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Der Traum als Spiegel der Seele. Eine Inhaltsanalyse des Films "Anomalisa" auf Grundlage von Sigmund Freuds Traumdeutung

Bachelorarbeit 2017 70 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. ÜBER „ANOMALISA“
2.1. INHALTSANGABE
2.2. PRODUKTION

3. METHODE

4. THEORETISCHER RAHMEN: SIGMUND FREUD - DIE TRAUMDEUTUNG
4.1. RELEVANTE FACHBEGRIFFE
4.2. GESCHICHTLICHER EXKURS
4.3. EINFÜHRENDE WORTE
4.4. FREUDS STRATEGIE
4.5. QUELLEN, SINN UND BILDUNG DER TRÄUME
4.5.1. WUNSCHERFÜLLUNGSTHEORIE
4.5.2. TRAUMQUELLEN
4.5.3. TRAUMENTSTELLUNG
4.5.4. TRAUMARBEIT
4.5.4.1. VERDICHTUNG
4.5.4.2. VERSCHIEBUNG
4.5.4.3. DARSTELLUNGSMITTEL
4.5.4.4. SCHALTGEDANKEN
4.5.5. TYPISCHE TRÄUME

5. FILMANALYSE
5.1. CHARAKTERISIERUNG DER HAUPTFIGUREN
5.1.1. MICHAEL STONE
5.1.2. LISA HESSELMAN
5.2. ZWISCHEN REALITÄT UND TRAUM
5.2.1. ANALOGIE ZWISCHEN LISA UND DER PUPPE
5.2.2. INHALTSANALYSE DER TRAUMSEQUENZEN
5.2.2.1. SEQUENZ 9: JEMAND ANDERES
5.2.2.2. SEQUENZ 10: MICHAEL FINDET LISA
5.2.2.3. SEQUENZ 11: MICHAEL, EMILY UND LISA IN DER HOTELBAR
5.2.2.4. SEQUENZ 12: MICHAELS EINLADUNG
5.2.2.5. SEQUENZ 13: DATE IM HOTELZIMMER
5.2.2.6. SEQUENZ 14: LAWRENCE GILL
5.2.2.7. SEQUENZ 15: DIE FLUCHT
5.2.2.8. SEQUENZ 16: LIEBESERKLÄRUNG
5.2.2.9. SEQUENZ 17: ENTTÄUSCHENDE EINSICHT
5.3. REFLEXION

6. FAZIT

7. QUELLENNACHWEISE
7.1. FILM
7.1. LITERATUR
7.3. ONLINE

8. ANHANG: SEQUENZPROTOKOLL

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Puppenkörper

Abb. 2: Michaels „Inneres“

Abb. 3: Zeichnung Michael

Abb. 4: Zeichnung Lisa

Abb. 5: Wachsmodell Michael

Abb. 6: Wachsmodell Lisa

Abb. 7: Wachsmodell „Weltmensch“

Abb. 8: Anatomie Michael

Abb. 9: Umweltkonstruktion

1. EINLEITUNG

„Der Traum (...) gehört(...) zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kenntnis zugänglich zu machen.“ (Freud 2009: 87) Diese interessante und zugleich aufschlussreiche Erkenntnis nutzte Sigmund Freud bereits vor über 100 Jahren für seine psychotherapeuti- schen Behandlungen. Er war sich der selbstständigen und unabhängigen Funktionsweise, sowie der Macht der Träume über die eigene Psyche sehr bewusst und fand heraus, dass Neurosen, Wahnvorstellungen oder andere psychische Krankheiten mithilfe der Traumdeu- tung als Therapieinstrument überaus wirksamer und fruchtbarer behandelt werden können. (Vgl. Freud 2009: 9) Während Freuds Theorie damals noch stark umstritten war, gilt sie heute als fundamentaler Grundstein, auf welchem die moderne Traumforschung aufbaut. Doch die Traumdeutung ist nicht nur im Hinblick auf therapeutische oder wissenschaftliche Zwecke relevant, sondern auch im filmtechnischen Zusammenhang, welchen vorliegende Bachelorarbeit zum Gegenstand hat.

Zweifel, Einsamkeit, innere Konflikte und Widerstände, Sehnsüchte und tiefste Begierden - Fragen um diese und weitere Facetten der menschlichen Seele eines Individuums werden im Film „Anomalisa“ aufgeworfen und bleiben zur Beantwortung und Interpretation dem Publikum überlassen. Dabei bediente sich der Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kauf- man dem Einsatz von Realitäts- und Traumsequenzen, denn auch er besaß die Kenntnis, dass der Traum das wahre innere Seelenleben eines Menschen zum Vorschein bringt. Diese Methode ermöglicht es nämlich, dem Publikum die Psyche der Hauptfigur Michael Stone aus zwei Perspektiven heraus näherzubringen. Während die Realitätssequenzen als subjektives Mittel fungieren, um Michaels Sichtweisen und den Umgang mit seinem psy- chischen Zustand, der mit Hemmungen und Widerständen zusammenhängt, darzulegen, offenbaren die Traumsequenzen seine reale Situation aus „objektiver“ Sicht heraus, ohne vom Verstand seines Wachlebens beeinflusst zu sein.

