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Enhancement. Das Phänomen der Quantified-Self-Bewegung

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Enhancement
2.1 Was ist Enhancement?

III Beschreibung der Quantified Self - Bewegung
3.1 Ziele und Beobachtungsschwerpunkte
3.2 Gamification

IV Auswirkungen von Self-Tracking
4.1 Chancen des Self-Trackings
4.2 Gefahren oder „Nebenwirkungen“ des Self-Trackings

V Fazit

VI Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die folgende Modularbeit wurde in Anlehnung an das Seminar „Die Enhancement-Debatte“ verfasst. Inhaltlich wird zunächst eine von mir als angemessen empfundene Definition der Begrifflichkeit „Enhancement“ erörtert, welche jedoch nur als Basis des allgemeinen Verständnis dieser Thematik dienen soll. Im Anschluss daran werden das Phänomen des Self-Trackings und die damit verbundene sogenannte „Quantified Self“ - Bewegung sowie ihre Ziele und generellen Tätigkeiten vorgestellt. Aufgrund ihres großen Einflusses und der damit verbundenen Bedeutsamkeit wird die Methode der „Gamification“ separat erläutert. Der Fokus der Arbeit liegt jedoch auf den Auswirkungen der von den Self-Trackern angewandten Praktiken und wird im sich anschließenden dritten Teil der Arbeit ausführlich bearbeitet. Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse im Fazit zusammengefasst und reflektiert.

II Enhancement

„Willkommen bei ‚Medical One‘. Unsere Fachärzte tuen alles für Ihre Schönheit. Wir helfen Ihnen attraktiver zu sein und sich wohler zu fühlen. Ob Brust, Gesicht oder Übergewicht -wir können jedem helfen!“ [Es klingelt.] „Ah - die Nasenkorrektur. Kommen Sie doch rein!“

TV-Werbung „Medical One - Recht auf selbstbestimmte Schönheit“[1]

Höher, schöner, besser. Täglich sind wir von Menschen umgeben, die immer ein bisschen besser sind als wir selbst. Sei es im Job, der Universität oder auch in der abendlichen Sportgruppe - dieser eine Jemand arbeitet effektiver, lernt schneller und springt höher. Neben diesen leistungsstarken Mitmenschen gibt es des Weiteren diejenigen, die uns einen Weg aus unserer Ineffizienz und der oftmals damit einhergehenden Unzufriedenheit weisen wollen. Beispielsweise die bereits im obigen Zitat erwähnten Fachärzte der „Medical One“-AG, welche mit einer Korrektur oder generellen Veränderung eines ungeliebten Körperteils „jedem“ helfen können. Sie verbessern uns, werten uns auf, „enhancen“ uns. Doch was ist genau ist „Enhancement“? Ist eine Verbesserung des Selbst nur durch Fremdeinwirkung möglich oder besteht auch die Möglichkeit Enhancement in Eigenregie zu betreiben? Dies soll im folgenden Unterkapitel eruiert und schlussendlich in einer Definition festgehalten werden.

