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Die "Unidad del idioma" in der Diskussion. Konvergenz und Divergenz im Spanischen

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Überlegungen zu Haenschs Aufsatz als Kriterien für die Literaturauswahl

3 Kriterien zur Untersuchung der Einheit
3.1 Unterteilung des spanischen Sprachraums
3.2 Weitere Kriterien

4 Gründe für Divergenz
4.1 Fremdsprachliche Einflüsse
4.2 Weitere Gründe

5 Grad und Auswirkungen der Divergenz

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bei mehr als 450 Millionen auf der ganzen Welt verteilten Spanischsprechern (Kabatek/Pusch ²2011: 4) stellt sich die Frage, ob all diese Menschen dasselbe Spanisch spre-chen oder ob es Unterschiede innerhalb der Spanischen Sprache gibt. Treten bei der Entwicklung des Spanischen eher konvergente oder divergente Tendenzen auf? Unter Konvergenz versteht man Entwicklungen, die im gesamten Sprachraum gleich verlaufen (vgl. Kabatek/Pusch ²2011: 283) und unter Divergenz „lokale Entwicklungen, die sich nur begrenzt auswirken und zur inneren Differenzierung der Sprache führen“ (Kabatek Pusch ²2011: 283). Wie sich die spanische Sprache entwickelt, was das für ihre Einheit, die Unidad del idioma, bedeutet, und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, diskutieren Intellektuelle bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen (vgl. Kabatek/Pusch ²2011: 285). 1990 verfasste der deutsche Lexikograph Günther Haensch den Artikel „Der Wortschatz des amerikanischen Spanisch: Einheit und Verschiedenheit des europäisch-spanischen und des hispanoamerikanischen Wortschatzes“, in dem er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Wortschatz des europäischen und des amerikanischen Spanisch sowie innerhalb des hispanoamerikanischen Wortschatzes darstellt. Dieser Aufsatz wird in der vorliegenden Arbeit kommentiert und mit dem Aufsatz „Unidad y variedad de la lengua española“ des spanischen Romanisten Rafael Lapesa aus dem Jahr 1996 sowie dem von der deutschen Romanistin Claudia Polzin-Haumann 2005 verfassten Aufsatz “Zwischen unidad und diversidad: Sprachliche Variation und sprachliche Identität im hispanophonen Raum“ verglichen, welche sich ebenfalls mit der Frage nach der Einheit der spanischen Sprache befassen. Zusätzlich werden Erkenntnisse von Volker Noll sowie Johannes Kabatek und Claus D. Pusch einbezogen. Die Auswahl der zum Vergleich herangezogenen Literatur erfolgte anhand von Überlegungen zu Haenschs Aufsatz, die ich zunächst darstellen werde. Daraufhin werden die verschiedenen Kriterien gegenübergestellt, auf deren Basis die Autoren die sprachliche Einheit untersuchen, insbesondere wie sie den spanischen Sprachraum für ihren Vergleich unterteilen. Anschließend werden die von den Autoren herausgearbeiteten Gründe für Divergenz in der spanischen Sprache zusammengestellt. Hierbei liegt der Fokus auf fremdsprachlichen Einflüssen und wie die einzelnen Autoren diese bewerten. Schließlich wird verglichen, welchen Grad und welche Auswirkung die Autoren der Divergenz zuschreiben und welche Schlüsse sie daraus ziehen.

2 Überlegungen zu Haenschs Aufsatz als Kriterien für die Literaturauswahl

Haensch befasst sich ausschließlich mit dem Wortschatz. Da dieser jedoch nur ein Aspekt der Sprache ist, stellt sich die Frage, inwiefern ein Vergleich des Wortschatzes allgemeine Aussagen zur Einheit und Verschiedenheit der spanischen Sprache ermöglicht. Volker Noll schreibt:

Um das amerikanische Spanisch oder eine seiner regionalen Formen […] als diatopische Varietät zu definieren, sind vom linguistischen Standpunkt aus gesehen Entwicklungen im Wortschatz allein allerdings nicht ausreichend, da die Differenzierung auch in Phonetik und Morphosyntax vorausgesetzt wird. (Noll 32014: 11)

