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Die Bedeutung der Kommunikation für den Islamischen Staat. Propaganda, Kommunikationsstrategien und Werbung

Hausarbeit 2015 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Bedeutung von Kommunikation für politische Akteure

3. Kommunikation als Bestandteil terroristischer Strategie

4. Fallbeispiel: Der „Islamische Staat“
4.1 Aufstieg und Ausbreitung des „Islamischen Staates“
4.2 Der digitale Djihad
4.3 Werbung für den Hijrah
4.4 Im direkten Gespräch mit den Islamisten
4.5 Die besondere Symbolik des IS

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Video der Hinrichtung des jordanischen Piloten Muaz al-Kasaesbeh durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ging im Februar 2015 um die Welt. Der IS hatte al-Kasaesbeh im Dezember 2014 gefangengenommen, ihn in einen Käfig gesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt. Das Video der Tat veröffentlichten die Islamisten[1] im Internet, die Reaktionen darauf waren enorm. Die Verbrennung ging zwar selbst vielen Sympathisanten der Miliz zu weit (Sydow 2015), dennoch hatte der IS erreicht, was er erreichen wollte: globale Aufmerksamkeit für die eigene Sache.

Denn die Tat der Terroristen, der Mord an al-Kasaesbeh, war nicht das Ziel der Organisation. Vielmehr war sie ein Mittel der Kommunikation, mit dem Unterstützern sowie Gegnern des IS eine Botschaft übermittelt werden sollte. Kommunikation und die dadurch generierte Aufmerksamkeit ist ein zentraler Bestandteil der terroristischen Strategie: Anschläge und andere Taten müssen in die Öffentlichkeit getragen werden, um ihre volle Wirkung zu entfalten. So wird der moderne Terrorismus, der auch als „Propaganda der Tat“ bezeichnet wird, definiert – über das Zusammenspiel von Gewalt und Kommunikation.

Allerdings ist der Einsatz von Gewalt nicht in allen Fällen eine notwendige Bedingung des Terrorismus. Betrachtet man den sunnitischen Islamismus (zu dem auch der IS gezählt werden kann), so kann festgestellt werden, dass es durchaus Akteure gibt, die den Einsatz von Gewalt ablehnen, und dennoch als Islamisten klassifiziert werden. Diese Akteure nutzen die Predigt, bilden zivilgesellschaftliche Organisationen oder machen sich sogar das bestehende politische System zu Nutze, um ihre Ziele zu erreichen (Schuck 2013: 487 ff.). Den Islamisten gemein sind nicht ihre Mittel, dafür aber ihre Ziele: die Implementierung islamischer Gesetze in Politik und Gesellschaft, der Anspruch auf universelle Geltung, sowohl was den Inhalt als auch das Territorium betrifft, und die Abgrenzung gegenüber anderen islamistischer Gruppen (Schuck 2013: 490 ff.). Dennoch sind auch die islamistischen Akteure, die diese Ziele teilen und die Gewalt zum Erreichen der Ziele einsetzen, keine homogene Gruppe. Zwischen den einzelnen Akteuren gibt es in vielen Fällen große Unterschiede, was Ideologie, Mentalität und genaue Vorgehensweise angeht.

Eben aus diesen Gründen konzentriert sich der empirische Teil der vorliegenden Arbeit nicht auf die Bedeutung der Kommunikation für terroristische Gruppen im Allgemeinen und ebenso wenig auf die Bedeutung für alle islamistischen Gruppen. Da selbst gewaltbereite islamistische Gruppen zwar einige Charakteristika teilen, aber auch viele Unterschiede aufweisen, wird der Fokus auf eine bestimmte islamistische Terrororganisation gerichtet – auf den „Islamischen Staat“.