2.1 Was ist Enhancement?

In den einschlägigen Definitionsdebatten werden in Zusammenhang mit „Enhancement“ häufig zwei unterschiedliche Themenbereiche aufgegriffen, die der Philosoph Jan-Christoph Heilinger wiefolgt wiedergibt: „Es wird vom Einsatz therapeutischer Mittel zu nicht-therapeutischen Zwecken oder von über das Maß der Gesundheit hinausgehende Verbesserungen geredet; andererseits werden Enhancements als Verbesserungen des Menschen, die über das naturgegebene Maß der Normalität oder über die menschliche Natur hinausgehen bezeichnet.“[2] Bevor jedoch eine grundlegende Definition von Enhancement als Ausgangsbasis dieser Modularbeit formuliert werden kann, müssen die einzelnen Begriffe „Gesundheit“ und „Natur“ bzw. die „Natur des Menschen“ näher betrachtet und ebenfalls definiert werden. So definiert beispielweise Christopher Boorse Gesundheit objektiv als das typische Funktionieren des Organismus einer bestimmten Spezies und somit Handlungen, die die Steigerung dieser speziestypischen Fähigkeiten fördern bzw. diese über einen Durchschnittswert heben, als Enhancement.[3] Die WHO hingegen formuliert als subjektiven Begriff von Gesundheit „a state of complete physical, mental and social well-beint and not merely the absence of disease and infirmity“.[4] Einen dritten, und diesmal handlungstheoretisch orientierten, Ansatz gibt der Philosoph Lennart Nordenfelt, welcher Gesundheit als „ability to achieve his vital goals“ definiert, welche für die „minimal happiness“ des Betreffenden nötig sind.[5] Alle drei Definitionen sind in gewisser Weise nachvollziehbar, enthalten jedoch auch Schwächen bzw. sind in unserer pluralistisch geprägten und akzeptierten Gesellschaft nicht mehr zutreffend. So würde beispielsweise nach Booses Definition, Homosexualität als Krankheit bestimmt werden, da das speziestypische Funktionieren der Geschlechtsorgane nicht gewährleistet werden könnte.[6] Des Weiteren ist der homo sapiens aufgrund der kulturellen Vielfalt sehr unterschiedlich sozialisiert und das „speziestypische Funktionieren“ somit nicht bestimmbar.[7] Das von der WHO thematisierte „umfassende Wohlbefinden“ als Beleg für Gesundheit, würde alle Menschen als krank definieren und auch die von Nordenfelt thematisierte „minimal happiness“ erscheint in Bezug auf die Thematik der Gesundheit etwas fragwürdig. Was genau ist dieses minimale Glück, wer definiert es und ist Glück überhaupt für Gesundheit verantwortlich? Nach Nordenfelts Definition kann man, so Christian Lenk, „auch krank oder behindert und trotzdem in einem übergeordneten Sinn gesund sein, wenn man in der Lage ist, die glücklich machenden Ziele zu erreichen“.[8] Eine strikte Trennlinie zwischen Krankheit und Gesundheit, und somit auch zwischen dem sogenannten „treatment“ und „enhancement“ zu ziehen, scheint, basierend auf den zuvor betrachteten Definitionsentwürfen, bislang unmöglich und eventuell so explizit auch gar nicht nötig. Heilinger setzt dem nun das Beispiel entgegen, dass jedoch auch der Tag von der Nacht unterschieden werden könne, auch wenn die Phase der Dämmerung nicht genau bestimmbar sei.[9] Im Zuge einer moralischen Einschätzung wäre eine klare Trennung zwischen Therapie („treatment“) und Verbesserung („enhancement“) demnach durchaus hilfreich.

Was die Definition des Naturbegriffs betrifft, formuliert Dieter Birnbacher zwei verschiedene Differenzierungen, zum einen Natur, klassifikatorisch, als „die Abgrenzung des Menschen von der ihn umgebenden restlichen Welt“, zum anderen komparativ als Gegenüberstellung des „Gewordenen“ und „Gemachtem“.[10] Doch was genau ist in einer Welt, in der Wälder aufgeforstet und ursprünglich wilde Reptilien als Haustiere gehalten werden noch natürlich, was „gemacht“? Was die Natur des Menschen betrifft so greift der Philosoph Neil Roughley die schon bei der Auseinandersetzung mit der Definition von Gesundheit thematisierte Spezieszugehörigkeit auf. Spezies seien Populationen, „die sich durch ein bestimmtes Segment eines phylogenetischen Baums“ von anderen Populationen unterscheiden lassen.[11] Allerdings sind nicht immer alle Spezieszugehörigen mit den biologischen Merkmalen der entsprechenden Spezies ausgestattet, was die Frage aufwirft, welcher anderen Population sie dann angehören? Als typisch menschliche Eigenschaften zählt Heilinger das Sprachvermögen, den Werkzeuggebrauch sowie das gesellschaftliche Zusammenleben auf, was jedoch auch nur eine Momentaufnahme der Entwicklung des Homo sapiens darstellt.[12] Können wir Menschen überhaupt noch ‚natürlich’ sein oder sind wir es wirklich nur im Moment unserer Geburt, bevor andere Menschen Einfluss auf uns nehmen?[13] Dort, wo Menschen leben und wirken sind ursprünglich als „rein natürlich“ angesehene Dinge kaum noch vertreten, weshalb Birnbacher von Natürlichkeit als komparativen, mehrdimensionalen Begriff spricht.[14] Nach dieser vielfachen Differenzierung verschiedener Dimensionen von genetischer Natürlichkeit, kann die Reduzierung auf einen einzelnen Begriff von Natürlichkeit, laut Heilinger, nur unplausibel sein. Die Vielfalt und Facettenreichhaltigkeit des Naturbegriffs macht

[...]


[1] https://www.youtube.com/watch?v=0jJ2Ng3VE4U

[2] Heilinger (2010), S. 60

[3] Boorse (1977), S. 558 f.

[4] WHO (1946), S. 100

[5] Vgl. Nordenfelt (1995), xi f.

[6] Vgl. Heilinger (2010), S. 64

[7] Vgl. ebd.

[8] Lenk (2006), S. 70

[9] Vgl. Heilinger (2010), S. 69

[10] Vgl. Birnbacher (2006), S. 3 f.

[11] Roughley (2005), S. 137

[12] Vgl. Heilinger, S. 85 - 86

[13] Ebd., S. 88

[14] Vgl. Birnbacher (2006), S. 6

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668454170
ISBN (Buch)
9783668454187
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358460
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
Philosophie Enhancement Quantified Self Angewandte Ethik Gamification LER Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde Self-Tracking

Autor

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