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"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!" Möglichkeiten und Gefahren durch den Einsatz von Bildern im Geschichtsunterricht

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Geschichte - Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wissenschaftlicher Teil
2.1 Forschungsansätze
2.2 Gefahren durch den Einsatz von Bildern
2.3 Möglichkeiten durch den Einsatz von Bildern

3 Praxisbezogenes Beispiel

4 Fazit

5 Bildquellen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Bedeutung und der Einfluss von Bildern wird durch den bekannten Satz „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ deutlich.1Von den Höhlenmalereien in Lascaux, über die Mosaiken der Antike und die kunstvoll gemalten Portraits des Mittelalters, bis hin zu den modernen Fotografien und Filmen hat der Mensch stets die Bedeutung und Kraft von Bildern erkannt. Offensichtlich hatten Bilder schon immer einen besonderen Einfluss uns und wurden genutzt, um die Interessen und Ansichten der Menschen zu verdeutlichen und zu verewigen.

Auch heutzutage werden wir täglich mit einer Vielzahl von Bildeindrücken konfrontiert, sei es durch Zeitungen, Werbung, Wahlplakate oder das allabendliche Fernsehen. Hinzu kommen „soziale Medien“ wie Facebook oder Twitter, welche auch von jungen Menschen genutzt werden. Hier werden aktuelle Interessen oder Ereignisse öffentlich publiziert. Nicht selten wird solch eine Publikation mit einem Bild von sich selbst oder anderen begleitet. Die heutigen Schülerinnen und Schüler (aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden „Schüler“ verwendet) können also bereits eigenständig Bilder veröffentlichen. Das nötige Rüstzeug, ein Bild kritisch und gewinnbringend zu analysieren und ein Verständnis für die mit Bildern verbundenen Gefahren zu entwickeln, fehlt jedoch den meisten von ihnen. Genau an dieser Stelle ist der Geschichtsunterricht gefordert. Schülern muss beigebracht werden, Bilder und die Absichten des Erstellers kritisch zu hinterfragen und ihre individuelle Bedeutung zu analysieren. Nur so können sie zu mündigen Bürgern unserer Gesellschaft erzogen werden, die sich nicht von Bildern manipulieren lassen.

Dieses Rüstzeug kann aber nur von Lehrkräften vermittelt werden, die den Umgang und die Interpretation von Bildern beherrschen und im Unterricht korrekt anzuwenden wissen. Bisher werden Bilder im Geschichtsunterricht und in den Lehrbüchern zumeist nur zur Illustration genutzt.2Die Gefahren, die mit einem leichtfertigen oder gar falschen Einsatz von Bildern im Unterricht einhergehen, sind vielen Lehrern nicht bewusst.3In dieser Hausarbeit werden daher zuerst der aktuelle Forschungsstand und die bisherige Nutzung von Bildern im Geschichtsunterricht dargelegt und darauf folgend die Vor- und Nachteile dieses Einsatzes diskutiert. Im Anschluss wird ein Praxisbeispiel zeigen, wie

Lehrende Bilder im Geschichtsunterricht anwenden können. Am Ende wird ein Fazit aus den Forschungsansätzen als auch aus den Vor- und Nachteilen des Einsatzes von Bildern im Geschichtsunterricht gezogen.

2 Wissenschaftlicher Teil 2.1 Forschungsansätze

Schon 1658 veröfFentlichte Johann Arnos Comenius das Werk „Orbis sensualium pictus“.4Mit diesem erfolgreichen Bilderbuch zur Unterstützung des Sprachunterrichts zeigte er, dass Schüler visuelle Eindrücke leichter verarbeiten und erinnern können als auswendig gelernte Fakten. Welche Absichten Comenius mit dieser neuartigen Lehrmethode verfolgte, wird in seiner Vorrede deutlich.