Er geht des Weiteren davon aus, dass die Lexik „aufgrund ihrer Variabilität und ihres Umfangs“ nur bedingt dazu geeignet ist, sprachliche Variation zu untersuchen (Noll 32014: 59). Kabatek/Pusch beschreiben das Lexikon als „eine besonders offene Komponente des sprachlichen Systems, in der vielfältige Variations-, Wandel-, Ablösungs- und Erneuerungsprozesse für eine ständige Dynamik sorgen“ (Kabatek/Pusch 22011: 139). Dies führt zu der Frage, wie aktuell Haenschs Ergebnisse auf die heutige Zeit bezogen sind. Es ist davon auszugehen, dass sich der spanische Wortschatz in den letzten 26 Jahren verändert hat. Für neue Erfindungen, Berufe etc. mussten neue Begriffe eingeführt werden, während andere Begriffe seltener oder gar nicht mehr verwendet werden. Sich verändernde Verhältnisse in der Welt wirken sich ebenfalls auf den Wortschatz aus. Während Haensch noch García de Diegos Aussage zitiert, dass Staatsgrenzen ein Hindernis für den Sprachverkehr darstellen (Haensch 1990: 263), ermöglicht das Internet heute eine mühelose Verständigung über Landesgrenzen sowie über den Ozean hinweg, was zu konvergenten sprachlichen Entwicklungen führen könnte. Auch Noll sieht in der „Präsenz der modernen Medien ein[en] Garant[en] der Stabilität des Spanischen in der Welt“ (Noll 32014: 13). Die voranschreitende Globalisierung könnte ebenfalls die Einheit des spanischen Wortschatzes begünstigen, wie auch Kabatek/Pusch vermuten (vgl. Kabatek/Pusch ²2011: 297).

Nicht nur der Wortschatz durchläuft Veränderungen, auch die Forschung macht Fortschritte. Haensch bemerkt mehrfach, dass bestimmte den amerikanischen Wortschatz betreffende Aspekte noch nicht eingehend genug erforscht wurden (vgl. Haensch 1990: 259, 268, 270). Zwar ist immer noch nicht das komplette Sprachgebiet des amerikanischen Spanisch erfasst (vgl. Noll 32014: 28), dennoch gab es in den letzten beiden Jahrzehnten vermutlich neue Erkenntnisse. Beispielsweise sind weitere Bände der Diccionarios Contrastivos del Español de América erschienen, an denen Haensch selbst mitgewirkt hat.

An den vorangegangenen Überlegungen orientierte sich die Auswahl der zum Vergleich herangezogenen Texte. Zum einen sollte überprüft werden, ob die Betrachtung weiterer Bestandteile des Sprachsystems zu anderen Einschätzungen der Einheit der spanischen Sprache führt. Sowohl Lapesa als auch Polzin-Haumann gehen neben der Lexik auch auf Phonetik und Morphosyntax ein. Polzin-Haumann bezieht mit dem anhand eines Internetforums untersuchten Sprachbewusstsein der Sprecher einen weiteren Faktor mit ein. Zum anderen wurde aufgrund der erwähnten Weiterentwicklung von Sprache und Forschungsstand auch Wert daraufgelegt, dass die ausgewählte Literatur nach Haenschs Artikel erschienen ist. Aktuelle Literatur zum Thema zu finden, gestaltete sich schwierig. Lapesa schrieb seinen Aufsatz nur sechs Jahre nach Haensch, derjenige von Polzin-Haumann stammt aus dem Jahr 2005. Zudem werden Erkenntnisse aus der jeweils neusten Auflage von Nolls Arbeitsheft Das amerikanische Spanisch (2014) und Kabatek und Puschs Einführungsbuch Spanische Sprachwissenschaft (2011) miteinbezogen.