Der „Islamische Staat“ ist die derzeit größte Terrororganisation, die die internationale Staatengemeinschaft in Atem hält. Sie kontrolliert Gebiete im Irak und in Syrien, außerdem werden Anschläge in ihrem Namen in der westlichen Welt geplant und verübt. Bilder von vermummten Kämpfern, von entführten Opfern, die der IS hinrichtet, und von historischen Anlagen, die der IS zerstört, sind in den westlichen Medien allgegenwärtig. Darüber hinaus wird immer wieder von Menschen berichtet, die ihre Heimat verlassen und sich dem IS auf dessen Gebiet in Syrien und im Irak anschließen. Al-Qaeda, die seit den Anschlägen vom 11. September 2001 international jahrelang die meiste Aufmerksamkeit genoss, wurde in den letzten Monaten in Fragen der Publizität vom IS abgelöst. Aufgrund der extremen Bedeutung der Organisation in der gegenwärtigen Zeit wurde der IS als Untersuchungsgegenstand für diese Arbeit gewählt.

Um die theoretische Grundlage zu bilden, wird im zweiten Kapitel zunächst allgemein die Bedeutung von Kommunikation für politische Akteure beleuchtet, bevor es in Kapitel drei um die Rolle der Kommunikation für die terroristische Strategie gehen wird. Im vierten Kapitel folgt dann die Betrachtung der Kommunikationsstrategie des „Islamischen Staates“. Dort werden sowohl Primär- als auch Sekundärquellen mit einbezogen. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit mit Primärquellen in diesem Fall deutlich erschwert ist. Zwar sind beispielsweise alle Ausgaben des IS-Onlinemagazins „Dabiq“ im Internet verfügbar, dafür ist es deutlich schwieriger, authentische Twitter- oder Facebook-Accounts ausfindig zu machen, von geheimen Foren des IS einmal ganz abgesehen. Zudem sind viele offizielle Internetseiten des IS in westlichen Ländern nicht ohne weiteres abrufbar. Weiterhin können nur Textquellen analysiert werden, die in deutscher oder englischer Sprache verfasst sind. Dies hat zur Folge, dass sich die Analyse auf weniger Primärquellen stützt, als es wünschenswert gewesen wäre. Mit Blick auf die Authentizität der Quellen kann an dieser Stelle aber nicht anders verfahren werden.

2. Zur Bedeutung von Kommunikation für politische Akteure

Politik kann als „jedes menschliche Handeln, das auf die Herstellung allgemein verbindlicher Regelungen und Entscheidungen in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt“ definiert werden (Lauth/Wagner 2012: 25). Politische Akteure vertreten in den Prozessen zur Herstellung solcher Regelungen und Entscheidungen verschiedene Interessen. Daraus resultiert, dass Politik nicht ohne Kommunikation auskommt, denn die Interaktion zwischen Menschen und Gruppen von Menschen sowie die Artikulation von Interessen kann nicht ohne Kommunikation erfolgen. Diese enge Verbindung von Politik und Kommunikation ist keinesfalls ein neues Phänomen, das erst mit den Massenmedien aufkam, es existiert, „seit Politik als eine eigene Sphäre zur Regelung kollektiver Angelegenheiten erkannt, reflektiert und praktiziert wird“ (Sarcinelli 2010: 268).

Vor allem in einer Demokratie lebt die Politik vom wechselseitigen Austausch zwischen Regierung, Politikern, Bürgern und Institutionen der Gesellschaft.[2] Dieser Austausch kann sich aber „in hochkomplexen und multimedialen Informationsgesellschaften nicht mehr ausschließlich auf der Basis von interpersoneller Kommunikation vollziehen“ (Lengauer 2007: 19). Stattdessen übernehmen die Medien die Rolle des Vermittlers zwischen den staatlichen Institutionen und den Interessenverbänden der Gesellschaft. Diese wichtige Rolle der Medien hat zur Folge, dass politische Akteure nicht mehr unabhängig von ihnen ihre Macht sichern können. Die Mobilisierung der Anhänger und Unterstützer sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb der politischen Institutionen muss zum großen Teil über die Medien erfolgen: „Mediale Kommunikation wird zum Grundstein politischer Legitimität.“ (Lengauer 2007: 21) Ein weiterer Effekt des Wandels der Demokratie zur Mediendemokratie[3] ist, dass das Mediensystem nicht mehr unabhängig vom politischen System gesehen wird. Vielmehr hat sich das politische System „zu einem komplexen Verhandlungssystem gewandelt, welches aus verschiedenen Akteuren besteht, die die politische Kommunikation als zentralen Mechanismus der Formulierung, Aggregation, Herstellung und Durchsetzung kollektiv bindender Entscheidungen begreifen“ (Janssen 2011: 724). Hinzu kommt, dass nun auch die einzelnen Medien selbst als politische Akteure mit potenziell eigenen Interessen begriffen werden (Meyer 2003: 115).

