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Konstruktion weiblicher Figuren von Schriftstellerinnen um 1800. Ein Vergleich von Sophie Mereaus „Nanette“ und Caroline von Wolzogens „Agnes“

Hausarbeit 2016 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theoretische Rollenbilder um 1800

2. Das Blütenalter der Empfindung
2.1 Nanette – Sophie Mereaus Protagonistin
2.2 Albert und Nanette – Die Frau in den Augen eines Mannes

3. Agnes von Lilien
3.1 Agnes – Caroline von Wolzogens Frauenideal
3.2 Die Prinzessin und die Gräfin – Gescheiterte Frauenfiguren

4. Frauenfiguren im Vergleich

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Sophie Mereau und Caroline von Wolzogen lebten in einer Zeit, in der Frauen zwar schreiben durften, deren literarische Werke jedoch als minderwertig und somit nicht als hohe Literatur angesehen wurden.

Im Laufe der Literaturforschung wurden die beiden Schriftstellerin meist als Ehefrau, Mütter, Hausfrauen und Musen betrachtet. Sophie Mereaus Biografie wurde als Nebenprodukt der Clemenes Bretano Forschung erarbeitet, während Caroline von Wolzogen durch die Schiller Forschung ein wenig Beachtung erhielt.

Die literarischen Werke von Sophie Mereau und Caroline von Wolzogen wurden erst mit dem Aufkommen der feministischen Literaturforschung näher betrachtet.

Im Zuge dieses Interesses möchte sich diese Arbeit gezielt damit beschäftigen, wie Sophie Mereau und Caroline von Wolzogen ihre weiblichen Figuren in ihren ersten Romanen konzipierten.

Dabei soll den Fragen nachgegangen werden, inwiefern die Frauen in diesen Romanen dem theoretischen Rollenbild des 18 Jahrhunderts entsprechen und wie das damals gewünschte beziehungsweise nicht gewünschte Verhalten innerhalb des Romans durch weiterführende Handlung und Reaktionen anderer Figuren gewertet wird.

Um diesen Fragen nachzugehen, wird im ersten Teil der Arbeit die Rolle der Frau um 1800 geklärt. Wie wurde sie erzogen? Was wurde von ihr erwartet? Welche Möglichkeiten und Rechte hatte sie? Dies wird mithilfe von Jean-Jacques Rousseaus Roman „Emile oder über die Erziehung“ erarbeitet und durch weitere Literatur ergänzt.

Im zweiten Abschnitt wird Sophie Mereaus Roman „Das Blütenalter der Empfindung“ und die weibliche Heldin Nanette betrachtet. Im Hinblick auf die Besonderheit in diesem von einer Frau verfassen Romans einen männlichen Protagonisten vorzufinden, wird in einem darauffolgenden Schritt Alberts Wahrnehmung von Nanette begutachtet. Zu diesem Zweck wird auch die Beziehung der beiden genauer beleuchtet. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob die beiden Protagonisten dem klassischen Rollenkonzept eines Liebespaares um 1800 entsprechen oder ob die Gestaltung der weiblichen Figur, eine andere Gestaltung des Mannes fordert.

Im dritten Abschnitt wird Caroline von Wolzogen „Agnes von Lilien“ und dessen weibliche Figuren betrachtet. Dabei soll im ersten Abschnitt die Protagonistin des Werkes im Hinblick auf ihre Erziehung und ihr Verhalten begutachtet werden. In dem darauffolgenden Punkt werden dann die Prinzessin und die Gräfin genauer analysiert, um ihren Kontrast zu Agnes herauszuarbeiten und es wird versucht zu klären, warum diese beiden Frauen im Gegensatz zu Agnes scheitern.

Danach werden die weiblichen Protagonistinnen von Sophie Mereau und Caroline von Wolzogen gegenübergestellt und deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet und im Hinblick auf das gängige Rollenkonzept um 1800 analysiert. Im Schluss werden dann alle Punkte nochmals zusammengeführt.

1. Theoretische Rollenbilder um 1800

Um 1800, während der Aufklärung, wurden Kinder erstmals nicht mehr als erwachsene Menschen angesehen. Es entstand das Bewusstsein für eine Erziehung, die den Menschen in die richtige Richtung leiten sollte. Insbesondere Jean-Jacques Rousseaus Werk „Emile oder Über die Erziehung“ prägte die Erziehung von Kindern maßgeblich.

