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Tugendproben in Ulrich von Zatzikhovens "Lanzelet"

Hausarbeit 2016 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tugendproben in der mittelalterlichen Artusepik
2.1. Christliches – weltliches Tugendsystem
2.2. Abgrenzung der Tugendprobe von der Keuschheitsprobe
2.3. Kollektivprobe - Individualprobe

3.Tugendstein

4.Mantelprobe

5. Minnezelt

6. Lanzelets Aventiuren
6.1. Pluris-Aventiure
6.2. Fier baiser – Aventiure

7. Funktion der Tugendproben

8. Fazit

9. Bibliographie

1. Einleitung

Ein mittelalterlicher Ritter muss mutig, tapfer, heldenhaft, freigiebig, beständig sein und den sozial Schwächeren helfen, eine höfische Dame sollte neben ihrer Schönheit auch Tugenden wie Treue und Keuschheit besitzen. Um zu verdeutlichen, wie tugendhaft ein Ritter oder eine Hofdame ist, nutzten viele mittelalterliche Schriftsteller gerne das Motiv der Tugendprobe, welche innere Werte nach außen hin für alle sichtbar macht. Die Testmittel reichen von Spiegeln, Trinkhorn, Becher, Gürtel, Brücke, Stein, Tal über Schwert, Krone, Handschuh, Mantel und Säule. Auch Ulrich von Zatzikhoven verwendet dieses beliebte Motiv in seinem „Lanzelet“ um die Vortrefflichkeit des Titelhelden Lanzelet und dessen Partner Iblis zu demonstrieren. Bei dem Verfasser handelt es sich vermutlich um Uolricus de Cecinchovin, ein Plebanus von Lommis, welcher auf einer Urkunde des Jahres 1214 namentlich erwähnt wird, weshalb eine Datierung des „Lanzelets“ um 1200 nahe liegt. Die Vorlage ist ein sogenanntes welsches bouch von Lanzelete, das Ulrich von Hugh de Morville, einer jener Geiseln, die für König Löwenherz ausgelöst wurden, erhalten hatte.[1]

Lanzelet, der Sohn des tyrannischen Königs Pant, wird nach dem Sturz seines Vaters von einer Meerfeine entführt und in einem Feenreich großgezogen. Als junger Mann zieht er aus, um Ritter zu werden. Obwohl anfangs noch sehr unerfahren, lernt er schnell und kann sich im Laufe des Textes als vortrefflicher Ritter auszeichnen. Nach zwei gescheiterten Minnebeziehungen trifft er in der Mitte der Erzählung auf seine perfekte Partnerin Iblis, die er nach dem Sieg über Iweret als Frau gewinnen kann. Als er dann auch seinen Namen und seine Herkunft erfährt, hält ihn nichts mehr von der Aufnahme in die Tafelrunde des Königs Artus auf. Auch in den Aventiuren, die er gemeinsam mit den anderen Artusrittern bestreitet, kann er sich als bester Ritter auszeichnen und letztendlich regiert er als Thronfolger seines Vaters sein Heimatgebiet und auch jene Ländereien, die er während seiner Aventiuren erworben hat.

Lange Zeit interessierte man sich in der germanistischen Forschung wenig für den „Lanzelet“ Ulrichs von Zatzikhoven, er galt als einfältig und ordinär, da Lanzelet im Laufe der Handlung drei – beziehungsweise fünf, wenn man die Pluris- und die Fier baiser-Episode miteinbezieht – Frauen erwirbt. Man sah in der Erzählung eine reine Aufeinanderfolge von einzelnen Episoden. Erst nach und nach verliert der „Lanzelet“ sein übles Image und gewinnt in der Mediävistik an Bedeutung.[2]

