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Organisationale Pfadabhängigkeit. Lerneffekte zwischen Individuum und Organisation

Bachelorarbeit 2013 34 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Organisationale Pfadabhängigkeit
2.1 Stand der Forschung zur Pfadabhängigkeit
2.2 Positive Rückkopplungen als Ursache für Pfadabhängigkeit bei Institutionen
2.2.1 Koordinationseffekte
2.2.2 Komplementäreffekte
2.2.3 Investitionseffekte
2.2.4 Machteffekte
2.2.5 Lerneffekte

3 Organisationale Lerntheorie
3.1 Individuelles Lernen
3.1.1 Konstruktivistische Lerntheorie
3.1.2 Kognitivistische Lerntheorie
3.1.3 Behavioristische Lerntheorie
3.1.4 Theorie des sozialen Lernens
3.2 Organisationales Lernen
3.2.1 Implizites und explizites Wissen
3.2.2 Lerntypen

4 Die Gefahr pfadabhängiger Prozesse im organisationalen Lernprozess
4.1 Das 4I-Rahmenmodell
4.1.1 Intuition
4.1.2 Interpretation
4.1.3 Integration
4.1.4 Institutionalisierung
4.1.5 Bewertung des 4I-Rahmenmodells
4.2 Lernbarrieren und dessen Einfluss auf die Entstehung pfadabhängiger Lernprozesse .
4.2.1 Persönliche Barrieren
4.2.2 Organisationsstrukturelle Barrieren
4.2.3 Barrieren der gesellschaftlichen Umwelt

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Vor dem Hintergrund einer globalisierten Gesellschaft und steigender Wettbewerbsintensität ruht der Erfolg eines Unternehmens häufig auf dessen Innovationsfähigkeit. Um in diesem dynamischem Umfeld erfolgreich agieren zu können, muss das Unternehmen in der Lage sein, sich schnell an Veränderungen anpassen zu können. Die Innovationsfähigkeit von Un- ternehmen kann jedoch von Mechanismen gestört werden, die Veränderungen in Organisatio- nen verhindern.

Inhalt der Arbeit ist die Analyse von Veränderungsresistenzen, die in Organisationen in vielfacher Weise auftreten können. Die Theorie der organisationalen Pfadabhängigkeit un- tersucht diese Mechanismen. Zu ihnen zählen Koordinationseffekte, Komplementäreffekte, Investitionseffekte, Machteffekte sowie Lerneffekte. Sie geben Aufschluss darüber, wie Ver- änderungsresistenzen in Organisationen entstehen. Vor allem Lerneffekte treten nicht nur bei einem Individuum sondern auch innerhalb eines Kollektivs (Organisation) auf, weshalb sie in dieser Arbeit differenzierter untersucht werden. An dieser Stelle werden die Theorien des or- ganisationalen Lernens herangezogen, um Lerneffekte bei Organisationen zu identifizieren. Diese stützen sich insbesondere auf die Arbeiten von March und Olsen sowie Argyris und Schön.

Ziel dieser Arbeit ist, den organisationalen Lernprozess zu analysieren, um die Ursachen für die Entstehung von Lerneffekten besser zu verstehen. Hier wurde festgestellt, dass die Ursachen auf unflexible, kognitive Strukturen und mentale Modelle zurückzuführen sind. Insbesondere folgende Fragestellungen werden beantwortet: Wie entwickeln sich mentale Modelle auf individueller Ebene? Wie werden individuelle mentale Modelle zu organisationalen mentalen Modellen (und umgekehrt)?

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Drei-Phasen-Modell

Abbildung 2: Simple Model of Individual Learning

Abbildung 3: Modell des organisationalen Lernens

Abbildung 4: 4I-Rahmenmodell

1 Einleitung

Getreu dem Sprichwort „Lernen ist wie das Schwimmen gegen den Strom. Sobald man auf- hört, treibt man wieder zurück“ wollen wir uns mit den negativen Folgen von Lernversagen im organisationalen Kontext auseinander setzen. Im Fokus steht hierbei folgende Fragestel- lung: An welchen Stellen können Lernstörungen in Organisationen zu Tage treten und welche Folgen hat es, wenn Organisationen nicht lernfähig sind? In diesem Zusammenhang betrach- ten wir insbesondere den gegenseitigen Einfluss- und Austauschprozess zwischen Individuum und Organisation. Im Vordergrund der Arbeit steht somit die Analyse der Entstehung von möglichen Lerneffekten, jedoch nicht die Beschreibung spezieller Vermeidungsmöglichkeiten von Lerneffekten oder Instrumente zur Lernförderung. Der Vorteil stetigen Lernens besteht in der Verbesserung der Anpassungs- und Innovationsfähigkeit von Individuen und Organisatio- nen, was die Grundlage des Erfolgs und Basis für Überlebenschancen ist.

