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Beurteilungskriterien für Textinterpretationen anhand von Kafkas "Hungerkünstler". Möglichkeiten der Interpretationskritik

Examensarbeit 2007 118 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Konzepte und Intentionen der Analytischen Literaturwissenschaft

2. Überlegungen zum Status von Textinterpretationen:

3. Evaluationskriterien der Textinterpretation
3.1 Die literaturwissenschaftliche Beschreibung
3.2 Die Auslegung
3.3 Die Deutung
3.4 Die literaturwissenschaftliche Argumentation
3.5 Zusammenfassung

4. Die Evaluationskriterien in der Praxis
4.1 Vorüberlegungen
4.2 Modifikationen
4.3 Anwendung
4.3.1 Michael Müller: Ein Hungerkünstler
4.3.2 R. W. Stallmann: A Hunger-Artist

5. Evaluationstheoretische Konsequenzen
5.1 Differenziertheit der Begründung
5.2 Differenziertheit der Beschreibung
5.3 Differenziertheit der Auslegung
5.4 Spezifität der Auslegung
5.5 Plausibilität der Deutung

Schlussbemerkung

Literatur

Einleitung

Die Rede von »interpretationskritischen« Positionen kann zweierlei implizieren: Zum einen kann es sich dabei um Positionen handeln, die auf die Abschaffung und Ersetzung traditioneller, hermeneutischer Interpretationsverfahren abzielen. Zum anderen können aber auch Positionen gemeint sein, die eine bloße Reform derselben anstreben und damit den Bereich der traditionellen Literaturwissenschaft nicht verlassen, obwohl sie sich durch ihren Anspruch davon abgrenzen.[1]

Meine Arbeit steht in der Tradition der Analytischen Literaturwissenschaft und ist damit der zweiten Form von Interpretationskritik verpflichtet.[2] Die gegenwärtig vielversprechendste Chance, die herrschende Interpretationspraxis zu reformieren, sehe ich dabei in den metatheoretischen Untersuchungen Werner Strubes, welcher sich mit Kriterien beschäftigt, die zur Beurteilung von Textinterpretationen herangezogen werden könnten.[3] Sein Ziel ist es, durch die Applikation »neuerer sprachanalytischer Methoden«, insbesondere derer der Sprechakttheorie, die »Sprache des Literaturwissenschaftlers« zu klären.[4] Dabei setzt er voraus, dass sich im Laufe der Zeit eine Schultradition mit bestimmten intern als »brauchbar« akzeptierten Evaluationskriterien entwickelt hat.[5]

Der Anspruch des Autors ist jedoch keinen Reformen normativer Art verpflichtet: In erster Linie geht er dezidiert deskriptiv vor; er erläutert »die Bedeutung der Ausdrücke, die Literaturwissenschaftler gebrauchen, wenn sie diese oder jene ›bestimmende Textinterpretation‹ kritisch bewerten«, ohne dabei Vorschläge zur Einführung »besserer« Kriterien zu machen.[6]

Wie aber komme ich dazu, in seinen doch ausdrücklich deskriptiv angelegten Untersuchungen eine Perspektive für Reformen der Interpretationspraxis zu vermuten? Diese Frage lässt sich mit einem Verweis auf dessen Zielsetzung beantworten, die eine therapeutische ist: »Die sprachanalytisch-philosophische Untersuchung läßt zwar die Sprechtätigkeiten des traditionellen Literaturwissenschaftlers so, wie sie sind; sie macht aber (jedenfalls dann, wenn sie geglückt ist) sehen, wie sie sind; sie sensibilisiert sozusagen für die Feinheiten der literaturwissenschaftlichen Sprache.«[7]

Der normative Reformanspruch, den Strube implizit zurückweist, bezieht sich, der Tradition der Ordinary Language Philosophy gemäß, auf die Sprache des Literaturwissenschaftlers, welche nicht ex cathedra reglementiert werden soll. Die Reform, von der ich spreche, ist hingegen eine Reform der herrschenden Interpretationspraxis, die sich, auf der Basis der therapeutischen Sprachklärung, quasi von selbst vollziehen könnte. Unter »Interpretationspraxis« verstehe ich, grob gesprochen, die Art und Weise, wie Literaturwissenschaftler bestimmte Ausdrücke verwenden, welche Thesen sie vorbringen und wie sie argumentieren. Diese beiden Ansprüche sind durchaus miteinander vereinbar: Während Strube zwar nicht nach der Definition bestimmter Begriffe fragt, sondern nach deren Anwendung, verfolgt er damit doch zugleich das Ziel, Wertwörter wie »plausibel« oder »überinterpretiert« nutzbar zu machen, wie er selbst sagt.[8] Er hält es demnach für wünschenswert, dass die von ihm gesammelten und geordneten Bewertungskriterien Eingang in die wissenschaftliche Praxis finden und möchte somit eine Veränderung sowohl der Interpretations- als auch der Bewertungspraxis von Interpretationen erreichen.

Die vorliegende Untersuchung verfolgt zweierlei Ziele: Erstens ist zu überprüfen, ob die in Kap. 3 vorgestellten Evaluationskriterien sich in der Praxis wirklich als fruchtbar erweisen und zweitens soll die Strube zufolge »am Ende offene« Kriterienliste durch weitere Glückensbedingungen ergänzt werden, die auf der Grundlage der in Kap. 4 erfolgenden Analyse zweier Interpretationen zu rekonstruieren sind.[9]

Die Arbeit ist wie folgt gegliedert: Im 1. Kapitel wird die literaturtheoretische Position der »Analytischen Literaturwissenschaft« in einem kurzen Abriss vorgestellt. Im 2. Kapitel steht zum einen die Frage im Mittelpunkt, ob und in welchem Sinne der Ausdruck »objektiv« auf Interpretationen angewendet werden darf und zum anderen, inwiefern die Rede von »literaturwissenschaftlichen Methoden« für sinnvoll erachtet werden kann. In Kapitel 3 werden die hauptsächlich von Strube zusammengetragenen Evaluationskriterien dargestellt, wobei gelegentlich auch auf die Überlegungen anderer Wissenschaftler zurückgegriffen wird. Bevor im 4. Kapitel die Anwendbarkeit der vorgestellten Kriterien in der Praxis überprüft werden kann, wird zunächst in 4.1 die Reichweite des strubeschen Modells reflektiert, um so einige der Bedingungen seiner Anwendung bereits im Vorfeld abzustecken. Zudem wird in 4.2 eines der Evaluationskriterien Strubes systematisch modifiziert, da es meines Erachtens der kriteriologisch-deskriptiven Herangehensweise des Literaturwissenschafters nicht gerecht wird. Im Anschluss werden die teilmodifizierten Evaluationskriterien auf zwei konkrete Interpretationen zu Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler angewendet: Michael Müllers Ein Hungerkünstler und R. W. Stallmans A Hunger-Artist. Dabei werden dort, wo es nutzbringend erscheint, »neue« Kriterien formuliert. Zu guter Letzt erfolgt im abschließenden 5. Kapitel eine Auswertung des Analyseteils, die »evaluationstheoretischen Konsequenzen« werden gezogen.

1. Konzepte und Intentionen der Analytischen Literaturwissenschaft

Seit etwa Mitte der 60er Jahre befindet sich die Literaturwissenschaft in einer »Grundlagen-Krise«. Wollte man deren Initialpunkt zeitlich genau festlegen,[10] so würde man aller Wahrscheinlichkeit nach auf das Jahr 1964 verweisen, in welchem Susan Sontags denkwürdiger Essay Against Interpretation erschienen ist.

Sontags Attacken, die sich gegen jede Art von kritisch-hermeneutischer Kunstinterpretation richteten, sollten für das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft als Wissenschaft nicht folgenlos bleiben. Die Diskussion, die damals entbrannte und noch anhält,[11] kreist um das theoretische und methodologische Legitimationsproblem des einst unbestrittenen Hauptanliegens der Literaturwissenschaft, der Interpretation literarischer Texte. Seitdem werden immer wieder Stimmen laut, die, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen, der Interpretation den Status eines wissenschaftlichen Verfahrens absprechen.[12]

Während ein Teil der Germanisten trotz scharfer Kritik weiterhin an den »bewährten« Methoden der Interpretationspraxis festhielt – und bis heute daran festhält –, begann ein anderer sich von der geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Tradition in der Literaturwissenschaft abzugrenzen und sich an den wissenschaftstheoretischen Anforderungen der Analytischen Philosophie zu orientieren. Dazu gehört etwa die Ausrichtung der eigenen Arbeitsweisen an Wissenschaftskriterien wie terminologischer Klarheit, Falsifizierbarkeit und Nachprüfbarkeit von wissenschaftlichen Behauptungen und Hypothesen.[13] Solche Konzeptionen, die keiner eindeutig identifizierbaren Schule zuzuordnen sind, werden unter dem mittlerweile fest etablierten Sammelbegriff »Analytische Literaturwissenschaft« zusammengefasst.[14]

Die Arbeitsweisen der meisten Autoren dieser Richtung stehen der, vor allem im angelsächsischen Raum beheimateten, Ordinary Language Philosophy im Geiste des späten Ludwig Wittgenstein nahe. Mit einer differenzierten, deskriptiven Analyse der faktischen Redeweise von Germanisten wird der Anspruch verbunden, »eine Klärung der Sprache des Literaturwissenschafters und damit eine Therapie z.B. begrifflicher Verwirrungen zu leisten.«[15]

Aber es sind nicht nur terminologische Klärungen, die als Konsequenz sprachanalytischer Untersuchungen erfolgen können. Was angestrebt wird, ist vielmehr eine allgemeine Optimierung der literaturwissenschaftlichen Argumentationspraxis, die auf eine Klärung und Präzisierung bestehender Terminologien, Fragestellungen und Begründungsverfahren hinausläuft.[16]

Neben den rekonstruktiven Bemühungen, argumentative Mängel und sprachphilosophische Unreflektiertheiten aufzudecken, gibt es auch Richtungen, die »konstruktiv an der Entwicklung einer empirischen Literaturtheorie als neuem literaturwissenschaftlichem Paradigma« arbeiten.[17] Letztere, die unter dem Begriff der Empirischen Literaturwissenschaft versammelt sind, brechen mit der traditionellen hermeneutischen Literaturwissenschaft, indem sie einen Neuaufbau der Literaturwissenschaft von Grund auf fordern – in theoretischer, terminologischer und methodologischer Hinsicht. Letzteres schließt auch die kompromisslose Abwendung von der Textinterpretation mit ein.