Diese Proseminararbeit widmet sich den verschiedenen Tugendproben, die Ulrich verwendet hat. Zunächst soll ein allgemeiner Überblick über das Motiv gegeben werden und der Unterschied zwischen Tugendproben für den Mann und für die Frau aufgezeigt werden. Des Weiteren werden die einzelnen Tugendproben des „Lanzelet“ vorgestellt, wobei besonders genau auf die beiden bekanntesten großen Proben – den Tugendstein und die Mantelprobe – eingegangen wird, da diese besonders deutlich die Perfektion des Protagonistenpaares illustrieren. Die Arbeit schließt vor allem an die Forschungsergebnisse von Christine Kasper, Sandra Linden und Karina Kellermann an, welche eine ausführliche Liste der verschiedenen Tugendproben vorstellen und auch ihre Aufgabe Stellung in der Artusepik darlegen. Abschließend soll auf die Funktion der Tugendproben im „Lanzelet“ eingegangen werden, denn sie sind keineswegs nur Ausschmückung oder entbehrlicher Einschub in die Haupthandlung, sondern ein wichtiges Merkmal der nachklassischen Artusepik.[3]

2. Tugendproben in der mittelalterlichen Artusepik

Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Tugend war jene, im Sinne der Tauglichkeit. Bezeichnet wurde damit „etwas herausgehobenes, gesteigertes, vortreffliches jeder art“.[4] Mit der Zeit beinhaltet der Begriff auch innerliche Werte, und bekommt die Bedeutung einer „Sichtbarmachung von Äußerlich nicht erkennbarer Wahrheit.“[5] Gründe dafür sind „die menschliche Neugier, das Bedürfnis, sich in der Welt zurechtzufinden und der Wunsch, die Einhaltung der in einer Gemeinschaft geltenden Normen zu kontrollieren.“[6]

Die Tugendprobe hat keltische Wurzeln und ist in der mittelalterlichen Literatur ein überaus beliebtes Motiv. Üblicherweise stammen sowohl das Testmittel als auch die Botin oder der Bote aus der magischen Welt, werden jedoch von den Figuren und der Leserin und dem Leser als selbstverständlich angesehen. In der höfischen Welt gilt, dass sich der Charakter in der äußerlichen Erscheinung niederschlägt. Dieser wird nun durch die Tugendprobe für alle sichtbar, welche entweder die, ohnehin schon allen bekannte, Tugendhaftigkeit einer Person bestätigt, oder die versteckten Fehler vor der Öffentlichkeit aufdeckt.[7] Ein herrliches Erscheinungsbild kann nun nicht mehr Garantie für Perfektion sein, da die Wiederspiegelung von innen und außen aufgedeckt wird, gleichzeitig wird eine Bewertung durch die Allgemeinheit ermöglicht. In den meisten Fällen geraten die Personen zufällig an die Tugendprobe, man stellt sich ihr nicht, um Bestätigung für die Richtigkeit des eigenen Handelns zu erhalten. Es geht vielmehr darum, die Tugendhaftigkeit des Helden der Leserin und dem Leser beziehungsweise den anderen Figuren zu verdeutlichen.[8]

2.1. Christliches – weltliches Tugendsystem

Im Mittelalter lassen sich zwei Tugendsysteme unterscheiden – das christliche und das weltliche. Augustinus benennt die drei christlichen Haupttugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Diesen drei göttlichen Tugenden werden die vier Kardinaltugenden, welche aus der Antike von Cicero übernommen wurden, zur Seite gestellt und bilden so das Siebenersystem der christlichen Moraltheologie. Die vier moralischen Tugenden – Vernunft, Tapferkeit, Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit – können erlernt werden, während die drei göttlichen Tugenden gottgegeben sind.[9]

