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Lebensrealitäten von muslimischen Jugendlichen der zweiten und dritten Generation in Deutschland

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen und Problematik der Zugehörigkeit bei Jugendlichen

3. Entstehung hybrider Identitäten

4. Lebensrealitäten von Jugendlichen Muslimen am Beispiel Pop-Islam
4.1 Verein Muslimische Jugend in Deutschland
4.2 Lichtjugend e.V.

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In einem Vorwort zur Studie von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels „Muslime in Deutschland“ schreibt Wolfgang Schäuble bereits 2007 „der weltweit operierende islamistische Terrorismus ist heute eine der größten Gefahren für unsere Sicherheit. Deutschland steht (…) im Fadenkreuz radikaler, fanatischer Gewalttäter, die den Islam als Hass - und Mord-Ideologie missbrauchen.“ (Brettfeld/Wetzels 2007) Seit der Veröffentlichung dieser Studie sind fast zehn Jahre vergangen und rückblickend lässt sich ohne Weiteres feststellen, dass islamistischer Terrorismus in jüngster Vergangenheit keineswegs abgenommen, sondern im Gegenteil dramatische Ausmaße erreicht hat. Erschütternde Anschläge wie auf Charlie Hebdo 2015 oder im Dezember vergangenen Jahres auf dem Berliner Weihnachtsmarkt sind nur Einzelbeispiele neben den zahllosen anderen Ereignissen dieser Art in der Türkei, Belgien, Frankreich, Tunesien, Syrien und vielen weiteren Orten. Islamistischer Terror ist keine Neuerscheinung, hat jedoch durch den Fokus auf die „westliche Welt“ eine scheinbar weitaus größere Präsenz und Bedrohlichkeit erreicht. Der Kern des Problems scheint weit weg zu sein und auch mit der Bekämpfung vor Ort ist die Politik überfordert. Die Folge ist, dass der Islam als ungreifbares Etwas permanent vorhanden ist und eine Differenzierung zwischen unterschiedlichen, den Islam tangierenden Bereichen schwer möglich scheint. Allzu schnell passiert es, dass „muslimisch sein“ als zentrales Merkmal wirkt, dass untrennbar mit verschiedenen Eigenschaften wie frauenfeindlich oder traditionell verbunden ist. Bereits vor dem, weitgehend als „Flüchtlingskrise“ bezeichneten, Zustrom von Muslimen und Muslimas seit 2015 war das Zusammenleben in Deutschland mit Muslimen ein kontroverses und emotional aufgeladenes Thema. Dementsprechend sehen sich inzwischen ein Großteil der Leute in der deutschen Gesellschaft mit diesen Zuschreibungen konfrontiert. Gerade für sehr junge Leute, die ihr ganzes oder den Großteil ihres Lebens in Deutschland verbringen, können solche Zuschreibungen enorm prägend sein. Die Gruppe der jugendlichen Muslime in Deutschland hat auch in der Diskussion der letzten Jahre eine herausragende Rolle gespielt. Verbunden wird diese, insbesondere wenn es um die jungen Männer geht, mit einem regressiven, undemokratischen und patriarchalen Weltbild, außerdem mit einem besonders ausgeprägten Hang zur Gewalt und Kriminalität. Mit diversen Studien und Untersuchungen seit vielen Jahren immer wieder belegt, ist die Herausbildung einer, zu großen Teilen arabischen oder muslimischen Gruppe mit solchen Tendenzen kaum zu leugnen. Es kann jedoch erforscht werden, welche Verschränkungen es zwischen den existierenden Zuschreibungen und dem Handeln dieser Jugendlichen gibt.

In der folgenden Hausarbeit widme ich mich den muslimischen Jugendlichen, die in Deutschland leben und aufgewachsen sind. Ich möchte beschreiben, wie sich die diversen kulturellen Erfahrungen der Jugendlichen und die in Deutschland vorherrschenden Vorstellungen des Islam gegenseitig beeinflussen und welche Lebensräume und -entwürfe ihnen daraufhin geboten oder selber von ihnen entwickelt werden. In diesem Zuge werde ich auch ausgewählte Organisationen in Deutschland vorstellen, die sich explizit auf die hier lebende, muslimische Jugend beziehen.