Rousseaus Beispielmensch Emile sollte dabei als ein Ideal gelten, an dessen sich Eltern orientieren konnten. Seine Pädagogik orientiert sich dabei an der Natur des Menschen und kritisiert die Vernunfterziehung.

Sein Erziehungskonzept, das sich an der Natur des Menschen orientiert, gilt nicht gänzlich für die Frauen seiner Zeit. Anstatt Emile, soll in einem Kapitel seine konzipierte Sophie die Erziehung für Mädchen präsentieren.

Obwohl Rousseau feststellt, dass Frauen und Männer die gleichen Fähigkeiten und Bedürfnisse haben, spricht er nicht beiden das gleiche Recht zu.

Eine vollkommene Frau und ein vollkommener Mann dürfen sich im Geist ebenso wenig gleichen wie im Antlitz, und in der Vollkommenheit gibt es kein Mehr oder Weniger. In der Vereinigung der Geschlechter trägt jedes zum gemeinsamen Ziel bei, aber nicht auf die gleiche Weise. Aus dieser Verschiedenheit entsteht der erste benennbare Unterschied in ihren gegenseitigen geistigen Beziehungen. Das eine muß aktiv und stark, das andere passiv und schwach sein – notwendigerweise muß das eine wollen und können, und es genügt, wenn das andere nur schwachen Widerstand zeigt.[1]

Aus diesem Standpunkt heraus, dass sich Frau und Mann unterscheiden müssen, bestimmt Rousseau, dass die Frau den passiven Part übernehmen muss. In ihrer passiven Situation soll die Frau lediglich dem Mann gefallen und sich diesem unterwerfen.

Die Frau soll den Mann nicht herausfordern, sondern ihn sogar durch ihre Reize „zwingen, seine eigene Kraft zu entdecken und zu gebrauchen.“[2] Damit gesteht Rousseau den Frauen zu in einer Liebesehe zu kokettieren, da dieses Verhalten in ihrer Natur liegt. Die Koketterie der Gesellschaftsdamen hingegen lehnt er ab, da es nur dazu dient, sich die Verehrung mehrerer Liebhaber zu sichern.[3] Eine direkte Initiative war trotz der bevorzugte Liebesehe für Frauen jedoch ausgeschlossen und „ein zu hohes Maß der Ablehnung von Werbung minderte ihre Heiratschancen unerträglich.“[4]

Ist Rousseaus erster Teil seines pädagogischen Werkes gänzlich auf die Erziehung des Mannes gerichtet und wie er sein sollte, richtet sich die Erziehung von jungen Mädchen nach dem erzogenen Mann, um eine passende Frau für Rousseaus Männerideal heranzubilden.

Sie sollte „gefallen, nützlich sein, sich lieben und achten lassen, sorgen, beraten, trösten“[5] und dem Mann ein „angenehmes Dasein bereiten.“[6]

Im Gegensatz zum Mann muss die Frau nicht nur rechtschaffend sein, sondern diese Rechtschaffenheit auch nach außen tragen, um ein positives Bild in der Gesellschaft zu hinterlassen. War das Urteil der Gesellschaft bezüglich des Mannes eher redundant, musste die Frau von der Gesellschaft akzeptiert werden, damit sie nicht in Verruf geriet und im schlimmsten Fall ein negatives Bild auf ihren Gatten wirft.[7]

Während der Jahre als Mädchen soll sie zu einer Frau mit entsprechenden weiblichen Fähigkeiten herangezogen werden. Sie sollte so weit gebildet werden, dass sie später eine gute Mutter ergibt, um heranwachsende Männer zu erziehen.

„Die praktische Arbeit an einem Gegenstand ist immer wichtiger als Lesen und Schreiben.“[8] Damit blieb der Frau eine wissenschaftliche oder forschende Zuwendung verwehrt. Rousseau sieht weibliche Gelehrsamkeit als eine Verleugnung der Natur an. Einer gelehrten Frau wurde sogar sehr schnell nachgesagt, sie wäre eitel und gefallsüchtig und Schriftsteller neigten dazu, solch einen Charakter in ihren literarischen Werken möglichst hässlich bis männlich zu gestalten.[9]

Obwohl Rousseau für eine harmonische Beziehung die Unterwerfung der Frau durch den Mann forderte, gestand er dem weiblichen Geschlecht eine indirekte Form der Macht zu. Durch die natürliche Waffe der List konnte die Frau sowohl Kinder als auch Mann in Zaum halten. Ein Gleichgewicht entstand dadurch jedoch nicht. „Der Mann wird mehr als autonomes, der Frau unbedürftiges Wesen gesehen, die Frau dagegen sei, um existieren zu können, in jedem Falle auf den Mann angewiesen.“[10]

Damit lassen sich folgende Punkte festhalten, die als Vergleich für die Figuren dienen sollen:

1. Die Erziehung der Frau beschränkt sich auf Fähigkeiten, die sie als Gattin, Hausfrau und Mutter braucht. Es findet keine Förderung von wissenschaftlichen und forschenden Tätigkeiten statt.