Daher werfen wir zu Beginn dieser Arbeit die Aufmerksamkeit auf die Theorie der organisationalen Pfadabhängigkeit, die sich mit dem Aspekt der Veränderungsresistenz als solche beschäftigt. Hierbei wollen wir vor allem auf die Eigenschaften und die Ursachen eines pfadabhängigen Prozesses eingehen. Dabei legen wir unser Hauptaugenmerk auf die Lernef- fekte, die die Entwicklung von Veränderungsresistenzen auf der Grundlage von vergangenen Lernprozessen erklären. Die Ursachen solcher Lerneffekte basieren auf der Entstehung menta- len Modelle zur Strukturierung des Umfeldes, welche jedes Individuum mit sich trägt. Nach- folgend ziehen wir die Theorie des organisationalen Lernens hinzu, da diese aufschlussreiche Erkenntnisse über Lernprozesse in Organisationen liefert. Eine Organisation als solche ist jedoch nicht als Lebewesen zu verstehen, welches wie ein menschliches Individuum mit ei- nem Geist ausgestattet ist. Vielmehr werden weitere basale Lerntheorien heran gezogen, die das Lernen in einem sozialen Kontext beschreiben. Anhand der daraus gezogenen Erkenntnis- se, werden wir uns zum Schluss dieser Arbeit mit dem von Crossan et. al. entwickelten 4I- Rahmenmodell auseinandersetzen. Das 4I-Rahmenmodell beschreibt die Implementierung von individuellem Wissen in die organisationalen Wissensbestände, die allen Organisations- mitgliedern zugänglich sind. Deshalb eignet sich dieses Modell gut, um mögliche Entste- hungsräume von Lerneffekte zu identifizieren. Ergänzend behandeln wir verschiedene Lern- barrieren, die personeller, organisationstruktureller und umweltbezogener Natur sind. Lern- barrieren sind auschlaggebend, wenn es um die Entwicklung von starren mentalen Modellen geht, die Lerneffekte hervorrufen und so das „Schwimmen gegen den Strom“ verhindert

2 Organisationale Pfadabhängigkeit

Zu Beginn dieser Arbeit werden die Theorie der organisationalen Pfadabhängigkeit beschrie- ben und die charakteristischen Eigenschaften dieses Phänomens erläutert. Das Konzept der Pfadabhängigkeit basiert auf den Arbeiten von Paul David (1985) und W. B. Arthur (1989, 1994).