Doch neben der Aufbereitung des Inhalts faszinierte mich ebenso die Machart von „Ano- malisa“ und besonders der enorme künstlerische Aufwand, welcher dahintersteckt, als ich mir den Film vor etwa einem Jahr zum ersten Mal ansah. Für die Darbietung der Geschichte über Michael wurden unheimlich realitätsgetreue Puppen entwickelt, sowie die gesamte Kulisse aus detailreichen Umweltkonstruktionen nachgebildet und letztendlich mithilfe der Stop-Motion Technik aufgenommen. Dabei agierte das Produktionsteam nicht primär pro- fitorientiert, sondern aus leidenschaftlicher Motivation heraus, wozu jahrelange Disziplin und ein außerordentlich ausgeprägtes Vorstellungsvermögen gehören und das Ergebnis maßgeblich bestimmen. Zumal die Figuren und die Umwelt dermaßen lebensecht nachge- bildet wurden und der Inhalt das Innere eines Menschen wiederspiegelt, vergisst man wäh- rend des Zusehens sogar des Öfteren, dass man Puppen zusieht und keinen menschlichen SchauspielerInnen.

Der Film spricht außerdem nahezu alle Altersklassen an. Obwohl die Handlung hauptsäch- lich für Erwachsene ausgelegt ist, erweist er sich ebenso für jüngere ZuschauerInnen als unterhaltsam, da er zum einen oberflächlich betrachtet eine dramatische Liebesgeschichte zum Thema hat und zum anderen auch die Aufbereitung eines animierten Stop-Motion Films mit Puppen für nahezu jedes Alter visuell reizvoll ist. Je älter und vor allem lebenser- fahrener dagegen das Publikum ist, desto differenzierter und komplexer fällt die Interpreta- tion der Handlung aus und die Aussicht darauf, die intendierte Aussage des Films vollstän- dig zu durchblicken, wird wesentlich höher. Als ich „Anomalisa“ also zum ersten Mal sah, hatte ich zwar die elementare Aussage, welche sich hinter dem Inhalt des Films verbirgt, durchschaut, wusste jedoch, dass noch einiges mehr dahintersteckt. So war mein Interesse geweckt, mich tiefgreifender mit der Handlung und dem Prozess der Filmproduktion ausei- nanderzusetzen und eine mögliche Interpretation des Films zur Verfügung zu stellen, wes- halb folgende Forschungsfrage in vorliegender Bachelorarbeit behandelt wird:

„Wie lassen sich die mehrdimensionalen psychischen Ebenen der Hauptfigur Michael im Film ‚Anomalisa’ mithilfe von Sigmund Freuds Traumdeutungstheorie analysieren?“

Die Beantwortung dieser Fragestellung erweist sich jedoch nicht nur für mich persönlich als relevant, sondern auch für den Teil der Gesellschaft, welcher ebenso den Film „Anomalisa“ rezipiert, oder sich allgemein für die Darstellung der Psyche und/oder den Einbezug von Träumen im Film interessiert. Da die Regisseure die Deutung der Handlung willentlich den ZuschauerInnen überlassen, fallen diese höchstwahrscheinlich sehr unterschiedlich aus. Das bedeutet folglich, dass die Antwort auf oben formulierte Forschungsfrage äußerst auf- schlussreich für das Verständnis des Films sein könnte, besonders, da bisher kaum bis gar keine Deutungsansätze existieren, welche so tiefgreifend, wie es hier geschieht, diskutiert werden. Zwar häufen sich inzwischen Filmkritiken, Rezensionen und Interpretationen, doch von (kommunikations-) wissenschaftlicher Seite aus blieb diese Thematik bislang unbeach- tet. Es darf jedoch nicht vernachlässigt werden, dass die hier erläuterte Deutung nur eine von vielen Möglichkeiten darstellt und keinesfalls als die eine richtige Interpretation zu ver- stehen ist. Da der Film aufgrund der Mehrdeutigkeit als eine Art interaktives Medium zwi- schen Publikum und seinem Inhalt fungiert, bilden sich auf Grundlage der existierenden Theorien über seine Aussage wiederum neue Deutungsmuster, welche letztendlich darüber entscheiden, auf welche Weise der Film von den RezipientInnen im allgemein wahrgenom- men und eingeordnet wird. Aus diesem Grund befinde ich es für äußerst relevant, meinen Teil zur Meinungsbildung insofern beizutragen, als dass durch diese Bachelorarbeit eine mögliche eingehende Aufschlüsselung der Handlung von „Anomalisa“ bereitgestellt und durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse Sigmund Freuds zur Traumdeutung begründet und diskutiert wird.