Mit dieser Entscheidung steht die Empirische Literaturwissenschaft zwar nicht alleine da,[18] häufig ist sie jedoch die einzige Gemeinsamkeit, die zwischen den divergierenden literaturtheoretischen Positionen zu konstatieren ist. So scheiden sich die Geister nicht allein an den Beweggründen für ihre interpretationskritische Einstellung. Ebenso vielgestaltig wie die Gründe von Interpretationskritik treten auch die jeweils zugrunde liegenden Definitionen des Terminus »Interpretation« in Erscheinung, die oftmals nur implizit oder unsystematisch zur Sprache kommen.[19] Und gerade hier tut sich ein wichtiges Arbeitsfeld Analytischer Literaturwissenschaft auf, anhand dessen der Nutzen sprachanalytischer Untersuchungen im Kontext der Interpretationskritik deutlich wird: Letztere bieten die Chance, die wissenschaftliche Verständigung über (und wenn die Bereitschaft da ist, auch zwischen) interpretationskritische(n) Positionen zu verbessern, indem sie die »unsichtbaren« Präsuppositionen und Implikationen derselben zu Tage fördern.

Denn es stellt sich doch die Frage, wie eine wissenschaftliche Verständigung über interpretationskritische Literaturtheorien überhaupt zustande kommen soll, wenn nicht einmal ein Konsens darüber besteht, was die einzelnen Positionen unter dem zentralen Begriff der »Interpretation« überhaupt verstehen.

Im Übrigen sind zuverlässige Rekonstruktionen literaturtheoretischer Vorannahmen und Argumentationsweisen nicht nur für die Kommunikation über interpretationskritische Positionen von entscheidender Bedeutung, sondern auch für die Kommunikation über literaturtheoretische Positionen überhaupt. Gerade innerhalb der Literaturwissenschaft, wo Literaturtheorien in der Regel in einer unsystematischen, suggestiven Sprache formuliert sind, Erklärungen sich häufig fragwürdiger Metaphern und Analogien bedienen,[20] und über Schlüsselbegriffe oftmals keine Klarheit herrscht, kann ihr Nutzen nicht überschätzt werden.[21] Ansonsten kann es passieren, dass die Diskursteilnehmer entweder aneinander vorbeireden oder schlimmstenfalls einfach nicht wissen, wovon sie eigentlich sprechen.[22]

Das Glücken solcher Rekonstruktionen setzt einen »neutralen« Standpunkt voraus, welcher vom Streit der literaturtheoretischen Schulen unberührt bleibt und »deshalb nicht zuletzt auch die divergenten konzeptionellen Voraussetzungen zu registrieren vermag«.[23] Ein Beispiel dafür, wie fruchtbar eine solche differentialistische [24] Perspektive sein kann, gibt Axel Spree in seiner Dissertationsschrift Kritik der Interpretation.[25] Sich zunächst darauf beschränkend, die literaturtheoretischen Prämissen unterschiedlicher interpretationskritischer Positionen aufzudecken, misst er in einem zweiten Schritt »die jeweiligen Argumente ›gegen Interpretation‹ sowie die jeweils als Alternative zur Interpretation angebotenen Verfahren«[26] an dem von ihnen kritisierten, jetzt erstmalig explizit gewordenen Interpretationsbegriff.

Der Zugriff analytischer Literaturwissenschaftler kann aber auch auf anderen Ebenen als nur der »literaturwissenschaftstheoretischen«[27] erfolgen. So erstrecken sich sprachanalytische Untersuchungen auch auf Fragen mit Praxisbezug: Auf ihrer Basis können etwa Gebrauchsvorschläge zur Fachterminologie erfolgen,[28] ebenso die Analyse von Sprechtätigkeiten des Literaturwissenschaftlers, wie beispielsweise des Klassifizierens, des Interpretierens, sowie des Bewertens.[29] Sogar literarische Texte sind als Gegenstand sprachanalytischer Untersuchungen denkbar, wobei letztere zur Grundlage anknüpfender Interpretationen gemacht werden können.[30] Und nicht zuletzt können auch Textinterpretationen selbst sprachanalytisch reflektiert werden wie in Kap. 4 der vorliegenden Arbeit.

2. Überlegungen zum Status von Textinterpretationen: Wie »objektiv« und wie »methodisch« kann eine Interpretation sein?

Wie im ersten Kapitel bereits angedeutet, ist der Begriff der »Interpretation« alles andere als eindeutig. Die Inhalte der verschiedenen Interpretationskonzepte bzw. »Interpretationstypen«[31] variieren je nachdem, zu welcher literaturtheoretischen Schule sie gehören. Sie lassen sich etwa, um eine Klassifizierungsmodalität Strubes zu nennen, hinsichtlich des jeweils mit der Interpretation angestrebten Zieles, der Form ihrer Argumentation und natürlich ihrer, meist nur implizit enthaltenen, literaturtheoretischen Vorannahmen unterscheiden.[32] Dabei resultieren die unterschiedlichen Herangehensweisen an Literatur aus den individuellen Interessen, die von den Interpreten an die Texte herangetragen werden. Strube beschreibt diesen Umstand so einfach, wie er ist:

Was für eine Perspektive der Textinterpret wählt und wie er dementsprechend den Text, um den es ihm geht, beschreibt, auslegt und deutet, hängt von Intention bzw. Interesse des Interpreten ab, und das heißt im übrigen wohl auch: von der Konditionierung, die er in dieser oder in jener literaturwissenschaftlichen Schule erfahren hat.[33]

Von einem differentialistischen Standpunkt aus betrachtet, stellt sich somit, um es mit Sprees Worten zu sagen, »die Frage nach der Richtigkeit oder ›Objektivität‹ von Textinterpretationen neu.«[34] Auch die Frage, ob eine gegebene Interpretation »richtig« sei, lasse »sich dann nicht mehr in einem absoluten Sinne stellen bzw. beantworten, sondern nur noch relativ zu dem jeweils zugrunde gelegten Interesse des Interpreten.«[35]

Wie aber soll angesichts der in der Forschung immer wieder betonten prinzipiellen Gleichrangigkeit[36] grundverschiedener Interpretationstheorien nun eigentlich die Interpretationspraxis aussehen: Darf etwa jede Methode auf jeden Text angewendet werden?

Diese Annahme ist zumindest stark kontraintuitiv, scheint es doch Texte zu geben, welche die Anwendung des einen Interpretationsmodells plausibler machen, als die eines anderen. So dürfte, um ein Beispiel Frickes zu nennen, Brechts politisch funktionalisierte Prosa einen sozialhistorischen Interpretationsansatz näher legen, als etwa einen psychoanalytischen.[37]

Auf der Suche nach Kriterien, die es erlauben in diesem Sinne adäquatere von weniger adäquaten Interpretationen zu unterscheiden, lohnt es sich, die o.g. Fragestellung nochmals zu überdenken: Was ist unter dem Begriff einer literaturwissenschaftlichen »Methode« eigentlich zu verstehen? Allgemein bekannt ist, dass die »Methoden« der Literaturwissenschaft mit denen »harter« Wissenschaften nicht viel gemeinsam haben. Ist so gesehen, die Redeweise von »literaturwissenschaftlichen Methoden« überhaupt noch vertretbar ?

Harald Fricke beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen »Nein« und geht sogar soweit, die Existenz literaturwissenschaftlicher Methoden generell zu bestreiten. Er warnt mit Verweis auf seinen philosophischen Lehrer Günther Patzig vor der in den Geisteswissenschaften zeitweilig grassierenden »Methodenhypochondrie«:[38]

Solche Methoden nämlich bestehen doch immer darin, daß man etwas ganz Bestimmtes tut oder eben nicht tut. Dergleichen aber scheint mir in der Literaturwissenschaft nicht gegeben zu sein. Beobachtet man einmal Vertreter der verschiedenen »literaturwissenschaftlichen Methoden« bei dem, was sie in ihrer Arbeit wirklich tun, wird man immer wieder feststellen, daß sie eigentlich alle das gleiche machen: Sie lesen Bücher und schreiben anschließend eigene Bücher über die Bücher, die sie gerade gelesen haben. Natürlich könnte ein guter Behaviorist, der etwa einen Hermeneutiker, einen Marxisten, einen Strukturalisten und einen Poststrukturalisten in der Universitätsbibliothek sitzen sieht, durchaus wiederkehrende Unterschiede in den Verhaltensweisen ermitteln: etwa die »Bleistiftkau-Methode«, die »Kopfstütz-Methode« oder die »Fußwipp-Methode«. Nach meiner langjährigen Beobachtung läßt dies alles aber nicht darauf schließen, was für eine literaturwissenschaftliche Methode in den Texten befolgt wird, die die Kollegen dann hinterher fabrizieren. Entgegen einem verbreiteten Gerücht haben ja auch Vertreter der psychoanalytischen Methode in der Literaturwissenschaft ihre Dichter nicht auf der Couch, sondern auf dem Schreibtisch liegen. [...] Irgendwelche Rezepte für Verfahrensweisen oder Arbeitstechniken kann die literaturwissenschaftliche Methodologie also keinesfalls anbieten.[39]

Wie man sieht, macht Fricke sich nicht einmal die Mühe, seine Ansicht, die Literaturwissenschaftler würden alle »das Gleiche« machen, anhand von Beispielen aus der Publikationspraxis zu begründen – und das zu Recht. Denn jeder Germanist weiß, dass keine der literaturwissenschaftlichen »Interpretationsmethoden« durch einen Katalog methodischer Arbeitsschritte in ihren Verfahrensweisen charakterisiert und dadurch von den anderen unterschieden werden kann.[40] So verwundert es auch nicht, dass verschiedene Interpreten, die sich zur Deutung ein und desselben Textes alle derselben »Methode« bedienen wollen, mitunter zu völlig unterschiedlichen, manchmal sogar disparaten, Ergebnissen kommen. Damit ist jedoch das, was für gewöhnlich eine Methode leisten sollte aber gerade nicht gewährleistet: nämlich dass ihre Anwendung zu einer Theorie führt, die intersubjektiv nachprüfbare Aussagen über ihren Gegenstand macht.

