und differenziert dabei anhand von Beispielen (vgl. 2.3) problemorientiertes von emotionsorientiertem Coping. Im vierten Teil werden die theoretischen Grundlagen der Moderatorvariable erläutert. Hierbei wird die Moderation von der Mediation getrennt betrachtet (vgl. 2.4). Der fünfte Teil der theoretischen Grundlagen greift die bisherige Forschung der behandelten Thematik auf (vgl. 2.5). Daraus leiten sich im sechsten Teil die Forschungshypothesen dieser Arbeit ab (vgl. 2.6), die im Rahmen der empirischen Forschung geprüft werden.

2.1 Das Kohärenzgefühl

Das Kohärenzgefühl ist nach Antonovsky (1979) ein zentraler Bestandteil des Modells der Salutogenese, weshalb dieses zunächst näher erläutert wird. Im zweiten Schritt wird dann der salutogenetische Ansatz vom Begriff der Pathogenese differenziert, um die im dritten Schritt abschließende Definition des Kohärenzgefühls kontextuell verstehen zu können.

2.1.1 Das Modell der Salutogenese

Der Begriff Salutogenese ist ein von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky gebildeter Neologismus und setzt sich aus den Wörtern salus (lat.) = Gesundheit, Unverletztheit, Heil, Glück und genesis (griech.) = Entstehung zusammen. Wörtlich übersetzt bedeutet Salutogenese Gesundheitsentstehung.

In den 1970er Jahren untersuchte Antonovsky in Israel lebende Frauen hinsichtlich ihres Umgangs mit der Menopause. Unter den Frauen befanden sich auch solche, die während des zweiten Weltkrieges in nationalsozialistischen Konzentrationslagern inhaftiert waren. Der Vergleich dieser Frauen mit anderen, die eine Biografie ohne derartige Belastungen aufwiesen, führte zu der Erkenntnis, dass 29 Prozent der damals inhaftierten Frauen eine gute physische und psychische Gesundheit aufwiesen (Antonovsky, 1979). Die Tatsache, dass diese Frauen traumatische Erfahrungen erlebten, und es dennoch schafften gesund zu bleiben, begeisterte Antonovsky. Er fragte sich, woher die Frauen, die Kraft nahmen, sich positiv auf die neue Lebensphase einzustellen (Maoz, 1998). Seitdem fokussierte Antonovsky seine Forschung auf die Erhaltung und Förderung der Gesundheit, wobei zentrale Fragen die Entstehung seines salutogenetischen Modells prägten: „Warum bleiben Menschen – trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse - gesund? Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen? Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremster Belastungen nicht krank werden?“ (Bengel, Strittmatter & Willmann, 2009, S. 24).

Im Zentrum des Modells der Salutogenese steht daher die Fragestellung, was Menschen gesund erhält (Antonovsky, 1979), und nicht, was sie krank macht. So lässt sich an dem Begriff Salutogenese erkennen, dass Antonovsky das Antonym zum Begriff Pathogenese bildete. Zwar steht das salutogenetische Modell im Gegensatz zum bisher dominierenden Krankheitsmodell der Pathogenese, jedoch versuchte Antonovsky nicht dieses abzulösen, sondern es zu ergänzen (Bengel et al., 2001). An dieser Stelle ist es notwendig, eine genauere Unterscheidung zwischen der Salutogenese und Pathogenese vorzunehmen.

2.1.2 Die Differenzierung der Salutogenese zur Pathogenese

Mit seinem Modell stellt Antonovsky einige Grundannahmen der bisherigen Betrachtung von Krankheit und Gesundheit in Frage. Im Gegensatz zur Pathogenese, dem traditionellen Krankheitsmodell, beschäftigt sich die Salutogenese nicht mit der Entstehung von Krankheiten, sondern mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit (Jork & Peseschkian, 2006). Die Pathogenese gilt als Wissenschaft zur Erklärung von Krankheitsentstehung (Lorenz, 2005). Der persönliche Gesundheitszustand wird hierbei dichotom als krank oder gesund betrachtet, ein Zustand dazwischen existiert nicht. Das Ziel des bisher gültigen Krankheitsmodells besteht im Sieg über die Krankheit durch die Behandlung der Kranken. Dabei gilt es, Tod und einem andauernden Leidensdruck vorzubeugen, sowie bestenfalls den ursprünglichen Gesundheitszustand wieder-herzustellen.