2. Frauen sind passiv. Sie ändern somit nie aktiv etwas an ihrem Schicksal. Des Weiteren handeln Männer rational und Frauen emotional.

3. Der Mann ist für das Erwerbsleben und die Frau für das Familienleben zuständig. Die Erfüllung der Frau soll somit in der Rolle der Gattin, Hausfrau und Mutter liegen. Die Ergreifung eines Berufes war nicht vorgesehen.

4. Frauen sind darauf geprägt zu gefallen. Somit ist es wichtiger, wie sie etwas tun, als was sie eigentlich tun. Dies betrifft ihre Handlungen, Gespräche und ihre äußerliche Erscheinung.

2. Das Blütenalter der Empfindung

Das Blütenalter der Empfindung von Sophie Mereau wurde von ihr anonym 1794 beim Justus Perthes Verlag in Gotha veröffentlicht. Bei dem Roman handelt es sich im Gegensatz zu den meisten anderen Frauenromanen der Zeit nicht um einen Briefroman und lässt sich auf keine Vorbilder abstützen.[11] Die Geschichte wird von dem männlichen Protagonisten Albert präsentiert, der von seinem Vater auf eine Bildungsreise geschickt wird. Sein Weg führt ihn nach Italien, Paris und wieder zurück in die Heimat in die Schweiz. Bei allen drei Stationen trifft Albert immer wieder zufällig auf Nanette, die sich zu seinem Frauenideal entwickelt.

2.1 Nanette – Sophie Mereaus Protagonistin

Nanettes Erziehung findet sich im Gegensatz zu vielen anderen Romanen um 1800 nicht am Anfang der Geschichte, sondern wird erst nachdem der Charakter bereits vorgestellt wurde in wenigen Worten zusammengefasst. Ihre Eltern starben früh und sie geriet unter die Vormundschaft ihres älteren Stiefbruders. Dieser überließ der Tante, die Erziehung von Nanette und Nanettes Bruder Lorenzo.

Nanettes Tante richtet sich bei ihrer Erziehung ganz nach Rousseaus Vorstellung einer Naturerziehung. So heißt es:

Die Natur, glaubte sie, sey immer gut. Nur daß Beispiel und Menschen nichts an den zarten Herzen verdürben, dafür sorgte sie. Wenn sie das Böse verhinderte, glaube sie alles gethan zu haben, das Gute, meinte sie, käme von selbst. Sie lehrte ihnen Begriffe, nicht Worte, entwikkelte ihr Gefühl für Recht und Unrecht, und suchte nur das auszubilden was sie in ihnen fand; anbilden wollte sie ihnen nichts[12]

Dabei wird nicht explizit erwähnt, ob die Tante sowie Rousseau einen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Natur gemacht hat. Daher kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob Nanette gezielt zu der Rolle der Gattin, Hausfrau oder Mutter erzogen wurde.

Albert beschreibt Nanette frei von „allem erkünstelten Wissen“(BM 26) und schreibt ihr einen „natürlichen Scharfsinn“ (BM 26) zu. Diese natürliche Gabe Menschen instinktiv einzuschätzen und zu beurteilen sagt Rousseau den Frauen als natürliche Eigenschaft nach.[13]

Nanette wird von ihrem älteren Stiefbruder nach Genua gerufen. Dort will er sie, wie bereits ihren Bruder, zu einem klösterlichen Leben überzeugen um sich an ihrem Vermögen zu bereichern. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Lorenzo bringt sie ihrem Stiefbruder jedoch „kalte, unwiderlegbare Gründe“(BM 31) entgegen und bot ihm „sanfte, vernünftige, nur für ihn nicht ausführbare Rathschläge“ (BM 31) für seine Lage an. Die gewählten Adjektive sprechen alle für einen rationalen Charakter. Ein weiterer Hinweis für ihre Rationalität findet sich bei dem zweiten Versuch ihres Stiefbruders sich an ihr zu bereichern. Er bemüht sich darum ihr das Leben als Gesellschafterin des Kardinals schmackhaft zu machen. Nanettes verneinende Antwort war „bestimmt, durchdacht, und alle Hoffnung auf immer ausschließend.“(BM 32)