Demnach ist es nur allzu verständlich, wenn Fricke die Existenz eines breiten literaturwissenschaftlichen Methodenspektrums von sich weist und die Interpretationsverfahren von Literaturwissenschaftlern vielmehr als homogen empfindet: Ihm zufolge absolvieren die Vertreter unterschiedlicher Methoden alle ein und denselben Arbeitsprozess. Das einzige, was sich unterscheide, seien lediglich deren Texte: »Texte sind sprachliche Gebilde und können folglich nur mit Mitteln der Sprachbeschreibung differenziert werden – sei es auf der Ausdrucksebene, sei es auf der Ebene der Semantik oder der Pragmatik.«[41] Übrigens steht diese Aussage mit Strubes polytomischer Typologie nicht in Konflikt: Dieser bewegt sich, indem er das »spezielle Ziel«, die »Form der Argumentation«, sowie die »implizite Literaturtheorie« unterscheidet (s.o.), genau in dem von Fricke abgesteckten Rahmen.[42]

Die Überlegungen des letzteren machen deutlich, dass die einzigen Unterschiede zwischen den einzelnen Methoden im Grunde genommen nur an den erkenntnisleitenden Prämissen literaturwissenschaftlicher Forschungsrichtungen festzumachen sind. Die Entscheidung für diese oder jene leitende Prämisse, so jedoch die Schlussfolgerung, besage »prinzipiell noch gar nichts über die methodologische Validität einer literaturwissenschaftlichen Analyse oder über die Brauchbarkeit ihrer Resultate.«[43]

Der Begriff der »Methode« vermag, so gesehen, für die Zwecke einer differenzierten Analyse und Beurteilung literaturwissenschaftlicher Begründungszusammenhänge keine brauchbaren Kriterien zu liefern. Fricke empfiehlt von daher, den Fokus der Analyse literaturwissenschaftlicher Arbeiten nicht auf deren vermeintliche Methodenzugehörigkeit, sondern in erster Linie auf deren Argumentation zu lenken:

Es sieht zunehmend so aus, als ob nur ein hinreichend leistungsfähiger Begriff von »Argumentation« (der den Umgang mit Prämissen und Termini einschließt, aber darüber hinausgeht) geeignet sein könnte, angesichts der Prinzipienkonkurrenz zwischen literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu einer differenzierten Analyse und Beurteilung zu gelangen.[44]

Die Analyse literaturwissenschaftlicher Argumentationen ermöglicht es zwar nicht, »objektivere« von weniger »objektiven« Interpretationen zu unterscheiden – diese Redeweise ist zu missverständlich – dafür aber, textadäquatere von weniger adäquaten, oder gar inadäquaten. Zu dieser Einsicht kommt indes auch Strube, welcher das Argumentieren, als sprachliche Handlung verstanden, in sein sprechakttheoretisches Modell zur Evaluation von Textinterpretationen integriert. In diesem werden jedoch nicht nur Glückensbedingungen und Evaluationskriterien für die Argumentation aufgestellt, sondern auch für die Sprechakte des Beschreibens, Auslegens und des Deutens. Ob sich diese Erweiterung für die Bewertung literaturwissenschaftlicher Arbeiten als nutzbringend erweist, wird noch zu zeigen sein.

3. Evaluationskriterien der Textinterpretation

Werner Strube beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit sprachanalytischen Untersuchungen der Wertäußerungen von Literaturwissenschaftlern. Dazu gehören nicht nur ästhetische Wertäußerungen, sondern auch Werturteile über literaturwissenschaftliche Textinterpretationen.[45] Auf die schwierige Frage, was bei einer Interpretation eigentlich zu bewerten sei, bietet sein sprechakttheoretisches Rahmenmodell eine interessante und bislang einzigartig differenzierte Antwort.

Sprachpragmatisch vorgehend, zerlegt Strube zunächst die Tätigkeit des interpretierenden Literaturwissenschaftlers in die einzelnen Sprechakte des »fachsprachlichen Beschreibens«, des »Auslegens«, des »Deutens« und des »Argumentierens«.[46] Sie bilden die faktischen Bezugsgrößen bei seiner Suche nach Bewertungskriterien. Strube geht dabei Austins »Weg über die Unglücksfälle«, d.h. er versucht die Fehler bzw. »Regelverstöße« zu rekonstruieren, die beim Realisieren der einzelnen Sprechakte gemacht werden können. Anhand dieser Verstöße, bei welchen es sich um »klare« und »unzweideutige« Fälle handelt,[47] werden besagte Kriterien ex negativo ermittelt.[48] Viele der Kriterien, auf die sich Strubes Überlegungen beziehen, wurden bereits von anderen Theoretikern der Literaturwissenschaft genannt. Sein Ziel ist es »die betreffenden Begriffe zu sammeln, zu klären und in eine systematische Ordnung zu bringen.«[49]

Einen ähnlichen Weg schlägt Bernd Kleinmann ein, der die Tätigkeit eines seine ästhetischen Erfahrungen Artikulierenden in diverse sprachliche Teilhandlungen zerlegt, um danach Kriterien für deren Gelingen aufzustellen.[50] Wenngleich er diese Teilhandlungen nicht explizit als »Sprechakte«, sondern stattdessen als »Formen ästhetischer Kommunikation« bezeichnet, können sie gerade aufgrund ihres kommunikativen Gehalts ebenso gut als solche gedacht werden.[51] Kleinmann geht es darum, die populäre Klassifizierung der Sprechhandlungen in Beschreibungen, Interpretationen und Wertungen, die wir beim Artikulieren unserer ästhetischen Erfahrungen vollziehen, um weitere Kategorien zu ergänzen und alle möglichst differenziert auseinanderzuhalten.[52]

Zumal sie einander ergänzen, werden u.a. Überlegungen aus beiden Ansätzen in die folgenden Erörterungen miteinbezogen, wobei von den kleinmannschen Kategorien nur die »Beschreibung«, die »Charakterisierung«, sowie die »Interpretation« berücksichtigt werden – nicht zuletzt aufgrund der Schnittmengen, die sie mit Strubes Ansatz aufweisen.

3.1 Die literaturwissenschaftliche Beschreibung

Nach Kleinmann sind die Gegenstände der Beschreibung »objektiv[53] feststellbare Eigenschaften ästhetischer Phänomene, die im Prinzip auch ohne den Vollzug einer ästhetischen Erfahrung eruiert werden können.«[54] Beschreibungen könnten etwa als Bemerkungen zu Syntax, Semantik, Rhetorik und Inhalt eines Gedichts verstanden werden.[55] Von daher würden Geltungsanspruch und Rechtfertigung jenen anderer deskriptiver Sätze entsprechen, »die Wahrheit für sich reklamieren und diesen Anspruch im Rekurs auf allgemein anerkannte Prüfverfahren einlösen müssen.«[56]

Die Auswahl dieser Gegenstände sei jedoch »evaluativ gefärbt«, es würden bestimmte, für den Erfahrungszusammenhang relevante Eigenschaften des Phänomens ausgewählt und seien damit immer schon auf die Beurteilung des Gesamteindrucks (und ggf. der Deutung des Gegenstands) hin ausgelegt.[57] Die Selektion der beschriebenen Eigenschaften erfolge dabei aus der Perspektive einer erwarteten oder bereits gemachten ästhetischen Erfahrung und unterliege somit immer schon erfahrungsimmanenten Wertegesichtspunkten:

Wer Celans Gedicht im Hinblick auf rumäniendeutsche Spracheigentümlichkeiten beschreibt, wird folglich anderes hervorheben als ein Leser, der den Text zu interpretieren versucht. Ästhetische Beschreibungen haben daher die Aufgabe, auf die ästhetischen Potentiale des Gegenstandes hinzuweisen und die Spielräume der ästhetischen Erfahrung abzustecken.[58]

Offenbar gibt es also unterschiedliche Interessen, besser noch: Ziel- oder Zwecksetzungen, die den Anlass für die Beschreibung eines Kunstwerks geben können. Somit ist der Anspruch, an dem sich ästhetische Beschreibungen messen lassen müssen, nach Kleinmann nicht nur derjenige der Wahrheit,[59] sondern auch derjenige der Relevanz.[60]

Strube hingegen betont die Zweckrationalität der fachsprachlichen Beschreibung ungleich stärker: So würde der Interpret eines Gedichts bei dessen Beschreibung alles, was er tue »zu dem Zweck, die Anwendung eines bestimmten Auslegungsschemas [...] möglich zu machen bzw. zu stützen« tun.[61] Dabei werde der Text nur bis zu demjenigen Grad von Ausführlichkeit beschrieben, der zweckmäßig, und d.h. nötig sei, um der Beschreibung das entsprechende Schema unterlegen zu können.[62] Er sieht die fachsprachliche Beschreibung somit als die Konstruktion der »Fakten« an, auf welchen die Auslegung gründet:[63] Diese erfolge immer schon »im Lichte der (späteren) Auslegung […]«.[64]

Mithilfe des »Wegs über die Unglücksfälle« rekonstruiert Strube insgesamt drei »notwendige Glückensbedingungen« der Beschreibung, wobei wir sehen werden, dass zwei von ihnen sich mit denen Kleinmanns decken, darunter auch die soeben erwähnte »Zweckmäßigkeit«, die letzterer als »Relevanz« bezeichnet.