Dem gegenüber sieht der salutogenetische Ansatz vor, Menschen gesund zu erhalten und vor Krankheiten zu schützen (Antonovsky, 1997; Lorenz, 2005). Der wichtigste Unterschied zur Pathogenese entspringt Antonovskys Vorstellung, dass krank oder gesund sein keine dichotomen Merkmale sind. Denn seiner Meinung nach ist Gesundheit kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, bei dem Menschen zu unterschiedlichen Lebenszeitpunkten mal mehr und mal weniger gesund sind und sich somit zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens auf einem Kontinuum bewegen (Antonovsky, 1979). Dieses Kontinuum nannte Antonovsky das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum. Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum ist in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum nach Antonovsky, 1979 (eigene Darstellung)

Entsprechend den Begriffen Salutogenese und Pathogenese stellen Gesundheit und Krankheit die Extrempole dar. Diese sind nach Antonovsky (1997) für lebende Organismen nicht zu erreichen, da jeder sich als gesund wahrnehmende Mensch auch kranke Anteile hat und jeder auch sehr kranke Mensch zu einem gewissen Grad gesund ist. Seiner Auffassung nach sind „(…) wir alle, solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund“ (Antonovsky, 1997, S.23). So betrachtet der salutogenetische Ansatz „den Kampf in Richtung Gesundheit als permanent und nie ganz erfolgreich“ (Antonovsky, 1993a, S. 10). Die Frage ist nun nicht mehr, ob eine Person gesund oder krank ist, sondern wie gesund sie ist (Bengel et al., 2001).

Neben der zentralen Annahme des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums erwähnt Antonovsky (1997) weitere Aspekte, die sein Modell von der pathologiezentrierten Denkweise abgrenzen. Diese sind für die empirische Forschung dieser Arbeit nicht explizit relevant, werden aber zum Verständnis im Folgenden kurz skizziert. Bei der pathogenetischen Auffassung von Gesundheit und Krankheit steht die Erhaltung der Homöostase, also die Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes, im Vordergrund. Die Salutogenese hingegen stellt die Überwindung der Heterostase (Ungleichgewicht; fehlende Stabilität; Gegenteil von Homöostase) in den Fokus. Nach Antonovsky (1997) ist Gesundheit kein passiver, normaler Gleichgewichtszustand. Zudem betrachtet die salutogenetische Perspektive den Status einer Person im Rahmen ihrer gesamten Lebensgeschichte – einschließlich der Krankheit. Die pathogenetische Sichtweise richtet ihre Aufmerksamkeit jedoch nur auf die Krankheit (Jork, 2006). Durch Antonovskys Abgrenzung von der dichotomen Denkweise der Pathogenese vollzieht er einen bedeutsamen Perspektivwechsel für die medizinische Forschung. Diesen beschreibt Antonovsky in einer Metapher, in der er das Leben mit einem Fluss vergleicht.

„(…) meine fundamentale philosophische Annahme ist, daß der Fluß der Strom des Lebens ist. Niemand geht sicher am Ufer entlang. Darüber hinaus ist für mich klar, daß ein Großteil des Flusses sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn verschmutzt ist. Es gibt Gabelungen im Fluß, die zu leichten Strömungen oder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Meine Arbeit ist der Auseinandersetzung mit folgender Frage gewidmet: ‚Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluß befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?‘“ (Antonovsky, 1997, S.92)