„..., wird dienen, wie ich hoffe: Erstlich, die Gemüter herbeyzulocken, daß sie ihnen in der Schul, kein Marter, sondern eitel Wollust, einbilden. Dann bekand ist, daß die Knaben (stracks von ihrer Jugend an) sich an Gemälden belustigen, und die Augen gerne an solchen Schauwercken weiden. [...] ..., zu erwecken, den Sachen anzuhäfften, und immer jemehr und mehr auszuschärpffen, die Aufmerksamkeit: [...] Daraus wird der dritte Nutz erfolgen, daß nemlich die Knaben hieher gelockt, und zur Aufmerksamkeit angebracht, ...“5

Er wollte demzufolge mit Bildern das Interesse der Schüler wecken, ihre Aufmerksamkeit stärken, sowie Themen konkreter und lebendiger gestalten. Comenius‘ fachdidaktischen Ansätze haben noch heute Bestand.6Der Geschichtsdidaktiker Michael Sauer ist der Auffassung, dass Bilder die Weltanschauung der Schüler intensiv und nachhaltig prägen.7Edda Grafe und Carsten Hinrichs glauben, dass Bilder unser Vorstellungsvermögen und die Veranschaulichung der Historie verbessern.8

Trotz des erfolgreichen Buches von Comenius wurden Bilder in Lehrbüchern erst zum Ende des 19. Jahrhunderts populär. Dies lag vor allem an neuen technischen

Errungenschaften, wie der Photographie und den verbesserten Kopiertechniken sowie der aufkommenden Berücksichtigung des Lernverhaltens von Kindern.9Wie der französische Historiker Jacques Le Goff zusammenfasste, gibt es seit den 1990er Jahren Ansätze, welche die Forschung und Lehre der Geschichte auf alle zur Verfügung stehenden Quellen ausweiten wollen. Dadurch sollen noch umfassendere Erkenntnisse über das Leben der Menschen in der Vergangenheit erlangt werden.10

Mit dem Aufstieg des Internets und der damit verbundenen Zunahme von Bildern, haben viele Forscher und Didaktiker die Notwendigkeit einer neuen Forschungsausrichtung erkannt. Von verschiedenen Fachbereichen wurde ein Paradigmenwechsel angestrebt, der die visuelle Bearbeitung von Quellen berücksichtigt. William J.T. Mitchell, ein Anglist, forderte eine „Wende zum Bild“, während der Kunsthistoriker Gottfried Boehm eine „Ikonische Wende“ anstrebte.11

Mitchell war der Auffassung, dass es nicht ausreichen würde, sich nur mit den einschlägigen Kunstwerken zu beschäftigen. Er wollte mit seiner „Wende zum Bild“ eine „breite, interdisziplinäre Kritik, die auch parallele Anstrengungen in anderen Bereichen berücksichtigt“.12Nach seiner Theorie sollten auch künstlerisch unbedeutende, aber für das gesellschaftliche Leben wertvolle Bilder in die Kritik einbezogen werden. Auch sollten sich beispielweise die Bereiche Geschichtswissenschaften und Kunstwissenschaften gegenseitig unterstützen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Er begründet seine Forderungen mit der Tatsache, dass die moderne Gesellschaft nunmehr vollständig von Bildern beherrscht werde.13

Boehm hingegen setze mit der „Ikonischen Wende“ auf die Fokussierung der kanonisierten Kunstwerke, also auf jene, die als besonders bedeutsam anerkannt werden.14Hierbei sollte der Schwerpunkt der Interpretation auf den ästhetischen und nicht auf den historischen Merkmalen liegen. Für ihn war es von größerem Interesse, auf welche Art und mit welchem Talent ein Bild entstanden ist. Christoph Hamann kritisierte hierbei, dass ein großer Teil des gesellschaftlichen und historischen Kontextes vernachlässigt werde.15So wäre für Boehm ein Bild, welches den Alltag einfacher Menschen in der Industriellen Revolution zeigt nur dann von Interesse, wenn es künstlerisch wertvoll gemalt wurde.

Wäre es ungeschickt oder unästhetisch gestaltet, würde er dieses Bild für unwichtig befinden. Auf diese Weise würde allerdings eine historische Quelle, die gesellschaftliche Inhalte vermitteln könnte, vernachlässigt. Und es sind gerade diese Inhalte, die den Geschichtsunterricht und das Geschichtsbewusstsein von Schülern fördern und bereichern.

Der Ansatz von Mitchell erscheint daher gewinnbringender für die Geschichtsdidaktik zu sein als jener von Boehm, da er auch Bilder, die das gesellschaftliche Leben betreffen berücksichtigt ,obwohl sie keine herausragende Ästhetik ausweisen. Solche Bilder würden bei Boehm wegfallen. Auch beschränkt Boehm sich auf die künstlerische Interpretation. Dieser Ansatz allein kann daher nicht ausreichen, um einen gewinnbringenden Geschichtsunterricht zu gestalten. Es sind vielmehr die historischen und gesellschaftlichen als die künstlerischen Merkmale, die ein Bild für die Geschichtsdidaktik interessant machen. Für einen Historiker ist es von geringer Bedeutung wie begabt ein Künstler bei der Erstellung eines Werkes vorging. Deutlich relevanter ist, was er erschaffen hat und welche Botschaft er dem Betrachter damit vermitteln wollte.

