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Implizites und explizites motorisches Lernen im Sportunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Grundlegende Erwägungen
2.1 Definitionen
2.2 Zusammenhänge des Bewusstseins und der Motorik: Die control-based learning theory (COBALT)
2.3 Lernen aus neurowissenschaftlicher Sicht

3 Eigenschaften expliziten Lernens und Wissens

4 Eigenschaften impliziten Lernens und Wissens

5 Fazit: Schlussfolgerungen für den Sportunterricht

6 Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Gender Erklärung

1 Einleitung

Die Frage, wie Menschen neue motorische Fähigkeiten ausbilden und Bewegungen erlernen, ist schon lange ein Thema von großem Interesse, ist doch diese Eigenschaft für den Homo sapiens in hohem Maße überlebenswichtig gewesen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befass- ten sich zunächst die Behavioristen wissenschaftlich mit dem Zusammenhang von Bewegung und den darauf einwirkenden Umwelteinflüssen (vgl. Thorndike, 1927; Skinner, 1953). Je nachdem wie Lernen von statten geht und wie die Umwelt mit dem Lernenden agiert, kön- nen explizite und implizite Lernvorgänge unterschieden werden. Besonders wichtig werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese Lernvorgänge und ihre Effektivität im Zusammen- hang mit dem Sportunterricht, der Schüler durch und zu Sport erziehen soll (Bildungsplan, 2004). Um diese (in diesem Jahr noch einmal neu formulierten) Ziele des Bildungsplans zu erreichen, stellt sich nun die Frage, wie die Erkenntnisse über implizites und explizites Bewe- gungslernen effektiv für den Sportunterricht genutzt werden können. Solches Wissen ist für Sportlehrer unabdingbar um Bewegungslernen (und die mit Sport verknüpften Werte) nach- haltig vermitteln zu können. Diese Seminararbeit untersucht, wie forschungstheoretische Er- kenntnisse zu impliziten und expliziten Lernprozessen im Sportunterricht Beachtung finden können um eine optimale und vielseitige Bewegungskompetenz bei Schülern herauszubilden.

Um diese Frage zu untersuchen, werden zunächst die Definitionsgrundlagen sowie ein Über- blick über neuronale Vorgänge beim motorischen Lernen und dem Zusammenhang von Be- wusstsein und Motorik gegeben. Daraufhin wird der aktuelle Forschungsstand von impliziten und expliziten Lernvorgängen dargelegt und die Prozesse verglichen, bevor Schlussfolgerun- gen für den Sportunterricht und die Lehrperson gezogen werden. Zuletzt wird ein Ausblick gegeben.

2 Grundlegende Erwägungen

2.1 Definitionen

Um die Frage nach der Effektivität und dem Nutzen von implizitem und explizitem Lernen beantworten zu können, ist es notwendig die verwendeten Begrifflichkeiten zu definieren, so wie sie in dieser Seminararbeit verstanden werden.

Meinel und Schnabel (1998) definieren motorisches Lernen allgemein als „[…] die Aneignung - die Entwicklung, Anpassung und Vervollkommnung - von Verhaltensweisen und -formen, speziell von Handlungen und Fertigkeiten, deren Hauptinhalt die motorische Leistung ist“ (S.21). Das sportmotorische Lernen als dessen Unterkategorie bezieht sich auf „ […] the in- creasing spatial and temporal accuracy of movements with practice” (Willingham, 1998, S.558). Demnach ist die räumlich-zeitliche Präzision von Bewegungen das Hauptkriterium für erfolgreiches sportmotorisches Lernen, ohne die damit verbundenen Verhaltensweisen auf einer sozial-affirmativen Ebene.

Die Diskussion über die Definitionen des impliziten und expliziten Lernens und Wissens ist so vielfältig wie kontrovers (für eine genauere Diskussion der Definitionsbegriffe siehe Stadler & Roedinger, 1998; Frensch, 2005). Folgende Definitionen sollen daher Grundlage dieser Arbeit sein:

Impliziertes Lernen definiert Buchner (1992) als „unabsichtlicher Erwerb von Wissen und Fertigkeiten“ (S. 23). Dabei findet das Lernen ohne Beteiligung des Bewusstseins statt (Rieder & Bös, 1983). Implizites Lernen resultiert in implizitem Wissen. Spitzer (2007) formuliert dieses als Wissen, „ […] wie etwas geht“ (S. 62). Implizites Wissen kann nicht oder nur sehr schwer verbalisiert werden, sondern wird als Gefühl oder Intuition begriffen (Neuweg, 1999). Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Erlernung der Muttersprache. Hier wird eine der größten Lernleistungen im Leben eines jeden Menschen ohne Regelbewusstsein gelernt. Im sportmotorischen Kontext ist das Fahrradfahren-Lernen ein gängiges Beispiel.