Während sich die pathogenetische Herangehensweise zum Ziel setzt, Ertrinkende mit allen Mitteln aus dem reißenden Fluss zu retten, fragt die Salutogenese hingegen, was einen guten Schwimmer ausmacht (Bengel et al., 2001). Mit dieser Frage sucht Antonovsky vermehrt danach, was grundlegend dazu beiträgt, Menschen gesund zu erhalten. In diesem Zusammenhang erwähnt er äußere Faktoren wie Krieg, Hunger oder hygienische Verhältnisse, die seiner Ansicht nach den Gesundheitszustand eines Menschen beeinflussen. Dennoch lassen sich trotz gleicher Umweltbedingungen unterschiedliche Gesundheitszustände der Menschen beobachten. So kommt er zu dem im salutogenetischen Modell bedeutsamen Schluss, dass insbesondere die Nutzung vorhandener Ressourcen zur Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden entscheidend für den Gesundheitszustand ist. Diese Ressourcennutzung wiederum hängt seiner Ansicht nach von der individuellen Grundeinstellung ab. So schlug Antonovsky (1997) schließlich nach weiterer Forschung das Kohärenzgefühl als Antwort auf die salutogenetische Frage vor. Dieses wird im nachfolgenden Kapitel ausführlich erläutert und mit der bisher vorgestellten Theorie in Zusammenhang gebracht.

2.1.3 Begriffsbestimmung und Definition des Kohärenzgefühls

Da der Zusammenhang zwischen dem Stressempfinden bei Studierenden und ihrem Kohärenzgefühl den Kernaspekt dieser empirischen Forschungsarbeit ausmacht, ist es notwendig den Begriff des Kohärenzgefühls genauer zu erläutern. Das Kohärenzgefühl bildet das Herzstück der Salutogenese und beantwortet deren Kernfrage, was Menschen gesund erhält. In diesem Kapitel wird das Kohärenzgefühl definiert und in das Modell der Salutogenese eingebettet.

Antonovsky (1979) bezeichnet das Kohärenzgefühl als „way of looking at the world“ (S. 8) und damit als allgemeine Grundhaltung des Individuums gegenüber der Welt und dem eigenen Leben. So bedeutet Kohärenz (von lat.: cohaerere = zusammenhängen) in diesem Kontext Stimmigkeit. Antonovsky bezeichnet dies als Sense of Coherence. Die deutsche Übersetzung des Originalbegriffs ist sehr umstritten, da es sich nicht nur um ein Gefühl handelt, sondern nach Antonovsky (1997) eher um eine globale Orientierung. Nach Franke (1997) wird Sense of Coherence stellenweise mit Kohärenzsinn oder Kohärenzerleben übersetzt. In der Literatur findet sich jedoch weitestgehend der Begriff Kohärenzgefühl, weshalb dieser auch in der Arbeit verwendet wird. Antonovsky (1997) definiert das Kohärenzgefühl folgendermaßen:

„Das SOC (Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Maße man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass

1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der Inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“ (S. 36).

Aus dieser Definition lässt sich ableiten, dass sich das Kohärenzgefühl aus drei Komponenten zusammensetzt. Diese nennt Antonovsky (1979) Verstehbarkeit (Comprehensibility), Handhabbarkeit (Managebility) und Bedeutsamkeit (Meaningfulness). Abbildung 2 veranschaulicht die Zusammenfügung zum Kohärenzgefühl. Nachfolgend werden die drei Komponenten genauer betrachtet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Zusammensetzung des Kohärenzgefühls (eigene Darstellung)

Verstehbarkeit

Als eine Komponente des Kohärenzgefühls bezeichnet Antonovsky (1979) Verstehbarkeit als „(…) a solid capacity to judge reality“ (S. 127). Sie stellt damit eine solide Fähigkeit dar, Realität zu beurteilen.

Verstehbarkeit bezieht sich demnach auf das Ausmaß, in dem interne und externe Stimuli, also Reize, als kognitiv sinnvoll angenommen werden. Personen mit einem hohen Ausmaß an Verstehbarkeit verfügen über die Qualifikation, die zunächst chaotisch und willkürlich wirkenden Informationen in einen Zusammenhang zu bringen. Dadurch können sie jede Art von Ereignissen nachvollziehen. Zudem gehen sie davon aus, dass zukünftig auftretende Stimuli vorhersagbar sind. Selbst überraschend auftretende Stimuli können kognitiv verarbeitet, eingeordnet und erklärt werden.