Es lässt sich also ein neues Bewusstsein im Umgang mit visuellen Quellen in den historischen und anderen Wissenschaften festhalten. Über die Beantwortung der Frage, welche Bilder unter welchen Gesichtspunkten betrachtet und analysiert werden sollen, herrscht allerdings noch keine Einigkeit. Auch kann aus eigener Erfahrung geschlussfolgert werden, dass die Interpretation von Bildquellen in Universitäten noch nicht den gleichen Stellenwert wie schriftliche Quellen innehaben. Bisher wird der korrekte Umgang mit Bildquellen und ihre Bearbeitung zum Einsatz in Unterrichtseinheiten kaum gelehrt.

2.2 Gefahren durch den Einsatz von Bildern

Der schweizerische Schriftsteller Elias Canetti sagte,

„Der Wegzur Wirklichkeit gehtüberBilder. “

Dies erscheint zuerst einmal nachvollziehbar, wenn davon auszugehen ist, dass Bilder die Realität abbilden. Diese Annahme stimmt so aber leider nicht.

Es ist anzuerkennen, dass ein Bild niemals eine objektive Abbildung der Wirklichkeit darstellen kann.16Im Gegenteil ist das Bild eine subjektive Momentaufnahme einer ganz bestimmten Situation zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Es ist uns also nicht möglich anhand eines einzigen Bildes historische Verläufe herzuleiten. So gesehen sind Bilder sogar „unhistorisch“, da sie weder ein „Vorher“ noch ein „Nachher“ abbilden können.17

Auch sind sowohl Motiv als auch Perspektive abhängig von den Beweggründen des Bilderstellers.18Diese Tatsache zu ignorieren ist eine Gefahr beim Umgang mit Bildern im Geschichtsunterricht. Dies zeigt sich sehr anschaulich an den zwei beigefügten Gemälden, die „Kaiserproklamation“, des Anton von Werner.19Dieser Künstler sollte den Moment, in dem sich 1871 der preußische König Wilhelm I. zum Kaiser des Deutschen Reiches ausrufen ließ, durch ein möglichst realgetreues Gemälde festhalten. In der Folge wurde vom Kaiser allerdings ein neues Gemälde über dieselbe Situation in Auftrag gegeben.20Von Werner veränderte, nach den Wünschen des Kaisers, Kleidung und Position der beteiligten Personen, zum Beispiel Otto von Bismarcks, sowie die Perspektive des Betrachters und schuf so ein vollkommen neues Werk mit einer neuen Botschaft.21Es reicht also nicht aus nur das Bild als solches zu analysieren und zu ermitteln welche möglichen Interpretationsansätze es gibt, auch die Bedingungen, unter denen es entstanden ist, müssen genau überprüft werden. Da zumeist nur die zweite Version in Geschichtslehrbüchem abgedruckt wird, laufen Schüler Gefahr ein manipuliertes Bild als die historische Realität zu akzeptieren.22Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch verfälschende oder fehlende Anmerkungen. So wird in keinem der genannten Lehrbücher auf eine zweite Bildversion hingewiesen. Im Gegenteil wird der Eindruck der Echtheit dadurch verstärkt, dass von Werner als Augenzeuge genannt wird.23Die Tatsache, dass die zumeist abgedruckte Version des Bildes nicht den historischen Begebenheiten entspricht, sollte den Schülern aber nicht vorenthalten werden. Auch kann ein Bildersteller, wie hier Anton von Werner, Aspekte des Geschehenen reduzieren oder ergänzen. Eine solche Manipulation ist teilweise nur schwer erkennbar, sollte aber - soweit sie bekannt ist - den Schülern aufgezeigt werden.