Im Gegensatz dazu steht explizites Lernen, definiert als Ä […] learning which generates verbal knowledge of movement performance (e.g., facts and rules), involves cognitive stages within the learning process and is dependent on working memory involvement” (Kleynen, Braun & Bleijlevens, 2014, S. 9). So angeeignetes explizites Wissen kann verbalisiert werden und die Informationen sind dem Lernenden bewusst (Boyd, 2006). Es ist nach Spitzer (2007, S. 62) das Wissen, „[…] dass etwas so und so ist“. Als Beispiel aus dem sportmotorischen Kontext sei hier jede technische Instruktion eines Trainers genannt, so wie zum Beispiel der Appell: „Beim Handstand müssen die Beine gestreckt sein!“. Wenn der Turner daraufhin die Beine streckt hat er explizit gelernt.

Implizites und explizites Lernen können weder separat betrachtet werden, noch kann Lernen distinktiv einem dieser Lernvorgänge zugeordnet werden. Trotz unterschiedlicher Eigenschaften hängen die Lernarten unweigerlich zusammen (Hodges & Franks, 2002). Tatsache ist, dass Wissen wie Lernen ein dynamischer Prozess und damit unter stetigem Wandel ist. In jeder Sekunde unseres Lebens werden neuronale Strukturen neu verknüpft und so Wissen im Gedächtnis repräsentiert. Die Begriffe ‚implizit‘ und ‚explizit‘ beschreiben daher eher Endpunkte eines Kontinuums der Wissensrepräsentationen.

2.2 Zusammenhänge des Bewusstseins und der Motorik: Die control-based learning theory (COBALT)

Die control-based learning theory besagt, dass das Erlernen motorischer Fähigkeiten aus motorischen Kontrollprozessen erwächst und dadurch unweigerlich mit ihnen zusammenhängt. Die interessante Frage ist dabei, wie eine bewusste Steuerung dieser Kontrollprozesse die Leistung beeinflusst.

Soll eine spezifische Bewegungsaufgabe ausgeführt werden, sind drei Schritte notwendig: Das Aussuchen der räumlichen Ziele der Bewegung, die Sequenzierung dieser Ziele und ihre Um- wandlung in einen Steuerungsbefehl für die Muskeln. Diese Schritte agieren außerhalb des Bewusstseins. Wenn ein vierter, bewusster Prozess dazu kommt, kann dieser die Ausführung in zweierlei Arten verbessern. Erstens durch die Selektierung effektiverer Bewegungsziele und deren dafür notwendigen Alterationen in der Umwelt (perceptual-motorintegration mechanism) und zweitens durch eine verbesserte Sequenzierung und Auswahl der räumlichen Bewe- gungsziele (strategic process). Wird dieser vierte, bewusste Prozess der Bewegungsausfüh- rung dazu geschaltet, hat dies laut COBALT drei Konsequenzen: Erstens wird das Ziel in der Umwelt nicht allozentrisch (Lage der Objekte ist relativ zueinander), sondern egozentrisch (Lage der Objekte in Relation zu einem Körperteil) repräsentiert. Zweitens ist sich der Ausfüh- rende der Sequenzierung der egozentrischen Ziele bewusst. Drittens beansprucht die be- wusste Bewegungsausführung in höherem Maße die Aufmerksamkeit als im unbewussten Mo- dus. Zusammenfassend führen wir die meisten motorischen Aktionen unbewusst (oder auto- matisch) aus, doch kann das bewusste Ausführen einer Bewegung diese verbessern.

Um diese Schlussfolgerung zu begründen, stützt sich die Theorie auf 3 Prinzipien der motori- schen Kontrolle: Zunächst das Prinzip der neutralen Trennbarkeit (neutral seperablity prin- ciple), das verschiedenen kognitiven Komponenten der motorischen Kontrollprozesse spezifi- sche Hirnareale zuordnet. Des Weiteren das Prinzip der ungleichen Repräsentationen (dispa- rate resprentations principle), das besagt, dass diese verschiedenen kognitiven Komponenten verschiedene Repräsentationsformen im Gehirn annehmen. Und zuletzt das 2-Modi-Prinzip (dual mode principle), das die Ausführung von motorischen Aktionen in zwei Modi einteilt: ent- weder einem bewussten, anstrengendem Modus oder einem unbewussten, automatischen Modus (Willingham, 1998).

2.3 Lernen aus neurowissenschaftlicher Sicht

Wenn die Arbeit des Gehirns aus neurowissenschaftlicher Perspektive betrachtet wird, wird offensichtlich: in keiner Sekunde lernt ein Mensch nicht. ‚Lernen‘, also das Ablegen von Infor- mationen in neuronalen Repräsentationen kann besonders gut an Neuronen des Hippocam- pus beobachtet werden. Wenn man beispielsweise lernt sich an einem neuen Ort zurecht zu finden, entstehen entsprechende neuronale Repräsentationen dieses Ortes im Hippocampus.

Spezielle Ortsneuronen feuern, wenn der Lernende beispielsweise in einem bestimmten Teil einer Stadt oder eines Raumes ist.