Um den LeserInnen einen Überblick über den zu analysierenden Film „Anomalisa“ zu ver- schaffen, wird zunächst der Inhalt geschildert, sowie wichtige Informationen zur Produktion erläutert und visuell veranschaulicht. Da die Arbeit unter anderem darauf abzielt, eine in- haltlich fundierte Interpretation zu liefern, ist es von Vorteil, die Methode der Inhaltsanalyse in Anwendung zu bringen, welche anschließend an die Übersicht über den Film geschildert wird. Daraufhin folgt eines der fundamentalen Kapitel: Der theoretische Rahmen, welchen Sigmund Freuds Traumdeutung bestimmt. Um Missverständnisse bei den LeserInnen zu vermeiden und gleichzeitig die Materie möglichst treffend darlegen zu können, werden hier- bei zunächst relevante Fachbegriffe erläutert. Daraufhin wird ein kurzer geschichtlicher Ex- kurs vorgenommen, der klarstellt, welche Auffassungen damals über die Träume der Men- schen existierten und inwiefern der Einbezug psychologischen Wissens Freuds Erkennt- nisse prägte. Im Anschluss daran erfolgt ein Kapitel mit einführenden Worten zum Werk der Traumdeutung allgemein, sowie zu grundlegenden Charakteristika des Traums. Danach wird die Vorgehensweise bei der Traumdeutung als Mittel für Freuds psychotherapeutische Behandlungen verdeutlicht, sowie aufgezeigt, welche Voraussetzungen seitens der Patien- tInnen vorab geschaffen werden mussten. Als letztes Kapitel zur Traumdeutung werden die Quellen, der Sinn und der Bildungsprozess der Träume im Detail präzisiert und kategori- siert, was vor allem für den nachfolgenden Analyseteil relevant ist. Beginnend mit einer Charakterisierung, erhalten die LeserInnen zunächst eine Übersicht über die Hauptfiguren Michael Stone und Lisa Hesselman, wodurch ihre Denk- und Handlungsmuster wesentlich besser nachvollzogen werden können. Daraufhin folgt das für die Beantwortung der For- schungsfrage elementare Kapitel, in welchem eine Deutungstheorie der Realitäts- und Traumsequenzen aufgestellt wird. Dabei werden zum einen Beweise für die Analogie zwi- schen Lisa Hesselman und der japanischen antiken Puppe geliefert und zum anderen die zuvor zugewiesenen Traumsequenzen inhaltlich analysiert, gedeutet und durch Einbezug von Sigmund Freuds Erkenntnissen zur Traumdeutung untermauert. In der darauffolgen- den Reflexion werden die zentralen Deutungsergebnisse, sowie der Nutzen der Darstel- lungsform von „Anomalisa“ für die Vermittlung der Aussage zusammengetragen und disku- tiert, woraufhin im Kapitel des Fazits nochmal das Ziel und die Vorgehensweise reflektiert und zentrale Ergebnisse zusammengefasst werden, wobei sich herausstellt, inwiefern die Forschungsfrage beantwortet werden konnte. Außerdem enthält das Kapitel des Fazits In- formationen zu entstandenen Schwierigkeiten bei der Bearbeitung, sowie einige abschlie- ßende Gedanken. Nachdem die Quellennachweise offengelegt werden, stellt der Anhang zuletzt ein detailliertes Sequenzprotokoll zur Verfügung, in welchem Deutungen der Reali- tätssequenzen, sowie andere Informationen bei weiterem Interesse nachgeschlagen wer- den können.

2. ÜBER „ANOMALISA“

Im Jahr 2015 brachten die beiden Regisseure Charlie Kaufman und Duke Johnson ein außer- gewöhnliches animiertes Stop-Motion Filmprojekt für Erwachsene hervor (vgl. https://www.y- outube.com/watch?v=wMqjaXz7Tg8). Dieses 90-minütige Werk nennt sich „Anomalisa“ und zeigt, wie es für Kaufman gewöhnlich ist, ein weiteres Mal auf eine völlig neue Art und Weise, wie man ZuschauerInnen tiefste Einblicke in die Seele eines durchschnittlichen Mannes mitt- leren Alters näherbringen kann. Obwohl Charlie Kaufman in seiner Laufbahn als Regisseur stets eine Affinität dazu hatte, sich auf die Realität, Identität und tiefste Einblicke in die Seele seiner ProtagonistInnen zu fokussieren, war „Anomalisa“ als sein erstes Stop-Motion Projekt eine völlig neue Herausforderung. Oberflächlich betrachtet scheint der Film von einer dramati- schen Liebesgeschichte zu handeln. Je kritischer man diesen jedoch hinterfragt und je tiefer man in die philosophische Ebene der Analyse eintaucht, desto mehr fügen sich die Einzelteile zusammen und offenbaren den eigentlichen Gegenstand von „Anomalisa“: Trotz der so häufig vorkommenden (intimen) Interaktionen dreht es sich letztendlich doch um die existenzielle Un- gewissheit der Hauptfigur Michael, sowie seine tiefe Einsamkeit und Unzufriedenheit in seinem Inneren.

Genretechnisch einzuordnen ist der Film als Animation, Comedy, Romanze und Drama. Nach- dem „Anomalisa“ zum ersten Mal am vierten September 2015 in den USA und vier Tage darauf in Italien ausgestrahlt wurde, ist er seit dem 21. Januar 2016 auch in den deutschen Kinos zu sehen.

2.1. INHALTSANGABE

Der Hauptdarsteller und Brite Michael Stone (gesprochen von David Thewlis), ein Autor von Ratgeberbüchern im Bereich Kundenservice, fliegt nach Cincinnati, Ohio auf Geschäftsreise, um sein neues Werk zum Thema Motivationstraining vorzustellen. Trotz, oder gerade wegen seines beruflichen Erfolgs und seinem normalen, bürgerlichen Familienleben fühlt sich Michael gelähmt vom alltäglichen, oberflächlichen Trott, was ihm schon bei simplen sozialen Interakti- onen immer häufiger Schwierigkeiten bereitet und ihn tiefer in seine Wahnvorstellungen drängt. Als Folge dieser Sinnkrise haben nämlich aus Michaels Augen (nahezu) alle Charaktere in seiner Umgebung identische Gesichter und Stimmen (gesprochen von Tom Noonan). (Vgl. IMDb 2017: o.S.)