Die essentiellen Werte des höfischen Tugendsystems sind nicht klar in theoretischen Abhandlungen definiert, sondern lassen sich aus der Darstellung der idealen adeligen Figuren in den mittelalterlichen Dichtungen ableiten. Da das Mittelalter generell viel stärker von Religiosität geprägt war, sind natürlich auch die ritterlichen Tugenden stark mit den christlichen verbunden. Als guter Ritter oder Herrscher galt es, den Schwächeren zu helfen, und auch Werte wie Mut, Stärke, Gerechtigkeit und Freigiebigkeit zählen zu den essentiellen Charakterzügen, während mittelalterliche Damen keusch, treu, bescheiden und gehorsam zu sein hatten und eher zurückgezogen leben sollten.[10] Um sich von der dörperheit der einfachen Bauern zu distanzieren, ist die Erziehung in zuht essentiell, da hier die Richtlinien für gutes Benehmen bei Hof gelehrt werden. Dabei ist es immer äußerst wichtig, die richtige mâze einzuhalten, also stets einen Mittelweg zwischen den Extremen zu wählen, ganz nach aristotelischer Tradition. In Heldentum und Minne zeigt sich der Idealtyp des Ritters in der mittelalterlichen Literatur. Der höchste Wert des Ritters ist die êre. Sie umfasst nicht nur Tapferkeit, Mut und Bestehen der Aventiuren, sondern ist der grundlegende Charakterzug, den ein jeder mittelalterlicher Mann besitzen muss, um als Ritter zu gelten. Das beständige Erhalten des reinen Charakters führt zur Hochschätzung und zu gesellschaftlichem Ansehen.[11]

2.2. Abgrenzung der Tugendprobe von der Keuschheitsprobe

Die Abgrenzung von Tugendproben ist nicht immer ganz klar zu treffen. Für die Ritter ist eine Tugendprobe häufig auch gleichzeitig eine Mutprobe. Für das Bestehen von bestimmten Aventiuren benötigt man Mut und Kraft, aber auch Redlichkeit. Höchstwahrscheinlich hat sich die Mutprobe durch die Bearbeitung einzelner mittelalterlicher Autoren zur Darstellung von anderen Tugenden entwickelt, um hervorzuheben, wer ein „echter“ Ritter sei. Auch die Abgrenzung zu Erlösungstaten ist nicht ganz eindeutig, denn die Bereitschaft sozial Schwächeren zu helfen gilt als Grundlage für einen richtigen Ritter und ist somit auch Zeichen seiner Tugendhaftigkeit. Einen speziellen Fall der Tugendprobe stellt die Auserwähltheitsprobe dar, bei welcher durch das Bestehen einer Aventiure ein höheres Stadium der Perfektion erst ermöglicht wird. Beispiel hierfür ist König Artus, welcher es als einziger schafft das Schwert aus dem Stein zu ziehen und so als der, von Gott gewählte, Herrscher ausgezeichnet wird.[12]

Von der Tugendprobe, die üblicherweise nur auf den Mann angewendet wird, muss die Keuschheitsprobe unterschieden werden, die primär im Zusammenhang mit der Frau genannt wird. Das ritterliche Tugendsystem ist – im Gegensatz zum christlichen, bei welchem die angestrebten Werte für beide Geschlechter gelten – geschlechtsspezifisch definiert. Keuschheit und Treue waren immer eher Werte, welcher der mittelalterlichen Frau zugeschrieben wurden. Wenngleich diese grundsätzlich auch vom Mann gefordert wurden, waren die Richtlinien für Männer durchaus nicht so streng, und auch in der Literatur sind so gut wie keine reinen Keuschheitsproben für Ritter zu finden. Auch wenn es Parallelen zwischen diesen beiden literarischen Motiven gibt, so besitzen sie jedoch jeweils eine andere Etymologie. Grundsätzlich zielen Keuschheitsproben darauf ab, die Treue einer Frau ihrem Ehemann gegenüber zu prüfen. Dies geschieht meist mit einem Testmittel, das von einer Botin oder einem Boten, häufig aus der Welt fernab des Artushofs, gebracht wird und somit eindeutig aus der magischen Welt kommt. Keuschheitsproben können sich leicht zu Ritterproben entwickeln, wenn durch sie auch der männliche Partner beteiligt ist und somit neben der Frau auch der Ritter, beziehungsweise das ganze Paar, bewertet wird.[13]