2. Begriffsklärungen und Problematik der Zugehörigkeit

Um festzustellen, aus welchen Gründen sich die muslimischen Jugendlichen in die verschiedenen Lebensräume und Gruppierungen eingliedern und warum die einzelnen Angebote entstehen, muss erst untersucht werden, welche gemeinsamen Erfahrungen sie machen und wie sie auf diese reagieren. Vorweg muss gesagt werden, dass keine der im Nachfolgenden gestellten Annahmen und beschriebenen Studienergebnisse verallgemeinert werden können und dass es sich lediglich um Tendenzen handelt, die sich natürlich auch verändern. Die untersuchte Zielgruppe dieser Hausarbeit sind muslimische Jugendliche der zweiten und dritten Generation mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Die Ausgangsproblematik sind die verschiedenen erlebten Ausgrenzungserfahrungen, bzw. die Identitätsfindung zwischen mehreren kulturellen Ansprüchen der Jugendlichen und deren Verarbeitung.

Hierbei muss zunächst einmal geklärt werden, wie Identität zu verstehen ist und was konkret mit Ausgrenzungserfahrungen gemeint sein kann.

Identität kann als die gesamte, selbst erlebte Einheit einer Person bezeichnet werden. Die Identitätsfindung ist ein Prozess, der zwischen dem individuell entworfenen Selbstbild und den unterschiedlichen subjektiven und kontextabhängigen Bildern der verschiedenen HandlungspartnerInnen stattfindet. Voraussetzung für das Gelingen der Identitätsfindung ist die Anerkennung der HandlungspartnerInnen. Ist diese nicht gegeben, kann eine der Folgen die Herausbildung einer negativen Identität sein. (Vgl. Foroutan/Schäfer 2009) Ein Beispiel für eine solche negative Identität ist das sogenannte „Nachgeborenenphänomen“. Dabei kommt es zu einer „zu beobachtende(n) freiwillige(n) Desintegration der Nachgeborenen“ (Foroutan/Schäfer 2009), also der Kinder der Einwanderungsgeneration. Gemeint ist damit das Entstehen einer Identitätskrise durch die große Entfernung vom Heimatkontext der Eltern und der geringen Verankerung im Aufnahmeland. Der Rückzug in traditionellere Muster der, für die nachfolgende Generation bereits abstrakteren, Herkunftskultur und deren „Verklärung und Überhöhung gegenüber der deutschen Mehrheitskultur“ (Foroutan/Schäfer 2009) kann den Jugendlichen dabei als Ausweg dienen.

Zur Feststellung der allgemeinen Integration von Muslimen hat das Bundesministerium des Innern 2007 eine Studie erstellt, durchgeführt von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels: „Muslime in Deutschland - Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt“. Derzufolge gab es 2007 eine durchschnittlich höhere Rate unter muslimischen SchulabgängerInnen ohne Schulabschluss, was auch auf die ungünstige Ausgangslage durch die „Selektivität des bundesdeutschen Bildungssystems“ (Brettfeld/Wetzels 2007) zurück zu führen wäre. Außerdem sei der Besitz einer deutschen Staatsbürgerschaft und die Bereitschaft, diese zu beantragen relativ hoch, die Selbstverortung als Deutsche/r jedoch dementsprechend sehr gering. Konservativere Wertvorstellungen hätten eine stärkere Ausprägung, je mehr sich die Jugendlichen religiös gebunden fühlten. Die befragten Muslime nahmen häufig Diskriminierungen war und bei vorhandener Staatsbürgerschaft gaben 55%, ohne Staatsbürgerschaft 45% eine Verbundenheit mit Deutschland an. Trotzdem empfanden 90% aller Befragten die deutsche Gesellschaft (zu großen Teilen) als gerecht und 80% waren zufrieden mit der Demokratie. (Vgl. Brettfeld/Wetzels 2007) Laut dem Fazit der Studie sind die zweiten und nachfolgenden Generationen weitaus besser integriert als die Zuwanderergeneration und „ein durchgehender Trend zu Ausbildung parallelgesellschaftlichen Strukturen ist (…) nicht erkennbar“. (Brettfeld/Wetzels 2007)

Die Ergebnisse dieser Studie können einen groben Einblick in die wechselseitigen Verschränkungen von Diskriminierungserfahrungen und dem bereitwilligen Rückzug aus der Gesellschaft geben.