Um in den Medien möglichst präsent zu sein und möglichst viel Kontrolle über die Darstellung der eigenen Ansichten und Ziele zu bekommen, orientieren sich politische Akteure zunehmend an der Medienlogik. Dazu zählen vor allem die Professionalisierung des politischen Marketings sowie die mediengerechte Inszenierung von Pseudo-Ereignissen (Schulz 2011: 38). Besonders solche Pseudo-Ereignisse machen sich mitunter auch kriminelle Vereinigungen, die politische Ziele verfolgen, zunutze, beispielsweise durch spektakuläre Geiselnahmen (ebd.).

Ein weit verbreiteter Vorwurf an Politiker ist, dass durch diese Annäherung an die Medienlogik „Entscheidungs-Politik tendenziell von Darstellungs-Politik verdrängt bzw. überlagert“ wird, Politik also in vielen Fällen nur symbolischen Charakter hat (Lengauer 2007: 22). Problematisch bezüglich der Bedeutung der medialen Kommunikation ist außerdem, dass diese Kommunikation in und mit den Medien quasi konträr zur Kommunikation innerhalb der politischen Parteien und Gremien verläuft. Ulrich Sarcinelli weist darauf hin, dass sich politische Eliten auch auf den „Foren der ‚Verhandlungsdemokratie‘“ zu bewähren haben, deren Kennzeichen allerdings eher „Vertraulichkeit, Diskretion und Informalität“ sind (2011: 174). Sie geraten dadurch in einen kommunikationsbedingten Interessenkonflikt zwischen Medienlogik und Verhandlungsdemokratie.

Doch nicht nur in Gesellschaften, in denen die Demokratie herrscht, ist Kommunikation für politische Akteure entscheidend. Autokratische Regierungen benutzen Kommunikation oft in Form von Propaganda, um ihre Macht zu erhalten – revolutionäre Gruppierungen nutzen Propaganda, um Macht zu erlangen. Auch wenn Propaganda ein schwer zu definierendes Konzept ist, kann sie unter anderem wie folgt beschrieben werden:

„Propaganda geht vom politischen System bzw. einzelnen politischen Akteuren aus und ist in der Regel auf den Gewinn oder den Erhalt von Macht orientiert. Sie orientiert sich nicht primär an der Logik des Mediensystems, sondern macht sich Medien durch Zwang (Gleichschaltung, Zensur) gefügig. Sie bedient sich meist einer umfassenden Ideologisierung der Wirklichkeit und arbeitet mit eindeutigen Dichotomien (etwa: gut/böse). Vielfach verbindet sie konkrete Handlungsaufforderungen mit einem ideologisierten Weltbild.“ (Bussemer 2005: 31)

In dieser Form der Kommunikation für politische Zwecke geht es nicht darum, die Menschen in einer Gesellschaft von den eigenen Vorhaben und Anliegen zu überzeugen, sondern Mechanismen der Massenpsychologie und der Kommunikationswissenschaft zu nutzen, um die Menschen zu beherrschen (Bussemer 2005: 61 ff.).

Die Propaganda, wie sie beispielsweise vom Propagandaminister der Nationalsozialisten, Joseph Goebbels, auf die Spitze getrieben wurde, ist in der heutigen Zeit allerdings nicht mehr ohne Weiteres möglich. Denn die zentrale Nachrichtenlenkung und die Gleichschaltung der veröffentlichten Meinung erfordern eine absolute Kontrolle der Regierung über die Medienlandschaft – diese ist durch die Diversifizierung und Globalisierung der Medienlandschaft und besonders durch die enorme Reichweite des Internets kaum noch zu erlangen (Bussemer 2005: 392 ff.). Die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Medien würde eine extreme Abschottung gegenüber dem weltweiten Kommunikationsaustausch voraussetzen, dies ist heute nur noch in wenigen Fällen, zum Beispiel in Nordkorea, zu beobachten.