Der erste Unglücksfall der Beschreibung tritt Strube zufolge ein, wenn diese empirisch falsch oder unzutreffend ist, »d.h. wenn Wörter in ihr angeführt werden, die, um es so zu sagen, am betreffenden Text nicht tatsächlich vorhanden sind.«[65]

Hieraus ergibt sich die erste notwendige Glückensbedingung. Sie fordert »[...] daß diese Beschreibung empirisch richtig oder zutreffend ist, d.h. daß in ihr nur solche Wörter aufgezählt werden, die am betreffenden Text tatsächlich vorhanden sind.«[66]

Die zweite Möglichkeit des Verunglückens tritt hingegen ein, wenn die Beschreibung irrelevant ist, »d.h. wenn sie Wörter enthält, die zwar am fraglichen Text tatsächlich vorhanden, nicht aber (sagen wir) literaturwissenschaftlich bedeutsam sind, also nicht ausgewählt sind mit Hilfe einer bestimmten literaturtheoretisch fundierten Methode.«[67]

Folgerichtig verlangt die zweite notwendige Bedingung, »daß diese Beschreibung relevant ist, d.h. daß sie diejenigen Wörter enthält, die literaturwissenschaftlich bedeutsam, also aus der Menge aller Wörter des Textes mit Hilfe einer bestimmten literaturtheoretisch fundierten Methode ausgewählt sind.«[68] Es würden dabei nur die Elemente genannt, die »gewissermaßen danach verlang[t]en«, von einer entsprechenden ›späteren‹ Auslegung – im von Strube charakterisierten Falle einer strukturalsemiotischen – berücksichtigt zu werden.[69] Somit sei jede Textbeschreibung, sofern sie relevant sein wolle, »beladen« mit einer Literaturtheorie.[70]

Die dritte und letzte Möglichkeit des Verunglückens der fachsprachlichen Beschreibung liegt nach Strube vor, wenn diese unangebracht oder nutzlos sei, »d.h. wenn sie vollzogen wird, ohne sich auf eine ›spätere‹ Auslegung zu beziehen.«[71]

Somit besteht die dritte und letzte Glückensbedingung darin, »daß diese Beschreibung angebracht oder zweckmäßig ist, d.h. daß sie einer ›späteren‹ Auslegung zugeordnet ist mit der Intention, ebendiese Auslegung zu stützen.«[72]

Insgesamt rekonstruiert Strube also drei Evaluationskriterien der fachsprachlichen Beschreibung: empirische Richtigkeit bzw. Zutreffen , Relevanz , sowie Zweckmäßigkeit . Die »empirische Richtigkeit« scheint dabei die gleiche Funktion zu erfüllen, wie Kleinmanns Kriterium der Wahrheit.

Spree lehnt es ab, in Bezug auf Beschreibungen von »Wahrheit« zu sprechen. Wohlgemerkt liegt seine Auseinandersetzung mit dem Sprechakt des Beschreibens darin begründet, dass dieser einen zentralen Stellenwert in der Analytischen Philosophie der Literaturwissenschaft als deskriptiver Wissenschaftstheorie einnimmt. Es geht ihm v.a. um die deskriptive Rekonstruktion literaturtheoretischer Argumentationen, die er selbst vornimmt und deren »Glückensbedingungen« er reflektiert. Weil Beschreibungen literaturtheoretischer Argumentationen, anders als die Beschreibungen literarischer Texte, keinen konkreten Gegenstand haben, kann an sie auch nicht das Kriterium der »empirischen Richtigkeit« oder des »Zutreffens« angelegt werden. Solche Beschreibungen sprachanalytischer Philosophen beziehen sich auf die Sprache selbst, die von Interpreten gegebene »fachwissenschaftliche« Beschreibung hingegen bezieht sich auf den Text.

In sprachanalytischen Zusammenhängen verzichtet man bewusst auf den Ausdruck »Wahrheit«, oder sollte es zumindest. So spricht Strube zwar im Kontext der literaturwissenschaftlichen Beschreibung von »empirischer Richtigkeit«, in seinem Aufsatz Philosophische Analyse der Sprache sprachanalytischer Philosophen hingegen heißt es: »Beschreibungen [als Äußerungen sprachanalytischer Philosophen] sind nicht wahr in dem Sinne, in dem die sog. Beobachtungs-Aussagen wahr sind. Sie sind im Falle ihres Geglückt-Seins hinlänglich umfassend, detailliert, angemessen.«[73] Beobachtungs-Aussagen können als »wahr« bezeichnet werden, weil ihr Zutreffen sich an der empirischen Wirklichkeit überprüfen lässt. Sie sind es, die in fachwissenschaftlichen Beschreibungen zur Anwendung kommen.

Obwohl Spree sich, als sprachanalytischer Philosoph, mit seinen Überlegungen zur Beschreibung nicht auf die fachwissenschaftliche Variante derselben bezieht, halte ich sie auch in unserem Kontext für relevant (warum, werde ich gleich zeigen) und möchte auf seinen Vorschlag, das Wahrheitskriterium durch ein anderes zu ersetzen, näher eingehen. Vielleicht wird anhand der folgenden Rekonstruktion und Erörterung des vierten, von Spree zur Substitution vorgeschlagenen Kriteriums der Kompatibilität ersichtlich, warum er, wie auch Strube (welcher ja, obwohl es sich um Beschreibungen in fachwissenschaftlichem Zusammenhang handelt, nicht von »Wahr-Sein«, sondern von »empirischer Richtigkeit« oder von »Zutreffen« spricht), der Redeweise von »wahren« Beschreibungen skeptisch gegenübersteht.

Auch die Annahme einer zwar selektiven, aber bezüglich der ausgewählten Merkmale doch »objektiven« Abbildung ist zurückzuweisen: Auswahl und Darstellung der in eine Beschreibung aufgenommenen Merkmale sind abhängig u.a. von der gewählten Begrifflichkeit (also von der Beschreibungssprache), vom Standpunkt des Beobachters und vom jeweiligen Untersuchungsinteresse; jedes einzelne Merkmal läßt sich immer auch anders, aus anderer Perspektive und anderer Formulierung darstellen.[74]

Spree hebt mit dieser Argumentation den Konstruktcharakter der Beschreibung hervor. Letztere bezeichne keine »getreue, quasi photographische Abbildung eines vermeintlich unmittelbar Gegebenen, sondern einen konstruktiven Prozeß, in dessen Verlauf die Ordnung des Beschriebenen« erst erstellt werde.[75] Dies soll offenbar nicht nur für die Beschreibung, verstanden als ein zusammengesetzter, komplexer Sprechakt gelten, sondern auch für einzelne deskriptive Sätze.

Ein Blick zu Goodman genügt, um einzusehen, warum die Wahrheit von Aussagen nicht die Objektivität derselben im Sinne einer absolut gegenstandsgetreuen Abbildung implizieren kann. Der Autor exponiert, dass kein Objekt auf eine einzige, wahre Beschreibung festgelegt werden kann. Er illustriert seine Einsicht anhand der folgenden Sätze, die alle ein und dasselbe Bild auf unterschiedliche Weise beschreiben können, aber dennoch gleichermaßen wahr sind:

Der riesige gelbe abgewrackte Wagen ist antik

Der riesige gelbe antike Wagen ist abgewrackt

Der gelbe abgewrackte antike Wagen ist riesig

Der riesige abgewrackte antike Wagen ist gelb[76]

Aus den Beispielsätzen wird ersichtlich, dass, selbst wenn alle Aussagen mit denselben objektiv feststellbaren Prädikaten operieren, sich bereits aufgrund ihrer Präsentation in unterschiedlichen Reihenfolgen selektive Pointierungen und dadurch Sinnverschiebungen ergeben. Der Begriff der »Sinnverschiebung« bedarf einer Erläuterung. Hierzu bietet es sich meines Erachtens an, auf Gottlob Freges berühmte Unterscheidung zwischen »Sinn« und »Bedeutung« zurückgreifen. Jener zufolge ist unter der »Bedeutung« eines Ausdrucks dessen Referenzobjekt zu verstehen, wonach die Ausdrücke »Morgenstern« und »Abendstern« bedeutungsgleich sind, weil sie sich beide gleichermaßen auf den Planeten »Venus« beziehen. »Sinn« hingegen bezeichnet die »Art des Gegebenseins« eines Gegenstands oder Sachverhalts, welche eine Perspektive – hier diejenige eines Beobachters der Venus am Morgen bzw. am Abend – miteinschließt. Demnach wären die Sätze aus Goodmans oben gegebenen Beispiel bedeutungsgleich, zumal sie alle dieselben Ausdrücke mit dem jeweils gleichen Bezug anführen, aber sinnverschieden, zumal die »Art ihres Gegebenseins« eine jeweils andere ist.[77]

Da »Objektivität« jedoch per definitionem Perspektivgebundenheit ausschließt,[78] müssten die oben zitierten Beispiele, um objektiv zu sein, nicht nur bedeutungsgleich sein (was sie ohnehin ja schon sind), sondern auch in ihrem Sinn identisch. Dann aber wären Varianzen in der Beschreibung eines Gegenstands ausgeschlossen, und wir wären alle auf eine einzige, wahre und objektive Beschreibung eines jeden Gegenstands verpflichtet. Eine solche einzige, absolute und vollständige Gegenstandsbeschreibung gibt es jedoch nicht und kann es auch nicht geben, zumal der Vergleich einer Gegenstandsversion mit dem »Gegenstand selbst« ausgeschlossen ist: Letzterer kann nicht mehr sein als ein gedankliches Konstrukt.[79] Bei der Evaluation von Beschreibungen kann folglich keine »gegenstandstandszentrierte« Bezugsnorm angelegt werden: Beurteilungen müssen auf Vergleichen basieren, die zwischen unterschiedlichen Versionen der Beschreibung ein und desselben Gegenstands vorgenommen werden.