Die Weigerung Nanettes wird damit begründet, dass sie die „gleiche Rechte mit dem Manne, den sie lieben wollte“(BM 32) haben will und sich nicht in der „traurigen Nothwendigkeit versetzt haben würde, entweder beherrscht zu seyn, oder durch Kunstgriffe zu herrschen“ (BM 32) sehen will. Damit lehnt Nanette die Verteilung der Rollen ab, so wie Rousseau diese in seinem Erziehungsbuch konzipierte. Sie will nicht durch List oder einer anderen indirekten Machtausübung den Mann führen, noch sich diesem unterwerfen. Gleichzeitig möchte sie den Mann an ihrer Seite selber wählen, was dem Konzept der Liebesehe entsprechen würde.

Dabei scheint Nanette jedoch nicht selber aktiv zu werden. Liebesbekundungen kommen alleine von Albert. Jegliche Liebesbekundung vonseiten Nanettes sind reine Interpretationen von Albert. „Dann setzte sie sich still an meine Seite, süße Schwärmerey in ihrem Blikke, und mir war es vergönnt dies gefühlvolle Schweigen zu deuten.“(BM 28) Neben den passiven Liebesbekundungen Nanettes, die ihr von Albert zugeschrieben werden, findet sich die aktive Metapher: „Sie selbst faßte das Ruder […]“ (BM 28) Dies spricht dafür, dass Nanette sich nicht gänzlich der Passivität hingibt, die den Frauen zu der Zeit zugeschrieben wurde. Ebenfalls ist Nanette nicht unbedingt emotional. Wurde bereits durch ihre Gespräche mit ihrem Stiefbruder deutlich, dass sie rational argumentieren kann, zeigt sich auch in emotionalen Momenten, dass sie eher vernünftig handelt. Zwar finden sich Tränen der Rührung in ihren Augen als Albert ihr den Vorschlag unterbreitet mit ihr nach Amerika zu gehen (vgl. BM 47), doch verkraftet sie den Tod ihres Bruders besser als Albert. „Mit den Waffen der Vernunft hatte sie mit ihrem Schmerz gerungen, und ihn nicht verdrängt, aber gebändigt.“(BM 46) Der rationale Charakter Nanettes wird hier nochmals deutlich unterstrichen.

[...]


[1] Rousseau, Jean-Jacques: Emile oder Über die Erziehung. Stuttgart: Reclam 2009. S. 721.

[2] Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. S. 721.

[3] Vgl. Grenz, Dagmar: Mädchenliteratur. Von der moralisch-belehrenden Schriften im 18. Jahrhundert bis zur Herausbildung der Backfischliteratur im 19. Jahrhundert. Stuttgart: Metzler 1981. S. 22-24.

[4] Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866: Bürgerwelt und starker Staat. 2. Auflage. München : Beck 1984. S. 119.

[5] Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. S. 733.

[6] Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. S. 733.

[7] Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. S. 733.

[8] Meise, Helga: Die Unschuld und die Schrift. Deutsche Frauenromane im 18 Jahrhundert. Frankfurt am Main: Helmer 1992. S. 36.

[9] Vgl. Weckel, Ulrike: Der Fieberfrost der Freiherrn zur Polemik gegen weibliche Gelehrsamkeit und ihre Folgen für die Gesellschaft der Geschlechter. In: Geschichte der Mädchen und Frauenbildung vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Hrsg. von Elke Kleinau. Frankfurt am Main: Campus-Verlag 1996. S. 360 – 363.

[10] Grenz, Dagmar: Mädchenliteratur. S. 23.

[11] Vgl. Gersdorff, Dagmar von: Dich zu lieben kann ich nicht verlernen: Das Leben der Sophie Brentano-Mereau. Frankfurt am Main: Insel-Verlag 2006. S. 47.

[12] Mereau, Sophie: Das Blüthenalter der Empfindung. Berlin: Hofenberg Sonderausgabe 2015. S. 29.

Im Folgenden wird das Werk mit BM abgekürzt.

[13] vgl. Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. S. 770 -771.

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668434103
ISBN (Buch)
9783668434110
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358385
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,3
Schlagworte
konstruktion schriftstellerinnen nanette agnes Agnes von Lilien Sophie Mereau Caroline von Wolzogen

Autor

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