Nachdem er von einem Taxifahrer auf der Fahrt von Flughafen zum Hotel „Fregoli“ in lästi- gen Smalltalk verwickelt, gleich darauf an der Hotelrezeption mit roboterähnlichem Verhal- ten seitens der Mitarbeiter konfrontiert wird und auch im Telefonat mit der Familie kein net- tes Wort zu hören bekommt, ruft er in seiner Verzweiflung die alte Liebschaft Bella an. In der Hoffnung, seinem nüchternen Leben neue Frische zu verleihen, verabreden sich die beiden in der Hotelbar. Doch auch dieses Treffen kommt schnell zum Ende: Michael fehlt das nötige (Mit-) Gefühl für eine solche Konversation und als er Bella vorschlägt, das Ge- spräch in seinem Hotelzimmer fortzuführen, ergreift sie entsetzt die Flucht. Von all diesen Enttäuschungen gekränkt und entmutigt verliert sich Michael noch am gleichen Abend im Alkohol und landet schlussendlich in einem Sexshop, welchen er fälschlicherweise auf- grund der Aufschrift „Dino’s Toys“ für ein Spielwarengeschäft hält, in welchem er ein Ge- schenk für seinen Sohn kaufen möchte. Dort entdeckt er eine antike japanische Puppe, welche ihn augenblicklich fasziniert und für die Analyse des Films eine große Rolle spielen wird.

Zurück im Hotel erfährt Michaels Leben eine Wendung, als er eine junge Frau reden hört. Vom Klang der Stimme (gesprochen von Jennifer Jason Leigh) (vgl. IMDb 2017: o.S.) hin- gerissen und völlig perplex folgt er ihr und findet plötzlich Lisa, den einzigen Menschen in seiner Welt, der eine eigene charakteristische Stimme besitzt. Als großer Fan von Michaels Werken ist Lisa ebenso begeistert von dem Kennenlernen, die beiden verbringen noch die- selbe Nacht zusammen und verlieben sich ineinander. Doch der voreilige Entschluss Mi- chaels, eine feste Beziehung mit Lisa einzugehen und seine Familie zu verlassen, entpuppt sich als Fehler: Am Morgen seines Vortrags verwandelt sich Lisas Stimme in Michaels Oh- ren langsam wieder in die „Weltstimme“ aller anderen Menschen. Als er schließlich vor dem Publikum steht und versucht, seine Standpunkte zum Thema Kundenservice zu präsentie- ren, verlässt ihn sein Verstand und er verliert sich in konfusen Äußerungen über ihn selbst und sein psychisches Befinden. Darin wird auch deutlich, dass die Beziehung zu Lisa keine Zukunft hat.

Bei seiner Heimkehr wird er von seiner Familie, sowie Freunden und Bekannten im Kreise einer Willkommensfeier überrascht, doch aufgrund seiner Illusion von einer Homogenität aller Stimmen und Visagen erkennt er niemanden wieder. Bedrückt setzt er sich auf die Treppe und lässt die japanische Puppe für sich singen. Am Ende des Films wird dargestellt, wie Lisa einen versöhnlichen Abschiedsbrief an Michael schreibt und den Wunsch ausspricht, sich unter anderen Umständen wiederzusehen.