Nähere Erkenntnisse durch die konkrete Arbeit mit den Jugendlichen, liefert der Verein „Ufuq“. Die MitarbeiterInnen in Berlin arbeiten mit Jugendlichen zu den Themen Jugendkulturen, Islam und politische Bildung. Präventionen von Islamfeindlichkeit und religiösen Extremismen sind von zentraler Bedeutung und der Verein bemüht sich um unaufgeregte „Debatten um „Parallelgesellschaften“, religiös begründete Radikalisierung und eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands.“ (ufuq.de o.J.) Der Islamwissenschaftler Dr. Götz Nordbruch ist einer der Gründer und beschreibt in seinem Artikel „Identität und Zugehörigkeit jenseits von Eindeutigkeiten“ die Selbstverständlichkeit, mit der muslimische Jugendliche ihren Alltag zwischen familiären und mehrheitsgesellschaftlichen Erwartungen gestalten und wie viele Unterschiede es im Ausleben des, zu ihrem Selbstbild gehörenden, Islam gibt. So ist die Zuordnung zum Islam, laut Nordbruch zum Teil lediglich der „Ausdruck eines Lebensgefühls“ (Nordbruch 2014), der den Jugendlichen Zugang zu Identität und Stolz bietet. So entstünden dann auch demonstrative Bekenntnisse zur religiösen Zugehörigkeit durch offen zur Schau getragene Symbole, wie beim Tragen des Kopftuches. Diese würden den Versuch der Anerkennung als deutsche Muslime darstellen. Denn Beispiele von anerkannten erfolgreichen Muslimen, wie dem Fußballer Mesut Özil oder der Politikwissenschaftlerin und Journalistin Kübra Gümüsay, gebe es nur Wenige und diese seien folglich Ausnahmen.

Nordbruch schreibt auch über die Schwierigkeiten, die eigenen religiösen Erwartungen und die der Außenwelt weitreichend zu erfüllen. Schwierigkeiten, die, wie bereits erwähnt, für die Jugendlichen selbstverständlich zum Alltag gehören. Denn durch ihre Sozialisation in Deutschland würden sie, viel stärker als die Generation ihrer Eltern, erleben, wie einschränkend eine strenge Orientierung an der islamischen Tradition auf den Alltag wirken kann. (Vgl. Nordbruch 2014) In ihrer Entwicklung seien sie wesentlich intensiver mit der deutschen Gesellschaft konfrontiert worden und erlebten sich stärker als Minderheit, deren islamische Alltagspraxis häufig auf Unverständnis stößt. Auf diese Weise könnten religiöse Autoritäten an Bedeutung gewinnen, da von ihnen häufig einfache Antworten und Lösungen auf komplizierte Fragen geliefert werden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen, vielschichtigen Religion und die zusätzliche Vereinbarung dieser mit den von außen gestellten Anforderungen würden oftmals überfordernd wirken. Deswegen sei es erleichternd und vereinfachend zuverlässige und verbindliche Informationen über „den“ Islam zu bekommen. Salafistische Internetseiten bspw. stellen komplexe und interpretierbare Themen knapp und eindeutig dar. Das biete den Jugendlichen eine schnelle und unkomplizierte Orientierungsmöglichkeit und sie könnten Merkblätter wie „Der Fastenmonat Ramadan - Die Regeln in Kürze“ (Nordbruch 2014) oder zu Bereichen wie Regelblutung und Sexualität finden. Gestützt seien diese Aussagen mit Erzählungen von dem Propheten Mohammad. (Vgl. Nordbruch 2014) Die Auseinandersetzung damit, dass auch die heiligen Schriften sich durchaus widersprechen und sehr breit auslegbar sind, scheint dann nicht mehr nötig.