Spree zufolge führt die Auffassung von Beschreibungen als Versionen zwar zu einer Relativierung der Wahrheitsansprüche derselben, aber dieser Relativismus sei keineswegs so »radikal«, dass er »alle möglichen Sichtweisen als gleichberechtigt in Bezug auf ihre Richtigkeit und Zweckmäßigkeit betrachten würde.«[80] Viele Beschreibungen seien möglich, jedoch nicht alle gleichermaßen richtig. In Anlehnung an Goodman spricht Spree sich aus diesem Grund dafür aus, das Evaluationskriterium der Wahrheit (im korrespondenztheoretischen Sinne), durch andere Kriterien, und zwar die der Kompatibilität und Zweckmäßigkeit zu ersetzen.[81]

Das Kriterium der Zweckmäßigkeit versteht Spree nicht anders als auch Kleinmann (dort: »Relevanz«) und Strube: Ob es einer Beschreibung zugeschrieben werden kann oder nicht, kann nur relational zur entsprechenden Zielsetzung entschieden werden, da im Hinblick auf letztere nicht alle Beschreibungen sinnvoll sind:

So liefern – um den Sachverhalt mit Hilfe eines Bildes zu verdeutlichen – Straßenkarten andere Informationen über ein bestimmtes Gebiet als Höhenlinienkarten: Für manche Zwecke ist es notwendig, eine Straßenkarte zu konsultieren, für andere Zwecke benötigt man dagegen eine Höhenlinienkarte. Wichtig ist, daß keine der beiden Darstellungen einen absoluten »epistemischen Vorrang« besitzt; sie antworten lediglich auf unterschiedliche Interessen.[82]

Mit dem Kriterium der Kompatibilität bringt Spree einen neuen Aspekt ins Spiel, der von Kleinmann und Strube unbeachtet geblieben ist. Diesem zufolge sei die Richtigkeit von Beschreibungen eine Frage des »Passens«[83] in »einen Kontext oder Diskurs oder einen bestehenden Komplex aus anderen Symbolen.«[84] Spree spricht in diesem Zusammenhang von einem »begrifflich vorstrukturierten, diskursiven Raum«, in welchem wir uns bewegten, und über dessen Gepflogenheiten man sich »nur bei Strafe wissenschaftlicher Bedeutungslosigkeit und Nichtachtung« hinwegsetzen könne.[85]

In diesem Sanktionspotential liegt der Vorteil begründet, welcher das Kriterium der Kompatibilität gegenüber demjenigen der Wahrheit auszeichnet. Legt man nämlich nur das bloße Kriterium der Wahrheit an Beschreibungen, so kann es passieren, dass man auf viele deskriptive Aussagen über einen Gegenstand verwiesen wird, die alle gleichermaßen wahr sind, letzteren aber trotzdem nicht auf eine intersubjektiv gültige und akzeptable Art und Weise darstellen.

Von diesem Problem scheint jedoch auch die literaturwissenschaftliche Beschreibung nicht verschont. Es läge meines Erachtens etwa dann vor, wenn eine Beschreibung sehr unvollständig ausfiele bzw. in auffälliger Weise selegierend Merkmale zusammenstellte. Würde der Interpret eines literarischen Textes, etwa um seinen persönlichen Degout gegenüber einem fiktionalen Charakter rational belegen zu wollen, diesen anhand nur weniger wahrer, aber »herausgepickter« Charakteristika beschreiben, obwohl der Text augenfälligerweise einen reichen Pool von alternativen Merkmalen zur Verfügung stellte, so wäre dieser Autor mit Sicherheit gewissen Sanktionen seitens seiner wissenschaftlichen Kollegen ausgesetzt: Er hätte gegen bestimmte Darstellungs- und Argumentationskonventionen seines Fachs verstoßen, und im weiteren Sinne auch gegen die allgemeine wissenschaftliche Konvention, möglichst neutral zu beschreiben.

Der Vorteil der Kompatibilität als eines Beurteilungskriteriums auch von fachwissenschaftlichen Beschreibungen scheint demnach darin zu bestehen, dass jene, indem sie die Möglichkeit von Regelverstößen, die selbst vermöge wahrer deskriptiver Aussagen begangen werden können, mitberücksichtigt. Damit kann sie dem Kriterium der Wahrheit oder empirischen Richtigkeit gewissermaßen als »doppelter Boden« dienen. Denn andernfalls hätte man außer den Kriterien Wahrheit und Relevanz[86] nur noch die Zweckmäßigkeit zur Evaluation von Beschreibungen zur Hand, die diese ja nur als zweckrational im Hinblick auf eine spätere Auslegung zu beurteilen vermag, und sollte letztere sogar unsinnig sein.[87]

Andererseits – und das ist der Nachteil, welcher dieser Konzeption grundsätzlich anhaftet – ist das Kriterium der Kompatibilität besonders vage. Das mit ihm verbundene Problem ist vor allem darin zu sehen, dass es für sich weitgehend unbestimmt ist. Andernfalls müsste es Adäquatheitskriterien geben, die festlegen, wann eine Beschreibung mit einem Diskurs kompatibel ist und wann nicht. Die Vielzahl und weitgehende Disparatheit der existierenden literaturwissenschaftlichen Diskurse, wie auch die Vielfalt denkbarer Regelverstöße, lassen das Aufstellen solcher Adäquatheitsbedingungen aber nicht zu. Unterm Strich ist somit die einzige »Adäquatheitsbedingung«, die sich für das Zuschreiben des Kompatibilitätskriteriums formulieren lässt, folgende: »Wann eine Beschreibung in einen Diskurs passt und wann nicht, das entscheiden die Diskursteilnehmer in Abhängigkeit vom jeweiligen Einzelfall.«

Dies hat jedoch zur Folge, dass die Inkompatibilität einer Beschreibung nicht nachzuweisen ist, sofern keine expliziten Rügen seitens der Diskursteilnehmer erfolgen – Spree sprach in diesem Zusammenhang ja nur von der Strafe wissenschaftlicher Bedeutungslosigkeit und Nichtachtung, wobei doch die hier mitschwingende Annahme, dass alles, was beachtet werde, von wissenschaftlichem Rang sei, und umgekehrt, alles, was keinen wissenschaftlichen Wert habe, auch nicht beachtet werde, illusorisch erscheint.

Dennoch wäre die Schlussfolgerung, das Evaluationskriterium der Kompatibilität aufgrund der genannten theoretischen Probleme zu verwerfen, übereilt. Zwar ist seine Effizienz insofern eingeschränkt, als dass erstens Zuschreibungen genau genommen erst erfolgen können, nachdem eine Interpretation bereits eine Zeit lang zur Disposition der Diskursteilnehmer steht, und zweitens die Ansichten der Diskursteilnehmer nicht immer mit qualifizierten Qualitätsurteilen über wissenschaftlichen Wert oder Unwert gleichzusetzen sind.[88] Dessen ungeachtet kann das Kompatibilitätskriterium unter bestimmten Voraussetzungen für die Evaluation von Beschreibungen fruchtbar gemacht werden. Nach meinem Erachten sollte es gerade im Hinblick auf die genannten Unsicherheiten, die sich aus den Schwierigkeiten der Identifizierung einer (teil-)kollektiven Meinungsbildung ergeben, nur in sehr eindeutigen Fällen, wie dem o.g. Beispiel, zur Anwendung kommen. In solchen unzweideutigen Fällen können Diskurs-Urteile – eben weil ihre Legitimität auf der Hand liegt – mit hoher Wahrscheinlichkeit antizipiert werden: So kann man mit Recht auf die Inkompatibilität einer zu selektiven Figurenbeschreibung verweisen, welche offenkundig wichtige Prädikate unterschlägt: Es liegt nahe, dass ein solches Urteil im allgemeinen wissenschaftlichen Diskursraum konsensfähig ist. Um dem formulierten Evidenzanspruch gerecht werden zu können, sollten Beschreibungen zudem als »(in)kompatibel« bezeichnet werden mit Blick nicht nur auf die einzelnen literaturtheoretischen Diskurse der Literaturwissenschaft, sondern (wie im Falle des o.g. Beispiels) v.a. auf den allgemeinen wissenschaftlichen Diskursraum, dessen Urteile eine höhere intersubjektive Gültigkeit besitzen, als diejenigen der einzelnen Subdiskurse der Literaturwissenschaft.

Dennoch ist die Kategorie »inkompatibel« insofern unscharf, als dass sie, nüchtern betrachtet, nicht mehr als ein Sammelbecken für alle denkbaren Regelverstöße darstellt, die nicht unter das Etikett »empirisch falsch«, »unzweckmäßig« oder »irrelevant« fallen. Ein Ziel dieser Arbeit wird deswegen sein, ausgehend von allen während der Analyse vorgefundenen Unglücksfällen der Beschreibung, die nicht unter die letztgenannten Subkategorien fallen, Glückensbedingungen und somit Beurteilungskriterien zu formulieren.[89]

Zusammenfassung und Konsequenzen

Festzuhalten wären also folgende Evaluationskriterien der literaturwissenschaftlichen Beschreibung: Kleinmanns Wahrheit und Relevanz, Strubes empirische Richtigkeit, Relevanz und Zweckmäßigkeit, sowie Sprees Kriterien der Kompatibilität und Zweckmäßigkeit, von welchen das erste auf Goodman zurückgeht. Die Ergebnisse der drei Analysen sind im folgenden Übersichtsschema zusammengefasst:

Evaluationskriterien der (fachsprachlichen) Beschreibung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[90]

Aus dem Schema geht hervor, dass die Autoren z.T. dieselben Kriterien unter Verwendung verschiedener Begrifflichkeiten behandeln. So entspricht Kleinmanns Kriterium der Relevanz dem, was Strube und Spree als »Zweckmäßigkeit« bezeichnen. Strube hingegen hat den Begriff »Relevanz« speziell für die Auswahl von Textelementen im Hinblick auf eine bestimmte methodische Regel reserviert. Die Begriffe »Wahrheit« und »empirische Richtigkeit« werden von Strube und Kleinmann im selben Sinne verwendet.[91] Aufgrund der mangelnden Aussagekraft des Wahrheitskriteriums plädiert Spree dafür, es durch diejenigen der »Zweckmäßigkeit« und »Kompatibilität« zu ersetzen.

Aus pragmatischen Gründen soll in der Folge nur noch von empirischer Richtigkeit , nicht mehr von »Wahrheit«, die Rede sein. Die Bedeutung des Begriffs Zweckmäßigkeit soll im Sinne Sprees und Strubes beibehalten werden und eine »Zweckrationalität« der Beschreibung bezeichnen. Relevanz hingegen wird mit der Definition Strubes besetzt, und soll sich auf die Auswahl von Textelementen im Hinblick auf eine bestimmte methodische Regel beziehen.