Handhabbarkeit

Unter Handhabbarkeit versteht Antonovsky das Ausmaß der eigenen Wahrnehmung darüber, inwieweit eine Person über geeignete Ressourcen verfügt, um Anforderungen zu bewältigen. Hierbei besteht die Fähigkeit darin, Ressourcen unter Belastung aktivieren zu können. Diese können entweder selbst mobilisiert werden oder durch Dritte, wie etwa akzeptierte Vertrauenspersonen oder den Glauben, hervorgerufen werden. Personen mit einem hohen Maß an Handhabbarkeit fühlen sich nach Antonovsky nicht in eine Opferrolle gedrängt oder vom Leben ungerecht behandelt. Deswegen können sie unerwartete und schmerzliche Lebenssituationen bewältigen.

Bedeutsamkeit

Bei der dritten Komponente Bedeutsamkeit handelt es sich um eine emotionale und motivationale Komponente des menschlichen Erlebens (Antonovsky, 1997). Sie äußert sich in dem Ausmaß, wie sinnvoll Personen ihr Leben empfinden. Personen mit einem hohen Ausmaß an Bedeutsamkeit sehen es als lohnenswert an, in bestimmte Aufgaben Energie zu investieren. Ihrer Meinung nach ist es erstrebenswert, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen und ihnen gerecht zu werden. Sie sehen Anforderungen nicht als Probleme, sondern vielmehr als Herausforderungen.

Für Antonovsky sind alle drei Faktoren von zentraler Bedeutung, wobei er die Komponente Bedeutsamkeit besonders hervorhebt. Er argumentiert dies anhand des folgenden Gedankengangs: Wenn eine Person kognitiv angemessen interpretiert und zudem glaubt, geeignete Ressourcen zur Verfügung zu haben, so weist sie hohe Werte an Verstehbarkeit und Handhabbarkeit auf. Zeigt diese Person jedoch kein Interesse und sieht keinen Sinn, wird sie aufhören, auf Reize zu reagieren und die Welt bald als unverständlich ansehen (Antonovsky, 1997). Die Komponente Bedeutsamkeit bildet somit gewissermaßen die Basis für die beiden anderen Komponenten. Sieht eine Person verschiedene Bereiche ihres Lebens als wenig sinnvoll an, so wird diese wenig bemüht sein, Dinge verstehen zu wollen und nach Ressourcen zu suchen. Nach Antonovsky (1997)entwickelt sich infolgedessen nur ein sehr geringes Maß an Verstehbarkeit und Handhabbarkeit.

Zusammengefasst stellt Antonovskys Konzept des Kohärenzgefühls die Antwort auf die salutogenetische Fragestellung dar (Antonovsky, 1997). Für ihn ist das Kohärenzgefühl der entscheidende Faktor dafür, was Menschen gesund erhält. Ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl ergibt sich aus den drei Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit. Dabei steht die Ausprägung des Kohärenzgefühls einer Person in direktem Zusammenhang mit dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum (Antonovsky, 1997; vgl. Abbildung 1). Anhand der Ausprägung des Kohärenzgefühls lässt sich also zu jedem Zeitpunkt erkennen, wo sich Personen auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum befinden. Nach Antonovsky (1997) bildet sich das Kohärenzgefühl bis zum frühen Erwachsenenalter von etwa 30 Jahren aus und bleibt danach stabil. Trotz der bisherigen Erkenntnisse bleiben noch die Fragen offen, wann das Kohärenzgefühl im Alltag relevant wird und wie es einer Person von Nutzen sein kann.

Antonovsky (1997) schreibt dem Kohärenzgefühl insbesondere in Stresssituationen eine besondere Bedeutung zu. Seiner Ansicht nach deuten Personen mit einem stark ausgeprägten Kohärenzgefühl zunächst die Anforderungssituation und den potentiell stressauslösenden Reiz. Anschließend aktivieren sie geeignete Ressourcen zur Stressbewältigung. Diese Reaktion auf Stress nennt er flexibel. Personen mit einem niedrigen Kohärenzgefühl hingegen werden nach Antonovsky keine aktiven Maßnahmen einleiten, um eine Anforderungssituation zu bewältigen. Sie handeln unflexibel (vgl. Abbildung 1).