2.2. PRODUKTION

Das US-amerikanische Filmprojekt „Anomalisa“ wurde von Charlie Kaufman und Duke John- son ins Leben gerufen, mit der Absicht, dem Publikum etwas völlig Neues zu bieten. Während bisher Animationsfilme durch ihre Thematik hauptsächlich Zielgruppen von Kindern bis Ju- gendlichen adressierten, nahmen sich die beiden Regisseure der Herausforderung an, um diesmal dem erwachsenen Publikum eine realitätsnahe animierte filmische Darbietung zu prä- sentieren, welche philosophische Fragen rund um das Leben allgemein, sowie die Weltsicht eines Einzelnen in Szene setzt. Der Film ist auch deshalb eine Innovation, da er kein gewöhn- liches Animationsprodukt darstellt, sondern mithilfe der Stop-Motion Technik hergestellt wurde. Dies bedeutet konkret, dass die Bewegungen der Figuren nicht digital, sondern durch das Ab- fotografieren jeder einzelnen Regung erzeugt wurden. (Vgl. https://www.y- outube.com/watch?v=tkOH_6uzASs) Unter anderem aus diesem Grund zog sich die Filmpro- duktion über ganze drei Jahre hinweg, wobei neben den beiden Regisseuren ein 16-köpfiges Animationsteam, sowie über 20 Animatoren und viele weitere Mitwirkende der Produktionsfir- men Snoot Entertainment und Starburns Industries an der Schaffung dieses Werks beitrugen (vgl. IMDb 2017: o.S.). Doch trotz dieses komplexen, langwierigen und mit viel Durchhaltever- mögen behafteten Prozesses erwies sich die animierte Stop-Motion Technik wie geschaffen für den Film, welcher den Fokus auf Emotionen legt. Denn dadurch erhielten die Macher völlige Freiheit, um ihre Vorstellungen millimetergenau durch die Puppen zum Ausdruck zu bringen, was mit echten SchauspielerInnen kaum zu bewältigen wäre. (Vgl. https://www.y- outube.com/watch?v=wMqjaXz7Tg8) Die Basis für die Geschichte von „Anomalisa“ bildet ein zuvor verfasstes Theaterstück Charlie Kaufmans mit derselben Handlung, jedoch einer anders- artigen Aufbereitung. Die entscheidende Analogie findet sich dabei zwischen dem Titel des Theaterstücks „Francis Fregoli“ und der Namensgebung des Hotels „The Fregoli“, in welchem Michael, der Hauptdarsteller, untergebracht ist. (Vgl. IMDb 2017: o.S.) Das sogenannte „Fregoli Syndrom“ stellt eine Wahnvorstellung dar, bei welcher Erkrankte annehmen, dass verschie- dene Personen in Wirklichkeit nur eine einzige sind, welche sich in ihrer Erscheinung verwan- deln und in unterschiedlichen Gestalten auftauchen können (vgl. Mojtabai 2009: 458 ff.). Kauf- man betont, dass die Hauptfigur zwar nicht direkt an dem Syndrom leidet, es jedoch maßgeb- lich die Geschichte inspirierte (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=wMqjaXz7Tg8). Bei der Produktion war es vor allem den Regisseuren wichtig, ihrer Intuition zu folgen und ein Produkt hervorzubringen, welches sie mit Leidenschaft und Überzeugung anfertigen. Eine der mitwir- kenden Produktionsfirmen äußert sich diesbezüglich mit folgenden Worten:

„Our goal is to produce this unique and beautiful film outside of the typical Hollywood studio system where we believe that you, the audience, would never be allowed to enjoy this brilliant work the way it was originally conceived. We’ve been working in the television and movie industry for years and we just want to make something ourselves. Something pure. Something beautiful.“ (Starburns Industries 2012: o.S.)

Finanziert wurde der Film unter anderem durch Crowdfunding über die Website www.kickstar- ter.com, wobei $406.237 (vgl. Starbuns Industries 2012: o.S.) gesammelt werden konnten. Letztendlich setzte sich Starburns Industries für die verbliebene Finanzierung ein und die ge- samte Produktion kostete geschätzte 8.000.000 US Dollar (vgl. IMDb 2017: o.S.). Die Produk- tion von „Anomalisa“ brachte einige Herausforderungen und Schwierigkeiten mit sich. So wuss- ten die Regisseure zwar über die gesamte Produktionszeit hinweg, dass sie etwas Besonderes und Aufwendiges schaffen, jedoch nicht, ob es überhaupt ein Publikum dafür geben wird, und falls doch, welches. Da die Erschaffung des Films durch die Machart besonders mühsam und langwierig war, mussten sich die ProduzentInnen täglich neu motivieren und stets an sich und ihre Arbeit glauben, jedoch gleichzeitig auch den Mitwirkenden vertrauen. Eine weitere finan- zielle und organisatorische Herausforderung brachte der Einsatz von Puppen mit sich, denn es konnte sich keine konkrete Vorstellung von der Wirkung des Films gemacht werden, bevor die Puppen hergestellt waren. Als aufwendigste Szene gilt mit Abstand die Sexszene von „Ano- malisa“, welche sich über sechs Monate hinweg zog. Kaufman und Johnson war es äußerst wichtig, dass die ZuschauerInnen nicht dazu bewegt werden, die Sexszene als lustig zu emp- finden, sondern von ihrer realen und intimen Darstellung emotional berührt zu werden und sie, passend zur restlichen inhaltlichen Aufbereitung des Films, ernst zu nehmen. (Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=wMqjaXz7Tg8)

Als besonders essenziell betonten Kaufman und Johnson ihr Ziel, die Puppen, sowie alle Um- weltkonstruktionen möglichst lebensecht nachzubilden, jedoch gleichzeitig zu implizieren, dass das komplette Geschehen durch Michaels Augen wahrgenommen wird. Aus diesem Grund wurden, neben den gleichen Gesichtern und Stimmen, vor allem unscheinbare Details, wie beispielsweise das Hoteltelefon, an Michaels Wahnvorstellung angepasst. Um das Umfeld des Hotels realitätsgetreu nachbilden zu können, verbrachte Duke Johnson sogar eine Nacht im Fregoli Hotel. (Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=wMqjaXz7Tg8)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Puppenkörper (https://www.y-outube.com/watch?v=ODssMUlQO44)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Michaels Inneres (https://www.y-outube.com/watch?v=ODssMUlQO44)

Nach einer langen Suche nach der/dem richtigen SkulpturenmacherIn, stießen Kaufman und Johnson auf Carol Koch, welche eine der wenigen ist, die der Herausforderung, die Figuren möglichst menschlich aussehen zu lassen, gewachsen war. Zunächst sammelten die Regis- seure genaue Angaben zu den Charakteren, wobei Michael einen Mann der dauerhaft nicht erfüllten Erwartungen und Lisa eine schüchterne, zurückgezogene und nicht besonders zufrie- dene junge Frau präsentieren sollten. Carol Koch versuchte sich in die Charaktere der Puppen hineinzuversetzen und sie erst richtig „kennenzulernen“, bevor sie Zeichnungen anfertigte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Zeichnung Michael (https://www.youtube. com/watch?v=5AILnP1Y- 0o)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Zeichnung Lisa (https://www.youtube. com/watch?v=5AILnP1Y-0o)