Laut Nordbruch ist die Opferideologie durch Diskriminierungs - und Rassismuserfahrungen, in die muslimische Jugendliche oft eingeordnet werden und sich auch selber einordnen, häufig ein Grund für die „Popularität von radikalnationalistischen und islamistischen Strömungen insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ (Nordbruch 2014). Solche radikalnationalistischen und islamistischen Gruppierungen würden Schutz, Zugehörigkeit und ein Gefühl der Solidarität vermitteln und das Gruppen - und Wir-Gefühl stärken durch gemeinsame Rituale wie Beten, Fasten aber auch durch Ausflüge und dergleichen.

3. Entstehung hybrider Identitäten

Vor dem Hintergrund der genannten verschiedenen identitätsstiftenden Zugänge oder deren Verwehrung müssen sich die muslimischen Jugendlichen in den nachfolgenden Generationen neue Wege suchen, um ein zufriedenstellendes und befestigtes Selbstbild zu erschaffen. Armina Omerika ist Professorin für Ideengeschichte des Islam in Frankfurt am Main und spricht von einer Hybridisierung der Identitäten bei den muslimischen Jugendlichen in Deutschland. Damit ist konkret „eine „Mischform“ der eigenen und der fremden Identität, die dabei über diese beiden hinausgeht“ (Bhabha 2000, 168) gemeint. Neben dem weit verbreiteten statischen Begriff von muslimischer Lebensweise entstehen nach Omerika in den zweiten und nachfolgenden Generationen von Muslimen in Deutschland innerislamische Pluralitäten durch immer neue Aushandlungen der islamischen Traditionen. Wobei auch nicht nur die gemischten Erfahrungen mit der Elterngeneration und dem deutschen Umfeld eine Rolle spielen würden, sondern auch der Austausch von deutschen Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund und Neuzuwanderungen aus dem sogenannten Nahen Osten.

Omerika geht davon aus, dass islamfeindliche Debatten in Deutschland zu einer defensiven und rechtfertigenden Haltung führen können. Sie betont jedoch, dass die junge muslimische Generation über andere und speziellere kulturelle Referenzen und Bildungsvoraussetzungen verfügt, da sie gezwungen ist, diversen, sich zum Teil widersprechenden Ansprüchen zu genügen und zwischen diesen permanent zu interagieren. Im Gegensatz zu diesen erworbenen Referenzen stehe das, von der Politik in den letzten Jahrzehnten erschaffene und undifferenzierte „muslimische Subjekt“, als dessen zentrales Merkmal ausschließlich das „muslimisch sein“ gelte.

Diese, oft automatisch stattfindende, Zuschreibung sorgt, laut Omerika, für eine „Islamisierung der Muslime“ (Omerika 2016) Denn durch das undifferenzierte Bild, das von Muslimen herrsche, würde eine große Gruppe jugendlicher Muslime, die z.B. nie oder selten beten in der öffentlichen Debatte kaum berücksichtigt. (Vgl. Brettfeld/Wetzels 2007)

Omerika spricht auch von einem Konzept, das solche Zuschreibungen produziert. Das sogenannte „thick concept“, welches von dem Philosophen Bernard Williams entwickelt wurde. Dabei werden verschiedene Sachverhalte gleichzeitig beschrieben und bewertet. Der Islam wird hierfür als Beispiel angegeben. Schon der Begriff Islam sei normativ aufgeladen mit den ihm eigenen Vorschriften. Allerdings nur mit den traditionellen und veralteten, aufgrund „klassischer schariarechtlicher Normativität des islamischen Mittelalters“ (Omerika 2016).

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Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668436824
ISBN (Buch)
9783668436831
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358988
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
2,3
Schlagworte
lebensrealitäten jugendlichen generation deutschland

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