An dieser Stelle muss bemerkt werden, dass Antonovsky das Kohärenzgefühl nicht mit Stressbewältigung gleichsetzt. Er vertritt die Ansicht, dass der erfolgreiche Umgang mit einer Stresssituation jedoch von einem stark ausgeprägten Kohärenzgefühl abhängt (Antonovsky, 1997). Da in der empirischen Forschung dieser Arbeit die Auswirkung des Kohärenzgefühls auf das Stressempfinden bei Studierenden untersucht wird, werden im Folgenden die Themen Stress und Stressbewältigung näher betrachtet.

2.2 Stress

Dieser Teil der theoretischen Grundlagen befasst sich mit dem Thema Stress. Aufgrund des Umfangs der Thematik beschränkt sich der folgende Theorieteil ausschließlich auf die Punkte, die für die empirische Forschung dieser Arbeit von Bedeutung sind. Daher wird Stress zunächst definiert und anhand des transaktionalen Stressmodells nach Lazarus (1966) verdeutlicht. Hierbei wird erklärt, aus welchem Grund und wie Stressreaktionen entstehen.

2.2.1 Begriffsbestimmung und Definition von Stress

In der Literatur existieren zahlreiche Definitionen und Konzepte von Stress, die vor allen Dingen aus seiner Multidimensionalität resultieren. So betrachten und erforschen etliche Fachrichtungen Stress im Hinblick auf diverse Aspekte.

Der Mediziner Hans Selye gilt als Vater der Stressforschung und erforschte bereits in den 1930er Jahren die Grundlagen von Stress. 1936 definierte er Stress als „unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung“ (Selye, 1974, S. 58). Aktuelle Publikationen verweisen jedoch deutlich mehr auf die Arbeit von Greif (1991). Dieser definiert Stress als einen subjektiv erlebten Spannungszustand, der aus Angst davor entsteht, dass eine aversive, zeitlich unmittelbar bevorstehende und als lang andauernd eingeschätzte Situation, deren Vermeidung wichtig erscheint, nicht kontrollierbar ist. Aus dieser Definition geht hervor, dass Stress einen Zustand darstellt. Dieser Zustand ist subjektiver Natur und hängt somit von der individuellen Einschätzung der Person gegenüber einem Reiz ab. Externe und interne Reize, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Stressreaktionen führen, werden als Stressoren bezeichnet (Semmer, 1984).

Seit den Forschungsarbeiten von Selye wird Stress als Alarmreaktion des Körpers verstanden. Werden Stressoren als gefährlich oder bedrohlich eingestuft, lösen diese zahlreiche körperliche Reaktionen aus, darunter die Ausschüttung der Stresshormone, Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol und Dopamin (Satow, 2012). An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass sich Stress je nach Person und Situation auf unterschiedliche Weise äußert (Lazarus & Folkman, 1984). Hinsichtlich dieser Annahme ist es hier sinnvoll, eine differenzierte Unterscheidung zwischen negativem und positivem Stress vorzunehmen. Negativ und unangenehm assoziierter Stress wird in der Fachsprache als Distress bezeichnet. Diese Art von Stress kann zu enormen Gesundheitsschäden führen (Schandry, 2011).

Dem gegenübergestellt gibt es auch positiven Stress, sogenannten Eustress. Nach Selye (1974) kommt es zu dieser Art von Stress, wenn belastende Reize als angenehm empfunden werden. Bei dieser Art von Stress schüttet der Körper nicht nur Stresshormone aus, sondern auch Serotonin. Dabei werden das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit eines Menschen positiv beeinflusst, weshalb sich dieser Stress angenehm anfühlt (Schandry, 2011). Besonders mit der Entwicklung der Positiven Psychologie, einer jungen, bedeutsamen Richtung in der Wissenschaft, entwickelt sich Eustress zunehmend zu einem relevanten Forschungsbereich (Gerrig & Zimbardo, 2008). Ob ein Stressor nun zu Distress oder Eustress führt, hängt von der subjektiven Bewertung und Interpretation der Anforderungssituation ab (Lazarus & Folkman, 1984; Satow, 2012).

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass gleiche Anforderungssituationen unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass sowohl die Einschätzung einer Situation als auch der Umgang mit Stress darüber entscheidet, wie Stress erlebt wird und wie er sich auswirkt (Lazarus & Folkman, 1984; Satow, 2012).

