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Das Sonett "Abend" von Andreas Gryphius. Analyse des zentralen Motivs, der Perspektive und ihrer Besonderheiten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Gedichtanalyse „Abend“

Das zentrale Motiv des Gedichts

Die Perspektive des Gedichts

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Hausarbeit soll das Gedicht „Abend“ von Andreas Gryphius (1616 – 1664) analysiert werden, welches im Jahr 1637 verfasst wurde. Es lässt sich somit eindeutig in die Literaturepoche des Barock einzuordnen.

Die Literatur des 17. Jahrhunderts steht in der Tradition des vorangegangenen Zeitalters, der Antike. Ästhetische Formen wie Metrik, Gattung und Stilistik wurden an die volksprachige Literatur fast vollständig angepasst. Ursache dafür sind größtenteils die Übertragungen antiker Texte ins Deutsche von Martin Opitz (Jeßling, S. 58). Besondere Merkmale des Stils der barocken Lyrik sind die ausgeprägte Rhetorisierung der Sprache und eine gesteigerte Bildlichkeit (Meid, S.34).

Das Gefühlsbild der Menschen aus der Barockzeit ist geprägt von Hoffnungslosigkeit und dem Gedenken an den Tod. Grund hierfür sind der Dreißigjährige Krieg und die Pestepidemien (Niefanger, S.25).

Die Bevölkerung, die überlebte, befand sich zwischen dem stetigen Bewusstsein des Todes und dem Wunsch, zu leben und zu genießen.

Der Autor Andreas Gryphius gilt als einer der berühmtesten Barockdichter, welcher in seinen Gedichten häufig die Themen Leid, Unruhe und die Zerrissenheit der Menschen aufführt. Sein Ruhm beruht fast ausschließlich auf seinen Sonetten (Browning, S.107).

Auch in dem vorliegenden Sonett „Abend“ behandelt Gryphius diese Thematik.

Er beschreibt die Vergänglichkeit des Tages und setzt mit Hilfe von Metaphern den Einbruch des Abends und der darauffolgenden Nacht mit der Vergänglichkeit des Lebens und allem Irdischen gleich. Zudem beschreibt der Autor das Leben des Menschen seiner typischen Art entsprechend als leidvoll, arbeitsreich und ermüdend. Das lyrische Ich des Gedichts spürt das unabdingbare, nahende Ende seines Lebens und bittet Gott um Beistand sowie um Begleitung während des Lebens und nach dem Tod. Dieses soll erreicht werden, indem es durch Gottes Hilfe in den Himmel auffährt. Lediglich der elementare Glaube an Gott kann den Menschen aus den irdischen Leid befreien.

Der Inhalt des Gedichts lässt vermuten, dass der Titel „Abend“ für den Lebensabend steht, den jeder Mensch erfahren wird. Mit Hilfe der folgenden Analyse wird dieser Aspekt genauer betrachtet. Die Analyse des Gedichts erfolgt unter folgender Leitfrage: Welches zentrale Motiv formuliert Gryphius in seinem Gedicht „Abend“ und welche Besonderheiten vermittelt die gewählte Perspektive?

Hierzu werden zunächst Inhalt, Form und die sprachliche Gestaltung des Gedichts analysiert. Im Anschluss wird untersucht, welches zentrale Motiv von Gryphius verwendet wurde, nachdem der Begriff ‚zentrales Motiv’ definiert wurde. Anschließend folgt die Untersuchung der angewandten Perspektive im Gedicht, sowie deren Wirkung auf die Leser. Hierbei wird auch Bezug genommen auf die sozialhistorischen Hintergründe der Lebenszeit und Gesinnung des Autors. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in einem Fazit zusammengefasst.

Gedichtanalyse „Abend“

Das Sonett „Abend“, welches von Andreas Gryphius geschrieben wurde, beendet die Trilogie seiner Sonette der Tageszeiten und folgt somit auf die Vorgänger „Morgen und „Mittag“. Allen Sonetten dieser Folge liegt die Illusion einer realen, gegenwärtigen Tagesbetrachtung zugrunde (Jöns, S. 164 ff.).