2.1 Stand der Forschung zur Pfadabhängigkeit

Das Phänomen der Pfadabhängigkeit wird als Erklärungsansatz für etwaige Veränderungsre- sistenzen, die in Unternehmen auftauchen können, verwendet (Schreyögg, Sydow, & Koch 2003, S. 271). Diese Veränderungsresistenzen treten dann auf, wenn sich in Organisationen Gleichgewichte einpendeln, an denen Orientierungsmuster des Handelns entstehen, die durch die Mitglieder einer Organisation repliziert werden und sich im Verlauf verfestigen (Schreyögg, Koch, 2010, S. 370). Diese Beharrungswirkung birgt jedoch Konfliktpotenzial, das darin besteht, dass Organisationen zum einen solche Orientierungsmuster in Form von Strukturen benötigen, um Effizienzen zu sichern. Zum anderen können solche Muster sogar Gegenteiliges bewirken, sobald Rahmenbedingungen entstehen, die Weiterentwicklungen erfordern (Schäcke, 2006, S. 153f).An dieser Stelle ist die Pfadabhängigkeitstheorie in der Lage eine Antwort auf die Ursachen und der Entstehung solcher Beharrungszustände zu lie- fern. Um diesen Gedanken nachzuvollziehen, beginnen wir mit den Eigenschaften, die nach David (1986) die Pfadabhängigkeit ausmachen. Zunächst sei hierzu die Eigenschaft der „In- flexibilität“ zu erwähnen. Diese Eigenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sich während eines Prozesses ein Gleichgewicht herausgebildet hat, das von allein nur schwer rückgängig gemacht werden kann und deshalb inflexibel ist (Ackermann, 2001, S. 20). Als nächstes ist die Eigenschaft der „Nichtvorhersagbarkeit“ zu nennen. Diese besagt, dass sich der Weg eines Prozesses nicht im Vorfeld vorhersagen lässt und sich an sogenannter Bifurkationspunkte historische Ereignisse abspielen, die den zukünftigen Weg eines Prozesses maßgebend beein- flussen und festlegen können (Ackermann, 2001, S. 19). Neben den beiden bisher genannten charakterisierenden Eigenschaften der Pfadabhängigkeit ist die „potenzielle Ineffizienz“ noch hinzuzufügen. Diese Eigenschaft widerspricht der neoklassischen Vorstellung, dass sich durch Marktmechanismen stets ein optimales Gleichgewicht herauskristallisiere (Schäcke, 2006, S. 30). Im Laufe eines pfadabhängigen Prozesseses können sich stattdessen suboptimale Ergebnisse einstellen und sozu einem ineffizienten „Lock-In“ führen (Arthur, 1994, S.14). Um diesen Begriffen mehr Essenz zu entlocken, soll ein kurzes aber häufig in der Pfadabhän- gigkeitstheorieverwendetes Beispiel herangeführt werden. Paul A. David beschrieb 1985 in „Clio and the Economics of QWERTY“, wie sich die QWERTY-Tastatur im Laufe der Zeit etablieren konnte und bis heute ihre weiteste Verwendung im englischen Sprachraum findet, obwohl dieser Erfolg zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung noch nicht vorhersehbar war. Auf- grund der weitgreifenden Verbreitung dieser Tastatur ist es nahezu unmöglich, diese im gan- zen Verwendungsbereich durch eine andere Tastatur zu ersetzen. Obwohl bereits in der An- fangszeit der QWERTY-Tastaturen andere Tastaturen entwickelt wurden, welche sich auf- grund der Tastenanordnung sogar als effizienter erwiesen, konnte die QWERTY-Tastatur nicht ersetzt werden. In diesem Zusammenhang lässt sich der Begriff der Nonergodizität ein- bauen, welche laut Arthur (1989) beschreibt, dass bei einem pfadabhängigen Prozess nicht nur ein spezifisches Ergebnis möglich ist, sondern sich sogar solche Ergebnisse etablieren können, die wirtschaftlich weniger effizient sind. Ein Grund für solche Ergebnisse sind Ent- scheidungen in der Vergangenheit, die eine solche Tragweite mit sich führten. In solchen Fällen spricht man von „History Matters“, denn „path dependence can mean simply that de- velopments in the past have an impact on what happens in the future” (Rast, 2012, S.8).

Bis zu dieser Stelle konnten wir nun erläutern, wodurch sich die Pfadabhängigkeit kennzeichnen lässt, allerdings fehlt bis zu dieser Stelle die Antwort darauf, wodurch Pfadabhängigkeit entsteht. Ursachen für die Pfadabhängigkeit finden wir in den selbstverstärkenden Mechanismen, die während eines Prozesses auftreten können. Was sind diese selbstverstärkenden Mechanismen und wie wird deren Einfluss sichtbar? Auf die letzte Frage lässt sich die Antwort mit dem Drei-Phasen-Modell von Sydow, Schreyögg und Koch (2009) finden, der den Verlauf eines pfadabhängigen Prozesses veranschaulichen soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Drei-Phasen-Modell