3 Kriterien zur Untersuchung der Einheit

3.1 Unterteilung des spanischen Sprachraums

Bevor Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb des Spanischen einander gegenübergestellt werden können, ist zu klären, welche Gebiete miteinander verglichen werden sollen. Haensch trennt klar zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Spanisch und stellt die beiden Varianten einander gegenüber (vgl. Haensch 1990: 255). Polzin-Haumann zufolge handelt es sich bei den beiden Begriffen jedoch um nicht mit der Realität übereinstimmende Abstraktionen (Polzin-Haumann 2005: 275). Lapesa kritisiert die Gegenüberstellung von europäischem und amerikanischem Spanisch ebenfalls und schlägt stattdessen vor, zwischen dem nord- und zentralpeninsularen Spanisch und dem español atlántico zu unterscheiden, welches das west-andalusische, das kanarische sowie das hispanoamerikanische Spanisch umfasst. Hierbei ist zu beachten, dass er diese Unterteilung daran festmacht, dass bestimmte in ganz Hispanoamerika gültige phonetische und morphosyntaktische Muster wie die seseo genannte identische Aussprache von /s/, /c/ und /z/ und der Wegfall von vosotros, vosotras, os und vuestro, vuestra und den entsprechenden Pluralformen in großen Teilen Andalusiens sowie auf den Kanaren als normal gelten (Lapesa 1996: 319f.), während Haensch auf den Wortschatz fokussiert ist. Diesen schließt Polzin-Haumann aus ihrer Annahme aus, dass die meisten hispanoamerikanischen Sprachphänomene auch im europäischen Spanisch vorkommen (Polzin-Haumann 2005: 274). Haenschs Meinung nach zeigen sich die Unterschiede zwischen Andalusisch und Standardspanisch eher in der Phonetik, wohingegen die Unterschiede in der Lexik deutlich geringer als die zwischen europäischem und amerikanischem Spanisch sind. Dem Wortschatz der kanarischen Mundarten gesteht er allerdings eine „Brückenfunktion zwischen Spanien und Hispanoamerika“ zu (Haensch 1990: 258). Noll teilt Lapesas Ansicht, dass sich nicht grundsätzlich zwischen europäischem und amerikanischem Spanisch unterscheiden lässt und ein Kontrast vor allem im Vergleich des amerikanischen Spanisch mit dem nord- und zentralpeninsularen Spanisch sichtbar wird (Noll ³2014: 27).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Polzin-Haumann beobachtet hat, dass Spanischsprecher bei der Auseinandersetzung mit der Varietätenfrage fast ausschließlich auf die Unterscheidung zwischen europäischem und amerikanischem Spanisch eingehen (Polzin-Haumann 2005: 290f.). Für die Sprecher scheint also auch die Variation innerhalb Hispanoamerikas eine untergeordnete Rolle zu spielen, die Haensch allerdings stark betont. Er beschreibt den hispanoamerikanischen Wortschatz als buntes Mosaik (Haensch 1990: 277). Auch Noll hebt die regionale Variation des hispanoamerikanischen Wortschatzes hervor. Er und Haensch sind sich einig, dass kaum allgemeine Amerikanismen, also in ganz Hispanoamerika, nicht aber in Spanien verwendete Lexeme, existieren. Hingegen sind viele Wörter in einigen aber nicht allen hispanoamerikanischen Ländern vertreten oder auf ein Land, eine Region oder einen Ort begrenzt. Auch kommt es oft vor, dass innerhalb Hispanoamerikas für einen Begriff viele verschiedene Bezeichnungen verbreitet sind und man die verschiedenen Wörter nicht einfach einem Land oder einer Region zuordnen kann, da sie dort, wie Noll erklärt, nicht ausschließlich, sondern nur mehrheitlich verwendet werden. Zusätzlich ist zu bedenken, dass nicht verwendete Lexeme teilweise trotzdem zum passiven Wortschatz gehören, der je nachdem, was Sprecher durch Reisen, Literatur usw. aufgenommen haben, unterschiedlich groß ausfällt (vgl. Haensch 1990: 275-277; Noll ³2014: 11 u. 45).

3.2 Weitere Kriterien

Die diatopische, also räumliche, Variation steht bei der Betrachtung der Einheit der spanischen Sprache im Vordergrund. Die untersuchte Literatur macht jedoch deutlich, dass auch die gruppen- sowie situationsspezifische, also diastratische und diaphasische Variation einbezogen werden müssen. In allen drei Aufsätzen besteht Einigkeit da-rüber, dass der Grad der Verschiedenheit zwischen den Sprachstilen und Soziolekten variiert. Am einheitlichsten ist die spanische Sprache im Bereich der lengua culta, der gehobenen Sprache, wohingegen die Unterschiede zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Spanisch sowie innerhalb des amerikanischen Spanischs zunehmen, je weiter man sich davon entfernt (vgl. Haensch 1990: S. 260; Lapesa 1996: 334-336; Polzin-Haumann 2005: 289f.). Haensch bezieht sich bei diesen Betrachtungen auf die schriftliche, Lapesa sowohl auf die schriftliche als auch auf die mündliche Sprache.