Wird ein Sinneseindruck registriert, wird er durch Aktionspotenziale und chemischer Impuls- übertragung über Synapsen von Neuron zu Neuron an das Gehirn weitergegeben. Dabei ar- beiten die Neuronen subsymbolisch, das heißt sie können nur durch Impulse aktiviert oder gehemmt werden - es gibt keine Zwischenstufe. Aktiviert ein Input ein Neuron, so repräsentiert das Neuron diesen Input. Das Gehirn erreichen so Informationen von knapp 100 Megabyte pro Sekunde (bei einer Impulsinformationsmenge von 1 Bit), die dort verarbeitet werden (Spit- zer, 2007). Neuronale Netzwerke formen das Inputsignal in ein Outputsignal um (Input-Output- Mapping). Maßgebend für die Verarbeitung und Abrufung von Informationen sind die Stärke der interneuronalen Verbindungen, deren Vielzahl und Vernetzung. Eine Repräsentation ist folglich ein mit spezifischen Synapsenstärken der eingehenden Verbindungen einhergehen- des Neuron, das nur dann feuert, wenn ein bestimmtes Inputmuster ankommt. Dabei ist eine ganze Neuronenpopulation beteiligt, die einen Populationskode benutzen um zu repräsentie- ren. Je ähnlicher diese Repräsentation der Realität ist, desto erfolgreicher ist der Output, näm- lich das (motorische) Verhalten. Repräsentationen sind wie alle anderen neuronale Reorgani- sationsprozesse änderbar und verhalten sich höchst dynamisch. Sie werden deshalb als neu- roplastisch bezeichnet. Durch diese Neuroplastizität kann an bereits bestehendes Wissen an- geknüpft und dieses ausgebaut werden - die Repräsentationen werden verändert.

Können, so auch sportmotorisches Können, wird durch exzellentes Input-Output-Mapping möglich. Darin findet sich das ‚Können‘ (implizit), im Gegensatz zum ‚Wissen‘ (explizit). Nur wenn eine Regel repetitiv angewendet wird kann sie vom flüchtigen Wissen im Arbeitsgedächt- nis (Hippocampus) in jederzeit aktualisierbares Können umgeformt werden (vgl. Willingham, 1998). Man geht davon aus, dass sowohl implizite als auch explizite Repräsentationen einer Bewegungsaufgabe durch Übung ausgebildet werden. Dabei umfasst die implizite Repräsen- tation prä-existierende Bewegungsgewohnheiten und Fähigkeiten, während die explizite Re- präsentation eine direktere Auswirkung auf die Selektion und Auffassung des Bewegungsziels hat (Hodges & Franks, 2002).

Das Gehirn mit seiner Vielzahl an neuronalen Verknüpfungen arbeitet stets in verschiedenen Bereichen gleichzeitig, da alle Areale verknüpft sind, sich verändern und zusammenhängen. Dennoch konnten verschiedene Hirnareaale durch Positionenemissionstomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) grob für motorische Aufgabenbereiche zugeteilt werden. Der präfrontale Kortex ist für die Selektion des behavioristischen Ziels der Bewegung zuständig. Die hintere Parietalrinde sucht einen räumlichen Zielbereich für die Be- wegung aus, der an den prämotorischen Kortex weitergegeben wird. Die Basalganglien und das dazugehörige motorische Areal sequenzieren die Zielbereiche, falls dies für das Erreichen des behavioristischen Bewegungsziels notwendig ist. Die räumlichen Zielbereiche (und deren Sequenzierung) werden an die Wirbelsäule weitergegeben und dort von spinalen Interneuro-nen in Signalmuster umgewandelt, die muskuläre Aktivität zur Folge haben (s. Abb. 1; Willingham, 1998).

Abb. 1: Diagramm der Prozesse für motorische Kontrolle und motorisches Fähigkeitslernen und den entsprechenden Gehirnarealen (Prinzip der neutralen Trennbarkeit). Fette Pfeile beziehen sich auf die primären lernfördernden Prozesse nach COBALT. Schwarze Kreise kennzeichnen Repräsentationen, die sich durch Lernen verändern. Weiße Kreise zeigen andere, für motorisches Fähigkeitslernen relevante Repräsentationen. Aus: Willingham, 1998, S.560.

Der durch Neuroplastizität begründete Reifungs- und Wachstumsprozess des Gehirns ist grundlegend abhängig vom Alter und Entwicklungsstand des Lernenden. Während beispiels- weise die Sprachakquisition bis zum 13. Lebensjahr abgeschlossen ist, werden moralische Vorstellungen und Wertesysteme erst später ausgebildet.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668437807
ISBN (Buch)
9783668437814
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358942
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Schlagworte
Implizites Leren Explizites Lernen Motorik Sportunterricht Bewusstsein COBALT

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Titel: Implizites und explizites motorisches Lernen im Sportunterricht