Im „Abend“ wird das Ende des irdischen Lebens thematisiert. Die damit implizierten leidlichen Dinge des Lebens sowie der erwartungsvolle Glaube an das Jenseits werden durch die metaphorische Beschreibung eines natürlichen Tageszeiten-Zyklus verbildlicht. Der Abend wird zum Gegenstand meditierender Naturbetrachtung (Jöns, S. 174).

Das Gedicht ist gegliedert in zwei Quartette und zwei darauffolgende Terzette.

Entsprechend zur veränderten Strophenform wandelt sich auch der Inhalt. So beschreibt das erste Quartett (V. 1-4) die Einkehr des Abends und den irdischen Alltag. Im zweiten Quartett (V. 5-8) wird die Abendsituation auf den menschlichen Lebensabend ausgeweitet.

In Vers 9 bis 11, dem ersten Terzett, wandelt sich nun der Gemütszustand des lyrischen Ichs: In einer direkten Ansprache an Gott bittet es um Hilfe und Schutz im irdischen Leben.

Das letzte Terzett (V. 12-14) beschreibt den Hilferuf des lyrischen Ichs zum Zeitpunkt des Todes und die Bitte um Erlösung im Jenseits.

Im Folgenden soll das vorliegende Sonett analysiert und anschließend auf das verwendete zentrale Motiv untersucht werden. Zudem wird ein Augenmerk auf die Wahl der Perspektive gelegt, welche in diesem Gedicht angewendet wird.

Die erste Strophe beschreibt die Vergänglichkeit des Tages und die einkehrende Nacht. Das auf den Tag bezogene Prädikat „hin sein" (V.1) verdeutlich die absolute Endlichkeit des Tages, da es auch die Bedeutung „vernichtet sein“ enthält (Duden).

Auf den endlichen Tag folgt die fahnenschwingende Nacht (V.1), die ihren Einzug feiert und Sterne herausbringt. Währenddessen verlassen „müde“ (V.2) Menschenscharen die Felder und Arbeitsstätten (V.3), auf denen sich auf Tiere befunden haben (V.3).

Lebendigkeit erzielt Gryphius für seine plastische Schilderung besonders durch die Personifikationen von Tag, der „ist hin“ (V.1) und Nacht, die „schwingt“ (V.1).

Unterstützt wird die Bewegung der zur Ruhe kommenden Menschen durch ein Enjambement in Vers 3 und 4.

Die Verbindungen „Feld und Werck“ und „Thier und Vögel“ (V.3) enthalten jeweils einen allgemeinen und einen spezifischen Begriff. „Werck“ beschreibt die Tätigkeit und Arbeit, während der Begriff „Feld“ die Landwirtschaft meint. Ebenso verhält es sich mit Thier, dem Tier allgemein, und den Vögeln, einer bestimmten Tierart, die besonders abends zwitschern.

Die aufkommende Einsamkeit wird durch eine Personifikation in Vers 4 in Trauerstimmung versetzt. Sie vertritt den melancholischen Abschied des Tages. Das Ende des ersten Quartettes bildet der Ausruf des lyrischen Ichs: „Wie ist die Zeit verthan!" (V. 4).

Ihm wird die Geschwindigkeit deutlich, mit welcher der Tag vorübergezogen ist – und mit dieser Erkenntnis der (zu schnell) einkehrenden Dämmerung, wird das einführende Bild des „schnelle[n] Tag[es]" (V.1) erneut aufgenommen. Das erste Quartett beschreibt das Leben als ermüdend und arbeitsreich.

Im zweiten Quartett arbeitet Gryphius mit einer Metapher der Seefahrt. So nähert sich der „Port“ stetig dem „Glider Kahn“ (V.5), also einem Schiff aus Gliedern – dem Menschen. Auffällig hierbei ist die umgekehrte Bewegung, welche den auf den Menschen zueilenden Tod beschreibt und nicht (wie üblich) den Menschen, der sich auf den Tod zubewegt.

Die wenige, verbleibende Lebenszeit wird dabei durch die Steigerung „mehr und mehr“ (V.5) betont.