Summa summarum ergeben sich vier wichtige Kriterien der literaturwissenschaftlichen Beschreibung: empirische Richtigkeit , Zweckmäßigkeit , Relevanz , und Kompatibilität .

Darüber, dass sich die »Zweckmäßigkeit« einer Beschreibung ausschließlich relational, über ihr jeweiliges Ziel – die spätere Auslegung – definiert, besteht unter allen drei Wissenschaftlern ein Konsens. Dies darf jedoch nicht etwa als Empfehlung oder gar Forderung für ein systematisches Vorgehen in der Interpretationspraxis missverstanden werden, welches nahe legte, einen Text zunächst auszulegen und danach zu beschreiben! Die hier diskutierten Beurteilungskriterien wollen deskriptiv verstanden sein und nicht präskriptiv: Sie rekurrieren auf bestimmte Konventionen der sprachlichen Verständigung über Textinterpretationen. Aus der Analyse solcher Konventionen lassen sich die Bedingungen einer »vernünftigen« Zuschreibung ersehen. Vorschriften oder Empfehlungen, die den Prozess der Genese einer Interpretation betreffen, lassen sich von einem sprachanalytischen Blickpunkt aus nicht formulieren.

So mag es stimmen, dass fertige Interpretationen meist nur Beschreibungen enthalten, die mehr oder weniger auf die spätere Auslegung hin »ausgerichtet« sind und angesichts dieser Tatsache entschieden wird, ob sie zweckmäßig sind oder nicht. Über die Genese einer Interpretation ist damit aber noch nichts ausgesagt, zumal in unserem Fach Darstellungs-Tradition und Entstehungsgeschichte von Interpretationen auseinander gehen, wie Karl Eibl, wenngleich in anderem Zusammenhang, bemerkt:

Erst wenn alles einigermaßen paßt, tritt man mit der Interpretation hervor. Aber ich glaube, in der Schublade oder im Papierkorb eines jeden wissenschaftlichen Interpreten liegen Dutzende von Interpretationshypothesen, die sich nicht bewährt haben, die also schon vor der Publikation als falsifiziert abgelegt wurden.[92]

Wie mir scheint, verhält es sich auch mit dem Verhältnis von Beschreibung und Deutung in der Praxis nicht anders: In »guten« Interpretationen werden uns beide als aufeinander abgestimmte Vorgänge präsentiert, was den Eindruck erweckt, dass die Beschreibung der Auslegung angeglichen worden ist. Tatsächlich, so nehme ich an, werden deskriptive Bestandsaufnahmen in der Mehrzahl der Fälle am Anfang eines Interpretationsprozesses stehen, und nicht an dessen Ende.

Dies wäre zumindest aus meiner Sicht begrüßenswert; insbesondere dann, wenn eine initiale Interpretationshypothese fehlt, wie es häufig bei rätselhafter und schwer zu erschließender Literatur der Fall sein dürfte, beispielsweise bei Franz Kafka oder Paul Celan. Für gewöhnlich wird an dieser Stelle ein Einwand erhoben, welcher besagt, dass so sehr wir uns auch um eine deskriptive, neutrale Herangehensweise an einen Text bemühten, wir dem Selektionscharakter unserer Wahrnehmung letztlich dennoch nicht entgehen. Darauf kann ich nur erwidern, dass letzteres mit keinem Wort abgestritten werden soll, nur folgt aus der Tatsache, dass es prinzipiell nicht möglich ist, einen Gegenstand neutral zu beschreiben, noch nicht, dass der Versuch nicht dennoch wünschenswert sei und unternommen werden sollte. Wünschenswert ist er meines Erachtens aufgrund der Dehnbarkeit des Begriffs der Beschreibung: Wie viele Praxisbeispiele belegen, lassen sich selbst für die groteskesten Auslegungen zuweilen noch »Beobachtungsbelege« finden.

In solchen Fällen nützen selbst die vier aufgestellten Gütekriterien von Beschreibungen nicht viel: Eine Beschreibung kann gleichermaßen wahr, relevant, zweckmäßig und kompatibel sein, aber dennoch darauf angelegt, eine Auslegung zu stützen, die von der Mehrheit der Diskursteilnehmer als absurd empfunden wird. Um diesem Problem beizukommen, ist es nicht nur wichtig, beim Bewerten und Erstellen von Interpretationen die Gütekriterien der anderen Sprechakte gleichermaßen mitzuberücksichtigen, sondern auch die Idee einer möglichst neutralen Beschreibung als regulatives, heuristisches Arbeitsprinzip zu nutzen. Andernfalls scheint der Beliebigkeit von Auslegungen Tür und Tor geöffnet.

3.2 Die Auslegung

Für die Auslegung eines Textes (oder eines Teils desselben) stellt Strube zwei Bedingungen auf: »(1) Der Interpret unterlegt einer bestimmten Beschreibung ein bestimmtes Auslegungsschema; seine Auslegung ist also in der Beschreibung begründet. (2) Er unterlegt ein Schema, das historisch stimmig ist, nämlich zusammenstimmt mit der Disposition des betreffenden Autors.«[93] Beide Bedingungen ergeben sich aus den Unglücksfällen der Implausibilität und der historischen Unstimmigkeit.

[...]


[1] Vgl. Spree 1995, welcher zwischen »interpretationsskeptischen« und »interpretationskritischen« Positionen unterscheidet.

[2] Die Empirische Literaturwissenschaft, die zuweilen unter den Begriff der »Analytischen Literaturwissenschaft« subsumiert wird, gehört in die erste Kategorie interpretationskritischer Positionen.

[3] Strube 1993, S. 97 ff. Eine komprimierte Variante dieser Untersuchung, die hier in gleicher Weise berücksichtigt wird, findet sich in Strube 1992.

[4] Strube 1993, S. 9.

[5] Vgl. Strube 1992, S. 185.

[6] Ebd. – In der »bestimmenden« Textinterpretation »geht es dem Interpreten um die Bestimmung etwa der eigentümlichen Struktur oder Gestalt des betreffenden Textes.« Ebd. S. 187. Strube greift hier auf eine Unterscheidung von Brandt zurück. Laut dessen Definition untersucht die »bestimmende Interpretation im Text die bewußte Meinung und Absicht des Autors bzw. seiner Theorie […], während die reflektierende Interpretation diese Sphäre der ursprünglichen Intention überschreitet und die Bedeutung des betreffenden Textes in einem vom Interpreten selbst zu erstellenden »reellen oder ideellen Zusammenhang« gewinnt. Ders. 1976, S. 46.

[7] Strube 1993, S. 10.

[8] Vgl. Strube 1992, S. 186. – Strube liegt demnach weniger an dem definitionstheoretischen, als an dem kriteriologischen Aspekt: »Es geht mir weniger darum, Ausdrucksgleichungen bzw. ›verbale Definitionen‹ zu formulieren (wie: »plausibel« = »einsichtig« od. dgl.), als darum, die einschlägigen Begriffe dadurch zu klären, daß ich die Phänomene beschreibe, auf die ebendiese Begriffe angewandt werden.« Ders. 1993, S. 114.

[9] Vgl. Strube 1992, S. 201.

[10] Vgl. Spree 1995, S. 9.

[11] Sie wird unter dem Stichwort »Theorien-« oder »Methodendiskussion« gehandelt.

[12] So wirft etwa Susan Sontag den Interpreten einen logozentrischen Zugang zur Kunst vor, welcher der ästhetischen Dimension derselben nicht annähernd gerecht werde, sie vielmehr zerstöre. Stattdessen propagiert Sontag eine »Erotik der Kunst«: die Rückbesinnung auf ein »ursprüngliches«, sinnliches Kunsterleben. Vgl. Dies. 1964. Empirische Literaturwissenschaftler hingegen kritisieren die Interpretation als subjektivistisches oder gar irrationalistisches »Privatvergnügen« der Germanisten. Einen Grund für deren prinzipielle Ablehnung sehen sie in der Pluralität der möglichen Deutungen eines Kunstwerks, weshalb sie von jeder Festschreibung eines »ontologischen« Textsinns absehen möchten. – Eine differenzierte und systematische Rekonstruktion der unterschiedlichen Begründungsweisen einer Auswahl interpretationskritischer Positionen, namentlich der Susan Sontags, der Empirischen Literaturwissenschaft, sowie des Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus, findet sich in Spree 1995, oder auch, in verkürzter Form als Überblicksartikel, in Spree 1996b.

[13] Vgl. Freudlieb 1997, S. 79.

[14] Ihren Titel hat die »Analytische Literaturwissenschaft« dem 1984 von Finke/Schmidt herausgegebenen, gleichnamigen Sammelband zu verdanken.

[15] Spree 1995, S. 13. – Die Beschreibung der literaturwissenschaftlichen Praxis darf dabei nicht, wie innerhalb der Ordinary Language Philosophy, zugleich als eine Rechtfertigung des Bestehenden missverstanden werden. Vgl. Fricke 1996, S. 1529. – Hervorhebungen stammen, soweit nicht anders vermerkt, immer vom jeweiligen Verfasser.

[16] Vgl. Freundlieb 1997, S. 79.

[17] Ebd. Der Ausdruck »neuem« gehört im Grunde durch den unbestimmten Artikel »einem« ersetzt, zumal der gegenwärtige Zustand der Literaturwissenschaft noch als vorparadigmatisch zu bezeichnen ist. Vgl. Fricke 1996, S. 1530. – Zur Differenzierung der mit dem Begriffspaar »rekonstruktiv« – »konstruktiv« beschriebenen Hauptströme der Analytischen Literaturwissenschaft siehe auch: Freundlieb 1997, S. 79

[18] Vgl. S. 5, dort auch Anm. 12.

[19] Vgl. Spree 1995, der im Verlauf seiner Untersuchung offenlegt, dass der Interpretationskritik verschiedener literaturtheoretischer Strömungen auch unterschiedliche Begriffe von Interpretation zugrunde liegen.

