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Das Konzept der Hohen Minne. Ausprägungen und Herleitungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 12 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Zum Begriff der minne

2. Der Minnesang im mittelhochdeutschen Zeitalter
2.1. Der Donauländische Minnesang
2.2. Der Rheinische Minnesang
2.3. Der Klassische Minnesang
2.4. Der Späte Minnesang

3. Das Konzept der Hohen Minne

4. Hohe Minne in der höfischen Literatur: Reinmar von Hagenau

5. Literaturverzeichnis

1. Zum Begriff der minne

Der mittelhochdeutsche Ausdruck minne kann mit dem heutigen Begriff der Liebe und seiner Bedeutung in etwa gleichgesetzt werden, allerdings ist das Assoziationsfeld heute wie damals sehr vielseitig. Eine Beschreibung, die im Studienbuch von Heinz Sieburg zu finden ist, definiert die Minne unter anderem als „freundliche gedankliche Hinwendung zu einer entfernten Person“[1]. Es kann aber ebenso „Gottesliebe, Nächstenliebe, Eltern- oder Gattenliebe“ [...] und auch [...] den Akt der sexuellen Vereinigung“[2] ausdrücken. Die sexuelle Konnotation entstand wohl erst im Spätmittelalter und brachte die Ersetzung von minne durch liebe mit sich, ein Begriff der vorher weniger das Verlangen nach einer Person sondern eher ein Freudegefühl ausdrückte. Über sechs Jahrhunderte später wird in der Romantik der Begriff der minne neu entdeckt und wurde zum spezifischen Ausdruck der höfisch inszenierten Liebe des Mittelalters so wie wir ihn heute kennen.

Saget mir ieman, waz ist minne?

weiz ich des ein teil, sô wist ichs gerne mê.

der sich baz denn ich versinne,

der berihte mich durch waz si tuot sô wê.

minne ist minne, tuot si wol:

tuot si wê, so enheizet si niht rehte minne.

sus enweiz ich wie si danne heizen sol.

(L. 69, 1 ff.)

Walther von der Vogelweide klagt über Erwartungen von der minne wie Freude und Lust, die in Wirklichkeit wegen unbeschreiblichem Schmerz unerfüllt bleiben. Er fragt nach der Bedeutung der Liebe und bittet darum, dass ihm jemand über die Natur der minne ‚berichtet’. Minne erscheint als eine Liebestheorie, die in der Praxis unerreichbar bleibt. Besonders in der Zeit der Hohen Minne wird Minnelyrik nach einer gewissen ‚Theorie‘ sozusagen inszeniert, weshalb man auch oft von Rollenlyrik die Rede ist, die nicht „zweckfreier Zeitvertreib des Adels“ ist, sondern ein verdecktes und indirektes Mittel der „Propagierung und Ideologisierung einer höfischen Idealgesellschaft.“[3] Das bedeutet unter anderem: die minne war Anreiz zur literarischen Produktion am Adelshof. Die Minnelyrik hat aus diesem Grund eigentlich keine biographischen Bezüge zum Verfasser.

Im literaturwissenschaftlichen Sinn versteht man also unter dem Gattungsbegriff der Minne (oder des Minnesangs) die Liebe zwischen einem Mann und einer meist verheirateten Frau im höfischen (adligen) Umfeld – dies ist das Grundgerüst für den Großteil der mittelhochdeutschen Lyrik und Hauptbestandteil der höfischen Literatur. Der Minnesang differenziert sich vom Sang- und Sprechspruch der nicht-adligen Spielleute und fahrenden Artisten, welche durch ihre Auftritte mittels Weisheit und Tugenden sowie „religiöse[r] Unterweisung [und] politische[r] Stellungnahme“[4] das Publikum belehren wollen. Der Minnesang jedoch wird vom Thema des emotional-geistlichen Ausdrucks einer adligen Person bestimmt. Überschneidungen der beiden Lieddichtungen kann es geben, grundsätzlich aber lassen sie sich relativ klar kategorisieren.

Über die genaue Vortragstechnik von Minnelyrik lässt sich diskutieren. Man geht davon aus, dass die gesungenen Strophen wahrscheinlich von einer Fidel oder einer Laute melodisch begleitet wurden. Wie diese Melodien geklungen haben, darüber lässt sich nur spekulieren, da Noten oder Beschreibung von Begleitinstrumenten fehlen. Es gibt einige moderne Kontrafakturen, die eine etwas konkretere Vorstellung davon geben, wie es sich wohl angehört haben könnte.

Grundsätzlich spiegelt die höfische minne ein ‚asymmetrisches‘ Liebesverhältnis zwischen den beiden Geschlechtern wieder, wobei das in der Frühphase (zur Datierung und Erläuterung der Phasen des Minnesangs siehe 2.) zunächst übergeordnete männliche Geschlecht sich einige Jahrzehnte später in der Hochphase des Minnesangs der weiblichen Dominanz fügen muss. Vor allem die Hohe Minne stellt eine Lyrik dar, in welcher der Vorträger und das Publikum vorab definierte Rollen einnehmen und somit einem bekannten Schema folgen.