Schließlich formte sie mit wachsbasiertem Ton die Gesichtszüge und die Körper der Puppen, welche letztendlich mit einem 3D Drucker für den Film gedruckt wurden. Vor allem bei Lisa und Michael setzte Carol Koch ihren Fokus auf die Körperproportionen, da alle Einzelheiten in der Sexszene sichtbar sind. Sie hielt sich bei der Entwicklung größtenteils an anatomisch korrekte vorlagen, vergrößerte jedoch Kopf und Hände, damit Emotionen noch greifbarer dargestellt werden können. Insgesamt erstellte Carol Koch mit ihrem Team 1262 Gesichter, welche eine große Bandbreite an auszudrückenden Emotionen gewähren. (Vgl. https://www.y- outube.com/watch?v=5AILnP1Y-0o) Weiterhin wurden über 1000 Kostüme und Requisiten für „Anomalisa“ produziert (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=tkOH_6uzASs).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Wachsmodell Michael (https://www.youtube. com/watch?v=5AILnP1Y- 0o)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Wachsmodell Lisa (https://www.youtube. com/watch?v=5AILnP1Y- 0o)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Wachsmodell „Weltmensch“ (https://www.youtube. com/watch?v=5AILnP1Y-0o)

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Abb. 8: Anatomie Michael (https://www.youtube. com/watch?v=5AILnP1Y-0o)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Umweltkonstruktion (https://www.youtube. com/watch?v=pTWqZ80ff2U)

3. METHODE

Die vorliegende Bachelorarbeit wurde unter Anwendung der Filmanalyse, näher der Inhalts- analyse angefertigt. Nach Mikos wird der Gegenstand der Filmanalyse durch das Erkennt- nisinteresse bestimmt (vgl. Mikos 2008: 37). Da dieses in unserem Fall darin liegt, heraus- zufinden, welche psychischen Ebenen der Hauptfigur Michael im Film „Anomalisa“ auftre- ten und wie sie sich inhaltlich analysieren und deuten lassen, gilt die Inhaltsanalyse als eine besonders geeignete Methode. In der Arbeit werden zwar auch Aspekte in Hinblick auf die ästhetische und gestalterische Darstellungsform des Filmes behandelt, welche auch nach Mikos in starker Verbindung zum Inhalt steht (vgl. Mikos 2008: 39), jedoch eher als stüt- zendes Glied, um die Aussage von „Anomalisa“ zu festigen, während der primäre Fokus der Analyse auf der inhaltlichen Darbietung bleibt.

Auf das leitende Interesse der Erkenntnis aufbauend wird eine Theorie hinzugezogen, wel- che dazu beiträgt, dass die Filmanalyse zum interdisziplinären wissenschaftlichen Gegen- stand wird. Aus diesem Grund, sowie aufgrund der individuell subjektiven Wahrnehmung von Texten des betroffenen Films können Filmanalysen äußerst unterschiedlich ausgerich- tet sein und völlig differente Ergebnisse liefern. (Vgl. Mikos 2008: 37 f.) Da sich diese Arbeit mit den Grenzen von Realität und Traum, sowie der psychischen Mehrdimensionalität be- schäftigt, wurde der theoretische Schwerpunkt auf die Freudsche Traumdeutung gelegt, welche letztendlich Charakter und Inhalt der Filmanalyse mitbestimmt. Bei der Bearbeitung des theoretischen Rahmens werden nach Mikos Kategorien aufgestellt, nach welchen die Inhalte einzustufen sind (vgl. Mikos 2008: 40). Diese Kategorien bilden in dieser Arbeit die Quellen, der Sinn und der Prozess der Bildung von Träumen, anhand welcher die Deu- tungsergebnisse aus der Inhaltsanalyse klassifiziert werden können. Dadurch kristallisieren sich am Ende der Analysearbeit bestimmte Aspekte heraus, auf welche besonders häufig Bezug genommen wurde und die somit am relevantesten für den Film „Anomalisa“ sind. So können letztendlich Aussagen über Michaels psychische Lage, sowie seine tiefsten Wün- sche und Begierden getroffen werden.

Mikos fügt hinzu, dass die inhaltliche Filmanalyse dazu beiträgt, um die Interaktion mit dem Publikum zu analysieren (vgl. Mikos 2008: 38), was auch in unserem Fall zutrifft. Da sich der Film ausschließlich aus der Perspektive der Hauptfigur Michael abspielt, werden die ZuschauerInnen dazu verleitet, eine gewisse Sympathie Michael gegenüber zu empfinden. Ferner tragen auch die Filmfiguren dazu bei, dass die ZuschauerInnen Beziehungen zu ihnen aufbauen, durch welche sie sich mit ihnen identifizieren oder eine Distanz aufbauen, was ebenso als Interaktion gilt (vgl. Mikos 2008: 48 f.). Weiterhin hat die Tatsache, dass die Regisseure zwischen Realitäts- und Traumsequenzen wechseln, zur Folge, dass sich das Publikum automatisch mit inhaltlichen Querverweisen und Zusammenhängen ausei- nandersetzt und sich darauf aufbauend auf eine bestimmte Deutung festlegt. Durch die Inhaltsanalyse können all diese Kriterien somit erklärt und begründet werden.