[20] Hierzu zählt etwa der »hermeneutische Zirkel«, um nur ein Beispiel zu nennen: »›Um A zu verstehen, müßte man erst B wissen; um ein Wissen über B zu erwerben, müßte man erst A verstehen.‹ Dies ist zwar, wie gesagt, eine echte Schwierigkeit, aber kein Zirkel, sondern ein Dilemma.« Stegmüller 1973, S. 28/29.

[21] Gegen die Verwendung rhetorischer Stilmittel zur Veranschaulichung komplexer, aber dennoch präzise formulierter Überlegungen ist freilich nichts einzuwenden. Ist die Vorbedingung einer präzisen Begrifflichkeit indes nicht garantiert, laufen unreflektiert verwendete Metaphern und Analogien schnell Gefahr, sich zu verselbstständigen und ihre Erzeuger zu falschen »Analogieschlüssen« zu verleiten.

[22] Dass die letzte Aussage keine Übertreibung darstellt, ist nicht erst seit dem 1996 von Alan Sokal publizierten Aufsatz Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity unsinnigen Inhalts bekannt, abgedruckt von der renommierten amerikanischen Zeitschrift Social Text. In seinem ein Jahr später (dt. 1999) zusammen mit Jean Bricmont veröffentlichtem Buch Impostures Intellectuelles (dt.: Eleganter Unsinn) wird aufgezeigt, wie eine Reihe bedeutender postmoderner Philosophen – u.a. Baudrillard, Kristeva und Lacan – ohne Verstand Ideen und Begriffe der Naturwissenschaften missbraucht. Das Anliegen der beiden Physikprofessoren besteht darin, v.a. den Nimbus zu zerstören, den einige Texte besitzen: Sie seien deshalb so schwierig zu verstehen, weil die darin vorgebrachten Gedanken besonders tiefgründig seien. An zahlreichen Beispielzitaten wird gezeigt, dass die Texte ausschließlich deswegen so »sophisticated« erscheinen, weil sie in diffuser Formulierung triviales oder absolut nichts aussagen. Vgl. Sokal/Bricmont 1997.

[23] Vgl. Spree 1995, S. 10.

[24] Der differentialistische Blickwinkel impliziert das Anerkennen der Vielfalt des Sprachgebrauchs, ohne denselben vereinheitlichen zu wollen. Die Unterschiede der betrachteten Begriffskonzeptionen werden beschrieben, aber nicht gewertet. Der Nutzen eines solchen Verfahrens soll dabei v.a. dem Literaturwissenschaftler zu gute kommen, welchem so die Verortung der eigenen Interpretationskonzeption im Vergleich mit anderen ermöglicht wird. Vgl. ebd., S. 9-12 und S. 23, sowie Spree 1996, S. 168.

[25] Siehe Spree 1995.

[26] Spree 1996, S. 185. Vgl. auch Spree 1995.

[27] Aus pragmatischen Gründen erscheint es mir sinnvoll, sowohl auf die umständliche Formulierung »Wissenschaftstheorie der Literaturwissenschaft«, als auch auf den missverständlich mehrdeutigen Begriff »Literaturtheorie« zu verzichten und zur Bezeichnung desjenigen Teils der Wissenschaftstheorie, welcher speziell die Literaturwissenschaft zum Gegenstand hat, auf den Ausdruck »Literaturwissenschaftstheorie« zurückzugreifen.

[28] Vgl. Fricke 2000, S. 67: »Eine Begriffsexplikation verbindet eine Aussage über historisch übliche Gebrauchsweisen (die, als ›lexikalische Definition‹, wahr oder falsch sein kann) mit einer terminologischen Bestimmung des vorgeschlagenen wissenschaftlichen Gebrauchs (die, als ›stipulative Definition‹, nicht wahr oder falsch sein kann, sondern nur zweckmäßig oder unzweckmäßig). Sie macht somit einen Begriffsinhalt ›explizit‹ durch den Prozeß seiner rationalen Rekonstruktion, und dies in zwei Stufen: zunächst durch explizite Analyse und begriffsgeschichtliche Erhellung bisheriger, meist allenfalls implizit geregelter Verwendungsweisen eines Begriffswortes (des Explicandums); sodann durch ebenso explizite Abgrenzung des inskünftig anempfohlenen Wortgebrauchs unter Angabe logisch klar strukturierter (z.B. ›notwendiger‹, ›typischer‹, ›alternativer‹ oder ›fakultativer‹ semantischer Merkmale des präzisierten Begriffs (des Explikans).«

[29] Etwa bei Strube 1993, Weitz 1964 & 1977 und Shusterman 1978.

[30] So z.B. bei Eikelmann 1993.

[31] Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Interpretationen zu klassifizieren. Ein Beispiel gibt Hermerén: ihm zufolge gehören Interpretationen „to different types if they have different meanings and are checked by different methods.“ Hermerén 1983, S. 145, zitiert nach Strube 1993, S. 68. Strubes Unterscheidungskriterien, der ebenfalls eine polytomische Typologie zugrunde legt, fallen differenzierter aus: Er nennt 1. den »speziellen Zweck«, den der jeweilige Literaturwissenschaftler mit der Anfertigung seiner Interpretation verfolgt, 2. die besondere »Form der Argumentation«, mit deren Hilfe dieser Zweck erreicht werden soll, und 3. die »implizite Literaturtheorie«. Mithilfe dieser Kriterien gelingt es ihm, deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Interpretationstypen herauszustellen. Vgl. Strube 1993, S. 68 ff.

[32] Vgl. ebd.

[33] Strube 1988, S. 260

[34] Spree 1996, S. 181.

[35] Ebd. S. 182.

[36] Diese betont Spree ganz offensichtlich in erster Linie nur im Zusammenhang mit seinem differentialistischen Anspruch, die Unterschiede diverser Interpretationskonzeptionen nicht nur zu registrieren, sondern auch zu respektieren (vgl. Spree 1996, S. 168). Eine Äußerung Frickes gibt Aufschluss darüber, welches Argument allem Anschein nach hinter der Forderung nach Gleichrangigkeit steht: »Es liefe ja selbst wieder auf einen irrationalen Dogmatismus und auf ein willkürliches Denkverbot hinaus, wollte man irgendeine der oben andeutend aufgeführten [literaturtheoretischen] Positionen bzw. Prämissen gleichsam a priori aus dem Spektrum möglicher Fragestellungen der eigenen literaturwissenschaftlichen Arbeit ausschließen.« Ders. 1992, S. 218.

[37] Vgl. ebd.

[38] Vgl. Patzig 1980, S. 79. Zitiert nach Ebd., S. 214.

[39] Fricke 1992, S. 215.

[40] Einzig die struktural-semiotische Interpretationsmethode kann einige wenige Arbeitsschritte feilbieten. Vgl. etwa Siam-Bossard 1981 oder Strube 1993, S. 99. Doch auch sie können in der Praxis zu völlig unterschiedlichen, aber gleichermaßen legitimen Interpretationen führen.

[41] Fricke 1992, S. 215.

[42] So kann man laut Fricke Texte bspw. nach ihrem Vokabular, ihren Redeweisen (»Sprachgebrauch«), ihren Fragestellungen, sowie ihren Verknüpfungen (»Argumentationsweisen«) zu sortieren versuchen. Vgl. ebd.

[43] Ebd.

[44] Ebd. S. 221.

[45] Vgl. etwa Strube 1981, 1988, 1991, 1992 und 1993. – Unter der »literaturwissenschaftlichen« Textinterpretation versteht Strube die »bestimmende« Interpretation. Vgl. Anm. 6, S. 2.

[46] Vgl. Strube 1993, S. 97: »Sprechakte sind ja die kleinsten sinnvollen Einheiten (auch) der Sprechtätigkeit oder ›Kommunikationsform‹ Textinterpretation. – Vor allem versuche ich, die illokutionären Akte zu bestimmen, die der Textinterpret mit der Äußerung seiner Sätze vollzieht: also dasjenige, was der Textinterpret tut, indem er diesen oder jenen der [...] Sätze äußert.«

[47] Meines Erachtens gereicht dies dem strubeschen Modell keineswegs zum Nachteil, weil sich nur aus idealtypischen Unglücksfällen Glückensbedingungen ableiten lassen – für zweideutige und unklare Fälle lassen sich keine repräsentativen Beispiele und Vertreter ausmachen: Die Bandbreite an möglichen Unglücksfällen lässt sich nicht abdecken, sowenig wie sich juristische Gesetze für jede Art von Verbrechen formulieren lassen.

[48] Vgl. Strube 1992, S. 186. Die von Strube fingierten Regelverstöße können aus darstellungsökonomischen Gründen hier nicht wiedergegeben werden.

[49] Ebd., S. 185.

[50] Vgl. Kleinmann 2005. – Kleinmann unterscheidet die »spontane Wertung«, die »Beschreibung«, den »Kommentar«, die »Charakterisierung«, die »Interpretation«, »interpretierende Äußerungen«, sowie die »reflektierte Wertung«.

[51] Von daher wird in der Folge aus pragmatischen Gründen nur noch von »Sprechakten« die Rede sein, und nicht mehr von »Formen ästhetischer Kommunikation«.

[52] Vgl. ebd. S. 96/97.

[53] Dieser Punkt wird bei Kleinmann unter der Bezeichnung »Beschreibung«, bei Strube hingegen als »fachsprachliche Beschreibung« abgehandelt, wobei Kleinmann sich nicht, wie Strube, allein auf das literarische Kunstwerk bezieht, sondern zugleich auch auf andere Kunstformen. Dennoch sind seine Überlegungen nicht zu allgemein für unsere Zwecke; er exemplifiziert sie sogar anhand eines Beispiels aus der Literatur (Celans Gedicht »Weggebeizt«).

[54] Vgl. ebd. S. 99.

[55] Im Übrigen gehörten zur »beschreibenden Rede«, die »auf hochspezialisiertes, kunstwissenschaftliches Vokabular« zurückgreifen könne, »so unterschiedliche Angaben wie die zum Aufbau, Inhalt und sprachlicher Struktur literarischer Werke, zu Format, Malgrund und Sujet von Bildern, zu Tonart, Metrum und Besetzung von Musikwerken usf.« Ebd., S. 100.