Der Unterschied zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit ist ein weiterer zu beachtender Faktor, da, wie Lapesa feststellt, in der schriftlichen Kommunikation einige differenzierende Aspekte wie zum Beispiel der Akzent wegfallen (Lapesa 1996: 334). Noll geht so weit zu sagen, dass man anhand eines spanischsprachigen schriftlichen Textes nur schwer darauf schließen könne, woher der Autor stamme (Noll 32014: 13). Dem steht jedoch entgegen, dass von fremdsprachigen Büchern unterschiedliche spanische Übersetzungen angefertigt werden (Polzin-Haumann 2005: 271). Haensch stellt ebenfalls fest, dass in Bezug auf den Wortschatz „in der unter der gehobenen Sprache liegenden Standardschicht“ auch in schriftlichen Texten wie „Zeitungen, Gebrauchsanweisungen, Kochbüchern, in der Werbung, auf amtlichen Formularen, auf Schildern“ viele Unterschiede auftreten (Haensch 1990: 260).

Was die lengua coloquial, die Alltags- oder Umgangssprache, betrifft, begründet Lapesa die größeren Differenzen damit, dass sie eher mündlich und an die Situation sowie die räumlichen und sozialen Gegebenheiten angepasst ist (Lapesa 1996: 335). Auffällig im Bereich der Umgangssprache ist vor allem die große Variabilität innerhalb des amerikanischen Spanisch, welche Noll als Polymorphie bezeichnet, einen Zustand, der ihm zufolge typisch für „Sprachgebiete mit geringer Normierung“ ist (Noll ³2014: 27). Auch Haensch und Polzin-Haumann gehen auf den geringeren Normzwang in Hispanoamerika ein: Haensch sieht darin eine der Ursachen für die Divergenz, wohingegen Polzin-Haumann zufolge die meisten als typisch-amerikanisch angesehen Phänomene Entsprechungen im europäischen Spanisch haben, wo sie jedoch im Gegensatz zu dem jeweiligen hispanoamerikanischen Land nicht als normgerecht anerkannt werden. Den Wortschatz betreffe dies allerdings nicht (vgl. Haensch 1990: 262; Polzin-Haumann 2005: 274). Besonders große Abweichungen stellt Haensch in Sondersprachen wie zum Beispiel der Gaunersprache fest, aber auch in der Fachsprache (Haensch 1990: 260). Lapesa betrachtet die Divergenz in der Fachsprache mit großer Sorge (Lapesa 1996: 334).

Ebenfalls zu berücksichtigen ist der Unterschied zwischen der Sprache der Stadt- und der Landbevölkerung, vor allem in Bezug auf den Wortschatz. In der Stadt bereits veraltete Wörter, sogenannte Archaismen, werden auf dem Land häufig weiterhin benutzt, was Lapesa darauf zurückführt, dass dialektale und lokale Charakterzüge dort aufgrund der Isolation stärker verwurzelt sind (vgl. Haensch 1990: 260; Lapesa 1996: 335f.)

4 Gründe für Divergenz

Insgesamt sind sich die hier betrachteten Autoren einig, dass im Spanischen auf jeden Fall divergente Tendenzen bestehen. Für ihr Zustandekommen gibt es zahlreiche Gründe, mit denen sich vor allem Haensch befasst.

4.1 Fremdsprachliche Einflüsse

Eine wichtige Ursache der Divergenz ist der Einfluss von Fremdsprachen, welche vermutlich hauptsächlich im Wortschatz, nämlich in Form von Lehnwörtern und -übersetzungen deutlich werden. Da Hispanoamerika weit von Spanien entfernt liegt, zeigt der Einfluss anderer Sprachen unterschiedliche Auswirkungen. Doch auch innerhalb Hispanoamerikas wirken sich fremdsprachliche Einflüsse unterschiedlich aus, da es sich um ein weit ausgedehntes, in verschiedene Republiken unterteiltes Gebiet handelt, wodurch vielfältige Kontaktsituationen entstehen (vgl. Haensch 1990: 264 u. 268; Polzin-Haumann 2005: 273). Sowohl Haensch als auch Kabatek/Pusch heben den Einfluss indigener Sprachen in Hispanoamerika als einen besonderen Faktor hervor (vgl. Haensch 1990: 268; Kabatek/Pusch ²2011: 236). Haensch schreibt, dass immer wieder neue Indigenismen ins amerikanische Spanisch integriert wurden, die teilweise die Funktion von Insiderwörtern haben. In zweisprachigen Gebieten könne man bei der Verwendung eines indigenen Wortes jedoch nicht immer entscheiden, ob ein Lehnwort oder Code-switching vorliegt, also ob es sich um ein ins Spanische übernommenes Wort handelt oder der Sprecher beim Sprechen zwischen seinen beiden Sprachen wechselt (Haensch 1990: 268-270). Außerhalb der zweisprachigen Gebiete beschränkt sich der indigene Einfluss auf das amerikanische Spanisch Lapesa zufolge auf Wortschatz und Betonung (Lapesa 1996: 329) und Noll geht sogar von einer Überschätzung der „Bedeutung des indigenen Wortschatzes im heutigen Sprachgebrauch Hispanoamerikas“ aus (Noll ³2014: 47), schreibt aber auch, dass „[h]insichtlich der sprachhistorischen Wirkung der Strate im amerikanischen Spanisch […] der amerindische Einfluss auf die Lexik offenkundig [ist]“ (Noll ³2014: 134).