Sydow, Schreyögg & Koch, 2009, S. 692

Das Modell unterteilt die Pfadabhängigkeit in drei aufeinander folgende Phasen. In der ersten Phase, die auch Präformationsphase genannt wird, steht der Organisation noch ein wei- tes Spektrum an Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Der weitere Verlauf wird bereits maßgebend von den Geschehnissen beeinflusst, die sich bei einer Organisation intern und/ oderextern abspielen. Beim Übergang zu Phase II, die „critical juncture“ genannt wird, kommt es zu einem zufälligen Ereignis, welches durch selbstverstärkende Mechanismen, den positiven Rückkopplungen, verstärkt wird und bereits beharrende Kräfte freisetzt. Die Phase II ist gekennzeichnet durch eine Einschränkung von Handlungsalternativen, die bereits einen gewissen Pfad erahnen lassen, der allerdings noch nicht eindeutig vorhergesehen werden kann. Es sind die positiven Rückkopplungseffekte, die in dieser Phase einen Pfad verstärken und herausbilden (Schäcke, 2006, S. 30). Allerdings ist in dieser Phase noch nicht von Pfadabhängigkeit die Rede, da hier noch unterschiedliche Entscheidungen möglich sind. Die- se positiven Rückkopplungseffekte sind final auch die Auslöser für das Lock-In, das auch den Eintritt zur Phase III markiert und den Beginn der Pfadabhängigkeit darstellt. Ab diesem Zeitpunkt besteht kein Handlungsspielraum mehr, in dem die Organisation verschiedene Ent- scheidungen treffen kann. Dieser irreversible Zustand birgt, wie oben bereits erwähnt, Ineffi- zienzen für die Organisation. Nachdem nun der Weg zu Pfadabhängigkeit veranschaulicht wurde und die Ursachen für diese Entwicklung in Form der positiven Rückkopplungseffekte benannt wurden, sollen diese im folgenden Unterkapitel eingehender beschrieben werden.

2.2 Positive Rückkopplungen als Ursache für Pfadabhängigkeit bei Institutionen

Die positiven Rückkopplungen werden in zwei Bereiche unterteilt. Auf der einen Seite exis- tieren positiven Rückkopplungen der technologischen Pfadforschung und auf der anderen Seite die der institutionellen Pfadforschung (Schäcke, 2006, S. 26). Zwischen diesen beiden Formen der Pfadabhängigkeit bestehen Überschneidungen im Bereich der positiven Rück- kopplungen, allerdings finden sich auch Unterschiede. Daher wollen wir uns in diesem Kapi- tel auf einen dieser beiden Bereiche beschränken. Da es sich bei dieser Arbeit um eine Arbeit handelt, die sich mit dem Verhalten in Organisationen auseinander setzt, wollen wir uns im weiteren Verlauf mit der institutionellen Sicht auf die Pfadforschung und deren positiver Ef- fekte befassen. Zu Beginn klären wir auf, wieso diese selbstverstärkenden Mechanismen „po- sitive Rückkopplungen“ genannt werden. Die Selbstverstärkung findet dadurch statt, dass „die Zunahme (Abnahme) einer bestimmten Variable zu einer weiteren Zunahme (Abnahme)dieser Variable [bewirkt]“ (Ackermann, 2001, S.16). Ein häufig verwendetes, aber eindringendes Beispiel für dieses Phänomen liefert das Urnenmodell von Arthur, Emoliov und Kaniovsky (1994). In diesem Beispiel werden zwei Kugeln mit jeweils verschiedenen Farben in eine Ur- ne gelegt. Die Wahrscheinlichkeit, eine Kugel mit einer dieser beiden Farben zu ziehen, be- trägt somit 0,5. Nach jedem Zug wird die gezogene Kugel selbst wieder zurück in die Urne gelegt und außerdem eine weitere Kugel derselben Farbe. Nach dem ersten Zug betragen die Wahrscheinlichkeiten 0,66 für das Ziehen der Kugel der ersten Farbe und 0,33 für die andere. Dies wird solange wiederholt, bis die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Kugel zu ziehen, absolut ist und die Wahrscheinlichkeit, die andere Kugel zu ziehen, gegen Null strebt. Allge- mein gilt, dass durch positive Rückkopplungen Handlungsmuster entstehen, die sich gegen- über anderen Handlungsmustern behaupten. Den Gegensatz zu den positiven Rückkopplun- gen liefern sinngemäß die negativen Rückkopplungen, die sich dadurch auszeichnen, dass nur ein klares Ergebnis vorliegt, das „unabhängig von dem Pfad ist“ (Ackermann, 2001, S.10). Diese Eigenschaft wird Ergodizität genannt und stellt das Gegenstück der Nonergodizität dar. Die Ergodizität wird dadurch hervor gebracht, dass bei den negativen Rückkopplungen selbstkorrigierende Mechanismen greifen, die „das System nach einer Störung automatisch zu seinen einen stabilen Gleichgewicht [zurück bringen]“ (Schäcke, 2006, S. 36). In diesem Kontext wird der Marktmechanismus in der Neoklassik als selbstkorrigierendes System mit negativen Rückkopplungen als Beispiel angeführt (Arthur et al., 1994, S.1).