2.3. Kollektivprobe - Individualprobe

Bei der sogenannten Kollektivprobe wird die Tugendhaftigkeit mehrerer Männer oder Frauen hintereinander am selben Testmittel geprüft. Diese Testmittel – in den älteren Erzählungen Mantel oder Trinkhorn – werden meist von fremden Personen an den Artushof gebracht und sollen eine einzelne Person oder auch ein bestimmtes Paar auszeichnen. Das Motiv der Massenprobe stammt höchstwahrscheinlich ursprünglich aus dem keltischen Bereich, da ein Zusammenhang mit dem Artusstoff bis ins Hochmittelalter besteht, der ohne Zweifel keltischen Ursprungs ist.[14]

Die berühmte kollektive Keuschheitsprobe im Lanzelet ist die Mantelprobe, welche von einer Botin Lanzelets Ziehmutter geschickt wird. Der Mantel, eindeutig dargestellt als magisch und fremd, ist allein für die tugendhafteste Dame, nämlich Iblis, bestimmt und verändert seine Form je nach Makel seiner Trägerin. Er verweist auf die Fehler einer jeden Dame am Artushof und macht somit die Tugendhierarchie sichtbar. Im Gegensatz zu den französischen Texten, die ebenfalls eine Mantelprobe beinhalten, fehlt in Ulrichs Lanzelet der spöttische Charakter, da die Botin die oft nur kleinen Vergehen der Frauen kommentiert und in erster Linie Iblis Tugendhaftigkeit unterstreichen will.[15]

Neben der Kollektivprobe ist in der Literatur auch die individuelle Keuschheitsprobe zu finden. Diese hat ihren Ursprung vermutlich in Indien und Arabien. Im Gegensatz zur Kollektivprobe, in der ein Testmittel auf mehrere Damen angewandt wird, soll die Individuelle Probe die Tugend bzw. Keuschheit einer einzelne Dame oder eines einzelnes Paares feststellen. In diesen Fällen erhält der Mann entweder von einer anderen Person oder häufiger von der Dame selbst ein verzaubertes Testmittel, das die Treue der Frau während der Abwesenheit ihres Ehemanns anzeigen soll. In den meisten Fällen handelt es dabei um eine Blume, welche solange blüht, solange die Frau ihrem Partner auch treu ist. In manchen Erzählungen wird jedoch auch ein anderes Testmittel, wie Hemd, Spiegel oder Bildnis, eingesetzt. Während der Zeit, in der der Gatte verreist ist, bemerken andere Herren das Zaubermittel und versuchen die Dame zu verführen. Dies gelingt jedoch nie, und die Verräter werden von der Dame häufig zu manuellen Arbeiten gezwungen, was große Demütigung für sie bedeutet.[16]

Ein großer Unterschied zur Kollektivprobe im Artusroman ist, dass bei der individuellen Probe die Frau dem Mann das Testmittel freiwillig und von sich aus gibt, während es bei den Kollektivproben stets eine andere Person überbringt und den Damen nichts anderes übrig bleibt, als sich der Probe zu unterziehen. „Im Zuge der Integration dieses Motivs in die Literatur der europäischen Kultursprachen wird […] Selbstkontrolle durch Fremdkontrolle ersetzt.“[17] Auch wird bei der individuellen Probe die Tugendhaftigkeit der Frau nicht im Bezug zu anderen festgestellt, im Gegensatz zur Kollektivprobe, wo eine Frau erst dann als keusch gilt, wenn sie bei der Probe besser als alle anderen abschneidet.