Als Erklärungsansatz für das Zusammenwirken von Stressoren und dadurch ausgelösten Stressreaktionen hat sich in der Stressforschung eine Vielzahl von Stressmodellen entwickelt. Eine in der aktuellen Forschung akzeptierte und weit verbreitete theoretische Grundlage stellt das transaktionale Stressmodell aus der kognitiv-transaktionalen Perspektive nach Lazarus (1966) dar. Dieses Modell bietet einen Ansatz, der den soeben vorgestellten Kontext einbezieht und näher ausführt.

2.2.2 Das Transaktionale Stressmodell nach Lazarus

Der amerikanische Psychologe Richard Lazarus betrachtet Stress aus einer kognitiv transaktionalen Perspektive. Transaktional meint in diesem Zusammenhang, dass Person und Umwelt interagieren (Lazarus, 1966). Nach Lazarus & Folkman (1984) entsteht Stress immer dann, wenn gestellten Anforderungen die Ressourcen einer Person sehr stark beanspruchen oder übersteigen. Ob Stressoren zu subjektiver Belastung führen, hängt ihrer Ansicht nach davon ab, wie eine Person eine Situation bewertet und bewältigt. Dieser Vorgang ist in Abbildung 4 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Transaktionales Stressmodell nach Lazarus & Folkman, 1984

Es stehen zwei Bewertungsschritte im Mittelpunkt. In der primären Bewertung wird die Anforderungssituation kognitiv eingeschätzt. Sie kann als angenehm-positiv, irrelevant oder stressrelevant beurteilt werden. Stressrelevante Situationen werden als schädlich, bedrohlich oder herausfordernd angesehen. In der sekundären Bewertung wird überprüft, ob die Situation mit den verfügbaren Ressourcen bewältigt werden kann. Ergibt diese Bewertung, dass die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, wird eine Stress-reaktion ausgelöst (Lazarus & Folkman, 1984). Aus diesem Modell lässt sich ableiten, dass nicht der Reiz oder die Situation automatisch zu einer Stressreaktion führen, sondern lediglich die subjektive Bewertung darüber entscheidend ist. Bewertet eine Person eine Anforderungssituation als Herausforderung und sieht sich zudem im Stande, diese mit Hilfe von vorhandenen Ressourcen zu bewältigen, entsteht nach Lazarus & Launier (1981) Eustress.

Eine weitere zentrale Komponente im transaktionalen Stressmodell stellen die Bewältigungsprozesse eines Individuums dar, das sogenannte Coping. Hier stellt sich die Frage, auf welche unterschiedliche Art und Weise Personen mit Stress umgehen. Das nachfolgende Kapitel behandelt den Umgang mit Stress näher und vergleicht dabei verschiedene Arten der Stressbewältigung. Darüber hinaus werden einzelne Strategien der Stressbewältigung hervorgehoben.

2.3 Coping – der Umgang mit Stress

Wie in den vorangegangenen Kapiteln erläutert, ist der Umgang mit Stress entscheidend darüber, ob Stressoren eine negative oder positive Stressreaktion auslösen. Da Coping in der empirischen Forschung dieser Arbeit als Moderatorvariable eingesetzt wird, behandeln die nachfolgenden Abschnitte sowohl Coping als Begriff als auch verschiedenen Arten von Coping. Dabei wird inhaltlich zwischen problemorientiertem und emotionsorientiertem Coping unterschieden. Im Anschluss werden einzelne Coping-Strategien herausgestellt.

2.3.1 Begriffsbestimmung und Definition von Coping

Der Begriff Coping leitet sich vom englischen to cope with, auf Deutsch zurechtkommen mit, bewältigen, ab und bezeichnet die Art des Umgangs mit einer als bedeutsam empfundenen Situation (Frydenberg, 2004). Aufgrund einer Vielfalt an Begriffsdefinitionen wird Coping in dieser Arbeit nach Lazarus & Folkman (1984) und Kaluza (2012) definiert. Nach Lazarus & Folkman (1984) ist Coping der Prozess, des Umgangs mit inneren oder äußeren Anforderungen, welche die Ressourcen eines Menschen stark beanspruchen oder übersteigen. Diese Definition wird um die Begriffsbestimmung von Kaluza (2012) erweitert. Ihm nach umfasst Coping alle Maßnahmen, die eine Person unternimmt, um die auftretenden Anforderungen zu bewältigen und daraus folgende negative Konsequenzen zu vermeiden. An dieser Stelle muss hervorgehoben werden, dass es beim Coping ausschließlich um die Bemühung einer Person geht, mit einer Anforderungssituation umzugehen. Davon abzugrenzen sind die tatsächlich angewendeten Coping-Strategien . (Kaluza, 2012).