Jeder Film besitzt eine textuelle Struktur, beziehungsweise einen Inhalt, welcher aus allem, was gesagt und gezeigt wird, besteht (vgl. Mikos 2008: 40). Wichtig wird hierbei, einen Schritt weiterzudenken und eine klare Unterscheidung zu ziehen zwischen dem tatsächlich abgebildeten Inhalt und der darauf basierenden Deutung der Geschichte, welche letztend- lich die Analyse des Films bestimmt (vgl. Mikos 2008: 43). Im Film „Anomalisa“ besteht eine besonders große Distanz zwischen Inhalt und Deutung, weshalb vor allem der Inhalt der Traumsequenzen möglichst detailreich auseinandergenommen und analysiert wurde. Doch nicht nur der Inhalt spielt bei der Filmanalyse eine wichtige Rolle: Auch die Art und Weise, wie er präsentiert wird, trägt zur Bedeutungsbildung im Kopf des Publikums erheblich bei (vgl. Mikos 2008: 41), womit wiederum begründet wird, weshalb diese Bachelorarbeit bei- spielsweise auch den Einsatz der Puppen und die Stop-Motion Technik berücksichtigt.

Um eine logische und strukturierte Inhaltsanalyse bereitstellen zu können, bietet sich das Verfassen eines Sequenzprotokolls an. Bereits beim ersten Rezipieren des Films sollten sich Notizen zu Besonderheiten, Zusammenhängen und Querverweisen gemacht werden, da dieser Schritt förderlich für erste Annahmen über zentrale Deutungserkenntnisse, sowie für eine passende Forschungsfrage sein kann, auf welchem dann weitere Ergebnisse auf- bauen (vgl. Korte 2001: 54). Auch beim ersten Rezipieren von „Anomalisa“ kristallisierten sich durch Anmerkungen einige wesentliche Hypothesen heraus, welche bis zum Ende re- levant für die Interpretation des Films blieben. Grundsätzlich sollte die Handlung des Films in sinngerechte Sequenzen unterteilt werden (vgl. Korte 2001: 38), die in unserem Fall meist durch den Wechsel des Schauplatzes vorgegeben sind. Zunächst wird der tatsächliche In- halt notiert und nach jeder weiteren Rezeption des Films durch entsprechende Deutungen ergänzt. Auf diese Weise bilden sich übersichtliche Deutungsmuster heraus, welche an- hand des Sequenzprotokolls nachzuvollziehen sind. (Vgl. Korte 2001: 24 f.) Der Umfang eines solchen Protokolls variiert je nach Film und Forschungsfrage (vgl. Korte 2001: 53). Während der Analyse von „Anomalisa“ bot es sich an, direkt die Bezüge zum theoretischen Rahmen in das Sequenzprotokoll einzubauen, da auf die Weise eine schematische Über- sicht über den gesamten Interpretationsrahmen gewährt wird, auf welche bei Unklarheiten bei der Lektüre zurückgegriffen werden kann. Aus diesem Grund fällt das Sequenzprotokoll durchaus umfangreich aus. Allgemein dient das Protokoll somit dazu, die Beweisführung transparent und nachprüfbar zu machen, indem im Fließtext die jeweiligen Sequenzen be- legt werden (vgl. Korte 2001: 38 f.). Da in diesem Fall jede (Traum)Sequenz für sich analy- siert wird, ist der Abgleich mit dem Sequenzprotokoll als Stütze besonders gut nachvoll- ziehbar.

4. THEORETISCHER RAHMEN: SIGMUND FREUD - DIE TRAUMDEUTUNG

Aufgrund der Tatsache, dass die MacherInnen des Films „Anomalisa“ nach dem Prinzip der Mehrdeutigkeit die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwinden lassen und den ZuschauerInnen somit selbst überlassen wird, diese zu deuten, zielt vorliegende Bachelor- arbeit darauf ab, eine mögliche Interpretation begründet darzulegen. Schon der inhaltliche Aufbau des Films gestattet es, mögliche Zuweisungen von Realität- und Traumsequenzen aufgrund der zahlreich auftretenden Zusammenhänge zwischen einzelnen Geschehnissen zu beweisen. Doch die Analyse und Deutung erweist sich als weitaus fundierter, ziehen wir die Theorie der Traumdeutung von Sigmund Freud hinzu. Seine ausführlich erarbeiteten Resultate zu Quellen, Funktion, Bedeutung und letztendlich der Umsetzung von Träumen begünstigen eine eingehende und begründete Analyse der Traumsequenzen des Films „Anomalisa“. Somit werden seine wichtigsten Erkenntnisse aus der 2009 veröffentlichten Ausgabe hier geschildert und anschließend im Analyseteil zur Festigung meiner Argumente in Anwendung gebracht. Zu beachten ist, dass sich jedes indirekte Zitat ohne Angabe der AutorInnen in dieser Arbeit auf Sigmund Freuds Traumdeutung bezieht.