Die positiven Rückkopplungen führen dazu, dass Handlungen von den Mitgliedern ei- ner Institution reproduziert werden, was dazu führt, dass sich Widerstände gegen Verände- rungen in Institutionen auftun. Über die Anzahl dieser positiven Rückkopplungen in Instituti- onen haben sich in der Vergangenheit einige Meinungsunterschiede gebildet. So beschreibt Arthur (1989) lediglich vier dieser Rückkopplungsmechanismen, die in Lock-Ins führen kön- nen. Andere, wie North (1990), gehen wiederum nur von drei selbstverstärkenden Mechanis- men aus, die institutionelle Pfadabhängigkeit entstehen lassen: „(1) Die Bildung wechselseitig kompatibler Erwartungen, die individuelles Handeln koordinieren helfen; (2) den Umstand, dass organisationsinterne Informationskanäle eine Art dauerhaftes Kapital darstellen; und (3) die Interdependenz und Komplementarität von Institutionen“ (Ackermann, 2001, S. 94). Da- mit können wir also die Koordinationseffekte, die Lerneffekte und die Komplementäreffekte aufzählen. Arthur (1989) zählte hingegen als positive Rückkopplungen die Setup-Kosten, die adaptiven Erwartungen, die Koordinationseffekte und die für diese Arbeit so wichtigen Lern- effekte auf. Durch die Überführung in andere Forschungsfelder, wie den Politikwissenschaf- ten, konnte dieses Spektrum auf fünf Mechanismen erweitert werden (Pierson, 2000, S.257). Zusammenfassend wurden folgende fünf Mechanismen identifiziert: Macheffekte, Investiti- onseffekte, Komplementäreffekte, Koordinationseffekte und Lerneffekte. Diesen fünf wollen wir uns annehmen, zum einen der Vollständigkeit halber, zum anderen aber auch, um die wesentlichen Unterschiede zu den Lerneffekten deutlich zu machen.

2.2.1 Koordinationseffekte.

Die Koordinationseffekte entstehen innerhalb einer Institution, wenn Normen und Regeln aufgestellt werden, die dazu führen, dass „konfliktlose Koordination des Handelns zu Stande [kommt]“ (Schäcke, 2006, S.207). Die Einhaltung solcher Normen und Regeln sorgen dafür, dass das Individuum einen Nutzen erfährt, dadurch, dass es selbst und andere Individuen die- selben Normen und Regeln befolgen. Hierbei spielt es in erster Linie keine wesentliche Rolle ob es sich dabei um formelle oder informelle Normen und Regeln handeln, da beide Varian- ten persistente Strukturen erzeugen können, die zur Pfadabhängigkeit führen (Schäcke, 2006, S.209). Von wesentlicher Bedeutung ist der Verbreitungsgrad der Normen und Regeln und den damit verbundenen Verhaltenserwartungen gegenüber anderer Organisationsmitglieder (Stock, 2004, S.788). Ein Beispiel hierfür sind Handyverträge innerhalb eines Freundeskrei- ses. Je höher die Anzahl an Freunden, die dasselbe Netz nutzen, desto höher ist der Nutzen für den Einzelnen, dasselbe Netz zu nutzen, weil die Anzahl der Personen größer ist, mit denen er kostengünstig telefonieren kann. Sobald einer aus der Gruppe einen anderen Netzanbieter bevorzugt, entstehen ihm und den anderen Gruppenmitgliedern unnötige Kosten (North, 1995, S.22). Aufgrund von solchen Nachteilen, beziehungsweise Vorteilen, für die Grup- pemitglieder, entstehen Beharrungskräfte, die Veränderungen blockieren (Miller, 1993, S.122). Je größer der Vorteil bei Einhaltung einer Norm und der damit einhergehende Verlust bei Änderung der Normen und Regeln, desto wahrscheinlicher mündet der Zustand im repro- duzierendem Verhalten und damit in der Pfadabhängigkeit.