3.Tugendstein

Bei dem Tugendstein handelt es sich um einen meist sechseckigen Stein, der nur ausgewählte, besonders ehrenvolle Personen auf sich sitzen lässt. Alle jene, die sich unrechtmäßig auf ihn setzen, werden von ihm verschlungen. Der Tugendstein bietet wenig Anlass für Konflikte, da er meist einen einzigen Ritter besonders auszeichnet und darauf verzichtet wird, andere Personen zu demütigen, weshalb er den Individualproben zuzuordnen ist.[18] In Ulrichs von Zatzikhofen „Lanzelet“ dient die Szene mit dem Tugendstein dazu, die Vortrefflichkeit Lanzelets, die ohnehin bereits jedem bekannt ist, noch einmal hervorzuheben. Als der junge Lanzelet das erste Mal an den Artushof kommt, sieht er Ginover und Walwein auf dem Stein sitzen und nähert sich den beiden, um sie zu begrüßen. Ganz ohne Probleme reitet er auf den Stein, welcher „falsch oder haz“[19] aufdecken soll, zu und wird von diesem geduldet. Dies gilt für den Artushof als Zeichen für Lanzelets Stärke und Exzellenz als Ritter, und bringt dem Helden so große Ehre und Ansehen von allen Bewohnern Kardigans ein.

dô kom Lanzelet geriten / durch daz volc in almiten / und erbeizte bî dem steine / er gie zuo Wâlweine / mit uroub der künegîn; / diu hiez in wilkomen sîn. / ouch dûht si alle des gnouc, / daz in der stein sô wol vertrouc. / des wart sîn gout war genomen / von swachen und von fromen / durch sîn groze sælichkeit / und bînamen um sîn schônheit. (V.5187-5198)

Damit zeichnet sich Lanzelet als vortrefflicher Ritter und Walwein ebenbürtig aus. Der Held besteht die Tugendprobe ganz ohne Kenntnis über die Bedeutung des Steins, er gerät viel mehr zufällig an die Tugendprobe. Er hat nicht vor, sich vor der Gesellschaft auszuzeichnen, und es wird auch nichts weiter dazu angemerkt, bist auf die Tatsache, dass sich die versammelten Leute erfreut über sein Bestehen der Probe zeigen.[20]

Der Sitz auf dem Tugendstein kann als Vorausdeutung auf Lanzelets Erwerb auf einen Platz an der Tafelrunde gedeutet werden. Hier zeichnet er sich bereits vor dem gesamten Artushof als besonders tugendhafter Ritter aus, der durchaus mit Walwein, dem vortrefflichsten Artusritter, mithalten kann. Die Tatsache, dass Lanzelet sich einen „Stuhl“ an der Tafelrunde verdient, betont die doppelte Auszeichnung durch doppeltes Sitzen.[21] ze liebem ingesinde / wart Lanzelet enpfangen. / nuo ez als uns ist ergangen, / daz ein alse werder man / durch sîn wirde gewan / stuol zer tavelrunde (V.5414-5419)

Der Tugendstein wird bei Ulrich von Zatzikhofen nicht näher erklärt, es wird vorausgesetzt, dass der Leser mit dieser Tugendprobe vertraut ist. Nou saz Wâlwein der reine, / ûf der eren steine, / von dem ist iu gesaget gnouc, / daz er dem man niht vertrouc, / an swem was falsch oder haz.( V.5177-5181) Es ist jedoch nicht eindeutig klar, ob es Quellen für dieses Motiv gibt. Ein weiteres Werk, welches ebenfalls das Motiv des Ehrensteins behandelt, ist der Wigalois des Wirnt von Grafenberg, welcher vermutlich zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand. Hier kommt der Held Wigalois ohne Wissen, dass Gawein (gleichzusetzen mit Walwein) sein Vater ist, auf den Artushof und setzt sich auf den würfelförmigen Stein, welcher bisher nur Artus duldet. Selbst Gawein, der sonst als der vortrefflichste Ritter der Tafelrunde beschrieben wird, kann sich dem Stein nur nähern, da er eine Dame unsittlich berührt, oder vergewaltigt haben soll. Als Quelle gilt ein französischer Versroman, der jedoch nicht mehr erhalten ist. Sein Inhalt ist nur aus der Bearbeitung des Renaut de Beaujeu zu folgern. Hier ist zwar nicht explizit von einem Tugendstein die Rede, jedoch lässt sich der Held, der Sohn von Gawein, von König Artus die Erfüllung einer Bitte zusichern als er an den Artushof gelangt.[22] Der Tugendstein wird im „Wigalois“ des Wirnts von Grafenberg ausführlich beschrieben, wogegen ihm im „Lanzelet“ des Ulrichs von Zatzikhofen nur einige wenige Verszeilen gewidmet sind. Christine Kasper schlussfolgert daher, dass der Lanzelet womöglich erst nach dem Wigalois entstanden ist, oder sie beide zumindest auf dieselbe Textquelle Bezug nehmen.[23] Diese These scheint sehr plausibel, zudem in den letzten Jahren immer mehr Stimmen für eine spätere Datierung des „Lanzelet“ laut wurden.