[56] Ebd. Kleinmann unterscheidet dabei zwei Arten von Beschreibung: »Die einen beziehen sich auf die wahrnehmbare Erscheinung des Gegenstandes, die anderen bestehen aus Inhaltsangeben und Erläuterungen des Dargestellten und beziehen sich damit bereits auf die Bedeutungsebene von Kunstwerken.« Ebd.

[57] Ebd., S. 99.

[58] Vgl. ebd., S. 100.

[59] Allerdings ist die Beschreibung als komplexe, aus verschiedenen Sprechakten zusammengesetzte Sprechtätigkeit nicht als »wahr« oder »falsch« zu bezeichnen, sondern als »angemessen« oder »zutreffend«. Einzelnen deskriptiven Sprechakten kann man dagegen sehr wohl einen Wahrheitswert zuschreiben. Vgl. Spree 1995, S. 17 und Toulmin/Baier 1969, S. 191.

[60] Vgl. Kleinmann 2005, S. 100.

[61] Strube 1993, S. 99.

[62] Vgl. ebd. Diese Aussage will Strube jedoch keineswegs als normativ verstanden wissen. Er setzt vielmehr voraus, »daß sich im Laufe der Zeit eine literaturwissenschaftliche Schultradition mit bestimmten intern als ›brauchbar‹ akzeptierten Kriterien der Beurteilung von Textinterpretationen herausgebildet hat.« Strube 1992, S. 185. In diesem Sinne ist auch seine kriteriologische Fragestellung – »Was ist es, das den Literaturwissenschaftler berechtigt, eine Beschreibung zutreffend, eine Auslegung plausibel oder eine Deutung umfassend genug zu nennen« – zu verstehen. Ebd, S. 186.

[63] Vgl. ebd., S. 100. – Der Gedanke des Konstruktionscharakters von Beschreibungen, welche nicht etwa eine a priorische Ordnung abbilden, sondern eine Ordnung erst herstellen, geht bereits auf Wittgenstein zurück. Vgl. hierzu die Ausführungen Sprees 1995, S. 16 ff.

[64] Strube 1993, S. 99.

[65] Strube 1992, S. 188.

[66] Ebd.

[67] Ebd.

[68] Ebd. Was genau unter einer »literaturtheoretisch fundierte Methode« zu verstehen ist, wird von Strube an dieser Stelle nicht näher erläutert. In einer anderen Publikation ist jedoch zu lesen, dass darunter offenbar eine »literaturwissenschaftlich akzeptierte methodologische Regel« zu verstehen sei, im strukturalsemiotischen Fall: »Bilde paradigmatische Klassen!« Vgl. Strube 1993, S. 115. Nach meinem Ermessen handelt es sich aber bei der in Rede stehenden struktural-semiotischen Regel um einen Ausnahmefall, zumal sich in der Praxis kaum Literaturtheorien finden, die »methodologische Regeln« mit vergleichbar »konkreten« Arbeitsanweisungen vorweisen können. Dank dieses Umstands wird die Effizienz des strubeschen Evaluationskriteriums »Relevanz« sehr stark beschnitten, weil damit nur besonders schwere und somit auch unwahrscheinliche Regelverstöße bezeichnet werden können – etwa wenn jemand bei einer als diskursanalytisch angekündigten Textinterpretation aus unerfindlichen Gründen doch keine Korrespondenzen des betreffenden Textes zu Diskursen, welcher Art auch immer, aufwiese, oder analog dazu, im Verlauf einer als intertextuell angemeldeten Interpretation keine intertextuellen Beziehungen offenlegte, sondern sich indes auf Textmerkmale anderer Art konzentrierte. Im übrigen vertrete ich, wie Fricke, eine methodenskeptizistische Position (vgl. Kap. 2).

[69] Vgl. Strube 1992, S. 189.

[70] Eine »Literaturtheorie« ist laut Strube durch eine bestimmte »Terminologie« und »Methodologie« gekennzeichnet. Vgl. Strube 1993, S. 100. – Zur Redeweise von »Methoden« etc. habe ich mich bereits geäußert. Was die »Terminologie« angeht, so kann ich Strube beipflichten, dass sie ein Merkmal sein kann, an welchem sich die literaturtheoretische Zugehörigkeit einer Interpretation ablesen lässt. Nur liegt das meines Erachtens vielmehr an der erkenntnisleitenden Prämisse der jeweiligen Literaturtheorie (welche nach Fricke ja zugleich das einzige stichhaltige distinktive Merkmal zwischen den einzelnen »Methoden« bildet), als an einer eigentlich »methodischen« Vorgehensweise selbst: So wird ein psychoanalytischer Interpret natürlich auf den Soziolekt der Psychoanalyse bzw. Psychologie zurückgreifen, ein Strukturalist hingegen auf strukturalistische Grundbegriffe, ein Rezeptionsästhetiker wird vom Erwartungshorizont des Lesers sprechen usw. usf. Als Maßstab für die Relevanz einer Beschreibung halte ich solche »methodischen Regeln« allerdings für entschieden zu vage: Sie geben nicht an, was als »relevant« und was als »irrelevant« zu selegieren sei.

[71] Strube 1992, S. 189.

[72] Ebd.

[73] Strube 1980, S. 76.

[74] Spree 1995, S. 17/18.

[75] Ebd., S. 18.

[76] Goodman 1984, S. 159.

[77] Vgl. Frege 1892.

[78] »Objektivität« verweist immer auf die Unabhängigkeit des Wahrseins einer Aussage vom erkennenden Subjekt. Vgl. bspw.: Sandkühler 1990, S. 592 ff.

[79] Vgl. Spree 1995, S. 19.

[80] Ebd., S. 20.

[81] Vgl. Goodman 1984, S. 161: »Statt zu versuchen, die Richtigkeit von Beschreibungen oder Darstellungen unter den Begriff Wahrheit zu subsumieren, sollten wir nach meiner Meinung lieber die Wahrheit zusammen mit ihnen unter den allgemeinen Begriff der Richtigkeit des Passens subsumieren.«

[82] Ebd. – Spree verweist in diesem Zusammenhang auf Goodman/Elgin 1989, S. 208.

[83] Spree 1995, S. 20. – Vgl. auch Goodman 1984, S. 167, sowie Goodman/Elgin 1989, S. 208.

[84] Goodman/Elgin 1989, S. 208.

[85] Vgl. Spree 1995, S. 19. – Mit der »begrifflichen Vorstrukturiertheit« nimmt er Bezug auf Hilary Putnams Formulierung vom »Input durch Erfahrung«: »Der Internalismus bestreitet nicht, daß es für unser Wissen Input durch Erfahrung gibt [...] Er bestreitet jedoch, dass es Inputs gibt, die ihrerseits nicht durch unsere Begriffe geformt sind, durch das Vokabular, das wir zur Berichterstattung und zu ihrer Beschreibung verwenden, und er bestreitet, daß es Inputs gibt, die nur eine einzige Beschreibung zulassen, die unabhängig ist von allen begrifflichen Entscheidungen.« Putnam 1981, S. 81.

[86] Gemeint ist die strubesche »Relevanz«; sie bezieht sich auf die Auswahl von Textelementen im Hinblick auf eine bestimmte methodische Regel. Die »Relevanz« von der Kleinmann spricht, ist mit der »Zweckmäßigkeit« Strubes kongruent.

[87] Die Auslegung könnte selbst dann unsinnig sein, wenn sie sich anhand der zwei von Strube angeführten Evaluationskriterien, der Plausibilität und der historischen Stimmigkeit bewährt: Denn Plausibilität erlangt eine Auslegung (u.a., wie ich in 4.2 noch zeigen werde) durch ihren Bezug auf die ihr zugeordnete Beschreibung, in welcher sie »zureichend begründet« liegen soll. Und eine zugeordnete Beschreibung kann, wie im obigen Beispiel gezeigt, zwar empirisch richtig, aber dennoch inkompatibel sein. Genauso verhält es sich mit der historischen Stimmigkeit: Historisch stimmig ist eine Auslegung, wenn sie mit der Autordisposition zusammenstimmt. Mit der Autordisposition zusammenstimmen können jedoch selbst in ihren Argumentationen inkohärente Auslegungen ein und desselben Textes.

[88] Aus diesem Grund müssen kollektive Urteile immer mit Blick auf ihre Begründung hinterfragt werden: In der Wissenschaftsgeschichte finden sich immer wieder Beispiele dafür, dass mitunter unpopuläre und mit dem zeitgenössischen Wissenschaftsdiskurs inkompatible Meinungen sich hinterher als berechtigt erwiesen und durchgesetzt haben.

[89] Dies wird in Kap. 5 geschehen.

[90] Die Kriterien Sprees beziehen sich, wie gesagt, in erster Linie auf die sprachanalytische Beschreibung.

[91] Wie Spree, Strube, Kleinmann und Goodman vertrete auch ich eine internalistische Perspektive, derzufolge es mehr als eine wahre Beschreibung der Welt gibt. Wahrheit ist, um mit Putnam zu sprechen, »nach internalistischer Auffassung so etwas wie (idealisierte) rationale Akzeptierbarkeit – so etwas wie ideale Kohärenz unserer Überzeugungen untereinander und in bezug auf unsere Erfahrungen entsprechend der Darstellung dieser Erfahrungen in unserem Überzeugungssystem – und nicht Übereinstimmung mit geistesunabhängigen oder redeunabhängigen ›Sachverhalten‹. Es gibt keinen Gottesgesichtspunkt [...]« Ders. 1981, S. 75-76. – In diesem Sinne sind »Wahrheit« und »empirische Richtigkeit« gleichzusetzen.

[92] Eibl 1992, S. 177.

[93] Strube 1992, S. 190.

Details

Seiten
118
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668437906
ISBN (Buch)
9783668437913
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359030
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
15,00
Schlagworte
Interpretation Literatur Literaturwissenschaft Textinterpretation Analytische Literaturwissenschaft Ein Hungerkünstler Franz Kafka Beurteilung Kriterien Beurteilungskriterien Interpretationen Textinterpretationen Literaturanalyse

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Titel: Beurteilungskriterien für Textinterpretationen anhand von Kafkas "Hungerkünstler". Möglichkeiten der Interpretationskritik