Eine weitere Gefahr bei der Arbeit mit Bildern ist die Möglichkeit, dass durch mangelnde Angabe der editorischen Kriterien ein verfälschter Eindruck entsteht. Editorische Kriterien sind unter anderem der Titel des Werkes, Entstehungszeit und -ort und Material.24Bei dem angehängten Bild eines Arbeitersportler-Bundesfestes von 1922 wird dieses Phänomen besonders deutlich. Ohne zusätzliche Informationen würde es den Betrachter wahrscheinlich an einen Aufmarsch des Nazi-Regimes erinnern.25Ebenfalls ist in vielen Lehrbüchern die zweite Version der „Kaiserproklamation“ ohne zusätzliche Hintergrundinformationen abgebildet und damit irreführend.26Solche Beispiele bieten sich besonders gut an, um Schülern einen vorsichtigeren Umgang mit Bildern und ihrer Bewertung zu vermitteln.

Beim Einsatz von Bildquellen im Unterricht ist es also besonders wichtig, dass den Schülern alle bekannten Informationen über das Bild zur Verfügung gestellt werden. Auch müssen sie geschult werden, diese Informationen auf ihren historischen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Zum Beispiel, ob die angewendete Bildtechnik zum Erstellungszeitpunkt bereits zur Verfügung stand. Ebenso müssen sie vor der Bearbeitung intensiv mit der Gefahr von Fälschungen und den verschiedenen Perspektiven vertraut gemacht werden.

Hans-Jürgen Pandel, Historiker und Geschichtsdidaktiker, konstatierte nach der PISA­Studie von 2003, dass Schüler mit verschiedenen Bildgattungen konfrontiert werden. An dieser Stelle wird auf eine Analyse einzelner Bildarten, wie Personen-, Ereignis- oder Stadtbilder, aus Gründen der Informationsfülle verzichtet.27

Zum einen müssen Schüler sich mit der Historiographie auseinandersetzen, welche einen Authentizitätsanspruch besitzt. Und zum anderen müssen sie sich mit fiktionaler Geschichte (Romanen) und kontrafaktischer Geschichte (Legenden und Mythen) auseinandersetzen.28Durch fiktionale und kontrafaktische Geschichten kann ein falscher oder bewusst manipulierter Eindruck von der Vergangenheit entstehen. Zum Beispiel werden durch fehlerhafte historische Bilderbücher falsche Vorstellungen ganzer Epochen vermittelt. Sei es Robin Hood, der gegen die Unterdrückung der armen Bauern kämpfte oder das Märchen von Rapunzel. Kindern wird vermittelt, dass Prinzessinnen von Hexen in Türme eingesperrt wurden und ein strahlender Ritter zu ihrer Rettung herbeieilen musste.

[...]


1Erdmann: Bilder, S. 7.

2Wunderer: Geschichtsunterricht, S. 58.

3Sauer: Bilder, S. 7.

4Bergmann; Schneider: Bild, S. 212.

5Ebd., S. 212.

6Vgl.: Wunderer: Geschichtsunterricht, S. 56 f.; Sauer,: Bilder, S. 7.

7Sauer: Bilder, S. 7.

8Grafe; Hinrichs: Quellen, S.97.

9Keyser: Geschichtsquelle, S. 7 ff.; Bergmann; Schneider: Medien, S.213 ff.

10Le Goff: Rückeroberung, S. 50.

11Hamann: History, S. 14 f.

12Ebd., S. 15.

13Ebd., S. 15.

14Ebd., S. 15.

15Ebd., S. 16.

16Grafe; Hinrichs: Quellen, S. 97.

17Hamann: History, S. 56; Wunderer: Geschichtsunterricht, S. 60.

18Grafe; Hinrichs: Quellen, S. 95.

19Vgl. Bilder I. und II. auf S. 15 aus: Schmidt: Historienmalerei, S.64 f.

20Sauer: Bilder,S. 118 ff.

21Schmidt: Historienmalerei, S. 61 ff.

22Vgl: Bax; Bratschke; u.a.: Trio, S. 148; Vom Bruch: Geschichte, S. 192.

23Vom Bruch: Geschichte, S. 192.

24Grafe; Hinrichs: Visuelle Quellen, S. 95.

25Vgl. Bild III. auf S. 16 aus: Peiffer: Arbeitertumer, S. 132.

26Vgl. Fiederle; Christmann: Von, S. 172.

27Sauer: Bilder, S. 47 ff.

28Pandel: Geschichtsunterricht, S. 12.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668434707
ISBN (Buch)
9783668434714
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358222
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Fachdidaktik Geschichtsunterricht Bilder Unterricht

Autor

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