[...]


[1] Vgl. Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 14 Bände. Begr. von Wolfgang Stammler. Fortgef. von Karl Langosch. Hg. von Burkhart Wachinger. 2., völlig neu bearb. Aufl., unveränd. Neuasg. d. 2.Aufl. Berlin: De Gruyter 2010. (Ulrich von Lilienfeld – ‚Das zwölfjährige Mönchlein‘ 10)

[2] Vgl. Ulrich von Zatzikhofen, Lanzelet: Text – Übersetzung – Kommentar. Hg. von Florian Kragl. Berlin: de Gruyter 22013, S.534.

[3] Vgl. Kellermann, Karina: Entblößungen. Die poetologische Funktion des Körpers in Tugendproben der Artusepik. In: Das Mittelalter Vol.8 (2003), S.102-117. S. 115.

[4] Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GT14229#XGT14229 (27.07.2016).

[5] Kasper, Christine: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren. Tugend- und Keuschheitsproben in der mittelalterlichen Literatur vornehmlich des deutschen Sprachraums. Göppingen: Kümmerle 1995. S.29.

[6] Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S.29.

[7] Vgl. Linden, Sandra: Tugendproben im arthurischen Roman: höfische Wertevermittlung mit mythischer Autorität. In: Schiewer, Hans Jochen und Stefan Seeber (Hg.): Höfische Wissensordnungen. Göttingen: V&R unipress 2012. S. 15-38. S.20-22.

[8] Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S. 43.

[9] Vgl. Ehrismann, Gustav: Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems. In: Eifler, Günter (Hg.): Ritterliches Tugendsystem. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1970. (Wege der Forschung LVI). S.1-84. S.4.

[10] Vgl. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S.5f.

[11] Vgl. Ehrismann, Gustav: Die höfische Morallehre. In: Eifler, Günter (Hg.): Ritterliches Tugendsystem. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1970. (Wege der Forschung LVI). S.85-92. S.85f.

[12] Vgl. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S.36f.

[13] Vgl. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S. 7.

[14] Vgl. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S.83.

[15] Vgl. Linden: Tugendproben im arthurischen Roman, S.23 -25.

[16] Vgl. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S. 72.

[17] Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren, S.78.

[18] Linden: Tugendproben im arthurischen Roman, S.17.

[19] Ulrich von Zatzikhofen, Lanzelet: Text – Übersetzung – Kommentar. hg. von Florian Kragl. Berlin: de Gruyter 22013. V.5181.

[20] Linden: Tugendproben im arthurischen Roman, S. 18.

[21] Vgl. Kellermann, Karina: Entblößungen, S. 113.

[22] Vgl. Kasper, Christine: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren. Tugend- und Keuschheitsproben in der mittelalterlichen Literatur vornehmlich des deutschen Sprachraums. Göppingen: Kümmerle 1995. S. 257f.

[23] Vgl. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren. S.264.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668434783
ISBN (Buch)
9783668434790
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358662
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Tugendprobe Lanzelet Artusroman

Autor

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