Der Einfluss des Englischen spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Während Polzin-Haumann es eher als Förderer der Konvergenz ansieht, da es zahlreiche Bemühungen gibt, die spanische Sprache vor englischen Einflüssen zu bewahren (Polzin-Haumann: 284), wird sein Einfluss von den anderen Autoren eher als Ursache für Divergenzen gesehen. Haensch schätzt die Auswirkungen des Englischen im amerikanischen Spanisch aufgrund des US-amerikanischen Einflusses als besonders hoch ein (Haensch 1990: 270). Kabatek/Pusch zufolge werden englische Wörter sowie eine eher englische Aussprache dieser in Hispanoamerika und mittlerweile auch in Spanien, das seine Anglizismenfeindlichkeit abgelegt habe, übernommen (Kabatek/Pusch ²2011: 197). Nolls Meinung nach sorgen die Anglizismen für Differenzierung zwischen europäischem und amerikanischem Spanisch, da in Hispanoamerika eher Wortgut aus dem amerikanischen und in Spanien eher aus dem britischen Englisch entlehnt wird (Noll ³2014: 49).

Kontakte mit einigen weiteren Sprachen wirken sich ebenfalls, wenn auch in geringerem Maße, auf das Spanische aus. Afrikanismen findet man hauptsächlich in der Karibik und an der kolumbianischen Pazifikküste und Haensch geht davon aus, dass es davon nicht sehr viele gibt (vgl. Lapesa 1996: 329; Noll ³2014: 47; Haensch 1990: 270). Die Einflüsse europäischer Sprachen wie Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Deutsch variieren in den verschiedenen Regionen. Beispielsweise existieren in Argentinien und Uruguay besonders viele Italianismen, die hauptsächlich auf die starke italienische Immigration dort zwischen 1870 und 1930 zurückgehen (vgl. Haensch 1990: 271f.; Noll: ³2014: 49).

4.2 Weitere Gründe

Neben den Einflüssen anderer Sprachen, haben im Lauf der Zeit einige andere Faktoren für Differenzierungen gesorgt. Zunächst entstand nach der Eroberung der amerikanischen Kolonien die Notwendigkeit, in Spanien Unbekanntes zu benennen (vgl. Haensch 1990: 261; Kabatek/Pusch ²2011: 296). Auch während dieser Zeit gab es schon unterschiedliche sprachliche Entwicklungen in den einzelnen hispanoamerikanischen Gebieten, da es mehrere von Spanien regierte Entscheidungszentren gab, die unterschiedlich starken Einfluss hatten (vgl. Haensch 1990: 262). Die Unabhängigkeit der Kolonien und Entstehung der Republiken sorgte für zunehmende Divergenz: Zum einen, weil man sich von der alten Kolonialmacht abgrenzen wollte, zum anderen wirkte sich das neue Nationalbewusstsein der Republiken auch auf die Entwicklung der Sprache in jeder einzelnen von ihnen aus (vgl. Haensch 1990: 262f. u. 273; Polzin-Haumann 2005: 275). Verschiedene politische Regimes beeinflussten

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Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668436275
ISBN (Buch)
9783668436282
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358777
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Divergenz Konvergenz spanisches Spanisch amerikanisches Spanisch Günther Haensch Unidad del idioma Sprachwissenschaft Linguistik

Autor

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