2.3.2 Arten von Coping

Die Wissenschaft unterscheidet verschiedene Arten von Coping. Unter anderem wird zwischen problemorientiertem Coping und emotionsorientiertem Coping unterschieden (Billings & Moos, 1981; Lazarus & Folkman, 1984). Problemorientiertes Coping bezieht sich auf den direkten Umgang mit dem Stressor. Nach Lazarus & Folkman (1984) wird dies besonders dann eingesetzt, wenn Situationen als kontrollierbar erlebt werden. Hierbei wird versucht, die Problemlage aktiv zu verändern und eine tragfähige Lösung herbeizuführen. Bei emotionsorientiertem Coping werden die Anstrengungen primär darauf gerichtet, die mit dem Stressor einhergehenden negativen Emotionen zu reduzieren (Lazarus & Folkman, 1984). Hierbei wird also nicht die Problemsituation direkt angegangen, sondern das daraus resultierende Unbehagen abgebaut. Dabei wird die subjektive Wahrnehmung der Situation durch Methoden wie Verleugnung, Vermeidung und Ablenkung beeinflusst (Schwarzer, 2004). Diese Art von Coping findet nach Lazarus & Folkman (1984) Anwendung, wenn die Problemsituation als unveränderlich wahrgenommen wird. Die in einer Situation tatsächlich angewendeten Coping-Strategien lassen sich jeweils einer der beiden oben beschriebenen Arten zuordnen.

2.3.3 Coping-Strategien

Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ist zu betonen, dass die Wissenschaft weitere Unterscheidungen innerhalb der Coping-Strategien vornimmt. So unterscheidet sie zwischen adaptiven und maladaptiven Coping-Strategien. Als Synonyme finden sich in der Literatur häufig die Begriffe funktionale und dysfunktionale Coping-Strategien. Dabei lösen adaptive Coping-Strategien ein Problem dauerhaft und fortwährend, wohingegen maladaptive Coping-Strategien von dem eigentlichen Problem ablenken und es nicht nachhaltig lösen (Lazarus & Folkman, 1984). In der Literatur gibt es allerdings widersprüchliche Annahmen in Bezug auf die Anzahl unterschiedlicher Coping-Strategien (Satow, 2012; Krägeloh, 2011; Gerrig & Zimbardo, 2008; Carver, 1997).

Krägeloh (2011) kommt in seinen Untersuchungen zu der Erkenntnis, dass Menschen nur wenige Coping-Strategien einsetzen. Faktorenanalysen zu Folge sind dies drei bis fünf unterschiedliche. Zu diesen Coping-Strategien zählen positives Denken, aktive, vorbeugende Stressbewältigung, soziale Unterstützung, die Suche nach Halt im Glauben sowie Alkohol- und Zigarettenkonsum. Die letztere wird in der Literatur oft als maladaptive Coping-Strategie angeführt (Brandao, Pimentel & Cardoso, 2011; Ross, Neibling & Heckert, 1999; Frost & Mierke, 2013). Satow (2012) beruft sich auf faktorenanalytische Ergebnisse und erfasst in seinem Stress- und Coping Inventar (SCI) diese fünf Coping-Strategien. Für den empirischen Teil wird das SCI in Kapitel 3.3.2 noch einmal aufgegriffen und näher erläutert. Nachdem nun Coping erklärt wurde, erläutert der nächste Abschnitt dessen Funktion als Moderatorvariable.

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Details

Seiten
79
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668440487
ISBN (Buch)
9783668440494
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359229
Institution / Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
2,7
Schlagworte
Kohärenzgefühl Salutogenese Stress Coping Moderatoranalyse

Autor

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Titel: Die Auswirkung des Kohärenzgefühls auf das Stressempfinden bei Studierenden. Coping als Moderatorvariable