In Vers 6 wird das Motiv des Abends wieder aufgegriffen, indem, ebenso wie das Tageslicht, auch alle Menschen und alles, was sie umgibt (V.7), erlöschen, also sterben werden. Dieser Moment wird von dem lyrischen Ich für einen Zeitpunkt „in wenig Jahren“ (V.7) prophezeit, da jenem die enorme Schnelligkeit der Vergänglichkeit am Ende des ersten Quartettes bereits deutlich wurde. Die explizite Benennung der Betroffenen („ich“, „du“) in Vers 7, die diese Endlichkeit erfahren werden, erfolgt in einer Art Klimax und wirkt durch die gewählten Begriffe besonders persönlich und lebendig.

Das Ende des zweiten Quartetts bildet eine Fortführung des Ausrufes am Ende der ersten Strophe. Das lyrische Ich hat das Gefühl, das Leben sei „eine Renne-Bahn" (V. 8), also ein Ort des unermüdlichen Rundendrehens in zügiger Geschwindigkeit. Zusätzlich lässt sich der Charakter des Wettkampfes einer solchen Bahn mit dem Wettlauf des Lebens mit dem unabwendbaren Tod gleichsetzen.

Die Versinnbildlichung von Tag und Nacht in Gegenüberstellung mit dem Leben und dem Tod kehrt auch in den beiden Terzetten wieder.

Die dritte und vierte Strophe nehmen Bezug auf Gott und beziehen somit den christlichen Glauben in die Thematik mit ein. Der Wechsel von außenstehender Betrachtung des lyrischen Ichs hin zu der direkten Anrufung Gottes in den Terzetten bewirkt einen Stimmungswechsel zu den vorangehenden Strophen.

In Vers 9 bittet das lyrische Ich Gott, ihn nicht auf dem „Lauffplatz“, also der zuvor erwähnten Rennbahn, „gleiten“ zu lassen. Mit der Wahl des Prädikats unterstreicht Gryphius die Hilflosigkeit des Menschen, die dieser bei dem haltlosen Umherrutschen empfindet. Auch bittet das lyrische Ich Gott, sich nicht den Versuchungen der „Pracht“ und „Lust“ hinzugeben (V.10). Gottes Anwesenheit, sein „ewig-heller Glantz“ (V.11), soll ihn umgeben und dem „Ach“, die metonymische Benennung für Leid, und der „Angst“ (V.10) entgegenwirken.

Vers 10 bildet eine Antithese, die in der Form eines Chiasmus geschrieben wurde, und weist auf den barocken Dualismus von Not und Besitztum, der Motivik von carpe diem und momento mori hin.

Der ewig helle Glanz Gottes bildet einen Kontrast zum „Thal der Finsternüß" (V. 14), also dem Zeitpunkt des irdischen Sterbens.

Durch die Anapher „Laß“ (V.9) zum Beginn der beiden Terzette, gestaltet sich die Bitte an den „höchsten Gott“ (V.9) eindringlicher. Der starke Glaube des lyrischen Ichs an Gott wird hier besonders deutlich durch die Verwendung des Superlativs.

Das letzte Terzett beginnt ebenfalls mit der Anapher und beschreibt den genauen Moment des Sterbens auf Erden. Das lyrische Ich bittet Gott, zu seinem Todeszeitpunkt darauf zu achten, dass die Seele wachsam bleibt, während der Leib „müde entschläfft“ (V.12).

Auch hier verbindet Gryphius die Motivik des Abends, an dem man sich nach dem Tag erschöpft schlafen legt, erneut mit dem Lebensabend, an dem der Körper, kraftlos vom Leben, die Arbeit einstellt. Zudem stehen sich „wachen“ und „entschlafen“, sowie „Leib“ und „Seele“ in Vers 12 antithetisch gegenüber, ebenso wie „Tag“ und „Abend“ im folgenden Vers.

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Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668436398
ISBN (Buch)
9783668436404
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358944
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Barocklyrik Gedichtanalyse Andreas Gryphius Lyrik zentrales Motiv

Autor

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Titel: Das Sonett "Abend" von Andreas Gryphius. Analyse des zentralen Motivs, der Perspektive und ihrer Besonderheiten