Dennoch ist festzuhalten, dass Kommunikation als Quelle von Macht für politische Akteure in den verschiedensten Systemen und mit den verschiedensten Zielen ein unabdingbares Instrument zur Beeinflussung der Menschen ist. Denn ob es nun schlicht um politische Macht oder um legitime Herrschaft geht, die Unterstützung oder zumindest die Duldung durch die Gemeinschaft ist für beides unerlässlich.

3. Kommunikation als Bestandteil terroristischer Strategie

Da Terroristen[4] in der Regel den Anspruch haben, die politische Realität gravierend zu verändern, kann ihr Handeln als strategisch ambitioniert bezeichnet werden. Daraus ergibt sich dann die besondere Rolle der Kommunikation für Terroristen als politische Akteure, denn „mehr noch als bei der Routinepolitik bildet Kommunikation im Zusammenhang mit strategisch ambitionierter Politik den zentralen ‚Operationsmodus‘“ (Sarcinelli 2010: 272).

Die Idee des systematischen Terrorismus, wie er in der heutigen Zeit bekannt ist, geht auf russische Anarchisten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.[5] Ihre „gewaltsame Publizitäts- und Mobilitätsstrategie“ (Wichmann 2014: 80 f.) wurde unter der Losung Propaganda der Tat bekannt.[6] Die drei Stufen dieser Strategie können wie folgt beschrieben werden:

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum verwendet. Damit sind aber stets sowohl die männliche als auch die weibliche Form gemeint.

[2] Wie Alexander Brand (2012: 39 f.) bemerkt, wird dem Zusammenspiel von Medien und Politik in der Wissenschaft viel Aufmerksamkeit zuteil, allerdings konzentrieren sich die Arbeiten zur politischen Kommunikation in den allermeisten Fällen auf Prozesse innerhalb liberal-demokratischer Systeme westlicher Prägung. Studien zu politischer Kommunikation in nicht-demokratischen Systemen oder im internationalen Bereich sind vergleichsweise selten.

[3] Schon lange vor der Einführung des Fernsehens und des Internetzeitalters wurde die zentrale Stellung der Massenmedien in der Gesellschaft erkannt. Von Mediendemokratie ist allerdings erst seit den 1990er Jahren die Rede. Siehe dazu Lengauer 2007: 22 ff.

[4] Die folgenden Ausführungen beziehen sich nicht ausschließlich auf religiösen oder islamistischen Terrorismus. Dennoch sind zur Illustration in den meisten Fällen Beispiele gewählt, die Aktivitäten oder Anschläge islamistischer Organisationen beschreiben. Diese Vorgehensweise wurde aufgrund der Fokussierung auf den „Islamischen Staat“ als islamistische Terrorgruppe im Verlauf der Arbeit gewählt.

[5] Zwar gab es bereits seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. verschiedene Glaubensgemeinschaften, die als Vorläufer des Terrorismus religiöser Art gesehen werden können, außerdem geht Terror als Gewaltstrategie eines Regimes auf die Französische Revolution zurück (vgl. Waldmann 1998: 40 ff.). Hier ist aber der Terror „von unten“, der systematisch betrieben wird, gemeint.

[6] In der Einleitung wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich beispielsweise im sunnitischen Islamismus durchaus Akteure finden lassen, die keine Gewalt anwenden und dennoch als Terroristen klassifiziert werden. Die folgenden Ausführungen beschränken sich aber auf den Terrorismus, der Gewalt anwendet. Zum einen, da dieser die meistbeachteste Form des Terrorismus darstellt, zum anderen, weil der IS ein Akteur des gewaltbereiten Terrorismus ist.

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668436138
ISBN (Buch)
9783668436145
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358852
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,0
Schlagworte
Terrorismus IS Islamischer Staat Kommunikation Politische Kommunikation Kommunikationsstrategie Werbung Propaganda

Autor

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