2.2.2 Komplementäreffekte.

Im nächsten Unterpunkt der positiven Rückkopplungsmechanismen befassen wird uns mit den Komplementäreffekten. Abstrahiert betrachtet, beschreiben diese das Zusammenspiel von Systemen oder Teile eines Systems, die sich komplementär zueinander verhalten und so höhe- ren Nutzen erzeugen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn zwei oder mehr Regeln oder Normen kompatibel sind und eine positive Wirkung erzeugen, wenn dieses in Kombination befolgt wird (Schäcke, 2006, S. 61). Die Selbstverstärkung durch diesen Mechanismus erfolgt durch das opportunistische Verhalten der Organisationsmitglieder, deren Interesse geweckt wird, wenn eine Regel in Kombination mit einer anderen einen höheren Nutzen abwirft.

2.2.3 Investitionseffekte.

Die Investitionseffekte treten auf, wenn sich aus dem Investitionsverhalten einer Institution Reproduktionsmechanismen entwickeln. Ursachen sind Sunk-Costs, die solche Reprodukti- onsmechanismen generieren (Schreyögg, Sydow & Koch, 2003, S. 270). Unter Sunk-Cost versteht man Kosten, die durch Investitionsprojekte entstehen, die nicht mehr zu der ur- sprünglichen Investitionssumme weiterverkauft werden können. Dies kann sowohl bei imma- teriellen, als auch bei materiellen Ressourcen vorkommen (Schäcke, 2006, S. 221f). Auf Or- ganisationsebene treten Sunk-Cost durch Neuordnungen von Organisationseinheiten auf. Die damit verbundenen Kosten für Schulungen und Einrichtungen neuer Geschäftsprozesse, füh- ren dazu, dass an solchen Neuordnungen festgehalten wird, selbst wenn diese sich als ineffi- zient erweisen (Schäcke, 2006, S. 221). Der Entscheidungsspielraum für zukünftige Investiti- onen wird somit eingeschränkt, was dazu führt, dass eine Organisation in die Abhängigkeit eines Pfades fällt.

2.2.4 Machteffekte.

Machteffekte beschreiben in der politischen und ökonomischen institutionellen Pfadabhän- gigkeitsforschung den Umstand, indem durch asymmetrische Machtverteilung selbstverstär- kende Effekte auftauchen können. Macht induziert positive Rückkopplungen, wenn Akteure in der Lage sind, Machtpotenziale auszuschöpfen, die auf unauffällige, subtile, informelle und nicht legitimierten Autoritäten zurück zu führen sind (Schreyögg, 2003, S. 434f). Zu diesem Phänomen hat sich der Begriff der Mikropolitik etabliert(Neuberger, 1995, S. 18). Charakte- ristisch für mikropolitische Prozesse ist, dass Beweggründe einer Handlung unbemerkt blei- ben, indem diese hinter allgemein akzeptierten Zielen und Werten verborgen bleiben und so- mit für das Management nur problematisch zu erkennen sind(Neuberger, 1995, S. 14). Akteu- re, die sich durch bestimmte Regelungen oder Strukturen in günstigen Position befinden, könnten ihre Machtposition ausnutzen, um entsprechende Regelungen zu festigen, um deren Macht zu sichern oder zu erweitern. Solches Verhalten mündet dann in reproduzierenden Me- chanismen, die einen entsprechenden Pfad einleiten, der in einer Lock-In-Situation enden kann(Ackermann, 2001, S. 247).

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Details

Seiten
34
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668430129
ISBN (Buch)
9783668430136
Dateigröße
767 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358062
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1.7
Schlagworte
organisationale pfadabhängigkeit lerneffekte individuum organisation Macht Widerstände Financial Service Engineering

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Titel: Organisationale Pfadabhängigkeit. Lerneffekte zwischen Individuum und Organisation