2. Der Minnesang im mittelhochdeutschen Zeitalter

Der Minnesang ist ein wichtiger Bestandteil der literarischen Blütezeit der mittelhochdeutschen Epoche um 1200. Seine Anfänge findet der deutsche Minnesang vor allem, aber nicht ausschließlich, in der französischen Provence. Diese Form der höfischen Liedkultur hat sich gegen Ende des 11. Jahrhunderts zunächst im Süden entwickelt und wurde von ritterlichen Sängern, den Troubadours, den damaligen Vertretern dieser Urform des Minnesangs, in den Norden Frankreichs getragen, „wo sie von den dort als Trouvères bezeichneten Sängern übernommen wurde.“[5] Der Minnesang war ein Phänomen welches sich von Frankreich aus auch in andere Länder verbreitete. Auch darf man davon ausgehen, dass diese Gattung Einflüssen außerhalb Frankreichs ausgesetzt war.

Setzt man sich mit dem Minnesang in dem Sprachraum auseinander, welcher zum größten Teil das heutige Deutschland bildet, kann man die etwa 200 Jahre anhaltende Periode des Minnesangs in vier Phasen gliedern, indem man neben Raum und Zeit auch die Form und den Inhalt als Kriterien berücksichtigt.

2.1. Der Donauländische Minnesang

Die erste Phase, die man um 1150 bis 1170/80 datiert, wird Donauländischer Minnesang genannt. Die Bezeichnung beinhaltet bereits die geographische Angabe zur räumlichen Orientierung – in diesem Fall ist es der bairisch-österreichische Raum.

Formal betrachtet ist die Langzeilenstrophe eine auffällige Charakteristik dieser Frühphase. Auch interessant ist ein wechselseitiges Vortragen von Mann und Frau, welches eine „zweistrophige Liedform“[6], also eine Dialogstruktur mit sich bringt, die sich von der gängigeren Einstrophigkeit absetzt. Inhaltlich ist der Donauländische Minnesang der darauf folgenden Ausprägung des Minnesangs grundsätzlich sehr ähnlich, wie zum Beispiel die Form des Tageliedes zeigt. Das Tagelied handelt vom „Abschied der Liebenden bei Tagesanbruch“[7] nach der gemeinsam verbrachten Nacht. Die beiden Personen sind als Ritter und Dame (mhd. vrouwe) ständisch festgelegt. Es gibt zusätzlich einen Wächter als Drittperson, „der gesellschaftliche Ehre und heimliche Liebeslust des Paares schützen soll, weckt und warnt.“[8] Die Auffassung von Liebe ist hier vergleichsweise natürlich und am wenigsten gekünstelt.

Urkundliche Belege für authentische Autoren dieser Frühphase gibt es unglücklicherweise keine. Durch Zusätze in den mittelalterlichen Liederhandschriften sind einige Namen wie Dietmar von Aist, Meinloh von Sevelingen oder die Burggrafen von Regensburg und von Rietenburg bekannt.

2.2. Der Rheinische Minnesang

In den folgenden zehn bis zwanzig Jahren, also zum Ende des 12. Jahrhunderts hin, wanderte die dichterische Aktivität ins Rheinland und an den Hof des staufischen Adelsgeschlecht. Die ‚Hausen-Schule’ ist ein alternativer Begriff für diese Phase, verweisend auf den bedeutendsten Vertreter Friedrich von Hausen, welcher der erste urkundlich verbürgte Dichter der mittelhochdeutschen Zeit ist.

Formal ist der Rheinische Minnesang deutlich markanter an das französische Vorbild angelehnt als der Donauländische Minnesang, zu erkennen an der Übernahme der sogenannten Stollenstrophe, also einer Kanzone bestehend aus drei Strophen, davon zwei als ‚Aufgesang’ und die letzte als ‚Abgesang’ (vgl. Herchert 2010). Weitere Merkmale sind die Kurzzeilen und die reinen Reime. Inhaltlich kennzeichnet sich diese zweite Phase vor allem durch die Verknüpfung der inneren Gefühlswelt des Protagonisten mit der Kreuzzugsthematik und damit durch den Formentypus des Kreuzliedes. Letzteres verbindet das realhistorische Ereignis mit den persönlichen Erfahrungen und Gefühlen des Dichters, die einen Konflikt und Spannung zwischen „Liebe und religiöser Pflicht, Minnedienst und Gottesdienst, Bleiben und Fortgehen“[9] und eine innere Zerrissenheit des lyrischen Ich erzeugen.

[...]


[1] Heinz Sieburg: Literatur des Mittelalters. 2., aktualisierte Auflage, Berlin 2012, S. 163.

[2] Burghart Wachinger: Was ist Minne? In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 1989, Heft 111, S. 252 – 267, hier S. 252.

[3] Heinz Sieburg: Literatur des Mittelalters. 2., aktualisierte Auflage, Berlin 2012, S. 163.

[4] Ebd.

[5] Heinz Sieburg: Literatur des Mittelalters. 2., aktualisierte Auflage, Berlin 2012, S. 164.

[6] Ebd., hier S.169.

[7] Burghart Wachinger: Was ist Minne? In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 1989, Heft 111, S. 252 – 267, hier S. 255.

[8] Burghart Wachinger: Was ist Minne? In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 1989, Heft 111, S. 252 – 267, hier S. 255.

[9] Heinz Sieburg: Literatur des Mittelalters. 2., aktualisierte Auflage, Berlin 2012, S. 169.

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668441347
ISBN (Buch)
9783668441354
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359200
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg – Germanistik
Note
15,5
Schlagworte
Hohe Minne walther von der vogelweide reinmar der alte minne epochen

Autor

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