4.1. RELEVANTE FACHBEGRIFFE

Um die Voraussetzungen für das sprachliche Verständnis der Traumdeutung zu schaffen, werden relevante Fachbegriffe folgend definiert. Zunächst sollte klar zwischen „manifest“ und „latent“ unterschieden werden: Als manifester Trauminhalt gilt der sich tatsächlich er- eignende Inhalt des Traums, während der latente Inhalt die entscheidenden Absichten des Traumes darstellt, also der Inhalt, welcher nach der Analyse herauskommt. (Vgl. 284) Ana- log dazu verwendet Freud die Bezeichnungen „Trauminhalt“ (siehe manifest) und „Traum- gedanken“ (siehe latent). Der Begriff „rezent“ bezieht sich auf die Eindrücke des Tages vor dem Traum, auch „Traumtag“ genannt (vgl. 179), während „indifferent“ so viel wie „gleich- gültig“ bedeutet (vgl. 189). Zuletzt sind die sogenannten „infantilen Traumquellen“, welche Quellen aus der tiefsten Kindheit darstellen und „somatische Traumquellen“, die als physi- sche Reize, „Nervenreiz“, oder „Leibreiz“ zu übersetzen sind, zu nennen (vgl. 229).

4.2. GESCHICHTLICHER EXKURS

Vor Jahrhunderten beschäftigte sich die Menschheit nur oberflächlich mit dem Thema Traumdeutung und es bildeten sich zahllose disparate Meinungen darüber. Prähistorische Annahmen besagten zum Beispiel, dass in Träumen Götter oder Dämonen die Zukunft vor- hersagen, beziehungsweise sich darin Offenbarungen finden (vgl. 20). Als eine andere Auffassung galt die Befreiung von positiven, wie negativen Ereignissen des Tages, sozusagen ein Selbstheilungsprozess durch den Traum (vgl. 24), was der späteren Auslegung Freuds sogar recht nahekommt. Sigmund Freud war einer der wenigen seiner Zeit, welche die Psyche als Ausgangspunkt der Traumforschung herbeizogen. (Vgl. 77 f.)

4.3. EINFÜHRENDE WORTE

In seinem Werk „Die Traumdeutung“, erschienen im Jahr 1900, behandelt Sigmund Freud grundlegende Fragen rund um das nächtliche Träumen. Zu beachten ist, dass die Erkennt- nisse des Autors auf dem damaligen Stand der Wissenschaft liegen und sich die damaligen Trauminhalte außerdem teilweise von den heutigen unterscheiden; Grund dafür sind Diffe- renzen zwischen den Lebenssituationen und Sinneseindrücken. Freud betont somit, sein Werk nicht als allgemeingültiges Regelwerk zu betrachten. Jedoch lassen sich seine Er- kenntnisse auf die Mehrheit der Träume bis in die heutige Zeit anwenden. (Vgl. 56 f.)

Während seinen Behandlungen von NeurotikerInnen, HysterikerInnen und anderen psy- chisch Erkrankten erkannte Sigmund Freud den Wert der Traumdeutung, welche tiefste Einblicke in das Seelenleben seiner PatientInnen ermöglichte und somit Ursachen psychi- schen Leidens auf den Grund gehen und sie beheben konnte (vgl. 227). Dabei stellte er fest, dass sich der Traum als eine spezielle Art des Denkens, begünstigt durch den Zustand des Schlafens, definieren lässt (vgl. 499). Des Traumes Absicht ist es, nicht verstanden zu werden (vgl. 344), weshalb sich kaum Trauminhalte finden, die genau so in der Erinnerung oder den Eindrücken des Tages enthalten sind (vgl. 208). Welche Gründe dieser berech- nenden Verschleierung zugrunde liegen und welchen Mitteln sich die Traumarbeit dabei bedient, wird nachfolgend erläutert. Eine der grundlegenden Eigenschaften des Traumes ist, dass er ausnahmslos (verdrängte) Wünsche als erfüllt darstellt (vgl. 136) - und zwar stets die eigenen: Jeder Traum ist egoistisch, „in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet“ (vgl. 275). Auch wenn ausschließlich fremde Personen auftreten, kann man im- merzu von einer Identifizierung des Ich mit einer oder mehrerer dieser ausgehen (vgl. 326). Weiterhin fand Sigmund Freud heraus, dass dem Großteil aller Träume sexuelle Begierden zugrunde liegen (vgl. 396). Ursächlich dafür sind nicht etwa unverwirklichte Phantasien, Fetische oder Ähnliches, sondern die Unterdrückung von Sexualtrieben seit Anbeginn der frühesten Kindheit.

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Details

Seiten
70
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668439856
Dateigröße
30.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358883
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,00 (100/100 Punkte)
Schlagworte
Anomalisa Filmanalyse Sigmund Freud Freud Traumdeutung Traum Psychologie Analyse stop motion Animation Realität und Traum Traumquellen Wunscherfüllungstheorie Puppen Sequenzanalyse Sequenzprotokoll Lisa Hesselman Michael Stone Charlie Kaufman Duke Johnson Bachelor Bachelorarbeit Film Film- und Fernsehanalyse

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Titel: Der Traum als Spiegel der Seele. Eine Inhaltsanalyse des Films "Anomalisa" auf Grundlage von Sigmund Freuds Traumdeutung